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Literaturforum: Kinderaugen (eine wahre geschichte)


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Forum > Prosa > Kinderaugen (eine wahre geschichte)
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 Thema: Kinderaugen (eine wahre geschichte)
klaasen
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33 Forenbeiträge
seit dem 22.08.2004

Das ist klaasen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 03.05.2009 um 22:23 Uhr

Kinderaugen
Und wenn ich bin, dann fühle ich.

Der kleine Klaus träumte von einer Mutter, einem Vater, und einer Schwester. An einem Sonntag wollte der kleine Klaus - wie er es an jedem Sonntag tat - ins Kino gehen. Es war bereits 10:45 Uhr. Der Film fing Punkt 11:00 Uhr an. „Rübezahl“, so hieß der Film.
Die Mädchen in der Nachbarschaft gingen auch jeden Sonntag ins Kino und Klaus freute sich sehr darauf, den Mädchen nahe zu sein.
Aber gerade als Klaus gehen wollte, packte ihn seine Großmutter am Arm und sagte: „Heute ist ein besonderer Tag Klaus.“
Er sah seine Großmutter an und eine leichte Gänsehaut streichelte ihn am Arm. „Heute mein kleiner Klaus, bekommst du Besuch von deiner Mutter.“ In Klaus Augen geschah etwas, was er im ersten Moment nicht verstand: Sie weinten. Klaus Augen fingen an zu weinen. Allerdings kannte Klaus dieses Gefühl nicht. Er weinte sonst doch nur, wenn man ihn bestrafte oder wenn ihn ein großer Junge in den Schwitzkasten nahm. Nun aber weinte er aus Freude. Dieses Gefühl kannte er nicht und es schien ihm unheimlich. „Meine Mutter?“ antwortete Klaus und sah hinauf zur Großmutter. „Ja, ja, Klaus. Heute bekommst du Besuch von deiner Mutter.“ Er rannte in sein kleines Zimmer. Ein Schrank, ein Bett. Das war sein Zimmer. Ein karges, kleines Dachzimmer. Und ein altes Radio mit Plattenspieler stand auch noch drin.
Das Radio und den Plattenspieler liebte Klaus über alles. Da hörte er Platten, die sein Onkel vergessen hatte mitzunehmen. Freddy Quinn, Hans Albers und so fort.
Natürlich liebte Klaus den Beat. Aber Geld, sich diese Platten zu kaufen, hatte er nicht. Also hörte er sich das an was da war.
Später würde es sich herausstellen, dass doch alles einen Sinn ergab. Klaus suchte nach seiner besten Hose, seinem schönsten Hemd und nach seinen schwarzen Lackschuhen.
Aber so sehr er auch versuchte, seine kleinen Hände zu beherrschen, um so weniger gelang es ihm.
Er zitterte am ganzen Leib. War es die Aufregung? Oder doch die Angst? Die Angst, dass sie nun doch nicht käme. Die Angst ihr nicht zu gefallen. Oder gar die Angst vor sich selbst. Nicht den Mut zu haben, ihr zu begegnen. So viele Gedanken schlugen dem Klaus um die Ohren. Es summte in seinem Kopf. Alles drehte sich. Dann fiel er zu Boden. Nicht lange. Aber doch eine Weile.
Klaus kam zu sich und seine Großmutter half ihm beim Ankleiden.
„Tak, tak, tak.“ Es war die Stimme des Weckers. „Tak, tak.“ Klaus sah auf den Sekundenzeiger. Der Wecker zeigte 10:55 Uhr an.
„Noch fünf Minuten;“ dachte Klaus. „Noch fünf Minuten und ich sehe zum ersten Mal meine Mutter. Noch fünf lange Minuten, noch vier Minuten und 50 Sekunden. Klaus war wie hypnotisiert. Seine Gedanken wollten nicht aufhören in zu quälen.
Sie summten leise:
´Sie kommt nicht. Denkst wirklich, sie würde dich sehen wollen? Ha! ha! ha! Wer bist du den schon? Nur ein kleiner Wicht. Ein Niemand. Ein Bastard.´
Das Wort Bastard kannte Klaus gut.
Seine Lehrer, wie Herr Rück und Herr Schäfer, nannten ihn so. Es waren Lehrer, die im Krieg nicht für ruhmreiche Taten gesorgt hatten. Das Gegenteil wird´s wohl gewesen sein.
Sie hatten keine Hände. Statt dessen Rohrstöcke. Damit schlugen sie dem Klaus auf die Fingernägel. Oder auf die Handflächen. Wenn sie besonders gut drauf zu sein schienen, war der blanke Po ihr Ziel.
Klaus schoss augenblicklich ein Gedanke in den Kopf. ´Geburtstag. Ich habe ja Geburtstag.´
Heute, am Sonntag, dem 2. April, werde ich sechs Jahre.
War das das ganze Geheimnis? Bekommt man mit sechs Jahren eine Mama?
Klaus konnte keine klaren Gedanken mehr fassen. Sein Blick auf die Uhr war festgefroren. Das Herz schlug schnell, immer schneller. ´Noch 30 Sekunden´, dachte Klaus´.
Dann klingelte der Wecker.

Und genau zur gleichen Zeit auch die Türklingel. Klaus aber konnte sie nicht hören. Erst als seine Großmutter ihn fragte: ,,Worauf wartest du noch?“ und er sie daraufhin fast tot ansah, begriff er, dass sie da war. Seine Mutter war jetzt nur noch fünf Stockwerke von ihm entfernt. Dass seine Großmutter Tränen in den Augen hatte, bekam er nicht mehr mit. Er sah nur noch die Treppen, die er wie ein kleiner Engel überflog.
Es schien die Sonne und es war ein herrlicher Sonntagmorgen. Klaus fühlte sich wie ein kleiner Prinz. Mit jeder Stufe, die er vor sich sah und die er hinter sich ließ, kam er seinem Ziel einen Schritt näher. Da ihm dies doch ein wenig zu lange schien, übersprang er vier ja sogar manchmal fünf Stufen. Jetzt trennte ihn nur noch die Eingangstür.
Eine Tür aus Eiche mit vier kleinen, bunten Fenstern. Klaus konnte einen Schatten erkennen. War das seine Mutter?
Klaus dachte: „Bestimmt die schönste Mutter auf der ganzen Welt. So schön, wie die Frau im Film.“
Als Klaus am vorhergehenden Sonntag im Kino war, lief ein Film, in dem eine wunderhübsche Frau mitspielte. Insgeheim dachte er, es könnte ja seine Mutter sein. Da sie ja eine Schauspielerin ist, wird sie sich bestimmt einen zweiten Namen gegeben haben. Einen Schauspielernamen eben.

Wenn der Klaus aus dem Hause ging, bummelte er manchmal in der Stadt und sah sich die vielen Geschäfte an, in denen es Spielzeug, Süßigkeiten und vieles mehr gab.
Wenn er dann einem Mann oder einer Frau auf der Straße begegnete, sagte er immer freundlich „guten Tag.“ Bei jeder dieser Begegnungen fragte er sich immer: ‚Ist das mein Vater?´ Oder wenn er einer Frau begegnete: ,Ist das meine Mutter?´ Dann schaute er diesen Personen noch lange hinterher und kämpfte mit sich. Sollte er sie nicht einfach ansprechen? Ihnen hinterher gehen?
Manchmal aber auch begegnete der Klaus einem Mann, der ihn immer so eindringlich ansah. Er begegnete diesem Mann nicht jeden Tag. Aber doch oft. So oft, dass Klaus Angst bekam, wenn er diesem begegnete.
´Die Frau im Film´, dachte Klaus, der noch immer vor der Haustür stand und sich dabei ausmalte wie seine Mutter denn nun aussehen könnte - ,die Frau im Film, ist das meine Mutter?
Sie war so schön in diesem Film, so lieb.´
Bunny, das war Klaus Freundin. Sie wohnte gegenüber. Ihre Mutter war eine Amerikanerin. Der Vater lebte in Amerika.
Klaus hatte sie sehr lieb. Wenn Klaus Bunny besuchte, war es so, als wäre er in Amerika. Es roch so amerikanisch. Auch die Süßigkeiten schmeckten anders. Bunny sprach nicht gut deutsch. Aber der Klaus verstand sie trotz allem. So als könne er ihre Gedanken lesen.
Aber es gab auch eine Uschi und eine Dagmar.
Uschi war Klaus heimliche Liebe.
Wenn der Klaus in seinem Zimmer war, und er aus dem Fenster schaute und Uschi unten spielen sah, legte er eine Platte auf und drehte die Lautstärke auf, bis es nicht mehr ging. Er war felsenfest davon überzeugt, dass sie die Musik hören müsste.
Natürlich konnte sie nichts hören. Klaus wohnte ja im fünften Stock.
Aber Klaus sah aus dem Fenster und sah nur noch die Uschi. Dass die Nachbarn mit den Besen an die Decke klopften, konnte er nicht hören. Zu laut war es geworden. Die Musik und die Uschi, das war alles, was den Klaus in diesem Moment interessierte.
Zwei Wochen zuvor war etwas Schlimmes passiert. Klaus war Messdiener. Er und noch zwei andere kleine Jungs mussten nach der Sonntagspredigt im Mainzer Dom den Pfarrer auf sein Zimmer begleiten.
Draußen schien die Sonne. Als sie den Raum betraten - es war stockfinster, und es roch modrig und nach etwas, was der Klaus bis dahin noch nicht kannte, - mussten sich Klaus und die anderen zwei Jungs auf eine Couch setzen.
Der Pfarrer hatte eine Kerze angezündet. Die Rollläden waren unten. Der Raum war zum Fürchten. Klaus hatte eine kurze Lederhose an. Die anderen zwei Jungs eine kurze Stoffhose. Dann sagte der Pfarrer zu
Klaus und den zwei Jungs, dass wir uns nun zusammen einen Film anschauen dürfen. Er sagte auch das, dass es ein Geheimnis ist und wir es niemanden erzählen dürfen.
Ein Filmprojektor ging an und warf ein weißes Licht an die Wand. Einige Sekunden später waren nackte Kinder zu sehen. Dann geschahen Dinge, die den Klaus in seinem Herzen zerstörten und ihn in seinen schlimmsten Erinnerungen verfolgten. Der Pfarrer setzte sich neben Klaus. Er löste die Träger, die seine Lederhose hielten und verging sich an Klaus. Die anderen beiden Jungs fingen an zu weinen.
Es müssen zwei Tage vergangen sein. Der Klaus hatte sich - nachdem er sich befreien konnte - in einem Gebüsch versteckt. Zwei Tage hatte er dort nackt verbracht. Dann wurde er gefunden.

Die Sonne schien Klaus mitten ins Gesicht, als er die Hauseingangstür öffnete.
Dann sah er zum ersten Mal in das Gesicht seiner Mutter und freute sich darüber, eine so schöne Mutter zu haben.
„Guten Tag“, sagte sie und reichte ihm die Hand.
Klaus konnte nicht sprechen. Er gab seiner Mutter wie in Trance die Hand.
Als sich dann beide Hände lösten, kam eine dritte kleine Hand zum Vorschein. Ein kleines Mädchen streckte ebenfalls Klaus die Hand entgegen. Es war seine Halbschwester, Marion. Als Klaus dem kleinen Mädchen ebenfalls die Hand reichen wollte, schrie die Mutter: „Dem darfst du keine Hand geben. Hast du gehört!“
Klaus sah die Mutter erschrocken an und rannte die fünf Stockwerke wie vom Blitz getroffen hinauf zur Großmutter.
Es gab keinen Klaus mehr. Keinen Klaus, wie ihn alle kannten. Lustig, freundlich zu jedermann, hilfsbereit und Beschützer von Kindern, die kleiner waren als er, wenn sie von Grösseren belästigt wurden.
Dieser Klaus war tot. In den folgenden Wochen machte dem Klaus die Schule keinen Spaß mehr.
Klaus war schon mit fünf Jahren eingeschult worden. Vielleicht war es ein Versehen gewesen. Auf jeden Fall schaffte der Klaus die erste Klasse nicht und blieb sitzen.
Es schien auch so zu sein, dass der Klaus niemandem von der Begegnung mit dem Pfarrer erzählt hatte. Und die anderen beiden Kinder hatte er auch nie wieder gesehen.
Es folgten in den darauf folgenden Jahren Kinderheim, Erziehungsheim und, beginnend mit dem zwölften Lebensjahr, eine sechsjährige Erfahrung auf den Straßen der Welt. Nach seinem achten Ausbruch aus einem Erziehungsheim - er war nun dreizehn Jahre -, konnte ihn keine Polizei der Welt mehr einfangen. Er hatte es geschafft, unsichtbar zu sein. Mit achtzehn Jahren eröffnete der Klaus eine Konzertagentur: Klaus Doldinger, Scorpions, Volker Kriegel, Dieter Hallervorden, Jasper van Hof, Camel, Cravan, Eberhardt Weber und die Colors, Stan Web, so wie viele andere große Musiker sahen in dem Klaus einen zufriedenen und glücklichen Menschen. Das Radio und der Plattenspieler, die Liebe zur Musik, die Klaus schon als kleiner Junge besaß, halfen ihm, die schwere Zeit zu überstehen. Die Musik war sein Sprungbrett.
Das jahrelange Schlafen in Kellern, auf Speichern, auf Parkbänken und Baustellen, die Suche nach Liebe und Geborgenheit waren wie weggeblasen.

Und wenn ich bin, dann fühle ich.


ich bin ein hut weil ich meinen kopf nicht finde
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Hermes
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1. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 05.05.2009 um 10:06 Uhr

Heftig. Deine?


Diffuses Halbwissen.
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klaasen
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2. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 05.05.2009 um 10:53 Uhr

ist das wichtig? passierte damals etlichen kindern in mainz.
aber, nicht nur in mainz.


ich bin ein hut weil ich meinen kopf nicht finde
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Hermes
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3. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 08.05.2009 um 09:31 Uhr

Nein, natürlich nicht. Der Schreibstil erinnert ein wenig an die etwas "verniedlichende/verharmlosende" Erklärweise der Kindersendungen "Maus" bzw. "Löwenzahn" ("Das ist der Klaus. Heute war für ihn ein besonderer Tag. Deshalb weinte er - vor Freude. Klingt komisch - ist aber so... etc.etc.).


Diffuses Halbwissen.
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klaasen
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4. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 10.05.2009 um 16:42 Uhr

und was soll mir das nun kluges sagen?


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