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Literaturforum:
Atemkünstler


Heute ist der 18. Todestag von Cioran.
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Autor
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Thema: Atemkünstler
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vimana
Mitglied
 23 Forenbeiträge seit dem 21.02.2011
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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 23.02.2011 um 15:11 Uhr |
Atemkünstler
Obwohl Friedhofsgärtner Johannes in ein fortgeschrittenes
Alter geraten war, war er immer noch der Hansi bei allen,
die ihn kannten. Hansi hatte es mit der Luft. Schon als
Kleinkind brauchte er besondere Fläschen und Sprays. In der
Schulzeit hatte man ihn zweimal zur Luftkur verschickt.
Einmal über tausend Meter hoch in die Alpen. Ein anderes Mal
auf ein flaches Inselchen in der Nordsee.
Johannes war sein Leben lang der Hansi geblieben. Und das
mit einem n. Auch jetzt noch kurz vor der Rente. Weil damals
eben mickrig und schwach auf der Brust.
Dabei war Johannes immer übermäßig über seine Gesundheit
besorgt. Und dafür hatte es keinen dreimal klugen
Fernsehberichts bedurft. Schon gar nicht der Belehrung, dass
gesunde Luft ein hohes Gut bedeutet.
Johannes wusste Bescheid. Schließlich arbeitete er tagein
tagaus in und über Gräbern in freier Luft. Und dass die
Menschen bei jedem Atemzug Schadstoffe aufnehmen und
obendrein falsch atmen, war ihm sattsam bekannt.
Bei jedem Luftholen strömen also Giftstoffe ein. Eine
unvorstellbare, entsetzliche, ja tödliche Menge gerechnet
auf die Lebensjahre. Und die Verwschmutzungen nehmen eher
zu.
Die meisten Menschen sind sich dieser Gefahr nicht bewusst
und machen vieles falsch. Natürlich ist auch die tägliche
Fresserei ungesund. Aber Hungerkünstler wollte Johannes
deswegen nicht werden: Obwohl er jetzt dick und kugelrund
daherkam. Das Alleinsein und viele Fernsehgucken ließen ihn
zur Leidenschaft verführen, Unmengen Chips und Süßigkeiten
im wöchentlichen Wechsel zu verschlingen. Sein tägliches
Bier trug er in Stofftaschen in die Dachwohnung nach oben.
Für Kisten war er zu rund und schlaff. Schon auf dem ersten
Treppenabsatz blieb ihm die Puste weg. Die verdammten
Putzfrauen mit ihren Giftbrühen. Doch hungern, dass man am
Ende am Magen vorbei zwar nicht die Zeitung lesen konnte,
aber doch die Helle des gegenüberliegenden Fensters
wahrzunehmen war. Sofort vielen ihm auch die anderen
Verrücktheiten ein: Sich einmauern oder einfrieren lassen.
Unter Wasser aushalten, auf einer Säule stehen,
Dauerduschen... Bloß Sensationshascherei. Bei Hanns war das
anders. Ernster. Todernst. Da wollte er schon lieber
Luftkünstler sein. Mit der Luft kannte er sich aus. Ein- und
Ausatmungskünstkler.
Johannes begann seine Strategie damit, dass er weniger ein-
als ausatmete. Neben Energien und Wasser sollte es wohl auch
zu einer Luftknappheit kommen. Mit der Zeit brachte es
Johannes zu einer Kunstfertigkeit, immer nur noch die Hälfte
einzuatmen. Ausatmen war angesagt. Wegen der Giftstoffe. Aus
dem fernen Osten war ihm ausserdem bekannt, dass richtiges
Ausatmen nicht nur lebensverlängernd ist. Kunstfertiges
Ausatmen macht den Menschen frei zu ungeahnten Ebenen eines
höheren Bewußtseins.
Nach Monaten harten Trainings brachte es der Alte zu einer
solchen Meisterschaft, dass er innerlich total gereinigt,
dafür äußerlich blass und kraftlos daherkam. Was ihn nicht
beunruhigte, war er doch Wegweiser für viele, die ihm
nacheifern würden. Und ihn endlich Johannes nennnen müssten.
Oder doch wenigsten Hannsi mit nn.
Nach weiteren Wochen war er völlig entgiftet und entkräftet.
Er kam aus dem Stubensessel kaum noch hoch. Den Friedhof
wollte er sowieso verlassen. Bis zur Rente war nur noch eine
kurze Wegstrecke. Atemstrecke. Luft nahm er nur noch, wenn
unbedingt nötig und dann in kleinsten Zügen. Wie eine
Wasserschildkröte den Kopf rausnimmt, um dann für lange Zeit
unter Wasser zu bleiben.
Am Ende schloss er sich in seinem Dachzimmerchen ein. Und
maulte nach Luft wie ein Fisch, den der Angler aufs Land
geworfen hat. Den Umwohnenden war nichts aufgefallen.
Erst nach weiteren Wochen fand man ihn reglos. Er lag
zusammengerollt auf dem Teppich mit heraushängender Zunge.
Blauköpfig, tot. Durch den weit aufgerissenen Mund strömte
Luft wie durch ein geöffnetes Fenster nach einem erlösenden
Gewitterregen, nach tagelanger Schwüle.
http://www.wendelschaefer.de
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rupert
Mitglied
 4 Forenbeiträge seit dem 26.04.2011
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| 1. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 26.04.2011 um 12:40 Uhr |
finde ich gut. nichts zu meckern. tragisch und komisch.
genau richtig abgeschmeckt.
http://literatur-forum.info
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raimund-fellner
Mitglied
 73 Forenbeiträge seit dem 13.11.2011

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| 2. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 24.01.2013 um 20:19 Uhr |
Liebe Vimana,
immerhin hat Hansi eine salonfähige Krankheit. Über
Atembeschwerden lässt sich im Salon reden. (Weniger über
Schizophrenie oder Zyklothymie.) Ich meine allerdings, dass
die eigentliche Krankheit von Hansi nicht salonfähig ist,
denn es handelt sich um eine psychische (seelische)
Krankheit. Darüber lässt sich im Salon allerdings nicht
reden.
In diesem Sinne
Raimund Fellner
http://www.raimund-fellner.de
Raimund Fellner
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