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V Vale - Modern Primitives: An Investigation of Contemporary Adornment & Ritual
Buchinformation
Vale, V - Modern Primitives: An Investigation of Contemporary Adornment & Ritual bestellen
Vale, V:
Modern Primitives: An
Investigation of
Contemporary Adornment &
Ritual

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(Bücher frei Haus)

Ein Bild, das sich untilgbar in mein Gedächntnis schon seit mehr als zwanzig Jahren eingeprägt hat, zeigt diese Publikation Nummer 12 der Research Reihe, die 2009 ihr zwanzigstes Jubiläum mit einer Sonderausgabe in Hardcover feierte: einen in der Mitte gespaltenen Penis, dessen zwei Enden (Eicheln) mit einem Piercing versehen sind und mit Ketten zu den ebenfalls gepiercten Brustwarzen des Eigners führen. Wenn man das Bild nicht kennt, wird man das, was davon erzählt wird, kaum glauben können und auch jetzt nach erneutem Betrachten erscheint es mir genauso unglaublich wie beim ersten Mal. Ist so etwas denn überhaupt möglich? Kann so ein Mann überhaupt überleben?

Untersuchungen der zeitgenössischen Ornamante und Rituale
„My decision to surgically remodel my genitals was deliberate, of deep satisfaction to me. Highly exciting, sexually adventurous, and erotically exhilarating. Full errections are still maintained as previously, but now in two complete seperate halves“, beschreibt die „Versuchsperson“ ihre Erfahrungen. „The erotic zones of my penis are still the same, with orgasms and ejaculations functioning perfectly. Entry into the vagina requires a little extra effort for ion, but once my penis is inside, its opened effect on the vagina’s inner lining is more pronounced giving better, female orgasmic feelings“, so Carl Carroll über seinen Selbstversuch. Natürlich wird er es nicht allein für die Verbesserung der weiblichen Orgasmen gemacht haben, eher schon als Hommage an die australischen Ureinwohner, die diese Praktik des split penis bei Eidechsen beobachtet hatten. Solange er nicht abfällt, ist ja noch einiges andere drinnen, mag der unbeteiligte Beobachter dazu lakonisch vermerken und sich wohl ebenso überrascht wie geschockt den anderen Abbildungen in diesem Buch der „Untersuchungen der zeitgenössischen Ornamante und Rituale“ (Untertitel) Wie sagte Adolf Loos schon so schön: Das Ornament ist das Verbrechen.

Tatoo You
Neben dem Schmücken durch Piercings widmet sich die vorliegende Publikation natürlich auch der bekanntesten körperlichen Ornamentalistik, dem Tätowieren. Das traditionelle „Tatauieren“ stammt eigentlich aus Polynesien und wird auch „Beiteltechnik“ genannt. Ein Helfer strafft die Haut, während der Tätowierer die Farbe mit einer Art Kamm aus Knochen hineinreibt. Der Malet, ein Schlagstock, hilft bei der doch eher schmerzvollen Prozedur, aber die Ergebnisse können sich dann doch durchaus sehen lassen. Das moderne Tätowieren geht dann durchaus zärtlicher mit der Haut des zu tätowierenden um. Samuel O`Reilly erfand 1891 die elektrische Tätowiermaschine, die er sogar zum Patent angemeldet hatte. Zwei Spulen erzeugen ein Magnetfeld, wodurch sich die Nadeln am Kopf schnell auf und ab bewegen. Ihre Geschwindigkeit variiert zwischen 800 und 7500 Bewegungen pro Minute, je nach Technik.

The Last Frontier: the human body
„Modern Primitives“, das von V. Vale und Andrea Juno verfasst wurde und erstmals 1989 publiziert wurde, ist mit Sicherheit eines der verblüffendsten und erstaunlichsten Bücher, das je gedruckt wurde. Das Buch besteht aus zweiundzwanzig Interviews und zwei Essays mit Schlüsselfiguren und Experten der „body modification“-Szene der späten 1980er. „Modern Primitives“ war überhaupt eine der ersten Publikationen, die sich dem Wiederaufleben der verschiedensten Praktiken des tattooing, piercing, scarification, corsetry, sideshow und ritual behavior in der westlichen Gesellschaft widmete. Es kann ohne weiteres als anthropologische Untersuchung der zeitgenössischen Gesellschaft und soziales Enigma betrachtet werden, das das „increasingly popular revival of ancient human decoration practices such as symbolic/deeply personal tattooing, multiple piercings, and ritual scarification“ unter einem objektiven, dokumentarischen Blickwinkel betrachtet. Wie die Herausgeber schreiben, seien "`primitive´ actions which rupture conventional confines of behavior and aesthetics objectively scrutinized“. Nachdem die globalen Grenzen ohnehin bald restlos in sich zusammenbrechen würden, sprenge diese Publikation auch die letzte Bastion des Territoriums der noch unterentwickelten Quellen von erster Hand-Erfahrung: the human body, der menschlich Körper als „last frontier“.

Die Grenzen von Vernunft und Logik
Den Leser und verblüfften Betrachter erwartet eine Art Ethnographie der modernen Industriegesellschaft, die vor allem Menschen poträtiert, die ihren Körper als letzte Waffe gegen das einsetzen, was gemeinhin Massenproduktion oder standardisierender Konsumkapitalismus genannt wird. „Through 'primitive' modifications, they are taking possession of the only thing that any of us will ever really own: our bodies", schreibt die Whole Earth Review. Was hier gerne als Diversität gefeierte wird, bedeutet vor allem auch neue Wege für kulturelle, ästhetische und politische Transgression zu wagen und in diesem Wagnis liegt dann vielleicht auch bereits das Ziel. Oder wie es Fakir Musafar in seinem Interview beschreibt: „Right then I had an incurable desire to make marks on and put holes in my body.“ Als sein Vater ihn nämlich auf eine carnival freak show mitnahm, habe er, der sich immer als Misfit gefühlt habe, endlich eine Art Zugehörigkeit gefühlt. Seine Praktiken solle man aber keinesfalls mit S/M verwechseln, denn ihm gehe es nicht um so banale Dinge wie Orgasmen, sondern um die Sprengung der Grenzen von Vernunft und Logik.

Der Tunnel in die Freiheit
Die Herausgeber betonen, dass auch dann, wenn es sich um teilweise blutige Praktiken handle, die Sehnsucht der modern primitives-Aktivitäten doch in der Sehnsucht vom Traum einer idealen Gesellschaft bestünden („the desire for, and the dream of, a more ideal society“) Und weiter: „They see such practices as attempts to achieve wholeness. All sensual experience functions to free us from 'normal' social restraints, to awaken our deadened bodies to life. All such activity points toward a goal: the creation of the 'complete' or 'integrated' man and woman, and in this we are yet prisoners digging an imaginary tunnel to freedom." Weitere Interviews mit Tattoo Mike, ManWoman, Don Ed Hardy, Captain Don, Jane Handel, Anton LaVey, Leo Zulueta, Raelyn Gallina, Bill Salmon, Sheree Rose, Lyle Tuttle, Vaughn Vyvyn Lazonga, Monte Cazazza, Dan Thome, Hanky Panky, Charlie Cartwright, Greg Kulz, Heather McDonald, Jim Ward, Genesis & Paula P-Orridge. Die beiden angesprochenen Essays stammen von David Levi Strauss und Wes Christensen. Andere Publikationen aus der REsearch-Reihe beschäftigen sich u.a. mit „Modern Pagans“, WS Burroughs, Henry Rollins, Incredibly Strange Music u.v.a.m. http://www.researchpubs.com

RE/Search #12:

Modern Primitives. Tatoos. Piercing. Scarification.

An Investigatin in Contemporary Adornment & Ritual.

8 1/2" x 11"

212 pages, 279 photos and illustrations. English.

http://www.researchpubs.com

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2013-04-27)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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