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Literaturforum:
Ausweitung der Kunstzone


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Autor
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Thema: Ausweitung der Kunstzone
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Matze
Mitglied
  509 Forenbeiträge seit dem 09.04.2006

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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 01.06.2007 um 05:05 Uhr |
„Ein Bild ist – bevor es ein Schlachtpferd, eine nackte Frau
oder
irgendeine Anekdote darstellt – vor allen Dingen eine plane
Fläche, die
in einer bestimmten Ordnung mit Farben bedeckt ist“,
beschreibt Maurice
Denis den Ausgangspunkt, mit dem ich die Arbeiten von
Margareta Hesse
ergründen möchte. Daraus wird in der Mitte des 20.
Jahrhunderts der
einflußreiche Kritiker Clement Greenberg die These ableiten,
„daß der
eigene und eigentliche Gegenstandsbereich jeder einzelnen
Kunst genau
das ist, was ausschließlich in dem Wesen ihres jeweiligen
Mediums
angelegt ist“. Für die Malerei soll dieses Eigentliche vor
allem in der
„Betonung der unvermeidlichen Flächigkeit des Bildträgers“
bestehen.
Von diesem Standpunkt aus erscheint realistische Kunst als
Verleugnung
des Mediums und surrealistische Malerei bloß als „gemalte
Literatur“.
Geht man stattdessen von einem erweiterten Modernebegriff
aus, der den
Realismus und die historischen Avantgarden mit umfaßt, dann
läßt sich
die Eliminierung des Literarischen aus der Malerei als eine
Bestrebung
innerhalb der bildkünstlerischen Moderne ausmachen, die
nicht zuletzt
deshalb als das entwicklungslogische Prinzip der
postmodernen Malerei
erscheinen konnte, weil sie durch einen programmatischen
Begriff
gestützt wurde. Die Kunstwelt zerfällt in zwei Hälften: in
eine, die an
einem pathetischen, kritischen Kunstbegriff festhält und von
‚Kunst’
erwartet, daß sie neue Sichtweisen eröffnet, durch visuelle
Schocks und
Verführungen das Sehen und Denken nachhaltig ändert,
vorsprachlich
etwas aufscheinen läßt, was anders nicht formulierbar ist –
und in
eine, die zwischen Kunst, Design und Kunsthandwerk nicht
mehr trennen
mag und nur noch danach urteilt, ob etwas „formal gelungen“
ist. "Das
Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet" –
Joseph Beuys ließ auf
seine Worte 1964 eine Aktion folgen. Das Schweigen – oder
vielmehr: die
Verweigerungsstrategie – seines Kollegen konterkarierte
Beuys, indem er
Duchamps Readymade–Idee durch seine eigene Theorie der
"sozialen
Plastik" erweiterte. Künstler sind so wichtig wie die
Politiker, in
ihrer Fähigkeit, die Welt zu verändern. Die moderne Kunst
spiegelt die
Werte und die Sorgen unserer Gegenwart, dem Publikum werden
Türen
geöffnet über neue Art und Weisen, wie wir unseren Werten
Ausdruck
verleihen können. So kann man sich mit der Kunst des 21.
Jahrhunderts
Zeit ins Benehmen setzen. Auch aktuell stellt sich die
Frage, ob sich
auf intelligente Weise Kunst produzieren läßt, indem man
konzeptuelle
Hermetik auf der einen sowie frischfrommfröhliche Malerei
auf der
anderen Seite gewissermaßen am Schopf packt und in eine ganz
andere,
eigene Richtung zerrt.
Margareta Hesse, die seit 1995 Professorin an der
Fachhochschule in
Dortmund ist, ist eine Figur der Ermutigung vor allem für
junge
Künstlerinnen. Den Versuch, ihre Werke als feministisches
Statement zu
lesen, zum Beispiel weil sie den weiblichen Körper und seine
Verletzbarkeit zu einer Zeit sichtbar machte, als dies für
andere
Künstlerinnen schon eine politische Aussage war, wies sie
selbst zwar
oft zurück. Aber nicht zuletzt, weil solche Lesarten möglich
waren,
waren ihre Werke auch in vielen männlich dominierten
Sammlungen begehrt
als Beleg für die Aufgeschlossenheit gegenüber
Künstlerinnen. Ihre
Bilder stellen keine Zitate der ikonischen Moderne dar oder
Anspielungen auf bestimmte Schulen oder Agenden, sondern
streben
trotzig nach Bewahrung ihrer eigenen Autonomie. Das
Poetische und das
Mechanische gehen in vielen Arbeiten eine spielerische
Verbindungen
ein, die auch gerade da, wo sie das Schöpferische der Kunst
zu
ironisieren scheinen, nie die Lust am Narrativen und an
einer
zärtlichen Zugewandtheit zu jeder Form von Entstehungsprozeß
verlieren.
Paragone heißt der Wettstreit der Künste. Das intellektuelle
Projekt,
die Rangfolge der klassischen Disziplinen Malerei,
Bildhauerei und
Architektur festzulegen, wurde in der Renaissance Italiens
geboren.
Während die Maler auf ihre illusionistischen Fähigkeiten
verwiesen,
punkteten die plastischen Künstler mit der Vielansichtigkeit
ihrer
Werke. Für das Medium der Bildhauerei hat sich Margareta
Hesse bei den
»tubes« entschieden, weil konventionelle Mittel der
architektonischen
Repräsentation wie der Grund– und Aufriß oder die Isometrie
ihrer
Meinung nach dem Entwurf und der Darstellung ihrer
experimentellen
Raumgebilde nicht genügten. Hier zeigt sich, daß ein
wesentlicher
Aspekt der Arbeiten die Auseinandersetzung mit verschiedenen
Materialien ist und den sich aus ihrer Zusammenführung
ergebenden
Kontrasten. Sie benutzt sehr gegensätzliche Materialien für
ihre
Objekte und findet für ihre Werke stets ästhetisch
schlüssige Lösungen,
bei denen jedes Material seine Wirkung voll entfalten kann.
Ihre
Recherche und Lust galt bei den tubes dem Ausdruck der
Materialien und
Formen im Objekthaften, dem Balanceakt zwischen neutral
geometrischer
Form und semantischer Aufladung. Man könnte fast annehmen,
es handele
sich um abstrakte Arbeiten, die von architektonischer
Vorstellungskraft
zeugen, aber keine physische Wirklichkeit wiedergeben.
Charakteristisch
ist das Nebeneinander unterschiedlicher Perspektiven, das es
den
Betrachtern schwer macht, die Bilder zu dechiffrieren. Was
sich da
zwischen Holz und Stahl manifestiert sind
Architektur–Utopien, die an
die von gesellschaftlichem Aufbruch und technischem
Optimismus
geprägten 1960er Jahre ebenso anschließen wie an die
Arbeiten der
konstruktivistisch ausgerichteten russischen Avantgarde der
1920er
Jahre.
Ihre Kunstwerke haben etwas Lukullisches, wie es Bertolt
Brecht nannte.
Die Form darf nicht abgelöst werden vom Inhalt, und der
Inhalt braucht
eine angemessene Form. Während ihre frühen Arbeiten mit
ihren
(de)konstruktivistischen Anleihen von einer
Hard–Edge–Ästhetik geprägt
sind, zeigt sich in den jüngeren Projekten wie »einmal auf
dem wasser
gehen und in die tiefe sehen« von urbanem Maßstab mehr und
mehr eine
Tendenz zur Verflüssigung, indem sich die futuristischen
Entwürfe als
geronnene Hohlformen dynamischer Kraftfelder oder als
Kommunikations–
und Bewegungskanäle der Stadt erweisen. Das Thema der
Verflüssigung des
Raumes die grundlegende Entwicklungstendenz von Margareta
Hesses
Arbeiten in den vergangenen drei Jahrzehnten knüpft überdies
an den
Genius Loci an, wurde doch schon Donald Judds Arbeiten in
der
zeitgenössischen Kritik als Triumph räumlicher Verflüssigung
gefeiert.
Die Dialektik zwischen dem Oberpriester der Moderne und der
Diva des
zeitgenössischen Kunstbetriebs würde in diesem Spannungsfeld
noch eine
pointierte Inszenierung erlauben. Zwischen dem mentalen Bild
der
Künstlerin und dem Realisat klafft demnach eine erhebliche
Lücke, falls
beide überhaupt je zur Deckung gelangen. Das Interesse der
Künstlerin
gehört einem Material, das eigentlich vollkommen banal
scheint:
Polyester. Scheinbar ein rein funktionales Baumaterial, das
unter
anderem zu Zwecken des Sichtschutzes oder bei der
Herstellung von
Segelflugzeugen eingesetzt wird. Durch das Übereinanderlegen
mehrerer
Polyesterplatten erhalten ihre Arbeiten eine Räumlichkeit
und
Mehrschichtigkeit, die sie von der Wand distanziert und in
einen
scheinbaren Schwebezustand versetzt. Mit diesen Arbeiten
emanzipierte
sich von der Schwere und Wuchtigkeit ihrer Wachs überzogenen
Arbeiten
auf Holzplatten. Ein konzeptuelles Geflecht, das seine
tückischen
Mechanismen hinter vordergründigen Sinnzusammenhängen
versteckt, seine
wuchernde Komplexität unter einer oberflächlichen Ordnung.
Und dessen
Schöpferin beim Gang durch die Ausstellung scheinbar über
uns steht,
unsere Wahrnehmungskonventionen entlarvt, unsere
Klassifizierungsstereotype analysiert. Die Anstrengungen,
die
unternommen werden, um das Profil eines individuellen
Künstlers zu
schärfen und die Identität eines Werks zu definieren, also
den
Ordnungsprinzipien einer Disziplin zu genügen,
konterkarieren oder
dekonstruieren diese Zielsetzung immer auch.
Von visueller Prägnanz und bisweilen berückender Schönheit
sind ihre
»Transluzide«. Margareta Hesse malt keine
Allegorie–Hausaufgaben,
sondern zuweilen sehr ätherische Bilder. Sie wirft das
lästige "Was
bedeutet denn das?" entschlossen über Bord, kann sich
auf das
konzentrieren, was so grandios vor Augen liegt. Die Malerin
ist dazu
übergegangen, die Leinwand nicht länger als begrenzte Fläche
zu
betrachten, innerhalb derer sich ein Spiel der
Korrespondenzen
figürlicher oder abstrakter Formen entfaltet, sondern als
Arena für
künstlerische Handlungen, den puren Vollzug von Malerei
sozusagen,
dessen Spuren sichtbar blieben. Margareta Hesse vermag sich
von den
Zwängen konventioneller und sorgsam elaborierter Kunstregeln
unbeschwert zu bewegen und mit Hilfe ihrer Werkzeuge die
Dynamik des
schöpferischen Geistes in einem ungeheuer konzentrierten Akt
als
unmittelbare Niederschrift zu dokumentieren. Diese Arbeiten
sind
ungegenständlich, sie leben von dem Gegensatz zwischen
strengen,
seriellen Strukturen und natürlichen malerischen Elementen.
Mattierte
und aufgerauhte Flächen erzeugen Transparenz und Unschärfe.
Ihre
durchleuchteten Bilder ergreifen mit ihrer materiellen, wie
farblichen
Präsenz vom Raum Besitz. Das Projekt »Transluzide« lebt von
der
Variation klar festgelegter, reduzierter bildnerischer
Mittel innerhalb
einer strengen geometrischen Systematik. Die reine
Farbigkeit, die dem
Betrachter entgegenleuchtet, nimmt einen geradezu in einem
optischen
Sog gefangen. Der Gegensatz von Materialität und
Immaterialität, von
Sichtverweigerung und Einsichtgewährung, von Verschleierung
und
Transparenz wird spielerisch aufgehoben. Farbe wird zur
Geltung
gebracht und zurück genommen, Form geoffenbart und wieder
verborgen.
Spannungsreich sind die Arbeiten dadurch, daß sie den
Anschein haben,
in steter Entwicklung begriffen zu sein, denn was genau
sichtbar wird
im jeweiligen Augenblick, was sich den Blicken plötzlich
wieder
entzieht, bestimmt zum einen das Licht, zum anderen der
Betrachter
selbst, der sich veranlaßt sieht, vor dem Bild auf und ab zu
gehen, die
Räume zwischen den einzelnen Polyesterplatten zu erforschen
und sich
vor den aus Silikon gearbeiteten Öffnungen auf den Bildgrund
niederzubeugen. Das Licht fällt durch die zwei in Distanz
hintereinander montierten farbigen, oft orange– und
rotgetönten Platten
und eröffnet einen luftigen, im wahrsten Sinn des Wortes
schwebenden
Sehraum, der je nach Betrachterstandort verschieden
wahrnehmbar wird;
es tritt also im Werk der Künstlerin als Protagonistin auf
und wird
selbst zum Akteur.
Ich bin ein Amateur, weil in dem Wort Amateur das Wort Amour steckt.
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Matze
Mitglied
  509 Forenbeiträge seit dem 09.04.2006

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| 1. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 01.06.2007 um 05:05 Uhr |
Die vom Licht modulierte Oberfläche der »Transluzide« ist
keine
glasklare, kalte Platte, sie hat durch eingeschlossene
Glasfasern eine
zarte, sinnliche Struktur, die das Technoide hinter sich
läßt, oder sie
sabotiert bewußt die Transparenz dadurch, daß Margareta
Hesse die
Polyesterplatten mit dem Schleifpapier aufraut oder
gemischte Farben
hinzufügt. Die signifikante Materialität des pastos
aufgetragenen
Schelllacks, erinnert an erstarrten Honig, diese ist prägend
für diese
Arbeiten. Der Zwischenraum lädt dazu ein, vor dem Bild oder
auch
seitlich wechselnde Standpunkte einzunehmen um
durchzublicken, sein
Gemachtsein zu erfahren und seine Machart herauszubekommen.
Durch die
Variation unterschiedlich breiter, senkrechter und
waagerechter Linien,
durch die Oberflächenmattierung auf Vorder– und Rückseiten,
den Einsatz
unbearbeiteter Flächen und die Kombination von zwei
Kompositionsplatten, die mit Distanz zueinander und zur Wand
voreinander gehängt werden, entstehen unterschiedliche
Kompositionen.
Dabei bleibt die Farbigkeit reduziert auf die Materialfarbe
des
Schellacks, und kontrastierend dazu ist das lichtschluckende
Schwarz
eingesetzt. Die Module dieser Bildserie sind in Anzahl und
Reihenfolge
unterschiedlich kombinierbar. Die Serie ist keine in sich
geschlossene
Einheit und verändert sich durch unterschiedliche
Lichtsituationen.
Margareta Hesse sucht den Ausgleich zwischen Natur und Kunst
bzw.
Künstlichkeit, aber auch zwischen dem Rhythmus und
nüchterner Strenge,
Industriematerial und Naturbelassenheit. Diese coincidentia
oppositorum
einer artifiziellen Natur spiegelt sich auch im Verhältnis
von
Einzelbild und Serienmodul wider. Wirken die Arbeiten
durchaus von sich
aus und allein, das heißt individuell, so gewinnen sie an
konkreter
Überformung durch die strenge Reihung an der Galeriewand –
im ersten
Fall steht die sinnliche Erfahrung im Vordergrund, im
zweiten der
musikalisch–abstrakte Rhythmus. Margareta Hesse nutzt als
Bildträger
Polyesterplatten, die durchsichtig, aber nicht transparent
sind,
aufgerauht oder unbehandelt legen sie sich wie ein Schleier
über
darunter liegende Motive, dreidimensionale Durchsichten
erzeugend. In
den weißlichen Polyesterplatten fand Margareta Hesse ein
ambivalentes,
ästhetisch keineswegs leicht einzuordnendes Material, das
sie
faszinierte – Polyester ist gleichzeitig Plastik und wirkt,
aufgrund
der an die Strukturen der menschlichen Haut erinnernden, von
feinen
Adern durchzogenen Oberfläche mit den eingeschlossenen
Glasfasern,
beinahe organisch. Schellack, Acryl und Silikon werden als
Träger
subtiler Farbigkeiten auf dem transparenten Untergrund
genutzt. So
wertlos die Materialien scheinen, so ästhetisch ist das
künstlerische
Ergebnis aus Polyester, Silikon, speziell aufbereiteter
Ölfarbe,
Lackfarbe und Schellack. Das Material dominiert größtenteils
die mit
opaken Farben aufgetragenen Strukturen. Jedes Wandobjekt
spricht vom
Talent der Künstlerin für das Zusammenführen von Disparatem,
von Hesses
Sensibilität im Umgang mit einem äußerst reduzierten
Formenrepertoire
und von der Vorliebe für Linien, die mal dünner, mal dicker,
mal quer,
mal längs, mal abgezirkelt, mal fließend die Kunstwerke
konstituieren,
die den Transluziden eine reliefartige Oberfläche verleihen
oder die
Objekte durchfurchen und ihnen so zur Tiefendimension
verhelfen. Was
bleibt, ist Malerei, die einen kostbaren
Kunstgeschichtsaugenblick lang
einmal nicht in der Form erstarrt scheint, die gleichsam
unvermindert
als sinnliche Kraft weiterlebt. Diese Arbeiten bezeugen
Margareta
Hesses intensive Recherche an der Schnittstelle von
Architektur und
bildender Kunst.
Dem Augenreiz folgen, hinter den Spiegel sehen. Margareta
Hesse
versteht Kunst als Komposition von Bildern, welche
Sinneseindrücke
auffangen und den nie linearen Prozeß der Erinnerung samt
gegenwärtigen
Assoziationen, Gedanken, Abschweifungen nachvollziehen.
Augenfällig wir
dies bei den Experimenten „Rotstücke“ / „Grünstücke“. Hier
wird die
coole Flächigkeit verdrängt von Raum und Perspektive. Ist
die
materielle Identität eines Bildes in Bezug auf seine
räumlichen
Grenzen, den konkreten Umraum, seinen ersten Kontext, nicht
präzise zu
definieren, so ist es auch in der Zeit, das heißt im
künstlerischen
Prozeß, der sich in den Malschichten niederschlägt, nicht
eindeutig
fixierbar. Die künstlerische Fantasie bricht sich direkt
Bahn, nicht
behindert durch die Schranken der Kontrolle des Vorgewußten.
Das
Ergebnis dieser Experimente ist ein vielfach vernetztes,
sich
überschneidendes, heftig pulsierendes Gefüge von Linien und
Tropfen
unterschiedlicher Farbe, in das die Betrachter eintauchen
müssen, um es
ganz zu erfahren. Es entstehen zwingende Formen, die ihre
Komplexität
nur nach längerer Zeit preisgeben. Diese Arbeiten sind auf
den ersten
Blick tatsächlich keiner gängigen Richtung der
zeitgenössischen Malerei
zuzuordnen. Margareta Hesse malt nicht gegenständlich ihr
Interesse ist
rein ästhetisch. Was in dieser Reihe entsteht, sind
geometrische
Formen, die von ferne an Op–Art denken lassen, an die
Abstraktionen der
Moderne. Dabei zitiert die Künstlerin nicht, sondern
überführt das
Historische in eine unbedingt zeitgenössische Bildsprache.
Jeder
Linienschwung, jede rasende Ellipse und jede
Farbschattierung wirkt so
unverwechselbar und kostbar, wie es gute Malerei nur sein
kann. Während
aber die Op–Art eher unsere Wahrnehmung auf komplett
unsemantischer
Ebene testet, entfalten dagegen die Rot– und Grünstücke eine
verführerische Gegenständlichkeit, die sie zwar nicht
intendiert aber
akzeptiert hat.
Margareta Hesse öffnet uns wieder die Augen dafür, wie
aufregend
abstrakte Malerei sein kann. Die Artistin begnügt sich auch
nicht mit
herkömmlichen Malmitteln, sondern verwendete kunstfremde
Materialien.
Damit schließt sie Fenster der Malerei zum Raum hin
endgültig auf und
erweitert die Leinwand zum vitalen Kraftfeld. In ihren
Nachtvisionen
geht sie bis hart an die Grenze der totalen Auflösung, bis
nur noch ein
letzter Verweis auf die Körperwelt – ein isoliertes Auge
oder die
Andeutung einer Schädeldecke – übrig bleibt. Der Weg zur
Ungegenständlichkeit führt zu Schmutz und Reinheit,
Vergeistigung und
Leidenschaftlichkeit, zwischen Freiheit und Notwendigkeit
hindurch.
Auch die Oberfläche des Gemäldes stellt keine sichere
Bildgrenze dar,
die den Willen der Künstlerin repräsentierte. Sie kann als
die
kontingente Formation einer instabilen Tiefendimension
gedeutet werden,
denn Röntgenaufnahmen haben eine Vielzahl an Malschichten
und
Pentimenti festgestellt, die teils mit erheblichen
konzeptionellen
Änderungen verbunden sind. Zuweilen herrscht in den Bildern
Ordnung und
Nüchternheit, es sind entvölkerte Bilder, Pinselspuren,
Farbwülste und
Glanzeffekte entwickeln eine eigene Wirkmacht.
Mehrere Museen in NRW widmen Margareta Hesse in 2007/08 eine
konzentrierte und inspirierte Ausstellung, die sich weder
als Hommage
gebärdet noch dem Gestus der Retrospektive verfällt. Die in
enger
Zusammenarbeit mit der Künstlerin entwickelte Schau
erscheint vielmehr
als eine künstlerische Standortbestimmung, die Raum für Raum
in Szene
setzt, wofür dieses Werk steht: das systematische
Ineinandergreifen von
Körpererfahrung, skulpturaler Geste, poetischer Imagination
und
medialer Reflexion. "All in the present must be
transformed" könnte man
die künstlerischen Metamorphosen auch beschreiben.
Vielleicht sollte
man da direkt mit der Transformation dieser Ausstellung
beginnen. Mit
diesen Arbeiten sucht Margareta Hesse die Verschmelzung von
Kunst und
Leben voranzutreiben und darüber hinaus die Ebene von Kunst
in die
immaterielle Sphäre der Gedanken und Ideen zu verlagern.
Margareta
Hesse gehört zu den wirklich relevanten Malern unserer Zeit,
die lange
zu Unrecht im Schatten der modischen neuen Figürlichkeit
stand. Der
Text zur Kunst, die Theorie zum Bild, die
Entzifferungsanleitungen, die
der Künstler und Kunsttheoretiker seinen Bildern allgemein
vermittelnd
an die Seite stellt, könne dieses "richtige
Erleben" letztlich niemals
ersetzen: Die Künstlerin und das aus ihr entsprungene Werk
wird
unbedingt dem Zuschauer, welcher dazu fähig ist, feinere
Emotionen
verursachen, die mit unseren Worten nicht zu fassen sind.
Wessen Seele
vor dem Nebel des Mauve und dem herandrängenden Gelb auch
beim besten
Willen und gewissenhaftesten Dechiffrierungsbemühen nicht zu
vibrieren
beginnt, dem ist also offenbar leider am Ende gar nicht zu
helfen. Das
Rhizom scheint unter Kontrolle. Doch dann offenbaren diese
vordergründigen Ordnungen plötzlich Mechanismen, die voller
Tücke sind.
Die Spannungen zwischen der Semantik, der traditionellen
Ikonographie,
und der aktuellen Syntax, die Margareta Hesse erfindet,
nimmt den
einzelnen Zeichen bereits ihre Eindeutigkeit. Sie tangieren
auch die
semantischen Relationen zwischen den Zeichen, das heißt in
der Sprache
der Kunstgeschichte die Komposition des Bildes und seinen
Bedeutungssinn. Diese Widersprüche, die Brüche oder
Abweichungen, die
ihr Bild von der Bild– und Texttradition unterscheiden, den
beiden
primären Referenzialen der innerbildlichen Zeichen,
versuchen die
Interpreten aufzulösen. Es lohnt, sich auf dieses Angebot
einzulassen.
Zu entdecken ist nicht zuletzt eine überraschungsreiche
Metaphernmaschine, die aber nicht selbstreferenziell nur die
Kunst,
sondern weiter auch Alltag, Politik und Gesellschaft
kritisch ins Auge
faßt. Es sind gerade diese auf den ersten Blick nicht
unbedingt
wahrnehmbaren Eingriffe, die das Werk von Margareta Hesse
auch in
anderen Ausstellungen als eine übergreifende Geste
erscheinen lassen,
in der Wissen und Erfahrung, Geschichte und Gegenwart,
Reflexion und
Einfühlung einander durchdringen. Gerade diese als
übergreifender
Erfahrungsraum angelegte Ausrichtung dieser
Ausstellungsreihe verleiht
der Wahrnehmung ihres Werkes neue Schärfe. Die Bewegung der
Objekte und
die Wandlungsfähigkeit ihres Ausdrucks existieren nicht
einfach in der
Zeit, sie sind vielmehr gelebte Zeit. Große Kunst besteht
immer darin,
das so genannte Faktische, das, was wir über unsere Existenz
wissen, zu
verdichten und es in einem neuen Licht erscheinen zu lassen.
Ihre
präzisen Setzungen, ungewöhnlichen Materialkombinationen,
fragilen und
zugleich monumentalen Konstruktionen reflektieren die
umgebende Welt
und die Brüchigkeit des menschlichen Daseins. Das
Unbestimmte ist Teil
der Ausstrahlung und der Qualität der Kunst von Margareta
Hesse. Ihr
Geheimnis zu lüften, hieße, kunstgeschichtlich faßbar zu
machen, was
sich im Grunde jeder Interpretation widersetzt. Das
Beziehungsgeflecht
zwischen ihren Arbeiten hält Erinnerung und Besucher wach.
Matthias Hagedorn
Ausstellung im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm vom 24. Juni bis
zum 12.
August, Ausstellungseröffnung am 24. Juni um 11.30 Uhr
in der Städtischen Galerie im Schloßpark Strünkede vom 9.
November 2007
bis zum 6. Januar 2008
im Museum Siegburg vom 4. Mai bis 15. Juni 2008
Ich bin ein Amateur, weil in dem Wort Amateur das Wort Amour steckt.
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