
|
Rezensionen


| |
A. J. Weigoni - Gedichte - HörBuch
Die Kunststiftung NRW fördert: »Gedichte«
A.J. Weigoni erlag der Faszination des Mediums Radio in
seinen Kindertagen, als der Rundfunk zu einem
Zauberinstrument des Wortes wurde, zur akustischen
Probebühne der Poesie, zum Atem der Vernunft. Er saß vor
einem Rundfunkempfänger mit „Tigerauge“ wie vor einer
Kultstätte und vergaß, als er vor dem Lautsprecher saß, die
Apparaturen und Stationen. Der Himmel war nicht nur der
Himmel der Erde, sondern auch das Firmament der Kunst.
Schriftsteller versuchen oft, aus den ersten Lebensjahren
eine Hölle zu machen und eine Kindheit zu konstruieren, die
zu ihrem Selbstbild paßt. Auch Rilkes Kindheit war längst
nicht so schlimm, wie der Mythos behauptet, den er später
schuf. Und doch ist es die Kindheit, die Weigonis
lebenslanges Aufbegehren gegen die Autoritäten eingepflanzt
hat, die Zeit, aus der sich sein Schreiben speist, wie aus
einer lebenslangen Trotzphase. Die Zeit ist zu kurz, um viel
an Biographischem aufzuarbeiten. Außerdem besteht das Leben
eines Schriftstellers aus dem, was er schreibt. Als er sich
dem Schreiben widmete, ahnte Weigoni nicht, welche Zähigkeit
er würde aufbringen müssen, um den Glauben an sich nicht zu
verlieren. Jahrelang kamen seine Manuskripte regelmäßig
zurück, er aber schrieb unverdrossen weiter, schrieb
Gedichte, Hörspiele und Prosatexte. Seine Arbeiten gelten
als ‚schwierig’, als anspielungsreich und subtil, nicht eben
Eigenschaften, die im verflachenden Literaturbetrieb
angesagt sind. Er ist immer die langen Wege gegangen, seine
kritische Stoßrichtung braucht einen etwas entfernteren
Standpunkt, um ihre Wirkung voll zu entfalten. Weigoni hat
seinen Beruf in jahrzehntelanger Anstrengung erlernt, was
ihm gelungen ist und was mißglückt, das weiß er besser als
beamtete Besserwisser. Dieses System kann ohne seine
Reservate ästhetischer Zähigkeit, Widerständigkeit und
Wachheit nicht überleben. Seine geistige Heimat ist dort, wo
das denkerische Wort poetisch durchtränkt ist und das
poetische Wort durchdacht ist. Wenn den Figuren-Texten der
Antike noch mystische Motive unterstellt werden können, ist
für die meisten Texte des Barock wahrscheinlich der
menschliche Spieltrieb verantwortlich, selbst die so
genannten ‚konkreten’ und ‚visuellen’ Poesien erschließen
sich so am ehesten. Seitdem ist eine Generation vergangen,
doch wer könnte behaupten, die Mehrzahl der Vertreter
deutscher Hochsprache seien weniger ehrenwert,
bürgerlich-bieder, angepaßt und grundsolide? Nach den
abseitigen Ausnahmegestalten muß man lange suchen, sie
werden entweder vom Markt aufgesogen oder verschwinden
lautlos in den Ritzen der Ewigkeit, die das Vergessen meint.
A.J. Weigoni gehört zu den meistunterschätzten Lyrikern,
sein Schaffen erzeugt eine Poesie, die von der Rezeption das
Äußerste an Selbstpreisgabe verlangt. Oft wird im
Literaturbetrieb übersehen, daß gerade aus solcher
Herausforderung die Subjektivität des– oder derjenigen, der
oder die sich auf diese Kunstwerke eingelassen hat, sich auf
Dauer verändert – die Wahrnehmungsfähigkeit, die Weltsicht,
das Zulassen von Gefühlen. Weigoni sieht sein Schaffen immer
in gesellschaftlichen Zusammenhängen, denkt nach über die
kulturellen Aufladungen beziehungsweise Vorwegbestimmungen
des lyrischen Materials – Tonalität, Körperlichkeit,
Struktur und Aura.
„Wenn es Videoclips gibt, muß auch die Literatur auf die
veränderten medialen Verhältnisse reagieren“, proklamierte
Weigoni Anfang der 1990er Jahre. Was er damit neu
definierte, war der Punkt der Inspiration, der notwendig
war, wenn man Literatur machen will. Vor dem Geschriebenen
kommt bei allen Menschen das Gesprochene, das mündlich
Erzählte. So besitzt jeder, der die alte Kulturtechnik des
Lesens erlernt hat, Vorerfahrungen, die das spätere, in der
Regel stille Lesen dann gewissermaßen grundieren. Hieran
können Hörbücher bereichernd anknüpfen. Als er versuchte mit
seiner ersten CD (beim Punklabel Constrictor) einen Markt
für Hörbücher zu erschließen, hat man ihn für verrückt
erklärt. Als Tom Täger die erste LP mit Helge Schneider
(Seine größten Erfolge) produzierte, hat man ihn für
verrückt erklärt. Wahrend der Buchmarkt stagniert, generiert
das Marktsegment "Hörbuch" im Literaturbetrieb
seit Jahren zweistellige Wachstumsraten. Als Medienautor ist
Weigoni ein Denkspieler, den die technischen Entwicklungen
der Medien faszinieren, weil sie schier unendliche
Möglichkeiten der Neuordnung von Formen und Zeichen
eröffnen. Auf die Anforderungen der Neuen Medien reagiert er
als experimentierender Analytiker und analytischer
Experimentierer. Das Spielen ist ihm der Königsweg zum
Verständnis der Neuen Medien. Computer, Studios und Software
sind keine Werk–, sondern Spielzeuge, wobei die
traditionellen Medien als Navigationshilfen dienen.
A.J. Weigoni ist ein Poet, der seinen melancholischen
Optimismus stets in einer traumhaften Leichtigkeit genießt.
Er ist einer der letzten Romantiker, der um die
Unmöglichkeit seines Ideals weiß und immer dann, wenn er
sich dessen bewußt wird, die Leere der Welt entdeckt. Sein
Anliegen ist die Verteidigung des Individuellen und
Schwachen gegen die Herrschaft der Apparate, den Übermut der
Ämter, gegen die Macht der Mächtigen. Weigoni vertraut auf
die Macht des Textes und der Literatur, auf die Kraft von
Intelligenz und Bildung. Er ist überzeugt, daß der Text den
Weg zur Welt weisen wird, er schieben die Sprache dabei wie
eine Wand zwischen sich und die Welt, was ihn von ihren
Pop–Textern unterscheidet, die die Sprache nutzten, um die
Welt zu umarmen, wenn nicht zu erobern. Als Seismograf der
Gesellschaft will Weigoni mit der Poesie Spielräume
eröffnen, Zwänge abbauen, Normen in Frage stellen,
Hierarchien auflösen. Seine Poetik der Fremdheit arbeiten
mit einer Vergegenwärtigung, die kein Erbarmen kennt, diese
Poesie vollstreckt eine so unerbittliche wie befreiende
Logik der Form. Der dichterische Duktus entzieht sich allen
klassischen Vorbildern. Grammatische und syntaktische
Konventionen werden gebrochen; kurze, stakkatohafte Zeilen
stehen nicht selten neben prosaisch ausholenden Versen. Wer
Weigonis Lachen aushält, wird auch seine Nähe nicht missen
wollen.
Auf der CD 1 des Hörbuchs »Gedichte« ist die »Letternmusik
im Gaumentheater« zu hören. Hier verläßt sich Weigoni auf
den ältesten Spezialeffekt, den die Menschheit besitzt: Die
Stimme!
Die Verve seines Vortrags, die expressive Kraft seiner
Sprache, sein ungenialisches Outfit, das alles paßt nicht in
die deutsche Lyriklandschaft, deren Vertreter gemeinhin als
moderate Erben Benns, Celans oder Bachmanns gehandelt
werden. Weigoni vermeidet Fehler, die bundesrepublikanische
Schriftsteller machen und die ihre Arbeiten oft schal
beschatten. Er verbarrikadiert sich weder wie Arno Schmidt
als Solipsist in der Heide, noch stilisiert er sich zum
großen Einzelnen, der sich im Kampf gegen den Stumpfsinn der
Vielen in seiner Kunst aufreibt, wie es Rolf Dieter
Brinkmann zum Ende tat.
Für A.J. Weigoni ist das Buch eine Partitur, die es in
Konzerten der Sprache aufzuführen gilt. Mit hoher
Konzentration komponiert er eine Elegie über die entzweiende
Kraft des Eros. Seine Sprache hat Eleganz und Musikalität,
und seine „Letternmusik“ ist voller Weisheit und Humanität.
Eine Musik aus Buchstaben komprimiert: Polyphonie aus Silben
und Wörtern, absolute Musik wie beim späten Monteverdi als
Äquivalent für das, was mit Sprache den eigenen
Beschädigungen und denen der Welt um diesen kleinen
Ich–Mittelpunkt herum entgegengestellt werden kann. Die
Rettung hinein ins kulturelle Gedächtnis, auch wenn der
Anteil auch noch so gering ist. Für einen Moment nur, über
die Konventionen unserer Vorstellungen von Lebenszeit hinaus
gedacht, sich an einem bestimmten Punkt in die große
Gleichzeitigkeit der Künste eintragen zu können, ist das
unbescheidene Sehnsuchtsziel für A.J. Weigoni. Rhythmisch,
lautmalerisch und konsonantenreich macht er Sprache als
Material sichtbar. Ihm gilt seine unablässige
Aufmerksamkeit: die Sprache, die vor ihm denkt und aus ihrem
magischen Ursprung ihre Kraftlinien und Rhythmen mitbringt,
ohne die kein dichterischer Text möglich wird. In der
Bereitschaft des Lyrikers, sein Schreiben ihrer
Eigenbewegung, ihrem Atem zu überantworten, ist Sprache
nicht mehr nur Mitteilung oder Aussage; sie wird Evokation,
wird eine Dimension von allem Geschehenden selbst, eine
Dimension der Bilder, die aus der Erinnerung aufleuchten.
Seine Gedichte sind präzis gearbeitete Vexierbilder, die
ihre unterschiedlichen Seiten schon beim ersten Anblick
erspüren lassen, um dann, bei genauerer Betrachtung, eine
Tiefenschärfe bis in ihre filigrane Technik hinein zu
entfalten. Diese Gedichte sind ein Sprach-Spiel mit der
Aufforderung zum Mitspielen.
Auf der Bühne verkörpert A.J. Weigoni eine absolute
künstlerische Hingabe und eine unaufgeregte Unbedingtheit.
»Letternmusik im Gaumentheater« ist ein Platz für den
artistischen Bau autarker Sprachkonstrukte außerhalb der
alltäglichen Rede und normierter Sprachregularien. Weigonis
Leidenschaft ist das kunstvolle und traditionsbewußte
Zerlegen und Neukomponieren von Sprache. Bis in die atomaren
Bestandteile der Sprache, bis in die Morpheme und Phoneme
hineingehen der Zerlegungs– wie auch der Gestaltungswille in
diesen Gedichten. Nie geht es in seinen Gedichten darum,
Sprachzertrümmerungen um jeden Preis zu organisieren oder
gar serielle Permutationen vorzuführen. Wenn er spezifische
Techniken lyrischer Raffung, Komprimierung und schroffer
Fügung durchprobiert, geschieht dies, um die sinnliche
Materialität des Textkörpers erfahrbar zu machen. Seine
Sprache ist eine Sprache, die sich immer wieder selbst
überprüft. Das vielfach verschlungene Sprechen stellt hohe
Anforderungen an die Zuhörenden, manche verschachtelte
Sentenz, mancher der unzähligen Literaturverweise bleibt
unerschlossen. Überheblichkeit aber kommt schon deshalb
nicht auf, weil über allem ein feiner Schleier der
Selbstironie liegt. Die „Letternmusik“ ist erotische
Literatur in einem sehr spezifischen Sinn, nämlich einem
über die Sprache alle anderen Sinne kumulativ ansprechenden.
Das Wort selbst verwandelt sich in einen lebendigen
Gegenstand – ebenso die Zeit. Diese Gedichte dienen als
Bühne für die Darstellung von Wut, Trauer, Begierde und
Leidenschaft, Haß, Freude, Glück, Hoffnung und Höllenqual,
obwohl vom Ich selten die Rede ist. Alles Empfinden steckt
in den Dingen und ihren Bewegungen. Melodiöse Rhythmen
unterwandert dieser VerDichter mit Rissen und
Peitschenhieben. Weigoni bleibt einer Genauigkeit
verpflichtet, in deren Namen er den Worten ihre
Tiefenschichten abhorcht und den Zuständen der Welt ihre
dialektische Wahrheit. Dieses Freigelassene, Strömende
entsteht durch Präzision, Klarheit und Konzentration. Die
Gedichte dieses Hörbuchs oszillieren zwischen dem lyrischen
Protestgedicht und dem politischen Liebesgedicht. Das
Gefühl, in einer Epoche der Zerstörung der Welt zu leben,
ist in vielen Gedichten Weigonis zu spüren. Was zuweilen
erschrickt ist die Kühle, mit der seine Lyrik den Untergang
als eine Selbstverständlichkeit zitieren. Sprache wird
Trägerin vielschichtiger Bedeutungen, Sprache als Klang, die
Stimme als Mittlerin und körperliches Instrument. Diese
Gedichte sollen daran erinnern, was Poesie ursprünglich war:
Gesang, Melodie und Rhythmus, Reim und Versmaß, Litanei und
Mythos.
CD 2 des Hörbuchs »Gedichte« ist allein einem Kompositum in
vier Akten vorbehalten: »Dichterloh«. Was auf Anhieb
verführt und besticht, ist seine Spreche: ihre Melodie, ihr
Rhythmus, ihr weiter Atem. Die Stimmhaftigkeit des
Schreibens und der Wunsch, es sprechend zu machen, bilden in
A.J. Weigonis Werk ein zentrales Phantasma. Als
"Sprechsteller" bricht er die Sprache auf, dehnt
sie ins Geräuschhafte und treibt sie durch seine assoziative
Fantasie ins Expressive. Weigoni nutzt die Sprache als
akustisches Präzisionsinstrument. Bei ihm lösen sich die
Wörter ein Stückweit von ihrer mimetisch–realistischen
Abbildfunktion und tragen auf unterschiedliche Weise dazu
bei, das Vertraute fremd zu machen. Zu seinen Reizmitteln
gehören zwischen Schrift und Rede wechselnde Tonspuren, eine
intensiv atmende Syntax und Metrik, Klangbrüche und
kunstvolle Enjambements, die der Akzentuierung eines
einzelnen Worts, einer Silbe oder eines Buchstabens dienen.
Dann entwickeln die Verse eine Spannkraft und eine vertikale
Drift, die Zeilen treten hinter der Wirkung des
Gedichtganzen zurück, und mit Zeilenbrüchen wird der
Gedichtkörper kunstvoll gestaut. Seine Stimme kann das
Fließen und die Beweglichkeit des Körpers wiedergeben. Sie
kann Energien beschwören, für die es keine Worte gibt,
emotionale Schattenreiche. Der Körper lügt nicht, die Stimme
auch nicht. Man kann die emotionale Unehrlichkeit hören,
wenn jemand die Stimme manipuliert, nur um einen Effekt zu
erzielen. Weigoni manipuliert niemanden. Ein Reiz seiner
Arbeit besteht in der Unverkrampftheit eines Erforschung,
der die Einfachheit des Urzeitlichen besitzt; ihn zu
verstehen, braucht es Offenheit und ein wenig Neugier.
Dieser Lyriker lebt in osmotischer Beziehung zur Sprache,
die er als etwas Lebendiges und Tödliches auffaßt. Sein
Kompositum kann, anders als ein Bild, nicht als Ganzes
wahrgenommen werden, sondern nur nach und nach.
A.J. Weigoni versucht in seinem Schreiben, die Fülle der
Möglichkeiten im Hier und Jetzt zu erschließen. Er bricht
den vertrauten Gebrauch der Worte auf und richtet die
Hierarchien neu aus. In diesen Gedichten läßt Weigoni das
klassische Reimschema hinter sich und öffnet die Kategorien
des Erkennens für den Mythos und die Eigentümlichkeiten der
Sprache, die für ihn niemals ein bloßes Vehikel des Gedanken
ist. Er zeigt, daß die Erkenntnis ausdrucksgebunden ist, und
begründet, wie der Sinn immer an das sinnliche Zeichen
geknüpft sein muß – und umgekehrt, wie das Zeichen, das
Symbol, eine sinnhafte Prägung ist. So entwickelt er eine
Zeichentheorie, in der das Erkennen nicht mehr rein
abstrakten Mustern folgt, sondern von kulturellen Formen
abhängig ist. Syntax und Interpunktion zerlegen die
schwindenden Zeilen in Sinn– und Atemeinheiten ohne
Haltepunkte. Dadurch entsteht eine Vertikalspannung der
Verse. Das Sprachmaterial, mit dem er Umgang pflegt, dringt
selbstverständlich durch die Membran, wobei die
Transformationsprozesse, denen er es gleichzeitig
unterzieht, besonders intensiv sind. Das feine Ohr des
Dichters entdeckt in der Lautgestalt der Wörter
weiterreichende Beziehungen, die in raffinierten
Zeilenumbrüchen offengelegt werden. Seine Lyrik lebt vom
Paradox der raumschaffenden Verdichtung, nicht als
Formspiel, sondern als formsprengende Lust an der Sprache.
Es geht ihm in der Poesie primär um eine Haltung, die
Haltung des Dichters und die der Wörter.
Der Modebegriff Identität ist nirgends so gründlich
hinterfragt worden wie in diesen Gedichten. Seit Arno
Schmidt hat niemand das Konstrukt des Ichs derart
mitleidslos beobachtet. Der Traum von der Unmittelbarkeit
der Lyrik ist seit langem ausgeträumt. Das lyrische Ich kann
sich am besten dadurch qualifizieren, daß es seine Beziehung
zu einem Ich aus Fleisch und Blut abbricht. Dies ist eine
radikale Absage an den Glauben des 18. Jahrhunderts,
Gedichte seien Ausdruck des Gefühls, sie enthielten
Nachrichten des Verfassers in Versform. Die Gedichte
Weigonis widerlegen diese Anforderung, sie sind nicht dem
Ich, sondern der Welt zugewandt. Dieser VerDichter
präferiert die Idee des Zeitenspringers, die
Gleichzeitigkeit verschiedener Ebenen. Die Sprache ist nicht
nur ein Privileg, sie ist auch eine Grenze des Menschen. Die
prinzipielle Offenheit des sprachlich artikulierbaren Sinns
hat erfahrbar nicht nur den Charakter der Überfülle, der
Weite und Transzendenz, sie macht sich auch als Mangel
bemerkbar, als Entgleiten des Sinns oder als Ausbleiben
eines sinnvollen Abschlusses. So entstehen Gedichte als
transistorische Momente, blitzartige images und
Augenblicksbilder der Erfahrung. Wer sich in die Gänge von
Weigonis poetischem Labyrinth wagt, ohne Schweiß kein Preis,
dem winkt intellektuelles Vergnügen sondergleichen. Die
unbändige Freiheit aufmüpfiger Fantasie, das prinzipiell
Respektlose seiner Haltung, daß virtuos Verspielte dieser
Artistenprosa – all das ist ein Protest gegen die
herrschenden Verhältnisse: Sprachkritik offenbart sich als
Machtkritik. Wie ein Arzt einen Brustkorb, so klopft Weigoni
die Worte auf ihren Ideologiecharakter ab, lenkt den Blick
in die existenziellen Tiefen der condition humaine. Er
arbeitet, wie es John Cage nannte, an der Entmilitarisierung
der Sprache, ist dabei ein Chronist der Zerstörung und in
diesem Prozeß gleichzeitig ein Bewahrer des Zerstörten in
der Schrift. Die Sprache muß dann die Wahrheit ausspucken,
ob sie will oder nicht.
Die so genannten Neuen Medien sind ein genuiner
Resonanzboden. Auch Weigoni weiß um die negative
Qualifikation, die eintritt, wenn einer fähig ist, in
Unerklärlichkeiten zu sein, in Zweifeln, ohne das ärgerliche
Ausstrecken nach Faktum und Vernunft. Er geht das subtile
Bündnis von Wort und Ton ein und erweist sich als
'VerDichter', der die Sprache im Körper verankert und sich
vehement dagegen verwahrt, daß man seine lyrischen
Konzentrate im Verstehensprozess wieder verdünnen muß. Hier
ist Texterschließung im höchsten Sinne des Wortes gefordert.
Diese Lyrik ist Sprache, die sich nichts vorschreiben läßt.
In seiner permanenten Bewegung des Ausweichens zeigt Weigoni
Haltung gegen die Vereinnahmung des Poeten als
intellektuellem Kommentator des eigenen oder eines fremden
Werks, gar des Zeitgeschehens. Er sieht den Schriftsteller
mitten im Geschehen, wo es keinen privilegierten
Beobachterstandort, sondern nur situative Auskunft gibt.
Mainstream im herkömmlichen Sinn war Weigoni nie, aber in
seiner abgelegenen Furche ist er gefragt und immer wieder
gehört worden. Ein Künstler lebt für die Kunst. Wo er es
nicht tut, läßt er nach in seiner Kunst. Das scheint mit der
Kulturrezeption insgesamt zu tun haben, daß Individualisten
nicht mehr interessant sind. Weigoni ist ein Außenseiter im
Gefälligkeitszirkus der deutschsprachigen Literatur, er
fühlt sich wohl in dieser Rolle, er schafft sich seine
Freiräume, und er nutzt sie aus*.
Als Denkfallensteller im Namen der Poesie bringt er seine
desillusionierende Poesie mit allegorischer Schärfe zum
Ausdruck. Seine Gedichte sind ein Speicher an Erlebtem und
Gelesenem. Weigoni bringt das Verstreute in Zusammenhänge.
Und dieses Wissen ist in jeder Zeile anwesend. Seine Poeme
sind ein Strom von klaren, auch vertrauten Wörtern,
assoziativ verbunden, sie werden zu geschichteten Bildern.
Diese "Gedichte" haben als Experimentierfeld des
Geistes eine analytische Genauigkeit, die man sonst eher in
Essays findet; diese Poesie ist ein Akt des Denkens. Es ist
diese leichthändige Souveränität, die Freude am
Gedankenspiel, die dem Hörer Vergnügen bereitet; ein
gelungener Beweis dafür, daß Denken Spaß machen kann.
Philosophie und Poesie treten in eine fruchtbare
Konstellation, wenn die eine nicht versucht auszusprechen,
was die andere ohnehin sagt. Weigonis Poeme sind nicht
alles, was der Fall ist und wir erkennen können, vielleicht
sind sie reicher als das, was wir erahnen können. Diese
Poesie steht auf grundsätzliche Weise offen; jede
Bestimmtheit, die ihr abgewonnen wird, bringt eine neue
Unbestimmtheit mit sich. Für diesen Lyriker fallen mithin
die Grenzen der Sprache mit den Grenzen der Welt nicht
zusammen. Steinböcke gehen barfuß den Berg hinauf – so
sollten Schriftsteller sein.
Im digitalen Zeitalter geht der Schrift der Sinn und damit
die Sinnlichkeit immer mehr verloren; so scheint es. Die
Doppel–CD »Gedichte« umfaßt eine Spieldauer von 140 Minuten,
das mag in den Ohren derer, die "einfach nur
genießen" wollen, abschreckend klingen. Aber wer so
denkt, bringt sich um den Genuß, den Genuß der Erkenntnis.
Weigonis Verse kann man beim Lesen gegen das Licht halten,
damit das Wasserzeichen der Poesie zum Vorschein kommt.
Ungeschütztheit ist eine Kategorie, die er für seine Lyrik
hochhält. Diese Ungeschütztheit bewirkt auch, daß er als
Hüter seiner selbst sie vor dem Anders– und Mißverständnis
kaum bewahren kann. A.J. Weigoni erweist sich als Cicerone
aus dem Labyrinth des universalen Verblendungszusammenhangs,
weil er in der Lyrik der Theorie einen Ort eröffnet; er
setzt unablässig das Wissen neu zusammen, bewegt sich in der
Intermedialität von Musik und Dichtung, und sucht mit
atmosphärischem Verständnis die Poesie im ältesten
"Literaturclip", den die
Menschheit kennt: Dem Gedicht!
Matthias Hagedorn
Die Doppel-CD "Gedichte" von Weigoni ist
erhältlich über:
info@tonstudio-an-der-ruhr.de
Weigoni, A.J.
2008
[*] Diese Rezension schrieb: Matthias Hagedorn (2007-12-26)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
-> weitere Bücher von A. J. Weigoni ansehen
-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?
[ weitere Rezensionen : Übersicht ] · Mehr über Gedichte - HörBuch
|
|
Aus unseren Buchrezensionen


Meder, Cornel: Man schreibt lieber über Kollegen, die länger schon abgestorben sind... Wie eine Besprechung für noch nicht „abgestorbene“
Kolleginnen und Kollegen abzufassen ist, darüber lässt sich
trefflich streiten. Im Falle von Cornel Meders „Reisiger“
scheint dies leicht. Der Erzähler teilt seinen Leserinnen
und Lesern einfach mit, wie er literaturkritisch behandelt
werden möchte.
„Noch einmal zur Literaturkritik. …[...]
-> Rezension lesen
|
| Fix, Julietta: shop til you drop Wirtschaftlich gesehen ist Lyrik Unsinn, aber
Betriebswirtschaft ist im Leben eben nicht alles. Lyrik wäre
nach allen ökonomischen Gesichtspunkten schon immer zum
Aussterben verurteilt gewesen, und trotzdem hält sie sich
nach wie vor, notfalls eben in der Form der Samisdat.
Um die staatliche Zensur zu umgehen, entstand in …[...]
-> Rezension lesen
|
von der Heydt, Olaf: Wendernoacht Vom Erhabenen zum Grotesken – und zurück
Ein deutscher Autor mit skurrilem Humor, der durch eine
vermeintliche Abgeklärtheit nicht zynisch wird, sondern mit
Mutterwitz geerdet ist, das ist selten. „Das eigentliche
Vergnügen an der Arbeit des Schriftstellers“, erklärte der
amerikanische Autor Walker Percy, „sind die Kontraste
zwischen …[...]
-> Rezension lesen
|
| Skasa-Weiß, Ruprecht: Weitere Fünf Minuten Deutsch Wider den Sprach-Murks
Man kann beim öffentlichen Anprangern von Sprach-Übeln,
Grammatik-Verstößen, Moden-Blödsinn,
Begriffs-Unsicher-heiten und anderer Deutsch-Stümperei
grundsätzlich auf zwei Arten zugange sein: Entweder man
stellt den Unsinn wissenschaftlich
korrekt-sachlich-lexikalisch-langweilig in den Senkel,
womöglich mit …[...]
-> Rezension lesen
|
|
|