Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
A.J. Weigoni - Schmauchspuren
Buchinformation
Weigoni, A.J. - Schmauchspuren bestellen
Weigoni, A.J.:
Schmauchspuren

Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)

Dostojewski behauptete, der Kummer schaffe die Poesie. Kunst ist die heilige Frucht des Leids. Dieses Leid zu ertragen, ist die Pflicht des Künstlers. Der Literaturbetrieb konfiguriert sich neu. Die Haltung von Literaturbürokraten vereint all jene Eigenschaften, die den Kulturbetrieb zur Folterkammer machen: Gefühlskälte, aufgesetzte Bedeutung, routiniertes Handwerk, gnadenlose Selbstbezüglichkeit. Es wird nichts erzählt, was man nicht schon lange und besser weiß und kennt. Es wird zu viel Vermeidungsfiktion geschrieben. Über die schmerzlichen Wunder unserer Existenz erfährt man bei Holger Benkel, Peter Meilchen, oder A.J. Weigoni ungleich mehr als beim Eintauchen in die mürbe Welt eines Wilhelm Genazino, Botho Strauss oder Martin Walser, von all den jungen bis mittelalten Autoren und Autorinnen ganz zu schweigen, deren Helden sämtlich Jonas oder Anna heißen und in Prenzlberger Cafés ihre Zeit absitzen. Das dieser Szene über den Berghain hinaus eine Bedeutung zugeschrieben wird, ist ein tragischer Fall von germanistischer Inkontinenz. Man muß abstrakt denken, um in die Seele hineinhorchen zu können.
Als Poet reflektiert A.J. Weigoni die Begrenztheit und Möglichkeiten des Individuums zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Dieser VerDichter versteht sich selbst als Instrument, als Medium, das widersprüchliche Stimmen sammelt und der Krise der Zivilisation Ausdruck verleiht. Lyrisch kreist sein Schreiben um den Schöpfungsvorgang einer rein immanenten Welt und zuweilen hat man den Eindruck als handele es ich bei diesen VerDichtungen um Mikro-Essays. Der neue Gedichtband von Weigoni ist ein Exerzitium der Atemgebung. Die Sprache der Musik wird eins mit der Musik seiner Sprache, in einem Nuancenreichtum und einer gesamtkunstwerklichen Breite, die keine Grenzen zu kennen scheint. Hier ein Flüstern, ein kaum vernehmbarer Seelenhauch, den Weigoni gleich noch einmal expressiv zurücknimmt. Dort wuchtige Ausbrüche, die sich steigern, bis in höchste Erregung und letzter Verzweiflung. Es geht um ein Freiwerden der Dinge durch die Worte und zugleich von den Worten.
Diese Poe¬sie ist kein Rest¬be¬stand aus im säkularen Verfall abge¬legten Sprachelementen, die Tendenz der Poeti¬sierung geht auf die Bildung neuer Deutigkeiten. Es geht um die Rückverwandlung des Wirklichen in den Horizont seiner Möglich¬keiten. Sprache gibt den Einsatz zu inten¬tionalen Akten; aber in der poeti¬schen Sprache liegen solche Ansätze gleich¬sam gebündelt und können daher nicht bestimmte Rich¬tungen des Nach¬vollzugs initi¬ieren, sondern schaffen nur eine bestimmte Sensi¬bilität. Wo das Wort als Anweisung auf eine An¬schau¬ung versagt, wo es auf mehr als einen Weg der Aus¬bildung einer zunächst vage an¬set¬zenden Vo¬rstellung schickt, wo es auf viele Wege weist, die eben deshalb doch nicht reell gegan¬gen werden können, lädt es sich auf mit der Ahnung dessen, was nicht voll¬streckt und zur Erfüllung gebracht werden kann, was aber gerade als solches, als Horizont unerfüllter Inten¬tionen, das erfah¬rende Sub¬jekt sich selbst gegenwärtig macht und es von der all¬täglichen Sprachsitua¬tion der objek¬tivierten und zu objekti¬vie¬renden Welt weg¬wendet auf seine eigene Omni¬potenz der Imagination.
In diesem Band verdichtet sich die Essenz eines turbulenten Denkens. Weigonis Poesie leidet nicht unter dieser Analyseschärfe, im Gegenteil. Dies hat der theoretisch bewandte Lyriker auch mit einem Essay untermauert. Wir sind auf dem nichthermeneutischen Feld; dort, wo Friedrich Kittler von sensibilité intellectuelle zu sprechen begann. Weigonis Gedichte betreiben Sprech- und Sprachspiele, die aus den Klangähnlichkeiten und Bedeutungsunterschieden Funken schlagen, Selbst- und Mitlaute fließen dabei in stetem Wort- und Klangwandel mit. Er dringt vor zum innersten Kern allen Sprachempfindens. Diese Gedichte imaginieren diesen Moment der innehaltenden Zeit als eine Erlösung, die nur um den Preis eines erfüllten, eines durchgestandenen Lebens zu haben ist.


»Schmauchspuren«, Gedichte von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2015 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover

[*] Diese Rezension schrieb: Matthias Hagedorn (2014-12-28)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von A.J. Weigoni ansehen

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ]

 



Aus unseren Buchrezensionen


Aufbau Literatur KalenderPolojachtof, Catrin:
Aufbau Literatur Kalender
Der Aufbau Literatur Kalender des Aufbau Verlages zeigt jede Woche des Jahres mit dem Gesicht und den Gedanken eines anderen Autoren und zudem die Geburts- und Feiertage der jeweiligen Woche. So stehen die 52 Wochen des Jahres im Zeichen einer bestimmten Autorin oder eines Autors und vielleicht auch eines bestimmten Mottos, das sich bis [...]

-> Rezension lesen


 Prinz Eisenherz Band 10. Murphy-Jahre 1989–1990Cullen Murphy, John:
Prinz Eisenherz Band 10. Murphy-Jahre 1989–1990
Die Einschaltung von zeichnerisch beeindruckenden Großillustrationen, rand-, bzw rahmenlose Bilder, um in die Saga eingelegte Erzählungen der Figuren und Rückblenden (flash backs) hervorzuheben, die nicht realisierte Handlungsalternativen oder antizipierte zukünftige Ereignisse anzeigen, und Verknüpfungen von erzählerischer [...]

-> Rezension lesen


Tarzan. Sonntagsseiten. 1939-40Hogarth, Burne:
Tarzan. Sonntagsseiten. 1939-40
„`Liebe mich, oder stirb!´, kreischte Kuleeah, die Amazone, und presste ihren Speer gegen Tarzans Brust.“ Vielleicht dachte der Texter da gar an „Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug.“, wie es in Richard Wagners Oper Parzival heißt? Aber kennt ein Dschungelmensch wie Tarzan überhaupt die menschlichste und [...]

-> Rezension lesen


 75 Years of Marvel ComicsThomas, Roy:
75 Years of Marvel Comics
Ein volle 7 Kilo schwerer Kult, der es tatsächlich in sich hat: was ursprünglich eigentlich nur bei Schulkindern für Abwechslung sorgen sollte, entwickelte sich alsbald in eine der wichtigsten Säulen der Unterhaltungsindustrie und rettete damit mehreren Generationen von Creative Artists und dem Kino das Überleben. Das Konzept von [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.027630 sek.