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Carl Weissner - Manhattan Muffdiver
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Weissner, Carl - Manhattan Muffdiver bestellen
Weissner, Carl:
Manhattan Muffdiver

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(Bücher frei Haus)

Carl Weissner, nicht einer, sondern der Kronzeuge der Undergroundliteratur hat es inszeniert, wie es nur die Zeremonienmeister des Genres Vermögen. Während eines zweimonatigen New York-Aufenthalts setzte er sich täglich in einen McDonald, wo er zum Preis des Verzehrs einer Portion Chicken McNuggets einen halbstündigen freien Zugang ins Internet bekommt. Täglich setzt er eine Mail ab, die sich als Modul eines Fortsetzungsromans lesen lässt. Das Ergebnis ist Manhattan Muffdiver, der sich schlürfen lässt wie ein hipper Cocktail und die rezeptionsmüden Synapsen richtig zum Knallen bringt. Die Nachrichten, die Weissner mit einem Return in den Äther haut, sind – wie sollte es anders sein – ein Epatez le Bourgeois, eine Kampfansage an die Disseminierung des affirmativen Trash. Seine Mails sind Flaschenpostwürfe ins digitale Meer.

Damit gelingt vieles, was in der klassischen Hermeneutik von heute nicht mehr für möglich gehalten wird. Der Eindruck, das Profane, die biographische Reminiszenz wird verschlüsselt in eine Textur für Übersee und mit lichtgeschwindiger Beschleunigung in den Äther geschleudert. Die über das Enigma verfügenden Undergroundrezeptoren sind in der Lage, die Botschaften zu entschlüsseln und die aus dem McDonald in Manhattan gesendeten Signaturen zu deuten.

Carl Weissner, der einen nicht zu tötenden Instinkt für das Skurrile des Alltags besitzt, spürt sie wie ein Jagdhund auf, die pittoresken Zeitgenossen mit ihren Finessen des Überlebens, die nach Bratenfett riechenden Diven einer längst vergangenen Hochblüte der Moderne wie die strunzigen Rappa, die mit ihren textorialen Riffs den Groove zurück in die Sprache bringen. Wie vom Schicksal gelenkt spürt Weissner sie auf, um sie in seine eigene, explosive Sprache zu formen und in einer Komposition zu verarbeiten, die sich leiten lässt von dem Gedanken, dass die Welt im Detail zu finden ist. Und natürlich überschreitet er die Grenze zwischen unmittelbarer Erfahrung und Fiktion, und natürlich tauchen sie alle auf, die Schwarzen Reiter des Genres Underground, die Bukowskis und Burroughs, selbst Bestandteil von Weissners Leben und Wirken. Deutlich wird die sphärische Auflösung des Zeitlichen, der Tod verliert die Kontur des existenziell scheidenden und folglich etabliert sich der Sensenmann zu einem Freak, der munter mitmischt in der Inszenierung des Weltgefüges und ganz Underground verliert er dabei seine Furcht einflößende Macht. Schön zu ende gedacht in einem Appendix des Buches mit dem Titel Das Ende des Suicide Kid, einer Reminiszenz an die Beerdigung Bukowskis in L.A.

Manhattan Muffdiver ist nicht nur ein grandioses Buch, das noch entschlüsselt werden wird als das mediale Format, das den Underground in die Ewigkeit rettet. Es ist zugleich Balsam für die Seele der semantisch Entleerten, wenn sie lernen zu entdecken, wie viel Poesie im behutsam frei gelegten Trashfragment zu finden ist.

[*] Diese Rezension schrieb: Gerhard Mersmann (2010-06-20)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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