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Gaby Wurster - Triest - Eine literarische Einladung
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Wurster, Gaby - Triest - Eine literarische Einladung bestellen
Wurster, Gaby:
Triest - Eine
literarische Einladung

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(Bücher frei Haus)

Die von der Herausgeberin ausgewählten Geschichten und Auszüge wurden nach drei Kriterien resp. Kapiteln geordnet. „Kosmopolis der Weltliteratur – in der `Stadt aus Papier´“ streut dem Ruf der Hafenstadt einige Ruhmesblumen, da sie nicht nur Italo Svevo und James Joyce beherbergte, sondern auch heute noch Claudio Magris zu ihren Bewohnern zählt. In Italo Svevos Beitrag lässt er einen alten Herrn sich in ein schönes Mädchen verlieben und schreibt: „Schöne Frauen wirken zunächst immer intelligent. Eine schöne Farbe oder eine schöne Linie sind in der Tat Ausdruck der vollkommensten Intelligenz.“ Bevor man mit einer Frau ins Bett gehe, müsse man zumindest etwas erobern, erschaffen oder zerstören, dächten sich die meisten jungen Männer, doch unser alter Herr muss bald einsehen, dass auch für ihn die Liebe nicht so einfach ist. „Wenn alte Herren lieben, nehmen sie immer den Umweg über Väterlichkeit, jede ihrer Umarmungen ist ein Inzest und hat dessen herben Beigeschmack.“ Wie König David erhofften sich alte Männer die Jugend von jungen Mädchen, die Liebe dabei verkomme zur bloßen Selbstbetrachtung. Aber Mutter Natur zeigt sich großzügig und gestattet ihm, unserem alten Herrn, noch einmal zu lieben.

In „Beim Fleischhauer des Ulysses“ von James Joyce kommt zwar als Schauplatz der Handlung Triest kein einziges Mal vor, dennoch muss dem großen Iren, der von 1905 bis 1920 in Triest gelebt hat, ja irgendwie Tribut gezollt werden. Das Herz höher schlagen lässt dann wieder der sehr persönlich gestaltete Beitrag von Claudio Magris „Grenzbetrachtungen“. Magris stellt zwar einen starken Bezug zu seiner persönlichen Geschichte her, er wurde in Triest geboren, der eigentliche Inhalt ist aber die „Grenze als Lebensform“. Literatur sei eigentlich ja nichts anderes als der Versuch, zu verstehen, dass jeder bald hier bald dort steht, dass jeder seine Identität erst erfinden muss, ohne dabei Grenzen gegenüber seinem Nachbarn aufzubauen, die einen auch von sich selbst trennen würden. „Es gibt Städte, die an einer Grenze liegen, und wieder andere, die die Grenzen in sich tragen und von ihnen bestimmt sind.“ Magris erwähnt auch Görz, auf das der Ausdruck „kleines Berlin“ eigentlich noch besser passe als auf Triest selbst, da dieses tatsächlich in der Hälfte geteilt (gewesen) sei. Als Magris als junger Student von Turin nach Triest heimgekehrt sei, habe er stets das Gefühl gehabt, „in ein anderes Zeitsystem einzutreten“. Seine „education sentimentale“ in Triest habe ihn aber auch gelehrt, sich keinen Illusionen hinsichtlich des real existierenden Sozialismus mehr hinzugeben. Nirgendwo sonst sei der Zusammenbruch dieses Systems schon so früh zu spüren gewesen. Claudio Magris illustriert dies anhand der Freiwilligen von Monfalcone, die freiwillig nach Jugoslawien gingen, um dort den Sozialismus aufbauen zu helfen, dort dann als Stalinisten interniert wurden und schließlich nach Italien zurückgekehrt von ihren eigenen Genossen verraten wurden.

Eine ganz andere Geschichte wird von Ilma Rakusa im Kapitel „Tempi passati – im Spiegel der Kindheit und der kakanischen Vergangenheit“ erzählt. Rakusas Geschichte „Zwischen Märchen und Melancholie“ erzählt von einem romantischen Triest ihrer Kindheit, in dem das Meer jeden Tag eine andere Farbe hatte. Strandausflüge bis das Meer den roten Sonnenball verschluckte, Mittagsschläfchen als verordnete Stille oder ihr Lieblingseis „Berlina“: „eine Vanillekugel mit duftendem Kaffee und knuspriger Waffel, die wie ein schiefes Segel aus dem Eis ragte“. Eine Bora, die Leichtgewichtige einfach hochgewirbelt hätte, ein Miramare, das in silbernem Glanz erstrahlt. Triest verdanke sie vor allem den Sinn für sprachliche und kulturelle Vielfalt, den Reiz für Mischungen, dies sei auch Triests „kakanisches Erbe“, wie die Autorin schreibt, es disponiere zur Vielsprachigkeit, die Identität, die sich in Triest herausbilde, sei multipel und bunt, die Stadt „lieblich und streng, paradiesisch und abweisend“ oder wie sie es mit Umberto Saba ausdrückt „so voll süßen Kummers, voll so viel einsamer Glückseligkeit“.

Den „kakanischen“ Aspekten Triests widmet sich auch Bertram Karl Steiners Geschichte „Österreich im Elysium“, das Caffe San Marco in Triest wird zu demselben erklärt, in dem der Autor ein Interview mit der alten Dame führt. „Hier ist nämlich Österreich. In diesem Raum. Österreich und der Rest der Welt.“ Die dort oben, jene hinter dem Tarvis, die Lederhösler wüssten ja gar nicht mehr, was das sei, aber im Caffe San Marco und in Triest gebe es klare Zeugnisse einer ganzen Kultur: „Was sagt denen noch Grillparzer, der in Triest seiner Medea begegnet und daran für sein Lebtag kopflos geworden ist? Oder Herzmanovsky-Orlando, der Medeas Wohnsitz ausfindig gemacht hat? Was sagt ihnen der abgründige Mythos der Besitzer von Miramare? Wer schlägt noch vor Schreck die Augen nieder, wenn er das Wort `Goldenes Flies´ hört?“ Eben!

Im dritten Kapitel „Grenzen und Brüche – Karst und Küste“ kommt auch Scipio Slataper zu Wort, der in „Mein Karst“ seiner Heimat ein Denkmal gesetzt hat. „Das Wasser deiner Grotten liebe ich, das sich wohltätig in die Kanäle eingräbt. Ich liebe die Karstfrauen, die zwischen den Zähnen das Taschentuch gegen die Bora zusammenpressen (...).Wir lieben Triest gerade wegen der gequälten Seele, die es uns gegeben hat. (...) Triest hat uns ohne Frieden und Ruhm zum Leben gezwungen. Wir lieben dich und wir preisen dich, weil wir zufrieden sind, vielleicht in deinem Feuer einmal zu sterben.“ Er definiert Triest vor allem auch als Heimat aller Vertriebenen und Schiffbrüchigen, all jener die ein neues Zuhause suchen, denen biete Triest einen Neubeginn: „Weit weg liegt die Heimat, und das Nest ist zerstört. Aber ergriffen von Liebe werden wir in unsere Heimat, nach Triest zurückkehren und von dort aus aufs Neue beginnen.“
Kenka Lekovich prägt in „I speak Gulasch“ für das Leben in Triest, an der Grenze, einen neuen Begriff: Transit. Sie definiert es als ein Gefühl stabiler Instabilität, ein Gefühl der Sicherheit in der Unsicherheit, einer Bewegung im Stillstand, „und am Ende immer und einig der Anstoß, sich weiter zu bewegen“. Man werde angetrieben, wie die Schriftsteller Triests durch eine Art „innere Bora“ und es sei ein Geschenk der Götter, an der Grenze geboren zu sein, denn gerade das fordere es heraus, sie zu überwinden und zu überschreiten. Triest, das „Weltlaboratorium des Glücks im Transitorischen“ nennt Lekovich die Hafenstadt, wohl in Anlehnung an Kraus. In der Bewegung liegt Leben, das mag auch für Triest eine noble Zukunft zu verheißen.

Weitere Beiträge stammen u. a. von Christoph Ransmayr, Bachmann, GAmbini, Elio Schmitz, Ferruccio Fölkel, Anna Maria Mori, Umberto Saba, Barbara Strathdee, Fulvio Tomizza, et al
Gaby Wurster wurde in Stuttgart geboren und übersetzt aus dem Englischen, Französischen, Griechischen und Italienischen. Sie veröffentlichte u. a. auch „Lissabon. Ein Reisebegleiter (2006)“ und lebt heute in Tübingen.

2009
www.wagenbach.de
144 Seiten
ISBN 978-3-8031-1262-0
16,40.-€

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2009-04-29)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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