Die Dinge in Berlin haben eine Wendung genommen, die die
schärfste Kritik und die ernsteste Überlegung der Arbeitermassen
herausfordern.
Wir haben im Laufe der letzten Tage mehrmals offen und
deutlich ausgesprochen, daß die Führung der Berliner Massenbewegung
sehr viel an Entschlossenheit, Tatkraft und revolutionärem
Elan vermissen ließ. Wir haben klar herausgesagt, daß
die Führung hinter der Reife und der Kampfbereitschaft der
Massen weit zurücksteht. Wir haben sowohl innerhalb dieser
führenden Körperschaften durch Initiative und Überredung, wie
außerhalb - in der »Roten Fahne« - durch Kritik alles getan, um
die Bewegung vorwärtszutreiben, um die revolutionären Obleute
der Großbetriebe zum tatkräftigen Auftreten anzuspornen.
Doch alle Anstrengungen und Versuche sind schließlich an dem
zaghaften und schwankenden Verhalten jener Körperschaft gescheitert.
Nachdem man vier Tage lang die prächtigste Stimmung
und Kampfenergie der Massen durch völlige Direktionslosigkeit
hatte verzetteln und verpuffen lassen, nachdem man durch zweimalige
Anknüpfung der Unterhandlungen mit der Regierung
Ebert-Scheidemann die Aussichten des revolutionären Kampfes
aufs schwerste erschüttert und die Position der Regierung aufs
wirksamste gestärkt hatte, entschlossen sich die revolutionären
Obleute endlich in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag
zum Abbruch der Unterhandlungen und zur Aufnahme des
Kampfes auf der ganzen Linie. Die Parole Generalstreik wurde
ausgegeben und der Ruf: Zu den Waffen!
Das war aber auch die einzige Leistung, zu der sich die revolutionären
Obleute aufgerafft haben.
Es versteht sich von selbst, daß, wenn man die Parole zum
Generalstreik und zur Bewaffnung in die Massen wirft, man
alles tun muß, um die energischste Durchführung der Parole zu
sichern. Nichts dergleichen ist von den Obleuten unternommen
worden! Sie beruhigten sich bei der nackten Parole und - beschlossen
gleich am Donnerstag abend, zum dritten Male in Unterhandlungen
mit Ebert-Scheidemann einzutreten!
Diesmal gab die Einigungsbewegung, die unter den Arbeitern
der Schwartzkopff-Leute und einiger anderer Großbetriebe in Fluß
gekommen ist, den erwünschten Vorwand, um den eben in aller
Form eingeleiteten Kampf wieder abzubrechen. Die Arbeiterschaft
der Schwartzkopff-Werke, der AEG, der Knorr-Bremse
gehört zu den Kerntruppen des Berliner revolutionären Proletariats,
und ihre besten Absichten unterliegen gar keinem Zweifel.
Die Arbeiterschaft ist aber in diesem Falle selbst das Objekt
einer Mache, deren Drahtzieher die Haase-Leute: Oskar Cohn,
Dittmann und andere sind. Indem diese Leute in demagogischster
Weise mit den beliebten Schlagworten »Einigkeit«, »kein Blutvergießen« arbeiten, suchen sie die Kampfenergie der Massen zu
lähmen, Verwirrung zu säen und die entscheidende Revolutionskrise
in einem faulen Kompromiß mit der Gegenrevolution aufzulösen.
Es ist für jeden, der nicht getäuscht werden will, klar, daß
dieser Einigungsrummel, den die USP inszeniert hat, der denkbar
größte Dienst ist, den man in der gegenwärtigen Situation
den Ebert-Scheidemann erweisen konnte. Selbst in der Luft hängend,
vor der waghalsigen Kraftprobe mit der Arbeiterschaft
zitternd, von den schwankenden Truppen nur noch halb und
widerwillig gestützt, von der Bourgeoisie mißtrauisch angeknurrt,
erlebten die Verräter des Sozialismus in den letzten
Tagen die schwersten Stunden ihrer kurzen Regierungsherrlichkeit.
Das wuchtige Auftreten der Massen auf der Straße, die
Wendung, die die eigene brutale Provokation der Regierung in
der Eichhorn-Sache genommen hat, war diesen Abenteurern
über den Kopf gewachsen. Schon gaben sie sich halb verloren:
das zeigte deutlich die ganze Unentschlossenheit, die tastende
Unsicherheit ihrer gegenrevolutionären Maßnahmen in den letzten Tagen.
Da kamen ihnen als rettende Frist die Unterhandlungen und
schließlich die Einigungsbewegung. Die USP erwies sich hier
wieder als der rettende Engel der Gegenrevolution. Haase-Dittmann
sind von der Regierung Eberts zurückgetreten, aber sie
setzen auf der Straße dieselbe Politik des Feigenblatts der Scheidemänner fort.
Und die Linke der USP unterstützt und macht diese Politik
mit! Die Bedingungen für die neuerdings beschlossenen Unterhandlungen
mit der Regierung, die von den revolutionären Obleuten
angenommen wurden, sind von Ledebour formuliert. Man
verlangt von dieser Seite als Preis für die Kapitulation der Arbeiter
unter anderem den Rücktritt der Personen Eberts, Scheidemanns,
Noskes und Landsbergs von der Regierung. Als ob es sich
hier um Personen, nicht um eine bestimmte Politik handelte! Als
ob es nicht auf eine bloße Verwirrung und Irreführung der Massen
hinausliefe, die typischen und berufenen Vertreter der infamen
Politik der Scheidemänner von der Vorderbühne wegzuschieben
und durch irgendwelche farblose Statisten zu ersetzen,
die nur Strohmänner derselben Politik bleiben, während die
Ebert-Scheidemann hinter den Kulissen als Drahtzieher wirken
und sich so dem Gericht der Massen entziehen!
So oder anders läuft die ganze von der USP eingeleitete, von
den revolutionären Obleuten mitgemachte Unterhandlungspolitik
auf eine Kapitulation der revolutionären Arbeiterschaft, auf
Vertuschung der inneren Gegensätze und Widersprüche hinaus. Es
ist die Politik des 9. November, auf die die seit acht Wochen
gereifte Situation und politische Eintracht der Massen zurückgeschraubt
werden soll!
Die Kommunistische Partei macht diese beschämende Politik
selbstverständlich nicht mit und lehnt jede Verantwortung für
sie ab. Wir betrachten nach wie vor als unsere Pflicht, die Sache
der Revolution vorwärtszutreiben, uns allen Verwirrungsversuchen
mit eiserner Energie entgegenzustellen und durch rücksichtslose
Kritik die Massen vor den Gefahren der Zauderpolitik
der revolutionären Obleute wie der Sumpfpolitik der USP zu warnen.
Die Krise der letzten Tage ruft den Massen Lehren von höchster
Wichtigkeit und Dringlichkeit zu. Der bisherige Zustand der
mangelnden Führung, des fehlenden Organisationszentrums der
Berliner Arbeiterschaft ist unhaltbar geworden. Soll die Sache
der Revolution vorwärts gehen, soll der Sieg des Proletariats,
soll der Sozialismus mehr als ein Traum bleiben, dann muß sich
die revolutionäre Arbeiterschaft führende Organe schaffen, die
auf der Höhe sind, die die Kampfenergie der Massen zu leiten
und zu nutzen verstehen. Vor allem aber muß die nächste
Zeit der Liquidierung der USP, dieses verwesenden Leichnams
gewidmet werden, dessen Zersetzungsprodukte die Revolution
vergiften. Die Auseinandersetzung mit der Kapitalistenklasse
gestaltet sich in Deutschland in erster Linie als Abrechnung mit den
Scheidemann-Ebert, die die Schutzwand der Bourgeoisie sind.
Und die Abrechnung mit den Scheidemännern setzt voraus die
Liquidierung der USP, die als Schutzwand der Ebert-Scheidemann fungiert.
Klarheit, schärfster, rücksichtsloser Kampf allen Vertuschungs-,
Vermittlungs-, Versumpfungsversuchen gegenüber, Zusammenballung
der revolutionären Energie der Massen und Schaffung
entsprechender Organe zu ihrer Führung im Kampf: das sind
die brennendsten Aufgaben der nächsten Periode, das sind die
bedeutsamen Lehren aus den letzten fünf Tagen wuchtigster Anläufe
der Massen und kläglichsten Versagens der Führer.