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Jurij Trifonow - Das Haus an der Moskwa


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Autor
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Thema: Jurij Trifonow - Das Haus an der Moskwa
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LX.C
Mitglied
    1770 Forenbeiträge seit dem 07.01.2005

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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 12.08.2006 um 15:13 Uhr |
"Wer aus diesem Haus wegzieht, hört auf zu
existieren." Auszugsgründe finden sich viele, doch selten freiwillige.
"Das Haus an der Moskwa" ist eine schonungslose
Skizze der gesellschaftlichen Verhältnisse im
"klassenlos kommunistischen" Russland. Die
Handlung beginnt in den 30er und endet in den 70er Jahren.
Mit überraschender Offenheit lässt Jurij Trifonow
(1925-1981) den weichspülenden Sozialistischen Realismus
hinter sich. Mutig spricht er Strukturen und Machenschaften
an, die sich tief in das Unterbewusstsein der russischen
Seele eingegraben haben.
Im Mittelpunkt steht die Geschichte Glebows, ein Junge aus
armen Arbeiterverhältnissen, der nicht im Haus an der Moskwa
wohnt, jedoch in der Nachbarschaft, in einer aufgrund des
städtischen Wohnungsmangels üblichen Wohnkommune. Fast
täglich geht er im Haus an der Moskwa, dem luxuriösen
Bonzenbollwerk, ein und aus, da dort viele seiner
Schulfreunde leben. Hier lernt er auch, was der Ausruf
"Klassenlose Gesellschaft" tatsächlich zu bedeuten
hat, nämlich absolut nichts. In Prunk und auf großzügigstem
Raum residieren die Elitefamilien seiner Spielkameraden,
kennen keinen Hunger und keine materiellen Nöte. Offenbar
ein Ansporn für Glebow, der die passenden Eigenschaften dazu
mitbringt, sich in einer Gesellschaft voller Misstrauen,
Hinterhältigkeit und Denunziantentum zu behaupten. Denn
Glebow besitzt die "seltene Gabe: überhaupt keiner zu sein" und "Leute die die Kunst, überhaupt keiner zu sein, bis zur
Vollkommenheit ausbilden, bringen es weit."
So geht er nach dem Krieg eine Liebschaft mit der Tochter
seines Universitätsprofessors ein, wohnhaft im Haus an der
Moskwa, bei der er in Kindheitstagen schon regelmäßig zu
besuch war. Doch hier gerät Glebow erstmals existenziell
bedrohlich in die Zwickmühle des Staatsapparates. Seine
Aussagen und Auskünfte wollen sich die Parteischergen
zunutze machen, um sich dem in der Welt hoch angesehenen,
aber der Universität längst lästig gewordenen Professor
Gantschuk, seinem Förderer und Schwiegervater in spe, zu
entledigen.
Parallel dazu erfahren wir von Ljowka, Glebows bestem
Schulfreund, um dessen Gunst alle buhlen, da er, aus einer
Adels- und Funktionärsfamilie stammend, mit einer
Schreckschusspistole und einer gehörigen Portion
Selbstsicherheit aufwartet. Während sich die Freunde nach
dem Krieg noch als Studenten wiedersehen, geht der Weg des
Arbeiterjungen steil bergauf und der des Politikersohnes
steil bergab. Der Kontakt verliert sich. Erst nach über
einem Jahrzehnt treffen beide, der ehemals Reiche besoffen
und zerlumpt, der ehemals Arme geschniegelt und beleibt, in
einer Gasse am Schwarzmarkt erneut aufeinander, in der auch
der Roman seinen Ausgangspunkt nimmt.
Jurij Trifonow versteht es, den Leser zu unterhalten. In
keiner einzigen Zeile kommt so etwas wie Langeweile auf.
Prägnant auf den Punkt gebracht, ohne sich zu verlieren,
verdichtet er eine Zeitspanne von circa 40 Jahren. Dazu
kommt ein Schuss Ironie, so dass man trotz des ernsthaften
Themas häufig schmunzeln muss. Das Leben ist eben selbst in
der ernsthaftesten Gesellschaft nicht immer nur ernsthaft.
Wunderbar. Die Seiten vergehen also im Fluge. Einzig ein
Ich-Erzähler, der von Kapitel zu Kapitel im Wechsel mit der
distanzierten Erzählweise regelmäßig auftaucht, sorgt
zunächst für Verwirrung, denn man kann ihn nicht
identifizieren. Ein gekonntes Stilmittel? Man wird dadurch
zumindest immer wieder angehalten, die Konzentration auch
nach Stunden nicht zu verlieren. Und Stunden sind es
wirklich, die man problemlos am Stück mit diesem Buch
zubringen kann.
IP: geloggt .
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Kenon
Mitglied
  680 Forenbeiträge seit dem 02.07.2001

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| 1. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 18.11.2006 um 15:19 Uhr |
Zitat:
Mit überraschender Offenheit lässt Jurij Trifonow
(1925-1981) den weichspülenden Sozialistischen Realismus
hinter sich.
Selbst bei Malyschkins Dreizehntem Winter, der 1937/38
erschien, also direkt in der Zeit des Großen Terrors, bin
ich überrascht von der Offenheit, mit der von
gesellschaftlichen Problemen berichtet wird - allerdings
wird niemals das System als Ganzes in Frage gestellt, im
Gegenteil. Malyschkin starb dann 1938 - leider kann ich seit
Monaten nicht herausfinden, woran.
Zitat:
Peredelkino-Bewohner wie Boris Pilnjak, Kornej Tschukowskij
oder Stepan Schtschipatschow sind auch heute noch beliebt in
Russland. Andere, von sowjetischen Ideologen zu „offiziellen
Genies“ erklärt, gerieten mit der Zeit in Vergessenheit. Nur
Fachleute kennen noch den Namen des Schriftstellers
Malyschkin, dem einst das Haus in der Pawlenko-Straße 3
gehörte, in dem Boris Pasternak seit 1939 lebte. Heute
befindet sich dort ein Museum über den verhinderten
Literatur-Nobelpreisträger.
Quelle: Moskauer Deutsche Zeitung
Was macht diese angestaubte Sowjetliteratur eigentlich heute
noch interessant? Vielleicht auch ihr pädagogischer Wert?
IP: geloggt
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LX.C
Mitglied
    1770 Forenbeiträge seit dem 07.01.2005

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| 2. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 18.11.2006 um 15:51 Uhr |
Diese Nachricht wurde von LX.C um 16:04:59 am 18.11.2006
editiert
Sie ist ja vermutlich für die wenigsten interessant. Die
meisten rümpfen doch eher die Nase. Für mich persönlich ist
es ihr pädagogischer Wert, ja ganz richtig, insbesondere die
Charakterbildung unter Vernachlässigung egoistisch
materieller Schwerpunkte ist immer wieder interessant. Sei
es nun der Kampf für eine bessere Welt oder das
Zurechfinden, das sich finden, das sich selbst treu bleiben
in einer schwierigen Umwelt, was ja nur mit großem Spagat
möglich war. Die persönliche Vergangenheit spielt natürlich
auch mit rein. Ein art Sehnsucht sich orientieren zu wollen,
in einer Welt, die mit der Pubertät abrupt ihr Ende fand,
ohne die Richtigkeit dieses Endes infrage stellen zu wollen.
IP: geloggt .
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Kenon
Mitglied
  680 Forenbeiträge seit dem 02.07.2001

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| 3. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 18.11.2006 um 16:09 Uhr |
Ja, so ähnlich sehe ich das auch. In diesen Büchern steckt
für mich viel von meiner untergegangenen Heimat. Und: Wer
betrachtet Heimat schon moralisch?
IP: geloggt
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