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Literaturforum:
Demokratie und/oder Staatsunternehmen


Forum > Politik & Gesellschaft > Demokratie und/oder Staatsunternehmen
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Autor
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Thema: Demokratie und/oder Staatsunternehmen
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1943Karl
Mitglied
  392 Forenbeiträge seit dem 24.02.2008

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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 29.07.2010 um 11:18 Uhr |
Immer mehr deutsche Wohlstandsfanatiker loben die
Volksrepublik China und beneiden sie um ihre Art, rigoros
Beschlüsse zu fassen und durchzusetzen. Jedenfalls begegne
ich zurzeit verdächtig vielen Bekannten, die Urlaubs- oder
Bildungsreisen nach China unternahmen und mit leuchtenden
Augen von „boom towns“ mit einer unglaublichen Anzahl
höchster Hochhäusern berichten. Vor allem aber sind sie von
jenen schnellen eindeutigen Regierungsbeschlüssen
beeindruckt, mit denen sogar Umweltsünden schnell und
nachhaltig bekämpft werden.
Ein Alt-Achtundsechziger unter meinen Bekannten stellte sich
und mir die Frage, ob wir das denn in unserer deutschen
Demokratie auch so reibungsfrei und erfolgreich bewältigen
könnten. Gemeinsames Schulterzucken war unsere überzeugende
Antwort.
China, meinte er und kraulte sich den grauen Revoluzzerbart,
finanziere Kredite der USA, mit denen die Amis wiederum ihre
Wirtschaft finanzieren. Die USA stehe bei der Volksrepublik
tief in der Kreide und sei daher einer gelben Gefahr
ausgeliefert. Wenn das keine erfolgreiche chinesische
Finanzpolitik sei… Nichts sei erfolgreicher als der Erfolg.
Und der gebe doch wohl der gelungenen asiatischen Mischung
aus Kapitalismus und Sozialismus recht
Gute deutsche Unternehmen werden auch nicht demokratisch
sondern hierarchisch mit einigen unbedeutetenden
Einsprengseln von Mitbestimmung geführt.
Wenn mein spätrevolutionärer Bekannter sich hier das mühsam
demokratische Regieren der schwarz-gelben Wunschkoalition in
Deutschland ansehe, das ohnehin zur Lobbykratie verkomme,
könne man diesen Wohlstands- und Wohlfahrtsstaat vergessen.
Nun halte ich die Demokratie immer noch für das beste aller
Herrschaftsysteme, gerade wenn sie nicht wie ein
Wirtschaftsbetrieb funktioniert. Immerhin kann sie es sich
noch leisten, Menschenrechte einzufordern, obwohl sie
Verstöße dagegen aus wirtschaftlichen Gründen häufig genug
toleriert, vor allem auch beim Handel mit China..
Wer, wie Deutschland mit Waffen handelt, liefert die auch in
so genannte Krisengebiete. Und die Herrscher jener Gebiete
verteidigen mit Waffen made in Germany unter Missachtung
diverser Menschenrechten ihre nicht-demokratischen
Machtansprüche.
Wirtschaftliches Wachstum geht offenbar überall vor –
natürlich auch wenn – wie in China - sozialistisch
ideologische Werte dagegen stehen.
Da in Deutschland eine übermächtige Wirtschaftslobby immer
größeren Einfluss im politischen Machtgefüge gewinnt,
bestimmen auch immer mehr wirtschaftliche Grundsätze das
politische Handeln. Wachstumsideologie, Privatisierung,
Übernahme betriebswirtschaftlichen Denkens in öffentlichen
Verwaltungen, Bürger als Kunden (und nicht mehr als Teile
des Souveräns Volk), um nur einige Stichwortezu diesen so
genannten Umdenkungsprozessen sowie Umstrukturierungen und
deren Folgen zu nennen. Nicht von ungefähr sind Juristen als
leitende Mitarbeiter in öffentlichen Verwaltungen auf dem
Rückzug und Betriebswirtschaftler auf dem Vormarsch.
Offenbar führen die Mechanismen wirtschaftskapitalistischen
Denkens und Handelns sowohl in den europäischen und
nordamerikanischen Demokratien als auch in sozialistischen
Volksrepubliken chinesischer Machtart dazu, dass beide immer
mehr zu staatlich geführten Wirtschaftsunternehmen
verkommen. Und die Mehrheit der Menschen des jeweiligen
Staatsvolkes dienen (wie in allen Unternehmen) nur noch als
Mittel zur Anhäufung der Gewinne weniger Reicher in den
Vorstandsetagen.
Wenn deutsche Chinareisende nach ihrer Rückkehr staunend von
den wirtschaftlichen Erfolgen jener volksrepublikanischen
Machthaber berichten, wird das dieser Entwicklung in Europa
kaum Einhalt gebieten.
Hauptsache, die Wirtschaft boomt. Auf das bisschen
Demokratie kann Otto-Normal-Bürger offenbar gut und gern
immer ein bisschen mehr verzichten.
IP: geloggt Bei jedem Irrtum gewinnt die Wahrheit Zeit.
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ArnoAbendschoen
Mitglied
 20 Forenbeiträge seit dem 02.05.2010

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| 1. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 30.07.2010 um 15:54 Uhr |
Mit der Tendenz des Artikels durchaus einverstanden.
Allerdings enthät er in meinen Augen eine Unschärfe: Das
heutige China ist keineswegs sozialistisch im herkömmlichen
Sinn, sondern vielmehr im Weserntlichen neokonfuzianisch.
Die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung dort resultiert
aus der Verbindung westlichen Know-kows mit seit
Jahrtausenden bewährten und eingeübten Prinzipien
konfuzianischen Denken und Handelns. Die KP hat nur das
äußere Gewand einer allein herrschenden Staatspartei
kommunistischen Stils beibehalten. Ihrem Aufbau und ihrer
Funktion nach entspricht sie jedoch der tradierten
Herrschaft der Mandarine. Die Funktionäre sind keine auf der
Grundlage des Marxismus - wie wäre sonst die gigantische
Entwicklung von Privateigentum an den Produktionsmitteln
denkbar! -, sie entsprechen der von jeher undemokratischen
Herrschaft einer Beamtenelite. Nur dass an die Stelle des
Prinzips Kaisertum jetzt der absolute Machtanspruch der
Partei getreten ist.
In China hat nach Maos Tod ein prinzipieller Wandel
stattgefunden, ohne den der Aufstieg des Landes nicht
möglich gewesen wäre. Über diesen grundlegenden Sachverhalt
sollte man sich klar werden, bevor man über Chinas Rolle in
der gegenwärtigen und zukünftigen Welt nachdenkt.
Arno Abendschön
IP: geloggt Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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1943Karl
Mitglied
  392 Forenbeiträge seit dem 24.02.2008

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| 2. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 22.08.2010 um 14:14 Uhr |
Lieber Arno,
danke, durch deinen Beitrag habe ich wieder etwas
dazugelernt. Und natürlich ist ein Land mit einer derart
alten Kultur nie ohne seine Geschichte zu verstehen. So war
das stalinistische und spätere Russland nie ohne seine
mächtigen Stammesführer verständlich.... Allerdings sehe ich
den Sozialismus durchaus auch als ein Folge früherer
Herrschaftssysteme..
Herzlichen Grüße
Karl
IP: geloggt Bei jedem Irrtum gewinnt die Wahrheit Zeit.
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ArnoAbendschoen
Mitglied
 20 Forenbeiträge seit dem 02.05.2010

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| 3. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 22.08.2010 um 14:44 Uhr |
Lieber Karl,
grundsätzlich einverstanden. Ohne Zweifel verhält es sich im
Fall Russland gerade so, wie von dir beschrieben. Im Fall
China allerdings nur sehr eingeschränkt. Die Mao-Zeit (1949
- 1976) bildet einen auffallenden Fremdkörper in der
chinesischen Geschichte. Sie knüpft außer an den
Marxismus-Leninismus vor allem an historische chinesische
Bauernaufstände an. Als Herrschaftspraxis steht sie isoliert
da. Daher ihre heftige Abneigung gegen die überkommene
Kultur (Kulturrevolution).
Bekannt ist vielleicht jene Anekdote über Helmut Schmidt,
der bei einem Besuch in Peking Deng vorhielt, seine Politik
sei nicht mehr marxistisch, sondern konfuzianisch, worauf
Deng nur lächelnd entgegnete: "So what!"
Arno Abendschön
IP: geloggt Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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