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Fred Wander - Der siebente Brunnen
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Wander, Fred:
Der siebente Brunnen

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(Bücher frei Haus)

Fred Wander ließen die Geschichten seiner Häftlingskameraden, die in den Vernichtungslagern der Hitlerdiktatur ums Leben kamen und keine Möglichkeit mehr hatten, diese in die Freiheit hinauszutragen, nicht mehr los. So erweckte der Autor nach Jahrzehnten (Anfang der 70er Jahre) einige dieser Menschen in seinem Schlüsselroman "Der siebente Brunnen" buchstäblich wieder zum Leben. In zwölf Episoden gibt er einigen wenigen der unzähligen Namenlosen eindrucksvoll ihren Namen zurück. Die Aufseher dagegen bleiben bis auf eine Ausnahme gesichtslos, werden lediglich als "Stiefelträger" benannt. Angelegt sind besagte Episoden wie einzelne Erzählungen, mit Untertiteln wie: Brot; Vom Geruch der alten Städte; Woran erinnert dich Wald? oder Gesichter, die jeweils auf einen Schwerpunkt hindeuten. Jede Episode gebührt einem anderen Protagonisten, der am Ende seiner Geschichte auf tragische Weise aus dem Leben scheidet oder sich aus den Augen des Erzählers verliert. Ein romanartiger Faden zieht sich dennoch durch das Buch, wenn auch ein dünner, bestehend aus der Thematik, den Handlungsorten und dem Autor selbst, als Mithäftling. Sich und seine eigenen Leiden stellt er jedoch hinten an. Wozu sich direkt einbeziehen. Die Erfahrungen seiner Kameraden drücken alles aus.

Kontrastiert werden die Lagererfahrungen durch Vorkriegserinnerungen der Protagonisten. In Bruchstücken wird verdeutlicht, wie brutal Menschen aus einem mehr oder weniger erfüllten Leben herausgerissen wurden. Menschen, die an das Gute glaubten und nun resignieren. Menschen, die sich ein Leben lang gegen Ungerechtigkeit auflehnten und sich unter den undenkbarsten Verhältnissen weiterhin selbstlos für andere aufopfern. Menschen, die nie richtig zu sich selbst fanden und im Lager plötzlich genau das tun. Menschen jeglicher Nationalität, jeglicher Religion und vor allem jeglichen Charakters.

"Ich habe Rabbi Löw gelesen ... weißt du, wer das ist?
Nein.
Er sagt: Der König und der Bettler sind einander wert. Wenn der König stirbt, sagt er zu dem Bettler: Gib mir ein Jahr deines Lebens, und ich schenke dir mein Reich!
Der Franzose lacht. Tadeusz setzt fort: Und in einem anderen der Bücher kannst du lesen: Der Stein lebt ewig, er sonnt sich, badet in kristallnem Wasser, alle Herrlichkeit auf Erden ist für immer sein. Weiß er es? Er weiß nicht. Der Mensch aber weiß und bezahlt mit seinem Leben!
Der andere lacht. Warum lachst du? fragt Tadeusz Moll.
Ich bin kein Bücherleser, sagt Nicolas. Nimm mir die Fesseln, und ich beiße dem Posten dort die Kehle durch. Darum binden sie mich an. Ich wehre mich. Aber du armer Dulder ...
Tadeusz staunt. Es ist gut, dass es dich gibt, denkt Tadeusz Moll. Es ist gut, dass viele denken wie du und sich wehren." (aus Kapitel 10 - Woran erinnert dich Wald?)


Der Erzähler bewegt sich mit einer gewissen Distanz durch diesen Roman, wie eine Kamera, die ohne falsche Scham alles um sich herum wahrnimmt und aufzeichnet. Bis auf wenige Ausnahmen, in denen er als Protagonist aus seinem Schattendasein hervortritt, bleibt er das Auge des Lesers. Der Leser wird auf diese Weise schonungslos und mitreißend einbezogen, gar hineingesogen in die Szenen. Ständig erwischt man sich fassungslos kopfschüttelnd angesichts so viel Unmenschlichkeit und Sinnlosigkeit.

"Das ist die Hölle [...] Crawinkel hieß der Flecken nahe dem Lager. (Hat Goethe diesen idyllischen Krähwinkel denn nirgends erwähnt?) Das Lager besaß nicht jene praktische Erfindung, Gaskammer genannt. Unter den hohen Fichten verglühten Leichen auf riesigen Scheiterhaufen. Giftige Rauchschwaden krochen träge über die Wurzeln der Bäume und deckten das Gewirr nackter Leiber wie mit Wattebauschen zu. Vor dem Ausgang des Lagers, wo sich die Häftlinge sammelten, eingeteilt, gezählt wurden, spielte eine Kapelle berüchtigte Schnulzen: O DONNA KLARA oder WIENER BLUT." (aus Kapitel 10 - Woran erinnert dich Wald?)

Dies alles, man mag es kaum glauben, spitzt sich auch noch zu, da der Roman die Zeit der letzten Kriegsmonate beschreibt, in denen die Befreiungsfronten von allen Seiten unaufhaltsam näher rücken und die in Bedrängnis geratenen "Stiefelträger" mit immer paradoxeren Handlungsweisen noch irgendetwas zu vertuschen versuchen. Was denn nur, fragt man sich, was nur, angesichts so viel Offensichtlichkeit? Zunächst steht die russische Front vor Auschwitz, Hoffnung macht sich breit, doch wie Vieh werden die Häftlinge "evakuiert", Fred Wander und unzählige andere Gefangene, von denen nur die wenigsten lebend ankommen, nach Buchenwald. Dann läuft auch dort alles auf die Befreiung zu. Man möchte manchmal in die Episoden hineinschreien, um schlimmeres zu verhindern, so nah scheint das Geschehen, doch dann ist es auch schon wieder zu spät. Wieder ist ein Mensch unter den erbärmlichsten Umständen dahinvegetiert oder ermordet worden. So geht das Schlag auf Schlag, Seite für Seite, und es drängt sich einem ins Bewusstsein, was für ein Wunder das geradezu sein muss, wenn ein Mensch solch ein Martyrium überlebt hat.

"Dann dröhnte der Lautsprecher: Die Juden zum Tor. Alle Juden zum Tor! - Die Juden erhoben sich ohne Zögern. Ich beobachtete sie erstaunt: Jeder musste wissen, jeder, jeder musste es wissen - wer jetzt noch das Lager verließ, war verloren! Aber die Juden vom Appellplatz gingen zum Tor. Geschlossen und wie in Trance marschierten, krochen, schleppten sie sich zum Tor. [...] Ich habe es nie verstanden. War ich denn ein Verräter, weil ich liegen blieb, im Staub, als sich meine Kameraden erhoben? Ich sah damals, als sie zum Tor gingen, die Kameraden zum letzten Mal. [...] Kurz darauf rief man die Tschechen, die Polen, die Franzosen. Wer versuchte jetzt noch Ordnung in das Chaos zu bringen, ein Verrückter?" (aus Kapitel 12 - Joschko und seine Brüder)

Neben den inhaltlichen Aspekten sind die stilistischen Gründe für die Eingängigkeit dieses Romans vor allem in den ausdrucksstarken Fähigkeiten des Autors zu suchen, beispielsweise das furchtbarste Elend mit stimmungsgeladenen Landschaftsbildern zu verstärken oder zu kontrastieren. Beides kommt durchweg vor und verfehlt seine Wirkung nicht. Zudem beherrscht der Autor einen fließenden Schreibstil, treibt die Handlung voran, manchmal sogar so stark, dass man an unvorhersehbaren inhaltlichen Schnitten kurzzeitig die Orientierung verlieren kann. (Das scheint ein generelles Stilmerkmal von Fred Wander zu sein.)

Abschließend soll noch gesagt sein, dass wir, die wir in Friedenszeiten aufgewachsen sind, uns sicherlich nicht mehr direkt für die Vergangenheit verantwortlich fühlen müssen. Aber vergessen, was geschehen ist und zu welch grausamer Unmenschlichkeit Individuen unter bestimmten Umständen fähig sein können, dürfen wir zu keiner Zeit. Möge "Der siebente Brunnen" von Fred Wander fortwährend gegen das Vergessen ankämpfen und allen Nachkriegsgenerationen eine Mahnung sein. Niemals darf dieser Zeitzeugenroman von Fred Wander in der Versenkung verschwinden. Niemals!

[*] Diese Rezension schrieb: Alexander Czajka (2006-05-08)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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