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Helmut Zenker - Kottan ermittelt: Die komplette Serie
Buchinformation
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Zenker, Helmut:
Kottan ermittelt: Die
komplette Serie

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(Bücher frei Haus)

Die erste Folge, „Hartlgasse 16a“ wird noch von einem ewig grantelnden, rassistischen (anti-jugoslawischen) und sexistischen Peter Vogel in der Hauptrolle bestritten. Als die erste Folge der Serie 1976 erschien, war es wohl noch modern, einen Kommissar eher negativ darstellen, schließlich verkörperte er ja genau die Gesellschaftsordnung, deren Bekämpfung sich Künstler damals zum erklärten Ziel gesetzt hatten. Der „Fall“ selbst wird denn auch nicht von Kottan selbst gelöst, sondern von seinem einbeinigen Kollegen und Dezernatsleiter Schremser, der sehr viel eloquenter arbeitet und sich nicht von etwaigen Vorurteilen leiten lässt, wahrscheinlich auch deswegen, weil er selbst gar keine hat, schließlich ist er als sozial Benachteiligter ja selbst diskriminiert und weiß wohl, was es bedeutet, nur aufgrund seiner äußeren Merkmal be- oder verurteilt zu werden. Der dritte Kollege Schrammel ist ein bloßer Apparatschik, weder besonders intelligent noch besonders dumm, ein klassischer beflissener Mitläufer, der das macht, was Kottan oder der Oberkommissar Pilch ihm sagen. Einer der besten Schmähs dieser Folge – abgesehen vom Klassiker „Inschpektor gibt`s kaan“ – ist sicherlich der mit der Nummer 133 (Polizeilicher Notruf in Österreich) und Kottans Kommentar: „Des san mir“.
Interessant ist aber auch die Schilderung des Studentenmilieus und der Wiener Boheme Mitte der Siebziger. Der eine, ein verkrachter „Architekt“, lebt im Dachgeschoss und keiner weiß, was und ob er eigentlich wirklich arbeitet, zumeist läuft er im Bademantel `rum, grüßt nicht, versteckt sich. Der andere, der „ewige Student“, wird als gutmütiger, sozial engagierter Mitzwanziger dargestellt, der von seiner Verlobten betrogen wird, die ihn immer ermahnt, statt der Welt, doch sein Einkommen zu verbessern. In dieser Folge gibt es gleich zwei Morde, der Großteil spielt in einem typischen Wiener Mietshaus, mit den klassischen Streitigkeiten giftiger allein stehender älterer Frauen. Eine herrliche Persiflage auf den „Wiener Charme“, der vor allem darin besteht, sich gegenseitig das „hackl ins Kreuz zu haun“ (=hinterfotzig sein). Die Musik stammt übrigens von dem kürzlich (2007) verstorbenen Georg Danzer, der die Wiener Seele und dessen bösartige Reinkarnation wohltuend auf`s Korn nahm. In einem seiner genialsten Lieder, „Loch amoi“, das auch im Kottan angespielt wird, heißt es wörtlich: „i wü in dera unsöhlichn schdod nimma leam/wos`d jedn tog fümf kilo schwera wirsd/wo da di woaheit aufgeht/wia a schwindsüchtiga mond/und wo`s de an di leukemie valiasd“, Zeilen, die erscheinen, als seien sie dem mürrischen Kommissar Kottan aus der Seele gesprochen und hätten Danzers eigenes Schicksal vorweggenommen. Danzers Lieder spielen auch in der zweiten Folge eine Rolle, doch treten sie gegenüber amerikanischen Klassikern aus den Fünfzigern nun immer mehr in den Hintergrund.
„Der Geburtstag“ (Folge 2) spielt irgendwo in den Ferienhäuschen am Stadtrand Wiens und das Geburtstagskind ist der Kommissar selbst, der mit seinen Kollegen und Freunden (ident) Würstel am Lagerfeuer grillt und sogar noch eine andere als seine Ilse küsst. Das Betrügen des Ehepartners oder Partners scheint überhaupt gang und gebe gewesen zu sein, damals, in den wilden Siebzigern, selbst unter Eisenbahnern, Bundesheerlern und Polizisten. Aber in dieser Folge wird sogar noch tiefer gebohrt: es geht nämlich auch noch um Inzest (nur angedeutet, wenn der Sohn mit seiner Mutter im selben Bett schläft) und eine noch viel verbreiterte Perversion, den Voyeurismus. Eine schnittige Verfolgungsjagd zwischen BMW und Volvo und der sprichwörtliche Kaffeeautomat, der in dieser Folge noch ein Cola-Automat ist, stattet die Handlung schon mit den klassischen Sujets des Slapsticks einer typischen Kottan-Folge aus. Sexistische Witze über die Sekretärin, die zwar einen guten Kaffee kochen kann, aber eben zu heiß und sich mit genau dieser Frage auch beim Chef wehrt: „Zu heiß? Na, kochen muas i eam scho“.
Aber auch Ilse, Kottans Frau, ist diesbezüglich schlagfertig genug und rächt sich noch dazu mit einem „Bravo, Sherry Kottan!“ (sic!) oder „45 und der Kopf wächst dir durch die Hoar“. Auffallend ist neben dieser Pointendichte aber auch die Andeutung, dass Frauen immer wollen und Männer von den Frauen quasi überredet werden müssen. „Mannstolle Weiber“ hieß das wohl früher, bei den Männern kriegt man allerdings eher den Eindruck, dass sie gar keine Lust mehr haben. War das so in den Siebzigern? „Flieger, willst nicht landen?“ ist einer der besten etwas vulgäreren Anmachsprüche oder auch: „Seit sie Witwe ist, lebt`s a la carte“. Michael „Schotti“ Schottenberg als verwöhnter Mamibua und Hanno Pöschl als Hauptverdächtiger sorgen für einen unterhaltsamen Fernsehabend, einer Krimiserie, die doch so ganz anders ist als alle anderen. Peter Vogel spielte vor seinem Freitod mit Pentazocin (einem Opioidanalgetika) in insgesamt drei Folgen der Kottan-Serie mit: „Kottan ermittelt: Hartlgasse 16a“ (1976), „Kottan ermittelt: Der Geburtstag“ (1977), die beiden hier rezensierte, und zuletzt 1978 in „Kottan ermittelt: Nachttankstelle“ als Oberstleutnant Horeis.

Kottan ermittelt: Die komplette Serie. Die ersten beiden Folgen mit Peter Vogel
www.hoanzl.at
EAN 4009750209219

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2011-05-15)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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