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Literaturforum:
von der begegnung mit der roten waldameise


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Autor
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Thema: von der begegnung mit der roten waldameise
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Der_Geist
Mitglied
   952 Forenbeiträge seit dem 25.02.2007

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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 07.03.2008 um 20:30 Uhr |
wahrscheinlich war es meine blattlausigkeit gewesen, die
mich in den wald getrieben hatte. nicht, dass ich mich
unbedingt haette melken lassen wollen, nein, ganz im
gegenteil. ich wollte einfach nur in ruhe auf einem blatt
herumkrabbeln und ein wenig konsumieren, ohne stoerungen,
klein, weitgehend unsichtbar, wie ich nun mal bin.
allerdings hatte ich den natuerlichen lauf der dinge wohl
unterschaetzt.
kaum haenge ich unterseitig an dem vorzueglich mundenden,
hellgruenen blatt der pflanze, deren name nichts zur sache
tut, als mich schweres schrittgedonnere aufschrecken laesst.
meinen ruessel zurueckziehend und das schmatzen
unterdrueckend verharre ich, hoffend, dass der drohende
kelch an mir voruebergeht. ich zittere. ich will nicht...
von mir kriegst du nichts! ich brauch noch eine weile,
bis... immer diese natuerlichen mechanismen.
sie ist es. die rote waldameise. ich habe sie am schritt
erkannt, instinktiv, natuerlich, das sitzt mir doch in
meinen paar genen. jaja, mensch, da vor dem schirm! lach
nur! auch ich habe gene! mehr, als dir vielleicht lieb ist.
frag die vernichtete ernte in deinem garten. das waren meine
geschwister! ich war aber nicht dabei. brauchst mich gar
nicht zu verklagen, das nuetzt nichts, weil dein amtsgericht
nur natuerliche personen als zu verklagende anerkennt, und
zu denen gehoere ich nicht: aetsch! ich trage nun mal keine
maske: ich bin ich, so wahr ich hier – noch! – haenge.
die rote waldameise sitzt ueber mir auf dem blatt: ich kann
ihre umrisse erkennen und das neurotische zappeln ihrer
riesenfuehler (wer die nur erfunden hat). es wird nicht mehr
lange dauern, und sie wird versuchen, mich zu betrillern,
wie sie das nun mal muss, nenn es natuerlich, genetisch,
instinktiv, von gott gewollt, universal, wie auch immer. sie
wird es versuchen, weil sie es versuchen muss, da kann sie
nichts fuer, und ich, blattlaus, auch nicht.
noch harre ich ruhig. an flucht ist nicht zu denken (kann
ich ja eigentlich auch gar nicht). dann erscheint der
riesenkopf fuehlertastend ueber dem blattrand, der
riesenkopf weiß genau, wo er hin muss, und ich weiß, wo er
nicht hin soll. ok, sie hat mich gefunden, wie sollte sie
auch nicht. ich beschließe, einen anderen als den ueblichen
weg einzuschlagen, und ausnahmsweise mal nicht fuer dieses
riesenrote vieh meinen honigtau abzusondern. thema:
erwartungen.
inzwischen der visage meiner potenziellen melkerin
angesichtig, werde ich mutig und sage, diplomatisch, wie ich
nun mal bin:
#hoer mal zu, rote riesin, wir kennen doch diese alte nummer
zur genuege, da habe ich aber heute keinen bock drauf.
koennen wir das nicht irgendwie anders regeln?#
fuer einen moment unterbricht die ameise ihr fuehlerhaftes
prae-getrillere und scheint verdutzt.
#aeh, wie? was?#
der punkt geht an mich, ich kann sie fuers erste stoppen.
#na ich meine, ich moechte hier in ruhe ein bisschen an dem
blatt saugen und nicht staendig fuer euch
sozialstaatsarbeiterinnen meinen obolus ablassen, verstehst
du? das strengt mich zu sehr an, und ich habe doch nur
dieses eine leben. gestehst du mir das zu?#
die rote waldameise rappelt sich nach der ersten
irritierung, sagt: #ok, ich versteh dich schon, aber...#,
sie zoegert, und ein unwille steigt in ihr auf, #ich habe
meine produktionszahlen fuer heute noch nicht erfuellt, und
deswegen kann ich deinem bitten nicht entsprechen. es muss
gemolken werden. her mit dem honigtau!#
ich hatte es befuerchtet. so einfach ist das eben nicht in
der natur. inzwischen macht meine antipodin anstalten, meine
blattunterseite zu erobern und sich mir auf unangenehme
weise zu naehern. es muss mir etwas einfallen.
#halt!#, rufe ich ihr entgegen, nicht wissend, wie ich
weiter argumentieren soll. die rote waldameise haelt inne.
#betrillern war doch gestern. seit heute herrscht
gleichberechtigung. hast du das noch nicht gehoert?#
die rote waldameise stutzt erneut, sagt: #noe, das muss an
mir vorbeigegangen sein. war das in den nachrichten?#
ich wittere morgenluft: #ja, klar, gestern abend im ersten
um zwanzig uhr. da haben sie gesagt, dass alle parteien
jeglicher couleur beschlossen haben – uebrigens zum ersten
mal in der politischen geschichte einmuetig – dass ab heute,
siebter maerz anno null-acht, ameisen genauso von
blattlaeusen gemolken werden duerften, wie viceversa, im
zuge der gleichberechtigung, die wir uns doch alle so
wuenschen. du doch auch, oder?#
fassungslos starrt mich der angst einfloeßende kopf der
ameise an.
sie sagt: #das ist jetzt nicht dein ernst, oder? willst du
mir hier einen vormachen oder was?#
#nichts liegt mir ferner. pass auf, ich werde dir beweisen,
dass es geht. komm her! aber hoer auf mit diesem staendigen
fuchteln, diese bloeden riesenfuehler machen mir angst.#
die rote waldameise scheint neuem gegenueber aufgeschlossen,
vielleicht denkt sie: wollen wir mal nicht so sein, man kann
nur lernen, und krabbelt ueber den blattrand auf die
unterseite zu mir.
#ja und jetzt?#, fragt sie interessiert.
#du musst nichts weiter tun, als stillzuhalten. ja, gut,
prima! du kannst das!#
die rote waldameise haelt tatsaechlich entgegen
jahrmillionen alter uebung still, derweil ich meinen ruessel
– ein novum! – in sie bohre und sie aussauge, bis ihr
panzer vom blatt abfaellt, leblos.
puenktlich zu den nachrichten bin ich abends wieder zu
hause.
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Gast873
Mitglied
    1457 Forenbeiträge seit dem 22.06.2006

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| 1. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 09.03.2008 um 19:19 Uhr |
Diese Nachricht wurde von Hyperion um 19:28:04 am 09.03.2008
editiert
Vom Genre her "fabelhaft" (in doppeltem Sinne) für
ältere krabbelnde Semester, ohne jedoch zu platt zu wirken
und geschrieben worden zu sein, z. B. kein einziges Mal
kommt die schlechte Sprach-Konstruktion: das ist halt so, vor, der man sich leider zu oft in der Alltagssprache
beident. Gut gemacht!
Gruß,
der Spieler
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Der_Geist
Mitglied
   952 Forenbeiträge seit dem 25.02.2007

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| 2. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 09.03.2008 um 19:51 Uhr |
Bedanke mich für Deinen Kommentar.
Hab inzwischen noch n bisschen dran gebastelt,
"dass"-Sätze in Konjunktivisches umgemodelt etc.
Aber manchmal will ein Text einfach SOFORT raus ins Licht.
Der hier wollte. Ich konnte ihn nicht zurückhalten. Also
ließ ich ihn.
Gruß:
ein altes Fabuliersemester. ;)
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Hermes
Mitglied
  436 Forenbeiträge seit dem 23.01.2006

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| 3. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 10.03.2008 um 11:10 Uhr |
Hervorragend. Hat mir gut gefallen, auch die Idee. Gut
geschrieben und gute Dialoge. Kompliment.
Diffuses Halbwissen.
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Der_Geist
Mitglied
   952 Forenbeiträge seit dem 25.02.2007

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| 4. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 10.03.2008 um 18:44 Uhr |
Freut mich, Hermes, danke Dir für Deinen Kommentar. Gruß in
den "Bonner Dunstkreis". ;)
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