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Rezensionen


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Olaf von der Heydt - Wendernoacht
Vom Erhabenen zum Grotesken – und zurück
Ein deutscher Autor mit skurrilem Humor, der durch eine
vermeintliche Abgeklärtheit nicht zynisch wird, sondern mit
Mutterwitz geerdet ist, das ist selten. „Das eigentliche
Vergnügen an der Arbeit des Schriftstellers“, erklärte der
amerikanische Autor Walker Percy, „sind die Kontraste
zwischen dem Schreiben als Möglichkeit, das Leben zu ordnen,
und der darin berichteten alltäglichen Unordnung“. Solche
Kontraste sind auch im Werk des Olaf von der Heydt sichtbar.
In seinem Roman, »Die Mission«, läßt von der Heydt den
Kommissar Holger Heinick allmählich den Bezug zur
Wirklichkeit verlieren. Er kommuniziert, im abgeschnittenen
Infinitiv der Sprechblasen von Comics zu können, weil diese
Redeform die eheste Gegenwart ist. Man fragt sich ob man
Zeitgeschichte auch in dem Sinn verstehen lasse, daß Zeit
übereinandergeschichtet wird. Um das Gewicht dieser
geschichteten Zeit aus halten zu können, würden selbst
Comic–Superhelden die Mundwinkel vor Weltekel nach unten
hängen. Olaf von der Heydt beschreibt in nüchternen Sätzen,
emotionslos und klar, wie das Leben dieses Kommissars aus
den Fugen gerät. Es ist eine satirische Mischung aus
Kriminalroman, Agententhriller und Science–Fiction–Story,
die irrwitzige Antworten auf die Fragen nach Gott, dem
Universum und allem gibt. Die Germanistik, die lieber gute
Literatur von guten Menschen behandelt, verachtet
SF–Literatur und übernimmt diese Wertung, die sich auch ohne
weiteres mit einschlägigen Titeln belegen läßt.
Hierzu ein, mir notwendig erscheinender, Exkurs: Der
US–Amerikaner Richard Powers ist ein Welten–Vernetzer, seine
Literatur ist ein Mittel, den Überblick zu behalten, sich
aber auch umfassend für die Welt zu interessieren, Literatur
ist ihm eine große Verknüpfungsmaschine. Literatur ist für
Ihn der Ort, wo die Transformation des Gehirns beginnt. In
seinem neuen Roman »Das Echo der Erinnerung« hat er die
Diskussion um Spiegelneuronen erwähnt, das Experiment mit
einem Makak–Affen. Italienische Forscher stellten fest, daß
bestimmte Nervenzellen in der Großhirnrinde eines Makak
aktiviert wurden, sobald er den Arm bewegte. So, dachten die
Forscher. Das sind die Neuronen, die für die Steuerung von
Bewegungsvorgängen verantwortlich sind. Eines Tages begannen
die für den Armmuskel zuständigen Neuronen wild zu feuern,
obwohl der Affe vollkommen regungslos da saß. Weitere Tests
führten zu einem überraschenden Ergebnis: Die motorischen
Neuronen feuerten auch dann, wenn ein anderer Affe seinen
Arm bewegte. Ein Teil des Gehirns, der an sich für
körperliche Bewegungen zuständig ist, produziert auch
imaginäre Spiegelbilder solcher Handlungen. Dies zeigt, daß
es eine enge Verbindung zwischen imaginativen Prozessen und
denen tatsächlicher Erfahrung gibt. Es gibt jedoch keinen
Wissenschaftler, der behaupten würde, daß es eine kausale
Verbindung gibt zwischen dem Vorstellen einer Handlung und
der Entscheidung, diese Handlung im realen Leben
auszuführen. Daher bin ich sehr vorsichtig, wenn jemand eine
einfache kausale Erklärung für gewalttätiges Verhalten
anbietet. Ich halte es für möglich, daß weitaus mehr Leute,
die sonst gewalttätig gehandelt hätten, in der symbolischen
Sphäre der Computerspiele einen ablenkenden oder sogar
kathartischen Ausgleich dafür gefunden haben. Sicher ist
nur, daß Computerspiele psychoaktiv sind. Sie sprechen die
gleichen neuronalen Schaltkreise an wie reale Erfahrungen.
In »Das Echo der Erinnerung« kommt in einer Szene die
Schwester des Protagonisten in sein Krankenzimmer und wird
sehr zornig, als sie sieht, daß seine Freunde gerade ein
Computerspiel–Autorennen mit ihm spielen. Normalerweise
würde sie das nicht erschüttern, aber ihr Bruder ist im
realen Leben mit dem Auto verunglückt und sie fürchtet, daß
er daran erinnert werden könnte. Ihr Bruder ist also in
einer besonders verletzlichen Lage. Man kann sagen, daß
kindliche Gehirne besonders verletzlich sind. Das Ausmaß der
Plastizität des Gehirns ist, nach neuesten Erkenntnissen der
Neurowissenschaften, absolut verblüffend. Es ist wirklich
erstaunlich, wie unterschiedlich sich das individuelle
Gehirn durch unterschiedlichen Gebrauch entwickeln kann. Und
wirklicher Gebrauch oder symbolischer Gebrauch wie in
Computerspielen, das macht keinen Unterschied. Die Linie
zwischen motorischen Nervenzellen und imaginativen ist sehr
schmal. geht in seinem Roman »Schattenflucht« geht es unter
anderem um eine Gruppe von Programmierern, die an der
Entwicklung von Virtuellen Realitäten arbeiten, und die
dieses Projekt zunächst mit sehr hehren Absichten verfolgen.
Nur um dann festzustellen, daß genau diese Technologie im
ersten amerikanischen Golfkrieg militärisch genutzt wird.
Diese Technik wird eben vom Militär auf seine Weise in
Gebrauch genommen. Die Technik ist nicht die Ursache der
Gewalt. In »Das Echo der Erinnerung« gibt es eine Passage,
in der drei Jungs in einem Truck sitzen, und ein Reh springt
auf einmal vor das Auto. Der Fahrer kann schnell genug
ausweichen, so daß sie nicht mit dem Reh zusammen stoßen.
Danach sagt er: „Oh mein Gott, wenn ich nicht 100 Stunden
dieses Autorennen gespielt hätte, wären wir jetzt alle tot.
Das verdammte Computerspiel hat uns das Leben gerettet.“ Im
19. Jahrhundert wurde der Roman als etwas Bedrohliches
betrachtet, als eine Technologie, die Leben ruinieren
könnte. Die Angst war, wir könnten verloren gehen in seinen
imaginären Welten. Vielleicht waren diese Befürchtungen auch
gar nicht so falsch. Es könnte sein, daß wir herausfinden,
daß wir einen Kokon an Technologie um uns herum gebaut
haben, in dem wir nur zu gerne verloren gehen. Aber sich zu
verlieren und sich zu finden sind komplizierte Prozesse und
letztlich wissen wir nicht, was die endgültigen Auswirkungen
von Computerspielen oder irgendeiner anderen Technologie
sein werden. Aber ich würde bezweifeln, daß Computerspiele
eine größere Gefahr oder ein größeres Potenzial für die
Formung der individuellen Persönlichkeit besitzen als
Bücher. Bücher sind ganz sicher genauso gefährlich wie
Computerspiele. Wenn man also ein Buch oder ein Hörspiel
schreibt, versucht man den Leser von etwas zu überzeugen.
Man will ihn davon überzeugen, daß das, was man schreibt,
real ist. Diese Überzeugungskraft ist wichtig, gerade im
SF–Genre. Auf stilistische Brillanz, auf Korrektheit bei den
Namen und Kulissen ist bei einem solchen Roman eigentlich
gepfiffen, alles kommt auf den Plot an! Und wie steht es bei
»Die Mission« darum?
Olaf von der Heydt nimmt in seinem ersten Roman Momente der
großen Geschichte wie Stromstöße, denen seine Figuren
ausgesetzt werden. Da diese Figuren selbständige Charaktere
sind mit unterschiedlicher Robustheit, Labilität oder
Sensibilität, haben diese Ereignisse auch unterschiedliche
Effekte auf sie. Der Autor beschreibt einen Kommissar, dem
seine eigene Verzweiflung noch gar nicht bewußt ist. Holger
Heinick mag unbeholfen sein, ein Antiheld ist er jedoch
nicht. Historische Fakten sind für von der Heydt die Bibel
und weiter Religionslehren. Jesus taucht als bekiffter
Lebemann auf, dessen Vater einfach nur seinen Job machen
will, andererseits jedoch einen Aufbau des Universums
zugrundelegt, der eine reine Schicksalsbestimmung
beinhaltet. Die „zwei Kulturen“, von denen der englische
Schriftsteller C. P. Snow gesprochen hat, gibt es noch
immer: hier die humanities, die Geisteswissenschaften, zu
denen man die Künste und ihre Kritik hinzurechnen kann; dort
die sciences, die Naturwissenschaften samt Industrie und
Technik. Die zwei Kulturen, deren Ferne voneinander Snow
beklagt hat, lassen sich auch durch unterschiedliche
Gestimmtheiten bezeichnen. Der Naturwissenschaftler und
Ingenieur gibt sich optimistisch und gut gelaunt: Probleme
lassen sich Lösen, Fortschritt ist machbar. Der
Geistesmensch dagegen neigt zu schlechter Laune und zum
Pessimismus: Fortschritt ist eine Chimäre, die Blätter des
Glücks im Buch der Geschichte, wie Hegel bemerkt hat, sind
leer. Der freie Wille ist in »Die Mission« unerwünscht, und
darüber wacht eine Organisation. Etwas schlampig, wie sich
im Laufe der Handlung herausstellt: Seit Jahrhunderten ist
das Buch (sic!) zur Koordinierung der Menschheit verloren
gegangen. Der Gebietsleiter der Galaxis ist mehr als
besorgt, steht doch eine Überprüfung seines Arbeitserfolges
bevor. Die Zustände, die sich durch die mangelnde Kontrolle
über die Menschheit auf der Erde entwickelt haben, könnten
ihn – im wahrsten Sinne des Wortes – seinen Kopf kosten.
Daher setzt er alle Hebel in Bewegung, das Buch wieder in
seine Hände zu bekommen. Doch leider zeigen auch andere
Interesse daran. Olaf von der Heydt beschreibt ein
hochkomplexes System aus kollektiven Mythen, Science
Fiction, historischen Fakten und paranoiden
Verschwörungszusammenhängen. Der Autor versucht, das Banale
mit dem Außerordentlichen, das Reale mit dem Fantastischen
zu verknüpfen und die beiden Kulturen miteinander zu
versöhnen. Letztlich bleibt es schiere Behauptung, und die
Sphären stehen unverbunden nebeneinander. Der Roman liest
sich angenehm, er steckt voller Einfälle, und geschrieben
ist er in einer kolloquialen, aufgeräumten, völlig
unbekümmerten Sprache. Man sollte dieses Buch mit dem
Hintergrund der gewalthungrigen Gottsucherbanden, in denen
der Zorn aller Erniedrigten und Beleidigten gesammelt gegen
den globalen Kapitalismus gebündelt ist, noch einmal lesen.
Das Christentum stellt sich somit nicht die Rache der
Zukurzgekommenen dar, sondern ist als
zivilisationsförderliche Ethik des Racheaufschubs am Werk.
Eine von Rachsucht freie Ambitionskultur sollte den
lebensdienlichen Zorn als Primärimpuls gegen den mit Geld
und Gier im Bunde stehenden Eros–Pol unserer Zivilisation
stärken. Ein Schriftsteller kann kein Universum erfinden. Er
muß auf das zurückgreifen, was er in den Händen hält. Woher
er diese Quellen hat, die er mit Talent in Kunst verwandelt,
ist aber nicht das Entscheidende. »Die Mission« ist eine, im
besten Sinne, Enzyklopädie der Banalitäten.
Olaf von der Heydt ist ein bodenständiger Mensch, der in
einem seitlichen Spiralarm der Galaxis wohnt: dem Taunus.
Wer den Blick über die Schulter wagt und auf die Reihe
seiner Vorfahren zurückschaut, sieht, wie sich die eigenen
Wurzeln tief in der Vergangenheit verzweigen. Wenn sich
dabei die geographischen und politischen Räume öffnen, die
in den Geschichtsbüchern durchquert werden, dann mag man
sich glücklich schätzen, mit der eigenen Biografie den Stoff
zu berühren, aus dem Historie gemacht ist. An solchen
Berührungspunkten sind zahllose Familienromane entstanden.
Hat man das Zeug zum Schreiben, dann liegt die Verführung
nahe, das Geschenk der eigenen Herkunft in einer Form zu
verwerten, die das unüberschaubare Allgemeine auf ein
faßbares individuelles Maß verkleinert. Bislang hat von der
Heydt literarische Karriere den vorgenannten Roman, sowie
und ein dreckiges Dutzend Kurzgeschichten abgeworfen. Seine
große Leidenschaft gilt jedoch dem Hörspiel. Als
Kassettenkind sammelte er schon früh alle möglichen
Abenteuer, die es für die Ohren gab. Mit der
Veröffentlichung der Kurzgeschichte »Die Therapie« haben die
beiden Hobbys, das Schreiben und das Hören, bündig
zusammengefunden. Das Hörstück kommt mit einer Portion
Sarkasmus daher, manches nicht eindeutig lesbar und die
Bilderflut überreich. Doch gerade darin liegt – im besten
Sinne des Wortes – die phantastische Kraft der düsteren
Sicht. Der Mensch ist ein Jammerlappen, davon erzählen alle
Therapien, von der Heydt hat diesen traurigen Befund
variiert. Statt kalt und entschlossen über Sinn und Unsinn
unserer Existenz nachzugrübeln, knallen wir uns lieber mit
immer neuen Wehleidigkeits–Schmonzetten zu. Kitsch ist ein
ganz passabler Seelentröster. Gerade das Ende ist überaus
gelungen und soll daher an dieser Stelle auch nicht verraten
werden. »Die Therapie« wird von Erik Albrodt gelesen.
Präsentiert von einer freundlich distanzierten Stimme, die
gern einmal ad hoc andere Figurenperspektiven übernimmt,
fließen die Zeiten in einem gleichförmigen Duktus vorbei, in
dem sich die Erlebnisse wie Anekdoten ausnehmen. Olaf von
der Heydt prangert mit »Die Therapie« keinen
gesellschaftlichen Mißstand an, es geht nicht um
Sterbehilfe, er liefert keinen dramatischen Beitrag zu
irgendeiner gesellschaftlichen Debatte, er macht Hörspiel
und geht entschlossen auf die Untiefen des Daseins zu. Nach
dieser Fingerübung steht mit »Wendernoacht« das erste große
Hörspiel an.
Der Ausdruck "Wendernoacht" stammt aus der Mundart
des Taunus und bedeutet auf hochdeutsch
"Winternacht", es handelt sich um ein germanisches
Fest, das entfernt an den keltischen Halloween erinnert. In
diesem subtil angelegten Script lernen wir Arved Richter
kennen, der sich in das verschlafene Dorf Maldenrath
zurückzieht. Das überraschend preiswerte Haus, das ihm
Bürgermeister Scholtes angeboten hat, erleichtert seine
Entscheidung. »Wendernoacht« ist ein spannender
Mystery–Streifen der behäbig im idyllischen Gewand
daherkommt, eine Art "Mord im tiefsten
Wald"–Spiel, bei der es nicht lospoltert, sondern die
unbehagliche Atmosphäre der Schockeffekt ist, die einen
wohligen Schauer und Gänsehaut hervorruft. Olaf von der
Heydt bezieht sich mit seiner Gruselgeschichte auf das Genre
der Gothic Novel. Hier sei an Richard Hurd erinnert, der in
der "Gothic Romance" etwas fand, das
"peculiarly suited to the views of a genius, and to the
ends of poetry" sei. Er untermauerte sein Lob mit einem
Beispiel aus der Architektur: "When an architect
examines a Gothic structure by Grecian rules, he finds
nothing but deformity. But the Gothic architecture has its
own rules, by which, when it comes to be examined, it is
seen to have its merit, as well as the Grecian".
Etwas fehlt fast immer auf der Landkarte des Lebens: ein Ort
wie Maldenrath, aber auch Raum und Zeit für Visionen. Wer
nach einer Nacht voll unruhiger Träume schon einmal versucht
hat, diese am nächsten Morgen auf Papier zu bannen, wird die
Frustration kennen: Was übrig bleibt vom unbewussten
Bilderrausch, sind meist rasch verblassende Details und
intensive Gefühlsschemen, die sich in keinen Plot mehr
fassen lassen. »Wendernoacht« führt in die innerste Provinz,
wo bei aller Wohlhabenheit der Frost und die Verstörung
hausen. Olaf von der Heydt kartographiert Seelen und führt
in seinem ersten großen Hörspiel durch ein beeindruckend
schauriges Panorama aus der globalisierten Provinz. Schon
auf den ersten Seiten des Scripts ist das Grauen in der
Idylle perfekt. Irgendetwas stimmt nicht mit den
Dorfbewohnern, schnell sieht sich Arved Richter ihren
Anfeindungen ausgesetzt und entdeckt einen Tagebuch des
Haus–Vorbesitzers, das ihn mißtrauisch werden läßt. Endlose
Müdigkeit sickert in die verwunschene Provinz, die Zeit
zerbricht mit dem Herunterfallen einer Uhr. In den
seltensten Fällen reden diese Provinzler so, wie ihnen der
Schnabel gewachsen ist. Sie haben vielmehr einige
Virtuosität dabei entwickelt, die entscheidenden Dinge nicht
zu sagen: Tod, Liebe, Angst werden verbal sorgfältig
umschifft. Dabei entsteht eine Form der Ungerührtheit, die
leicht zu Boshaftigkeit werden kann. Die einen quatschen
daher wie immer, während die anderen emotional verhungern an
den nicht gesprochenen Worten. Aus Unbeschwertheit wird
Vernichtung. Als sich Arved Richter auf die Spurensuche nach
weiteren Hinweisen begibt, gerät er in höchste Gefahr, denn
die Hinterweltler verbergen ein schauerliches Geheimnis. Es
geht bei »Wendernoacht« nicht um platten Horror, es geht ihm
vielmehr um eine scharfe Gesellschaftsstudie aus den
trostlos opulenten Zeiten heute, hier im tiefsten
Deutschland und überall, wo Wohlstand und Verwahrlosung sich
dicht verflechten – und dieses Bild einer kalten Vorhölle
gelingt ihm bestens. Aus der Kluft zwischen Ungesagtem und
Dahergequatschtem empfängt von der Heydt seine Kraft. Hier
macht sich das dramatische Sprechen fest, insbesondere wenn
es darum geht, der verstummten Unterschicht eine Sprache zu
geben, den ausgezehrten Seelen eine Stimme zu leihen. In
diesem Hörspiel zeichnet von der Heydt ein fein verästeltes
Winterbild der Gegend und des psychischen Zustands der
Menschen. Die liebliche Landschaft des Taunus und das
gruselige Psychogramm von verkommenen und zugleich
vernachlässigten Provinzlern, das sind die zwei realen
Seiten dieser Welt. Hier offenbaren sich schiefgelaufene
Existenzen, die auch der Wohlfahrtsstaat nicht immer
geradebiegen kann, schließlich sind es die Narben der
Vergangenheit, die am meisten brennen. Opfer müssen bis ans
Ende ihres Lebens mit Privat– Gespenstern auskommen; die
ihnen irgendwann zugefügten Qualen würden sie gar
weitergeben wie ein Erbleiden. Und so, kein Wunder, sind von
der Heydt Figuren einsame Helden – Einzelgänger, ewig fremd
in der Fremde, voller Furcht und voller Sehnsucht, mit
unscharfem Selbstbild. Das Herz der Finsternis schlägt auch
im Taunus, die Handlung kippt unweigerlich ins
Grand–Guignol, das Hörspiel macht den existenziellen Horror
sichtbar. Der Schlaf der Vernunft, so zeigt von der Heydt in
albtraumhaften Szenen, gebiert Ungeheuer, wie der Titel
einer der bekanntesten Radierungen Goyas diese künstlerische
Mission zusammenfaßt. Die Geister, die Ungeheuer, Kobolde,
Teufel und Hexen des Glaubens, sind die religiös–politischen
Geister des Totalitarismus, Fundamentalismus,
Antisemitismus, Hexenglauben, Frauenunterdrückung, Folter.
Am Ende dieser Geschichte und, rund 200 Jahre später, am
„Ende der Geschichte“, wissen wir, daß sich diese Gespenster
jederzeit wieder erwecken lassen.
Soweit der Eindruck, den das Skript gemacht hat. Nach einer
langen Vorgeschichte und dem Wechsel des produzierenden
Labels hat es mit der Produktion von »Wendernoacht« in 2008
endlich mit der Veröffentlichung des Hörspiels bei der
Hörfabrik geklappt. Bereits der Beginn dieser Inszenierung
zeigt allerdings auf, welche Welten die kommerziellen
Anbieter von den Anstalten des öffentlichen Rechts trennen.
Kaum hat man einen etwas lustlosen Beginn hinter sich
gelassen, klingelt das Telephon. Dort meldet sich ein
Sprecher, der im Ruhrgebietsdeutsch (das Stück spielt im
Taunus) von eine Bauern-„Kate“ zur „Karte“ verschwurbelt. In
der Sprecherliste finden sich ein paar bekannte Namen der
Szene wieder, ob man den Großteil aber tatsächlich als
Profis bezeichnen kann, erscheint eher fraglich. Die
musikalischen Zwischeneinspielungen erinnern eher an die Les
Humphries-Singers und auch die Regie vermag keine Akzente zu
setzen, brav und bieder wird hier vom Blatt inszeniert,
zuweilen meint man raschelndes Papier im Mund der Sprecher
zu hören. Dazu der Autor von der Heydt auf Nachfrage:
„Die Arbeit an dem Skript zu "Wendernoacht"
unterschied sich ja deutlich zu meinen bisherigen Arbeiten.
Bislang mußte ich dem Leser ja alles an Story mitgeben. Beim
Hörspielskript beschränke ich mich stark auf die Dialoge und
lasse damit zunächst dem Regisseur viele Freiräume die
Geschichte auszumalen. Natürlich hatte ich am Anfang einige
formale Probleme und auch der Wechsel vom Ausführlichen zum
Kargen fiel mir nicht leicht. Nach ein paar verworfenen
Anläufen hatte ich dann aber doch recht schnell einen für
mich vertretbaren Stil gefunden. Es half hier, daß für mich
"Ausführlichkeit" insofern ein Fremdwort ist, daß
mir jeder Satz, der für die Geschichte - oder zumindest zur
Bildung einer Pointe - nicht in irgendeiner Form wichtig
ist, als überflüssiger Luxus vorkommt. Will sagen, wenn es
für die Geschichte egal ist, wie das Wetter ist, dann
schreibe ich im Regelfall auch nicht, ob die Sonne scheint.“
? Der wichtigste Anspruch für einen Autor diese Genres
lautet: Er soll unterhalten und nicht langweilen.
! „Bei Wendernoacht habe ich versucht, mit den Dialogen und
Erzählparts allein, die Geschichte dahin zu lenken, wo ich
sie hinhaben wollte. Ich habe die Szenen zwar plastisch vor
meinem geistigen Auge, will sie aber nicht detailliert
beschreiben - denn hier soll Raum für Fantasie bleiben; zum
einen die des Regisseurs, der die Szenen vielleicht ganz
anders sieht, vor allem aber die des Hörers.“
? Daß »Wendernoacht« in einem Dorf im Taunus spielt, ist,
wie oben erwähnt, kein Zufall.
! „Die dörflichen Strukturen bieten ein unglaubliches
Potential für Geschichten aller Art. Das Beste: Man braucht
den Wahnsinn nicht erfinden, er existiert! Das Netzwerk in
einer solch kleinen Gemeinschaft ist unvorstellbar komplex.
Das Problem dabei, von innen erkennt man es kaum, von außen
durchschaut man es kaum. Ich habe viele Jahre selbst in
diesen Strukturen gesessen, bin quasi damit auf- und in sie
hineingewachsen. Oft, zu oft, habe ich mich auch durch sie
instrumentalisieren lassen, weil ich vielleicht zu jung war,
um es zu hinterfragen. Irgendwann gab es aber einen
erlösenden Knall, und seither sehe ich auch diesbezüglich
deutlich klarer. Der Vorteil ist, daß ich die Strukturen von
außen sehen kann und sie aber auch verstehe, weil ich sie
von innen kenne. Die Größe des Ortes hat den entscheidenden
Vorteil, daß bei aller Komplexität der gruppendynamischen
Vorgänge, diese in einem überschaubaren Rahmen stattfinden.
Trotzdem ist es immer noch groß genug, daß man eine Vielzahl
von Charakteren vorfindet, die als literarische Vorlagen,
kaum Wünsche offen lassen. Auch verliert man durch die
objektivere Sicht auch einiges an Scheu, und man traut sich
doch schon an eine etwas schonungslosere Darstellung der
Dinge heran.“
Schade, daß sich von dem Wahnsinn, der in der Provinz
nistet, in dieser Hörspielinszenierung kaum etwas
transportiert.
Matthias Hagedorn
»Die Misson«, 1998, Verlag71, Plön, fast vergriffen.
»Kurzarbeit«, 2006, erhältlich über die Hörfabrik
»Wendernoacht« 2008, erhältlich über die Hörfabrik
[*] Diese Rezension schrieb: Matthias Hagedorn (2008-03-07)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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