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Stefan Zweig - Ungeduld des Herzens
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Zweig, Stefan:
Ungeduld des Herzens

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(Bücher frei Haus)

Ungeduld des Herzens, Stefan Zweigs einziger Roman, handelt von leidenschaftlicher, einseitiger Liebe und falschem Mitleid. Mitleid, das nicht von Nutzen ist, sondern von Schaden.

Der Schauplatz des Romans ist ein ungarisches Garnisonsstädtchen in österreichisch-ungarischem Grenzgebiet, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Leutnant Anton Hofmiller, ein liebenswürdiger, gutmütiger und empfindsamer junger Mann ist dort stationiert und erhält eine Einladung in das Schloss des ungarischen Magnaten Lajos von Kekesfalva, wo er die sehr junge gelähmte Tochter des Hauses, Edith, kennen lernt. Auf die Behinderung des Mädchens wird er unter sehr peinlichen, unglücklichen Umständen aufmerksam, als er sie unwissend zum Tanz auffordert und diese für ihn vollkommen plötzlich und unerwartet in Tränen ausbricht. Er erfährt anschließend die bittere Wahrheit von der Kusine Ediths und verlässt bald panikartig und voller Schuldgefühle das Haus, ohne sich zu verabschieden.

Nun ist der Grundstein gelegt – Das war die unselige Tölpelei, mit der die ganze Sache begann. und fortan sind fast alle Handlungen des Leutnants darauf angelegt, das vermeintliche Unrecht wieder gut zu machen, wobei er feststellt, was es für ein erhebenden Gefühl sein kann, einem anderen Menschen eine Freude zu bereiten. Dieses Gefühl wird immer intensiver und bald scheint es, dass Hofmiller die gesamte Bedeutung seiner Existenz aus diesem Zeigen von Mitgefühl und den daraus resultierenden Reaktionen zu beziehen scheint. Er lebt und definiert sich nunmehr fast einzig und allein durch sein altruistisches, sich aufopferndes Mitleid für eine armselige, vom Leben gezeichnete Kreatur und die Dankbarkeit, die sie und ihr Vater dem Leutnant für seine Freundlichkeit entgegen bringen:

Nun aber war das Unerwartete geschehen, und staunend blickte ich mit aufgeschreckter Neugier mich selber an. Wie? Auch ich mittelmäßiger junger Mensch hatte Macht über andere Menschen? Ich, der keine fünfzig Kronen ehrlich meinen Besitz nennen konnte, vermochte einem reichen Manne mehr Glück zu schenken als alle seine Freunde? Ich, Leutnant Hofmiller, konnte jemandem helfen, ich konnte jemanden trösten? Wenn ich mich einen Abend, zwei Abende zu einem lahmen, verstörten Mädchen setzte und mit ihr plauderte, wurden ihre Augen hell, ihre Wangen atmeten Leben, und ein ganzes verdüstertes Haus ward licht durch meine Gegenwart?

Das gelähmte Mädchen verliebt sich bald in den lieben Leutnant, der diese Entwicklung als Letzter bemerkt, als es schon viel zu spät ist, um irgendwelche Weichen zu stellen. Aus Feigheit und einer ungünstigen Verstrickung heraus, macht er der unheilbar Kranken Hoffnung auf eine baldige Genesung. Dr. Condor, der behandelnde Arzt, der in diese Geschichte involviert ist und selbst mit einer Blinden verheiratet, kommentiert diess folgendermaßen:

Aber verhängnisvollerweise besitzt der Organismus, der Körper wie die Seele, eine unheimliche Anpassungskraft; so wie die Nerven immer mehr Morphium, benötigt das Gefühl immer mehr Mitleid, und schließlich mehr, als man geben kann. Einmal kommt unvermeidlich der Augenblick, da und dort, wo man „Nein“ sagen muss und sich nicht kümmern darf, ob der Andere einen für dieses letzte Weigern mehr hasst, als wenn man ihm nie geholfen hätte. Ja, lieber Herr Leutnant, man muss sein Mitleid richtig im Zaum halten, sonst richtet es schlimmeren Schaden an als alle Gleichgültigkeit – das wissen wir Ärzte und wissen die Richter und die Gerichtsvollzieher und die Pfandleiher; wenn die alle immer nur ihrem Mitleid nachgeben wollten, stünde unsere Welt still – gefährliche Sache das Mitleid, gefährliche Sache! Sie sehen selbst, was Ihre Schwäche angerichtet hat.

Aber es hilft alles nichts, der sanftmütige Leutnant verwickelt sich mehr und immer mehr in eine vollkommen aussichtslose und schmerzhafte Situation. Schmerzhaft auch für den Leser, der die gutherzige Hilfsbereitschaft Hofmillers, aber auch die bodenlose Verzweiflung des Mädchens, dank Stefan Zweigs sehr eindringlichen, präzisen sprachlichen Umsetzung, unschwer nachempfinden kann. Ja, bald findet man sich selber auf einer Mitleidsschiene fahrend, mitfühlend mit beiden Figuren. Eine von mehreren herzzerreißenden Szenen ist die, in der Edith sich der Tatsache bewusst wird, dass ihr geliebter Leutnant einzig und allein aus dem Motiv des Mitleids heraus handelt:

Sie haben jetzt, glaube ich, wirklich die Wahrheit gesagt. Sehr, sehr höflich haben Sie sich ausgedrückt, und sehr gewunden. Aber ich hab Sie doch genau verstanden. Ganz genau verstanden…Sie kommen, sagen Sie, weil ich so „allein“ bin – das heißt auf gut deutsch: weil ich angenagelt bin an diesen verfluchten Liegestuhl. Nur deshalb also trotten Sie täglich heraus, nur als barmherziger Samariter kommen Sie zu dem „armen, kranken Kind“ – so nennt ihr mich wohl alle, wenn ich nicht dabei bin, ich weiß schon, ich weiß. Nur aus Mitleid kommen Sie, ja, ja, ich glaub’s Ihnen schon – warum wollen Sie’s jetzt wieder ableugnen? Sie sind doch ein sogenanter „guter“ Mensch und lassen sich gern von meinem Vater so nennen. Solche „gute Menschen“ haben Mitleid mit jedem geprügelten Hund und jeder räudigen Katze – warum nicht auch mit einem Krüppel?

Trotz ihrer 17 Jahre, scheint Edith sehr verständig zu sein und sich ihrer Situation durchaus bewusst. Einmal mehr wird sie bitter und sarkastisch, treibt den hilflosen Leutnant verbal in die Enge, macht ihm indirekt ihr Schicksal, ihre tragische Lage zum Vorwurf. Es kommt zu einem heftigen Ausbruch Ediths, der in einer Versöhnungsszene gipfelt, die für den Leutnant peinlicher nicht sein kann. Man fühlt die Peinlichkeit förmlich am eigenen Leib, als die Gelähmte mit verzweifelter Heftigkeit einen freundschaftlich intendierten Stirnkuss in einen leidenschaftlichen Lippenkuss umwandelt:

Aber da fuhren ihre beiden Hände, die offenbar wartend auf der Decke gelegen, plötzlich empor. Wie Klammern umpressten sie von beiden Seiten, ehe ich den Kopf wegwenden konnte, meine Schläfen und rissen mir den Mund von der Stirne nieder an die Lippen. So heiß, so saugend und gierig pressten sie sich an, dass die Zähne die Zähne berührten, und gleichzeitig wölbte und spannte sich drängend ihre Brust empor, um meinen herabgebeugten Körper zu berühren, zu spüren. Nie in meinem Leben hab ich mehr einen derart wilden, einen so verzweifelten, einen so durstigen Kuss empfangen wie von diesem verkrüppelten Kind.

Aus diesem Kuss wird eine Verlobung und das Schicksal nimmt seinen unglückseligen Lauf. Mehr will ich nicht verraten, ich habe wahrscheinlich bereits viel zu viel verraten.

Wie finde ich diesen Roman? Habe ich ihn gern gelesen? Nun, ich finde ihn gut und habe ihn gern gelesen. Zweigs Sprache mag ich, sie ist sehr genau, plastisch und bildhaft, weiß Gedanken und Gefühle sehr intensiv zu beschreiben. Nur hin und wieder wird Zweig in diesem Buch pathetisch, ausschweifend, ja ausufernd und langatmig. Die 456 Seiten dieser Erzählung hätten, meines Erachtens nach, auf die Hälfte verdichtet werden können, ohne dem Werk Abbruch zu tun – im Gegenteil.


[*] Diese Rezension schrieb: Jasmin Carow (2005-11-28)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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