Ersainte
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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 15.07.2010 um 19:37 Uhr |
Diese Nachricht wurde von Ersainte um 20:04:59 am 15.07.2010
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Der Square Gilbert Thomain lag auf halbem Wege zwischen dem
Bahnhof Bécon-les-Bruyères und der Rue Balzac, in der
Gilberte wohnte. Morgens war er immer noch geschlossen, denn
sie begab sich sehr früh zu ihren Pflegepersonen. Am
Nachmittag jedoch - auf dem Rückweg - durchquerte sie mit
umso wacheren Augen diese, ihr schon allein namentlich
nahestehende Anlage.
Mehrmals war ihr in der letzten Zeit eine junge Frau, oder
eher noch deren selbstgestrickter halblanger Kapuzenmantel,
in den sie sich zu verkriechen schien, aufgefallen. Ein
kleiner hellblonder Junge, der wohl zu ihr gehörte, lief
zögernd ein bisschen umher, so als sei ihm das alles ganz
und gar nicht geheuer.
Ihr gab dieser Anblick jedes Mal einen Stich. So hätte das
Kind von Werner aussehen können ...
Doch noch im gleichen Jahr, 1943, hatte sie den alternden
Monsieur Bourrèsche geehelicht; diesem eine Tochter zur Welt
gebracht, in den darauffolgenden dreißig Jahren den Ehemann
alsbald wieder verloren und von der Tochter nichts als
Ablehnung geerntet.
Seit diese selbst Mann und Kind hatte, versperrte sie ihr
mit allen erdenklichen Mitteln den Zugang, dabei nicht
abgehend von der immer wieder vorgebrachten Behauptung, dass
sie ja vollkommen verrückt sei und in eine Anstalt gehöre.
In diese Gedankenkette hinein drang ein Ruf, der von diesem
Kind kommen musste. »Mami, Mami!«, rief es mit dünner,
ängstlicher Stimme. Aber wieso denn »Mami«? Die Frau da
konnte doch nie im Leben schon Oma sein.
Und dann kam es - wie von weit, weit her. Die Deutschen,
die sagen das anstelle von »maman«. Also mussten das
Deutsche sein.
Verdammt nochmal - das ist doch irgendwie verrückt, und ich
bin wohl immer noch verrückt nach Werner.
Ganz wie von selbst und etwas lauter in deren Richtung
gesprochen kam die Frage. Vous-êtes du quartier? Ob sie hier
aus der Gegend sei? Und umgehend kam zurück. Oui, on habite
là-bas! Dass sie gleich da drüben wohnten!.
Mais vous n´êtes pas d´ici, non? Dass sie wohl aber nicht
von hier sei, folgte gleich darauf. Und auf die Bestätigung
dessen dann weiter. Mais d´oû venez-vous? Quand même pas de
l´Allemagne? Woher sie denn komme? Doch nicht etwa aus
Deutschland?
Si, si, mais de l´Allemagne de l´Est! Aus Deutschland schon,
aber aus Ostdeutschland.
Aha, daher die Eigenheiten. Das Kind um diese Zeit nicht in
der Schule! Das war aber völlig bedeutungslos im Moment. Da
war jemand, der Werners Sprache verstand, dem sie die Briefe
von damals zeigen konnte, der ihr vielleicht genauer sagte,
was darin stand, wie es gemeint war.
Zwei Stunden später stand sie damit vor der Wohnungstür im
fünften Stock. Eine sehr knapp bemessene Puppenstube unterm
Dach und ein größeres Mädchen empfingen sie. Der Tisch war
schon gedeckt mit diesen deutschen Kaffeetassen. Nicht
einmal der Streuselkuchen fehlte.
Nahtlos reihten sich in dieses Stimmungsbild die Briefe ein,
und alsbald stellte sich heraus, dass darin nichts
Verletzendes stand. Es hatte immer nur so scheinen wollen.
Und selbst wenn sie dem alliierten Geheimdienst ein bisschen
zuviel erzählt hatte - das konnte sich jetzt auch nicht mehr
dazwischendrängen.
Sich erhebend, zum Gehen anschickend und sich vielmals
bedankend, hatte sie den Eindruck, dass die Sache nun
endlich erledigt sei, sie alles auf sich beruhen lassen
könne.
Wenn nicht, just in dem Moment, der »Papi« nach Hause
gekommen wäre. Fassungslos stand sie vor dem
hochgewachsenen, blonden Mann, der sie freundlich, aber ohne
besondere Aufmerksamkeit begrüßte.
- Als wäre Werner nach Hause gekommen, zu mir nach Hause ...
-
Und als sie ihre Wohnung betrat, schien diese plötzlich ein
Teil dieses Universums geworden zu sein.
- Was könnte ich ihm und den Kindern vorsetzen? Kalbsleber,
Filetsteak, Grüne Bohnen, nur das Allerfeinste, so wie ich
es ja auch gewohnt bin. Dagegen kommt die junge Frau, die
bestimmt ganz einfach kocht, schon mal nicht an. -
-Dem Mädchen werden sogar ein paar Sachen von mir passen.
Und wenn ich bedenke, wie exquisit die sind ... -
-Diese Personen wirken doch ein bisschen wie aus dem Nest
gefallen - ich werde mich um sie kümmern müssen. -
-Und dann mache ich Werner ausfindig. Rufe ihn an. Wer weiß!
-
Werner, der wusste wohl mehr. Er meinte bloß, dass sie ja
immer noch nicht deutsch könne. Tant pis! Was soll´s! Da war
ja noch der andere junge Mann - der sprach beide Sprachen,
der holte die Kinder ab, die in der ersten Zeit dreimal in
der Woche eingeladen wurden. Der brachte ihr , wenn sie
wieder einmal ganz zerstreut die Brille hatte liegen lassen,
diese auch noch am späten Abend nach.
Doch weiter ging er nicht auf sie ein. Stur - eben auch ein
sturer Boche. Na, das kannte sie ja zur Genüge.
Aber auch die junge Frau legte sich an so manchem Feiertag
ins Zeug und tischte auf für fünf oder auch mal sechs - ein
vorsichtig ausbalanciertes Schweben über so manchem Abgrund.
Und dann kam nach zwei Jahren endlich der Tag, an dem diese
ihr anvertraute, dass sie sich in jemanden verliebt habe. Es
sei nicht das Übliche, aber umso unwiderstehlicher. Sie
wisse gar nicht, wie sie damit umzugehen habe.
Ihr, ausgerechnet ihr erzählte sie das! Die hatte wohl noch
nicht mitgekriegt, was für eine Freundin sie an ihr hatte?
Na, ega! Je schneller und tiefer sie sich dahinein
verstrickte - umso besser. Umso besser!
Als zwei weitere Jahre so recht und schlecht vergangen
waren, und diese unverzeihlich gutgläubige junge Frau
sowieso schon nicht mehr zu retten war, und so, als habe sie
noch nicht genug an Madame Bourrèsche, drängte sie ihren
eher zurückhaltend reagierenden Mann dazu, seine Mutter doch
einzuladen, damit man ihr etwas beistehen könne nach dem
ganz plötzlichen Tod ihres Lebensgefährten - wohl wissend,
dass diese ihr nie gut gesinnt gewesen war.
So verfiel die auch gar nicht erst auf die Bezeichnung
»junge Frau«. Sie fand die Frau einfach nur völlig
verbraucht - sie hatte ausgedient. Und als dagegen
aufbegehrt wurde, und zwar so, dass die Worte nicht ungehört
verhallen konnten, wurde es bloß noch als verrückt
hingestellt, als gefährlich, kommend von einer, die lieber
heute als morgen in eine Anstalt solle und vor der man am
besten die Kinder wegschließe.
Was sollte der Mann dazu groß sagen? Dieser Frau gegenüber
war das unmöglich, war es immer unmöglich gewesen. Als sie
ihn dann aufforderte, ihr nun den Arm zu reichen, damit ein
kleiner Spaziergang gemacht werden könne, schien dem
Paroxysmus schon nichts mehr hinzugefügt werden zu können.
Doch wie konnte es auch anders sein. Auch Madame Bourrèsche
hatte ihre Schritte in diese Straße gelenkt und plötzlich
stand man sich unvermittelt gegenüber. Und nachdem die
Höflichkeitsformeln abgehandelt worden waren, ging es zur
Sache.
Ganz wie von selbst, und etwas lauter gesprochen, bahnte
sich alles seinen Weg. Es sprudelte nur so heraus, ganz wie
es wollte.
Und nun stellt sich auch die Erregung ein, man weiß nicht
mal mehr, was man alles von sich gibt - im Halbdunkel der
sich niedersenkenden Nacht, beleuchtet vom angehenden Licht
der Schaufenster, zeitweilig grell angeleuchtet vom
Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Wagens, umspült vom Strom
der Passanten.
Und doch kein Zweifel, dass jedes Wort den Weg in offene
Ohren geht.
Und wie von ganz weit herkommend enfalteten sich die Worte
derjenigen, die von der in dieser Straße gesprochenen
Sprache kaum eine Ahnung hatte. Da waren sie wieder - diese
Laute! So hatte das damals geklungen!
Und doch war da noch jemand, der jedes Wort übersetzte, der
kein Missverständnis aufkommen ließ, der rührenden
Aufmerksamkeit seiner Mutter nichts abstrich.
Und plötzlich wusste sie - elle était là son attention
exclusive - da war sie, seine Aufmerksamkeit - die
uneingeschränkte.
Hatte sie sich jemals mehr mit jemand eins gefühlt!
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