Hermes
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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 02.11.2007 um 22:09 Uhr |
Den Titel "Jahrmarkt der Eitelkeit" zitiert der
Verfasser im "Roman ohne Held", so der Untertitel,
unzählige Male. Er fügt ihn in solchen Momenten ein, in
denen der Autor unterschwellig seine Meinung zu den eben
geschilderten Begebenheiten durchscheinen lässt.
"Jahrmarkt der Eitelkeit", oder im Original
"Vanity Fair", ist sicher das bekannteste Werk
des englischen Romanciers. Es geht im Wesentlichen um die
vielschichtige englische Gesellschaft des frühen neunzehnten
Jahrhunderts, also der viktorianischen, oder, wenn man so
will, der napoleonischen Zeit. Die während der Handlung
vergehende Zeit erstreckt sich über etwa zwanzig Jahre (ca.
1810-1830).
Die beiden Hauptfiguren, Amelia Sedley und Rebekka (Becky)
Sharp könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Amelia
ein liebenswertes, treues, aber naives und ein bisschen
tumbes Geschöpf ist, würde man Becky heutzutage wohl als
geldgeile, durchtriebene Verführerin charakterisieren. Beide
lernen im Institut der Miß Pinkerton, einer renommierten
Schule, woraufhin sie sich nach ihrer Entlassung zunächst
aus den Augen verlieren, sich aber im Laufe des Romanes
immer wieder begegnen.
Die Geschichte, die beide Charaktere durchlaufen, stellt den
roten Faden dar, der das über tausendseitige Werk
durchzieht. Amelia heiratet den gutaussehenden, aber
liederlichen Offizier George Osborne aus (neu-)reichem Haus,
dessen Vater Amelias Vater aufgrund dessen eigenen
Bankrottes verachtet und aus diesem Grunde die Heirat seines
Sohnes nicht für standesgemäß hält und ihn aus der Familie
ausstößt. George wiederum genießt, verpraßt und betrügt
seine Frau mit der hübschen Rivalin Becky.
Bei der Schlacht von Waterloo fällt George, und Amelia
fristet in bitterer Armut als Witwe ihr Dasein, selbst nach
Jahren unfähig, für neue Bekanntschaften offen zu sein.
Einzig die Freundschaft zum Major, dem späteren Obersten
William Dobbin, dem langjährigen Kameraden ihres
verstorbenen Gatten, erhält ihr zeitweise den Kontakt zur
Gesellschaft. Daß der ehrliche Dobbin schon seit langem in
sie verliebt ist, verdrängt sie in ihrer idealisierenden
Haltung zu ihrem toten Ehemann.
Becky Sharp gelangt als Haushälterin im Hause des geizigen
Landadligen Sir Pitt Crawley sowie dessen Halbschwester in
bessere Kreise. Durch ihr skrupelloses, egoistisches,
opportunes Verhalten steigt sie als Ehefrau des Sohnes
Rawdon Crawley in höhere gesellschaftliche Kreise auf, die
sie bis fast auf die durch die englische Königin gegebenen
Bälle spülen. Im Zuge dessen wird sie ihres Gatten
überdrüssig und betrügt ihn mit dem reichen, aber alten Lord
Steyne. Das bleibt auf die Dauer weder von Rawdon, noch von
der eitlen Gesellschaft unbemerkt, und leitet Beckys Abstieg
ein. Rawdon verläßt sie, und die Gesellschaft meidet die
entlarvte Kokotte.
Nach vielen Jahren der Wirrungen schließt sich der Kreis,
indem die naive Amelia endlich erkennt, dass der von ihr
vergötterte, verblichene Gatte keineswegs der tugendhafte,
liebende Ehemann gewesen war, sondern daß einzig Dobbin ihr
über all die Jahre die Treue gehalten und ihr auch
finanziell unter die Arme gegriffen hatte. Was folgt, ist
schließlich eine (nach tausend Seiten) ergreifende
Vereinigung an der belgischen Nordseeküste, an die der
ewig-liebende Dobbin anlegt, und seine Amelia in die Arme
schließen kann, nachdem sie sich ihm endlich geöffnet hat.
Dem Autor, der sich während des Romanes immer wieder selbst
ins Spiel bringt, indem er Vorgänge humoristisch, manchmal
ironisch-zynisch chorähnlich kommentiert, gelingt eine
äußerst unterhaltsame, umfassende Darstellung der
menschlichen Eitelkeit im viktorianischen England des frühen
19. Jahrhunderts.
Diffuses Halbwissen.
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