Hermes
Mitglied
  420 Forenbeiträge seit dem 23.01.2006

|
| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 22.05.2010 um 11:45 Uhr |
(...) Er ging durch einen dunklen, engen Tunnel. Ein
Vorwärtskommen war schwer möglich, ständig stieß er mit
irgendeinem Körperteil an vorstehende Fels- und
Geröllblöcke.
Weit vorne, am Ende des Tunnels, war Licht: helles,
gleißendes Licht, strahlender als das Sonnenlicht.
Kurz nachdem sie ihn in den stickigen Tunnel gedrängt
hatten, hatte er es erblickt und war wie ein Reh in der
Dunkelheit darauf zugestolpert.
Zuvor hatte es eine schreckliche Hetzjagd gegeben. Zwei
seiner früheren Schullehrer hatten ihn verfolgt, ihn zu
ergreifen versucht. Immer wieder riefen sie ihm zu:
„Lukassen! Mach den Mund auf und arbeite mit! Lass Dir nicht
alles aus der Nase ziehen! Wir kriegen Dich – und dann
reißen wir Dir den Arsch auf!“
Es war furchtbar gewesen. Über Stock und Stein ging die
wilde Jagd – Wilhelm hatte keine Ahnung, wohin er überhaupt
flüchtete. Die Gegend war ihm völlig unbekannt. Er hastete
weiter, spürte die Verfolger immer näher kommen, spürte
ihren heißen Atem wie den von Bluthunden…
Dann stolperte er, schon zuvor hatte er damit gerechnet,
geriet ins Straucheln und fiel schmerzhaft auf den
unwegsamen Boden. Er sah sich schon verloren, da die beiden
Lehrer herangesaust kamen, hatte abgeschlossen, legte
schützend die Arme vor seinen Kopf – und sah die beiden
Hetzer über ihn hinweg fliegen – immer noch wüste
Beschimpfungen gegen ihn ausstoßend. Sie rannten weiter,
seinen am Boden liegenden Körper einfach nicht beachtend,
entfernten sich und verschwanden bald in der Dunkelheit.
Er sah sich schon gerettet, richtete sich mühsam auf und
klopfte seine beschmutzten Kleider ab. Dann trat plötzlich
eine Gestalt hinter einem Geröllblock hervor und kam langsam
näher. Der eisige Schrecken fuhr Wilhelm in die Glieder.
Eine Weile dauerte es, bis er erkannte, wer sich unter dem
langen Mantel verbarg: Es war Adolf Hitler.
Er zuckte zusammen, als der „Führer“ ihn ansprach.
„Wissen Sie eigentlich, Lukassen, was wir mit Leuten wie
Ihnen machen?“ –
Er brachte keinen Ton hervor; seine Stimme schien erstorben.
„Erschießen!“ hallte es herüber. Immer wieder. Immer lauter,
und widerhallend, wie aus einer anderen Welt, aber doch so
gegenwärtig. „Erschießen! Erschießen! Erschießen!“
Wilhelm begann zu laufen, immer schneller zu laufen, um sein
Leben zu laufen.
Als er sich umblickte, hatte Hitler die Pistole gezogen und
feuerte.
Zwei-, drei-, viermal... Er verfeuerte das gesamte Magazin.
Jedes der Geschosse traf ihr Ziel, aber sie schienen
Wilhelms Körper zu durchdringen, ohne ihn zu verletzen oder
ihm Schmerzen zu bereiten…
Er rannte weiter, von Todesangst getrieben, erblickte den
Tunnel und warf sich hinein. Er rappelte sich hoch und sah
das gleißende Licht. Vorwärts, nur vorwärts, und nie wieder
zurück, war es ihm durch den Kopf geschossen.
Er stolperte wieder, rutschte auf losem Gestein aus, stieß
sich den Kopf blutig, aber er rannte weiter. Der Schweiß
rann ihm über die Stirn, die Erschöpfung stieg in ihm hoch.
Er rannte und rannte, aber das Ende des Tunnels, das Licht
und damit die Hoffnung kamen nicht näher, so schien es ihm.
Noch immer war es in weiter Ferne.
Er erreichte einen Zustand, in dem man nur noch mechanisch
lief, spürte nicht mehr den Schmerz, nicht mehr die
Erschöpfung. Er lief und lief. Als er endlich aufsah und
realisierte, dass seinem Ziel nicht näher kam, brach er
zusammen und schlief ein…
IP: geloggt Diffuses Halbwissen.
|