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Literaturforum:
Georg Büchner - Woyzeck


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Autor
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Thema: Georg Büchner - Woyzeck
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Hermeneutiker
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 29 Forenbeiträge seit dem 12.02.2009
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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 14.02.2009 um 11:31 Uhr |
„Die Büchnerforschung ist das Waterloo der Germanistik“:
Diese treffende Bemerkung des Spiegel-Redakteurs Johannes
Saltzwedel bezog sich auf den Höhepunkt der Streitereien
über editorische Fragen und konkurrierende Büchner-Ausgaben,
sie gilt aber genauso oder noch mehr für die hermeneutischen
Leistungen der Zunft. Vor allem in Bezug auf Büchners
Dramenfragment "Woyzeck" wird allerseits mehr
vernebelt und zwar systematisch, als erhellt.
Schon die äußere Form der Woyzeck-Handschriftenentwürfe –
der junge Dramatiker verstarb vor der Fertigstellung:
Karikaturen, Streichungen, Abbrüche, Überarbeitung einzelner
Szenen, lassen auf eine außerordentliche Ergriffenheit des
Autors bei der Abfassung der Texte schließen, die nur
schlecht zu der gängigen Sichtweise passt, hier habe der ins
Exil getriebene Sozialrevolutionär einen historischen Fall
dramaturgisch zurechtgerückt und anstelle eines
unzurechnungsfähigen Täters die Gesellschaft angeklagt. Das
hat er zwar auch, aber anders, als die in die Germanistik
und Pädagogik emigrierten Altachtundsechziger uns beständig
weismachen wollen.
Wer Büchners Anliegen genauer auf die Spur kommen will, darf
sich nicht mit Bearbeitungen, den sogenannten Lese- und
Bühnenfassungen begnügen. Wichtige Szenen sind dort nicht
enthalten, beispielsweise die Szene „Im Hof des Professors“.
Bessere Ausgaben enthalten aber die Entwurfsstufen, die man
beim zweiten Lesen hinzuziehen sollte. Es sind kurze Szenen
und der Aufwand hält sich in Grenzen.
Worauf sollte man achten? Es herrscht in der
Büchnerforschung Konsens darüber, dass der Autor extrem mit
Sekundärtexten operiert. Ganz offensichtlich ist das im
Falle der Bibel. Man muss diesen Anspielungen nachgehen und
entweder die entsprechenden Stellen kennen oder einen
Kommentar hinzuziehen. Die alttestamentarischen Verweise
gelten insbesondere Sodom und Gommora (Lot), sehr auffallend
auch der „Herodes“, daneben auch ein neutestamentarisches
Zitat (Jesus und die Ehebrecherin). Weiterhin bekannt sind
die Querverweise auf Goethes "Faust I". Die
weibliche Figur des ersten Entwurfs heißt Margreth, die
Szenen „Freies Feld“ spielen auf ähnliche Titel im
"Faust" an und die „rote Schnur um den Hals“ der
Getöteten ebenfalls. Bislang nicht bekannt ist die
Intertextualität in Bezug auf "Hamlet": Der „Igel“
in der Eingansszene (Geistszene: Stacheltier), der rollende
Kopf und das Hohle (Totengräberszene) das Wahninnsmotiv, die
Binnenaufführung (im "Hamlet" auf dem Theater, im
Woyzeck das Großmuttermärchen) und nicht zuletzt die
Verzweiflungsszene der Marie, die keine Vergebung erlangen
kann (König im "Hamlet" beim Gebet).
Der intellektuelle Aufwand, der zum Verständnis des Woyzeck
erforderlich ist, passt augenscheinlich kaum zu der
gängigerweise eindimensional als nicht weiter hinterfragbar
angesehen psychisch kranken männlichen Hauptfigur. Das Drama
ist indessen als ambivalent zu betrachten. Weitere Codes:
„Sonne“, „Heiß“ usw. sind sexuell zu verstehen, das ist
insbesondere bei „heiß“ dann nicht mehr banal, wenn es für
jede Passage gilt, also auch dort, wo Kinder im Spiel sind.
Das Gleiche, die sexuelle Konnotation gilt für die
"Mücken". (Klartext in Dantons Tod I.5. Wichtig
für das Märchen.) Weiterhin achte man auf die Metaphern-
bzw. Bildketten „Fenster“ und „Auge“, „Vieh/Mensch“
„groß/klein“ (kopulierende Hunde mit zuschauenden Kindern)
und das Wortfeld „Messer“. („Das Kind gibt mir einen Stich
ins Herz“ = Syllepse).
Wer diese Hinweise beachtet wird feststellen, dass die
Nebenfiguren, die Woyzeck fertigmachen, immer mit einem
auffälligen sinnlichen Unterton mit sich führen. In besagter
Szene „Der Hof des Professors“ wird die einem Woyzeck meist
nicht zugestandene aristotelische Fallhöhe szenisch
dargestellt, der tiefste Punkt landet bei dem Stichwort
„Mutter“. Dazu empfehle ich, die wenigen anderen wörtlichen
Erwähnungen „Mutter“ und „Vater“ nicht zu überlesen und
gegebenenfalls zu entschlüsseln.
Büchners Genie, seine Aggressivität aber auch sein Lachen
sind erst dann wirklich zu würdigen, wenn man seine virtuose
Rhetorik nachvollzieht und die Konspiration auch dort
entdeckt, wo es nicht nur gegen den alten Klassenfeind geht.
IP: geloggt
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LX.C
Mitglied
    1770 Forenbeiträge seit dem 07.01.2005

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| 1. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 14.02.2009 um 12:30 Uhr |
Interessante Beiträge, die du hier verfasst. Willkommen
erstmal.
Aber das mit der Fallhöhe kommt glaube ich nicht ganz hin.
Kannst du das näher ausführen/belegen?
IP: geloggt .
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Hermeneutiker
Mitglied
 29 Forenbeiträge seit dem 12.02.2009
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| 2. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 14.02.2009 um 15:00 Uhr |
Danke für die freundliche Begrüßung und auch meinerseits
Hallo miteinander.
In der Szene "Der Hof des Professors" (nach Dedner
Handschrift 3.1, nach Poschmann H4.1) beginnt der Professor
seine Vorlesung am Dachfenster. Woyzeck und die Studenten
stehen unten. Nun wirft der Professor gegen Ende einiger
grotesker pseudophilosophischer Ausführungen eine Katze
herunter. Woyzeck hat sie aufzufangen. Sie beißt ihn. Darauf
zieht der Professor Woyzeck mit seiner Großmutter auf, am
Ende gar mit der Mutter. Sie habe ihm aus Zärtlichkeit die
(ausgegangenen) Haare ausgerissen. Zwar wird das gleich
drauf durch das Erbsenessen wieder relativiert, die
Anspielung muss im Kontext der Bildkette Vieh/Mensch
("Bestie", so wird auch die weibliche Figur
tituliert) als Nackenbiss beim Geschlechtsakt gelesen
werden. Woyzeck wird also - modern ausgedrückt - als
"Motherfucker" beschimpft. Wenn das ein
Ausrutscher wäre, geschenkt. Diese Motivkette erweist sich
jedoch im Drama konsistent und kohärent. ("Stich die
Woyzecke tot" heißt es noch in Handschrift 1)
Wenn die Literaturwisenschaft nun bei dem Drama feststellt,
dass Woyzeck schon zu Beginn so weit unten ist, dass es
nicht tiefer geht, also die klassisch-aristotelische
Fallhöhe des Helden nicht mehr möglich ist, dann spricht
besagte Szene dagegen. Büchner verbildlicht quasi die
verdeckte Ebene, bringt sie szenisch zur Geltung darauf
läuft das Konzept der Hofszene hinaus. Was fällt, ist die
Katze = Marie (Bestie) = Mutter. Damit fällt auch Woyzeck.
Und zwar tief - und jetzt geht es tatsächlich nicht mehr
tiefer. Eben wegen dieser Technik der bühnenmäßigen
Umsetzung dessen, was zwischen den Zeilen steht, bleibt
Büchners komplexe Rhetorik nicht abstrakt. Man mache die
Probe: Es wird sich keine Passage finden, auf die sich die
gängigen Lesarten beziehen, die nicht durch sinnliche
Peinlichkeiten kontaminiert wäre.
Die Literaturwissenschaft begeht den Kunstfehler, den
Dramenentwurf nicht auf den ästhetischen Diskurs (Ödipus,
Hamlet, usw.) zu beziehen, sondern auf historisches Material
(Gerichtsgutachten), die Büchner allenfalls als
Collagematerial und Kulisse ansah.
IP: geloggt
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LX.C
Mitglied
    1770 Forenbeiträge seit dem 07.01.2005

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| 3. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 15.02.2009 um 00:54 Uhr |
Diese Nachricht wurde von LX.C um 00:56:54 am 15.02.2009
editiert
Wenn die Literaturwissenschaft davon spricht, dass Woyzeck
keine Fallhöhe besitzt, dann bedeutet das doch nichts
anderes, als dass er die Anforderung der Ständeklausel, die
seit der Antike vorherrscht, nicht bedient und als
Hauptprotagonist von niederem sozialen Rang, vereinfacht
gesagt, nicht tiefer fallen kann, weil er schon ganz unten
ist. Je höher der Rang, desto bestürzender der tragische
Fall, so die Theorie. Da kann man noch so viele
"Hofszenen" inszenieren, fallende Katzen oder
sinnliche Peinlichkeiten, theaterhistorisch bleibt die
Tatsache der fehlenden Fallhöhe des Woyzeck gegeben.
IP: geloggt .
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LX.C
Mitglied
    1770 Forenbeiträge seit dem 07.01.2005

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| 4. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 15.02.2009 um 01:05 Uhr |
Und man muss sich vielleicht noch vor Augen halten, das ist
ja auch gar nichts abschätziges, zumindest aus heutiger
Sicht, sonder etwas Bahnbrechendes. Von daher muss man ihm
doch gar keine Fallhöhe andichten.
IP: geloggt .
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Hermeneutiker
Mitglied
 29 Forenbeiträge seit dem 12.02.2009
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| 5. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 15.02.2009 um 07:53 Uhr |
Diese Nachricht wurde von Hermeneutiker um 08:43:28 am
15.02.2009 editiert
Was hießt hier "Fallhöhe andichten"? Warum steht
die Figur Professor am Dachfenster, doziert und wirft eine
Katze herunter? Hier fällt etwas, und zwar ganz
bühnenrealistisch. Was fällt, ist die Katze, die seitens des
Werfers wiederum mit Woyzecks weiblicher Verwandtschaft
assoziiert wird. Es geht mir weniger um den alten
Aristoteles und seine Dramentheorie, sondern darum, das was
Büchner inszeniert, zu verstehen. Und er inszeniert eben das
Fallen der Katze. In diesem Fall interessiert in erster
Linie Büchners Rangordnung, die sich bis zum Tier herunter
erstreckt. Deswegen die Budenszenen. Davon abgesehen würde
ich es vorziehen, weniger über Theaterhistorie zu
diskutieren, als vielmehr über die Rätsel der
Woyzeck-Entwürfe. Das Büchner die klassische Ständeklausel
auf den Kopf stellt ist unstrittig, aber meiner Meinung nach
nicht das wirklich Spektakuläre.
Wie liest du die Szene? Warum fällt die Katze? Und nicht
vergessen: Woyzeck begeht einen Ritualmord (R. Grimm). Das
braucht einen Grund, der in diesem Fall (der Ritualisierung)
nicht in dem Umfeld liegen kann, also mit dem Opfer selbst
zusammenhängen muss.
IP: geloggt
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LX.C
Mitglied
    1770 Forenbeiträge seit dem 07.01.2005

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| 6. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 09.03.2009 um 23:41 Uhr |
Tut mir leid, aber ich kann einfach diese ganzen
unterschwelligen sexuellen Andeutungen darin nicht finden,
dazu bin ich auch nicht Querdenker genug. Du wirst von
deiner Theorie natürlich nicht abrücken wollen, sollst du
auch gar nicht. Dennoch möchte ich kurz, wo ich nun Zeit
finde, meine Sicht äußern.
Die fallende Katze und dass Woyzeck es ist, der sie auffängt
und der Professor, der sie von oben herab wirft, ist allgemein wieder auf die gesellschaftliche
Strukturierung zurückzuführen und im speziellen ein weiteres
Indiz dafür, dass ein Woyzeck, dem auch noch der Verstand
abgesprochen, dem Tiere näher zugeordnet wird als dem
Menschen. Die Zuspielung der Katze soll die abwertende Haltung der über den Dingen
stehenden, Natur beherrschenden, sich als überlegene Instanz
verstehenden Wissenschaft (Professor, Doktor) zu Woyzeck
symbolisch unterstreichen, der mit dem Fangen des Tieres auf
eine Ebene mit diesem gestellt wird (Woyzeck ist ständigen
Gegenüberstellungen von oben und unten ausgesetzt, z.B. die
Freimaurer, die er aus der Erde sprechen hören will).
Die Verbindung Großmutter, Katze, Mutter, Esel, Woyzeck
unterstreicht diese Ebene. Derart Dichotomien Mensch vs.
Tier finden sich mehrere im Woyzeck, z.B. die
"viehische Vernünftigkeit" eines Pferdes gegen das
"viehdumme Individuum", niederer kann ein
Individuum nicht verortet werden.
Das alles ist im Einklang mit der von der
Literaturwissenschaft zu recht deklarierten fehlenden
Fallhöhe. Wenn du die klassisch Fallhöhe nicht meinst, dann
solltest du sie auch nicht anführen, weil sonst ist doch
klar, dass du mit Widerspruch rechnen musst oder zumindest
auf Nachfrage stößt.
IP: geloggt .
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Hermeneutiker
Mitglied
 29 Forenbeiträge seit dem 12.02.2009
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| 7. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 10.03.2009 um 14:47 Uhr |
Nun, so unterschwellig ist der Status der Sexualität im
"Woyzeck" gar nicht, es sind übrigens auch nicht
nur "Andeutungen". Lassen wir gleich die
Hauptfigur selbst zu Wort kommen: "Warum bläst Gott
nicht die Sonne aus, dass alles in Unzucht sich
übereinanderwälzt, Mann und Weib, Mensch und Vieh".
Du hast ganz recht mit den weiteren Beispielen von Mensch
und Tier, allerdings sind es eben keine
"Dichotomien", das gerade beweist mein Zitat,
sondern Vermischungen und zwar explizit auch sexuelle.
Um die soziale Differenz zu unterstreichen, hätte Büchner
nicht eigens eine neue (vergleichsweise umfangreiche) Szene
schreiben müssen, die sich zudem nur schwer in den Ablauf
einfügt, so dass die Bearbeitungen sie meist weglassen.
Dass du einen Woyzeck ohne Verstand von vorneherein auf die
Ebene des Viehs platzierst widerspricht nicht nur der Anlage
des Dramenfragments wie auch der gängigen Rezeption. Wo
bliebe das Mitgefühl? Warum nehmen wir Woyzeck als
"armes Schwein" war? Auch ist er nicht so ohne
Verstand wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint,
immerhin kennt er sich in der Bibel und sogar in Goethes
Faust aus, ja der Kenner muss sogar stutzen, weil Woyzeck
offenbar auch den "Hamlet" kennt.
Woyzecks berühmte Äußerung "Jeder Mensch ist ein
Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht!"
führt zum Ausgangspunkt unserer Debatte zurück. Mit dem
"Abgrund" hätten wir nämlich die potentielle
Fallhöhe (bzw. -tiefe) aus seinem eigenen Mund.
Wohlgemerkt, es heißt: "jeder Mensch". Und worauf
bezieht sich die Bemerkung? Auf Louisels (H2, hier heißt die
weibliche Figur nicht mehr Margreth (vgl. Faust) und noch
nicht Marie) Replik, dass sie im Alter von 10 Jahren ihren
zudringlichen Vater durch Ansehen zu bremsen vermochte. Was
in der Tat eine sexuelle Anspielung ist, aber kaum noch
unterschwellig - und zwar in Bezug auf den Inzest. Woyzeck
heißt auf dieser Entwurfsstufe noch Franz, er setzt in H2
einen kleinen Hund, der nicht auf einen großen hinaufkommt,
auf denselben. Thema Mensch und Vieh und Kopulation, Woyzeck
betont, dass dabei Buben und Mädel herumstanden.
Besagte Hofszene wurde von Büchner entworfen, um dieses
"jeder Mensch ist ein Abgrund" zu inszenieren.
Der oben stehende Professor inbegriffen, er hält vergeblich
öffentlich nach nackten Mädchen Ausschau. Heute sprechen wir
diesbezüglich von Kinderpornografie, so weit muss man
tatsächlich gehen, wenn man Büchner nicht verklemmt
interpretieren will. Der Hauptmann ist, das wäre der
Vollständigkeit halber zu ergänzen, mit von der Partie. Er
erzählt Woyzeck, dass er am Fenster steht und onaniert
("da kommt mir die Liebe"), wenn er bestrumpfte
Mädchenbeine sieht. Es ist wirklich ein Skandal unserer
Büchnerforschung, darüber den wissenschaftlichen Mantel des
Schweigens auszubreiten. In Großbritannien ist man da
weiter. Vgl. John Reddick: "The shattered Whole".
Wenn in der Hofszene der Doktor also Woyzeck am Ende
dahingehend beschimpft, dass ihm seine Mutter aus
Zärtlichkeit die Haare ausgerissen hätte, dann bleibt hier
kein anderer Ausweg, als den Nackenbiss der Katzen und Hasen
(Leonce und Lena!) beim Geschlechtsakt einzusetzen.
Und an wen denkt Woyzeck laut, als er sein Testament macht
und unmittelbar bevor er zur Hinrichtung seiner Geliebten
schreitet? An seine Mutter. Nicht mitfühlend wie manch ein
etablierter Büchnerforscher meint (Gerhard P. Knapp) sondern
aggressiv. Sie hat "heiße Händ". Wie Marie. Heiß
im Sinne von Unzucht, s.o...
IP: geloggt
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Hermeneutiker
Mitglied
 29 Forenbeiträge seit dem 12.02.2009
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| 8. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 17.03.2009 um 07:03 Uhr |
Ich will noch etwas ergänzen:
Als ich 2006 meine Ergebnisse der Forschungsstelle Georg
Büchner an der Marburger Universität auf ihrer Jahrestagung
präsentierte (der Teil über Dantons Tod ist im aktuellen
Georg Büchner Jahrbuch 2005-2008 nachzulesen) wurde die
Frage gestellt, ob ich davon ausgehe, dass die
Inzestthematik im Woyzeck einen biographischen Bezug hat. Ja
sicher gehe ich davon aus, ob aber hinsichtlich der Familie
Büchner selbst, oder ob die entsprechende Anregung aus
seiner Umgebung erfolgte (die Hofszene H3.1 enthält
biographisches Material eines seiner Professoren an der
Gießener Universität) ist selbstverständlich nicht mehr zu
klären.
Aber ein Vergleich des Dramenfragments mit einem anderen
Text erlaubt eine sehr merkwürdige Feststellung. Georg
Büchners Schwester Luise hat in den sechziger Jahren des 19.
Jahrhunderts einen Roman begonnen, aber nicht
fertiggestellt, der die Jugendgeschichte Georg Büchner
behandelt, und das von dem Bruder Ludwig Büchner mit dem
Titel "Ein Dichter" versehen wurde. Besagte
merkwürdige Feststellung betrifft die fiktiven Namen, die
Luise den Büchners gegeben hat. Bei den meisten Namen in dem
Romanfragment ist die Beziehung zu den realen Personen
erkennbar, andere scheinen wiederum ausgesprochen
metaphorisch.
Der Wohnort Darmstadt wird mit "eine kleine
Residenzsstadt in Süddeutschland" umschrieben. Der
Beruf des Vaters (Arzt) beibt erhalten. Die Mutter Caroline
wird zu Luise, dem Namen der Autorin, Georg zu Ludwig, wie
der ältere Bruder in Wirklichkeit heißt. Luises eigener
fiktiver Name wird zu Gustchen, Georgs Schulfreund
Minnigerode bekommt den Namen Wangerode, der fiktive
Professor Landmann heißt in Wirklichkeit Baur. Man nimmt an,
dass sich hinter der Hautfigur Charlotte Klein Luises
Freundin Amalie Klönne verbirgt, deren fiktiver Bräutigam
Hohenstein ist ein talentloser Dichter, wie das Oxymoron
auch metaphorisch ausmalt.
Jetzt aber zu dem eigentlichen Clou: dem fiktiven
Familiennamen der Büchners. Vorauszuschicken ist noch die
Beachtung der im Woyzeck des Öfteren wiederkehrende,
oxymoronähnliche Gegensatzpaarung heiß/kalt. So sagt Woyzeck
zu Margreth vor der Ermordung: "Frierts´ dich Margreth,
und doch bist du warm. Was du heiße Lippen hast ... und wenn
man kalt ist, so friert man nicht mehr." Die
Kombination heiß/kalt wiederholt sich wie gesagt öfters,
inmitten zahlreicher anderer Gegesatzpaarungen, unter
anderen auch die ganz krasse und dick unterstrichene
Süd-Nord. Welche Bedeutung diese "Codes" in einem
durch und durch codierten, mehrfach verschlüsselten Werk
haben, habe ich versucht nachzuweisen.
Welchen Namen wählt nun Georg Büchners Schwester Luise als
fiktiven Familiennamen für die eigene Familie? Sie kennt
weder das Woyzeck-Fragment noch dessen Codierung usw.
Trotzdem verwendet sie das gleiche Muster wie ihr Bruder.
Aus den Büchners wird die Familie Brandeis. Brand = heiß;
eis = kalt. Heißkalt. Brandeis.
Und noch eine kleine, seitens der Büchnerforschung bislang
meines Wissens nach nicht registrierte Kuriosität. In dem
Revolutionsdrama Dantons Tod tragen die Figuren ihre
authentischen französischen Namen. Ausnahme: die Hauptfigur
Danton. Aus dem originalen Georges macht der Autor den
Georg, sprich er gibt ihm seinen eigenen Vornamen. Der
historische Georges Danton heißt im Drama Georg Danton. Die
Büchnerforscher korrigieren das meist unbewusst und machen
daraus wieder einen Georges.
So viel zu den biographischen Bezügen.
IP: geloggt
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derami
Mitglied
 1 Forenbeitrag seit dem 17.05.2009
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| 9. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 17.05.2009 um 04:56 Uhr |
Diese Nachricht wurde von Netzmeister um 17:44:01 am
03.06.2009 editiert
Hallo,
wollte noch meinen Senf dazu geben:
Also wir lesen das Buch gerade in der Schule und ich hab
angefangen das Buch zu lesen und konnte dann nicht mehr
stoppen, ist echt ein klasse Buch!
Hab mir im net ein bisschen Hilfe geholt, hier mal ne gute
Seite zur Hilfe:
IP: geloggt
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