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Cesare Pavese - Unter Bauern


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Autor
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Thema: Cesare Pavese - Unter Bauern
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ArnoAbendschoen
Mitglied
 133 Forenbeiträge seit dem 02.05.2010

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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 19.10.2011 um 11:42 Uhr |
Pavese (1908 – 1950) gilt als der führende italienische
Neorealist im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts. Seine
Romane und Erzählungen werden – auch außerhalb Italiens –
bis heute viel gelesen. Die Sekundärliteratur nimmt an
Umfang noch immer zu. Sie beschäftigt sich vor allem mit der
Einordnung seiner Werke in größere Zusammenhänge, mit dem
Einfluss der amerikanischen Literatur auf Pavese, seiner
Darstellung der italienischen Gesellschaft der Dreißiger und
Vierziger, mit dem Gegensatz Stadt – Land, nicht zuletzt mit
der Rolle mythischer Bilder und Vorstellungen bei der
Gestaltung von Figuren und Erzählsträngen. Es scheint,
Pavese war ein stark auf die Gemeinschaft und ihre Fragen
bezogener Autor. Dabei gerät die andere Seite ein wenig aus
dem Blickfeld: das Unverwechselbare, individuell Persönliche
seiner Gestalten, insbesondere seiner Ich-Erzähler.
„Unter Bauern“, erschienen 1939, ist Paveses erster Roman.
Er wird bis heute vor allem als soziale Milieuschilderung
verstanden, in der die Individualpsychologie nur eine
untergeordnete Rolle spielt. Im Folgenden wird der Versuch
unternommen, den Vorrang des individuellen Dramas
herauszuarbeiten, für welches das soziale Milieu wenig mehr
als eine brauchbare Kulisse bedeutet.
Der Klappentext von Rowohlt zur Taschenbuchausgabe von 1983
ist ein vielsagendes Beispiel für die tradierte
Überinterpretation. Er beginnt schon mit einem krassen
sachlichen Fehler: „In dem … Roman ‚Unter Bauern’ fixiert
Cesare Pavese einige noch heutzutage antreffbare archaische
Sozialstrukturen in abgelegenen Dörfern der Piemonteser
Alpen.“ Tatsächlich spielt der Roman in der Langhe, Paveses
Heimat, einem fruchtbaren Hügelland im Südosten des Piemont,
ca. 100 Kilometer vom Rand der Alpen entfernt. Im
Zeitgeistjargon von damals fährt der Klappentexter fort: „ …
interessiert sich Pavese mehr noch als für die eigentliche
Romanhandlung für die politischen Hintergründe, vor denen
die Handlung abläuft.“ Das ist eine Behauptung, die durch
den Text nirgendwo gestützt wird, Pavese berührt den
politischen Rahmen der Mussolini-Zeit nicht einmal. Und
weiter: „Pavese legt die Wurzeln des ‚ganz gewöhnlichen
Faschismus’ bloß und deutet vorwegnehmend die kriegerischen
Ereignisse der folgenden Jahre …“ Abgesehen davon, dass an
die Stelle der „archaischen Sozialstrukturen“ hier auf
einmal die Wurzeln des modernen Faschismus treten, ist es
einfach grotesk, anzunehmen, Pavese habe mit seinem kleinen
Vorkriegsroman bereits Verlauf und Ergebnis des 2.
Weltkriegs mitverarbeiten können. Sein fatales Notizheft aus
den Kriegsjahren, erst 1990 publiziert, zeigt bekanntlich
einen Pavese, dem Mussolini nicht vollkommen unsympathisch
ist und der dessen Endsieg durchaus für möglich hält. Dieser
Pavese wurde dann von seinen Verteidigern auf die in solchen
Fällen übliche Weise als eine im Grunde unpolitische
Persönlichkeit erklärt. - Versuchen wir uns an einer
neuinterpretierenden Nacherzählung von „Unter Bauern“.
1. Tag
Zwei junge Männer haben zwei Wochen lang eine Gefängniszelle
in Turin geteilt und werden zusammen entlassen. Man hat dem
Bauernburschen Talino die Brandstiftung nicht nachweisen
können, ebenso ist Bertos Verwicklung in einen Einbruch
unaufgeklärt geblieben. Berto, der Ich-Erzähler, ist
Turiner. Bereits mit seinem ersten Satz stellt er klar, wer
hier Handelnder und wer Objekt ist: „Noch an der Tür fing er
an, mich einzuwickeln.“ Berto meint, „ein Mann wie er müsse
auch diese Erfahrung (vordergründig: die
Gefängnisentlassung) machen“ und erntet verschmitztes
Lachen, „als seien wir Mann und Frau auf einer Wiese … und
klammerte sich an mich … Da begann Talino wieder zu lachen,
als steckten wir unter einer Decke.“ Diese Assoziationen
müssen einem erst einmal kommen, damit man sie zurückweisen
kann. Talino will ihn mit aufs Dorf nehmen, da er selbst
sich angeblich vor seinem Vater fürchtet und Berto als
Mechaniker die Dreschmaschine bedienen könnte. Berto scheint
es darauf anzulegen, Talino loszuwerden: Er gibt ihm Geld
für einen Bordellbesuch und stellt nur vage in Aussicht,
abends am Bahnhof zu sein.
Berto sucht nun seinen Kumpan und Zimmergenossen Pieretto
und trifft stattdessen Pierettos Geliebte Michela. Er
schläft mit ihr und verlässt sie unmittelbar danach, obwohl
er den Platz des einsitzenden Freundes auf Dauer einnehmen
könnte. Michela glaubt, ihn zu gewinnen, indem sie
wiederholt sagt: „Wenn Pieretto das wüsste!“ Aber Berto
sieht darin desillusioniert nur den Verrat: „Selbst ihr
Geruch war mir widerlich.“ Wir haben hier bereits das für
Pavese typische und an Dostojewski erinnernde Trio aus einer
Frau und zwei Männern, von denen einer aus Solidarität mit
dem anderen sich zurückzieht. Berto geht also zum Bahnhof,
„ohne mir dessen recht bewusst zu werden“.
2. Tag
Während der Nachtfahrt hält Berto sich vor Augen, „dass ich
meine Jacke nur über die von Pieretto hätte hängen müssen.“
Er hat es nicht getan, stellt sich nun Michela allein in
ihrem Bett vor und blendet unmittelbar über zum
Reisegenossen: „Talino hatte den Kopf zum Schlafen auf sein
Bündel gelegt …“ Er vergleicht den Bauernburschen mit einem
Kalb – „aber in manchen Augenblicken dachte ich, es seien
ihrer sogar zwei.“ Berto, der sich in Turin in wenig
glänzenden Verhältnissen befand, hält sich immer wieder
seine städtische Herkunft zugute, doch diese ländliche
Idylle verlockt ihn auch ein wenig.
In Bra müssen sie anderntags umsteigen, und der Turiner
Ablauf wiederholt sich leicht variiert. Talino geht in den
Puff, Berto wartet in einem Café. Er flirtet mit der
Kellnerin und macht die Bekanntschaft eines jungen Mannes,
der ihn beim Billard schlägt. Nachher ist der Zug aufs Dorf
weg, sie treffen auf dem Markt einen von Talinos Bekannten.
Dieser Eisenwarenhändler heißt auch Berto und wird vom
Ich-Erzähler mit respektvoller Sympathie geschildert. Der
Händler geht mit ihnen essen und bespricht mit Talino die
Folgen der Brandstiftung.
Vom Lokalzug aus blicken sie, kurz vor Talinos Dorf, auf
„eine mächtige Kuppe … rund wie die Brust einer Frau.“ Der
Zug verschwindet in einem Tunnel, im Abteil wird es dunkel,
Berto spricht „versehentlich“ einen mitfahrenden Milizionär
an und bekommt zur Antwort: „Ich bin nicht Talino … Bleibt
bloß auf eurem Platz sitzen.“ Es wird hell, Berto sieht am
Fenster Talino, der „wie eine Frau mit beiden Händen
winkte.“ Bei der Darstellung des Fußmarsches vom Bahnhof
geht es noch wiederholt um den einer Frauenbrust ähnelnden
Berg. Er erscheint abwechselnd groß und klein, wie die
Vorwegnahme der Desillusionierung, die für Berto an dem
Schauplatz erfolgen wird, den er nun betritt. Beim
Eintreffen auf dem väterlichen Hof die nächste Anspielung
auf – problematische – Sexualität: Vinverra „kratzte sich
unter der Hose.“
Im Verlauf des ersten Abends auf dem Hof konstituiert sich
das nächste Trio: Talino – Berto – Gisella (eine von Talinos
Schwestern.). Berto interessiert sich gleich für Gisella,
die ihrerseits mit Talino zankt. Die beiden jungen Männer
schlafen auf dem Heuboden. Berto macht sich klar, dass er
hier nicht nur der Maschinist ist, sondern vor allem Talinos
Leibwächter: Alle Familienmitglieder fürchten die Rache des
Brandgeschädigten.
3. Tag
Berto bereitet sich aufs Korndreschen vor und setzt die
Dreschmaschine instand. Weit mehr Raum nimmt im Text seine
Annäherung an Gisella ein. Sie ist die Herrin über die
Äpfel, er trifft sie am Brunnen, ist voller Verlangen nach
ihr – und zeigt schon wieder erste ambivalente Regungen. Sie
hat, findet er, ein „Mondgesicht“, ganz wie Talino, der ihm
die ältere Schwester Pina schmackhaft machen will. Jetzt ist
erstmals die Rede von Ernesto: „Gisella hatte was mit
Ernesto …“ Das ist ein junger Bauer aus der Umgebung,
ebenfalls Maschinist und eigentlich fürs Dreschen am Ort
zuständig – doppelte Konkurrenz.
Talino geht mit Berto ins Dorf. Dort lernt er den
Stellmacher kennen, der ist blond, eine bei Pavese
gelegentlich vorkommende erotische Signalhaarfarbe. Wieder
auf dem Hof angelangt, kommen Berto und Talino dessen Mutter
„wie Brüder“ vor. Beim Abendessen mustert Berto Gisellas
Schwestern und stellt bei sich wenig galante Vergleiche an.
Pina erinnert ihn an ein „Stierkalb … wäre sie nicht eine
Frau gewesen.“ Und bei einer Umarmung Miliotas würde er
einen Armbruch riskieren. Alles läuft für ihn auf Gisella
zu, die dann aber zum verabredeten Treffen nicht erscheint.
Berto sagt sich: „Jetzt wärest du über jeden froh, der
käme.“ Als er danach Talino im Heu betrachtet: „Das sollte
Gisella sein.“
4. Tag
Berto vergleicht am Morgen Gisella mit ihrer älteren
Schwester Adele und sagt sich: „Nach dem ersten Kind ist es
mit ihnen vorbei.“ Er findet an allen Töchtern Vinverras
„Vierschrötigkeit“, nur bei Gisella nicht, und sie ist „die
weißeste“ von ihnen. Andererseits hat er am Vorabend den
schlafenden Talino betrachtet und „seine widerliche weiße
Haut“ festgestellt. Später am Tag wird er Pina sagen: „Es
ist gar nicht so schön, wenn Frauen eine weiße Haut haben.
Ein bisschen braun müssen sie sein.“
Gisella geht zu Pans Stunde mit ihm in den Wald, „mitten
zwischen den zwei runden Brüsten … nur Bäume und der heiße
Himmel waren zu sehen, die beiden Hügel waren nicht hoch
genug dazu.“ Fraglich, ob es zur sexuellen Vereinigung
kommt. „Ich stürzte mich über sie, und wir rangen
miteinander … sie redete wie verrückt, und kaum ließ ich sie
los, legte sie ein Bein über das andere.“ Erst später
entkleidet sie sich auf seinen Wunsch. „Und sie ließ sich
betrachten. Ihre Haut war so weiß und fest, dass es eine
Lust war.“ Dann aber bemerkt er im Genitalbereich eine
auffallende Narbe. Er fragt, ob sie schon ein Kind hatte,
und das ist der Beginn einer heftigen Auseinandersetzung.
Sie versichert immer wieder, sie sei mit vierzehn in einen
Rechen gefallen. Dann lässt sie ihn allein am Bach zurück,
mit seinen Unlust- und Schuldgefühlen: „… ich … überlegte
mir, dass ich irgendwen hintergangen hatte. In solch einem
Augenblick vergeht einem der Spaß an den Frauen.“ Er will
sie nicht sitzen lassen wie Michela, „wahrscheinlich, weil
sie natürlicher war und … sich wie ein Mann bewegte und auch
so schaute.“ Nach dem Baden verirrt er sich – man möchte
fast sagen: zielbewusst - und kommt bei einem Hof heraus,
den er sogleich für den seines Konkurrenten Ernesto hält:
„Ernesto musste in Ordnung sein, wenn er Maschinist war und
Gisella ihm gefiel.“ Tatsächlich ist es ein anderes Gehöft.
Auf dem Weiterweg wägt er erneut ab, will zurück nach Turin.
Gisellas Aktien notieren jetzt tiefer, denn „auch sie war
letzten Endes zu ungeschliffen.“ Immerhin nimmt er sich vor
(und spielt dabei mit den zwei Bedeutungen): „Ich sollte dem
Alten sagen, dass er mich mit ihr anstatt mit Talino
schlafen lässt.“
Früher hat er zu Talino gesagt: „Drei sind kein Paar.“ Aber
er kann sich nicht denken, ohne sich zugleich zu zweien in
Beziehung zu setzen. Am Abend meint er über Gisella, „wir
waren wie füreinander geschaffen.“ Und kurz darauf
betrachtet er wieder Talino, „und es wollte mir nicht in den
Kopf, dass er, wenn auch nur ganz wenig, Gisella glich.“
Dann begleitet er den Bruder auf einem nächtlichen Ausflug –
Talino verheimlicht, dass er den von ihm eingeäscherten Hof
besichtigen will – und Berto versteht sich selbst wieder
einmal nicht – „ich wusste selbst nicht, warum ich ihm
folgte.“
Spät in der Nacht heimgekehrt, träumt Berto einen
Angsttraum, der eigentlich der von Gisella sein müsste: Er
fällt in einen Brunnen und fürchtet, in Rechen zu fallen.
Ist es die Penetrationsfurcht eines passiven Charakters?
5. Tag
Es ist Sonntag. Berto begegnet früh Gisella in der Küche und
sieht ein bisschen zu genau hin: „Da tritt sie dicht an mich
heran, um sich umarmen zu lassen, und schaut mich dabei so
durchdringend an, als sei ihr Gesicht nicht das ihre und sie
wolle sehen, wieso ich es überhaupt küssen mochte. In
solchen Augenblicken tun mir die Frauen leid. Ich weiß nicht
warum, aber sie tun mir eben leid.“
Wie die anderen geht er ins Dorf, bleibt aber der Messe fern
- außerhalb der Kirche blüht die Geselligkeit. Berto geht
ins Wirtshaus, lässt sich vom Anblick der Wirtin, einer
Witwe, faszinieren und hört aus ihrem Mund, was es mit
Gisellas Narbe auf sich hat: Talino hat sie brutal
vergewaltigt. Unmittelbar danach lernt Berto auf der Straße
Ernesto kennen, die einzige im Roman rein positiv
dargestellte Figur, fast schon zu positiv und im Vergleich
zu Talino eher blass. (Er hat Vorläufer – der Billardspieler
und der Eisenwarenhändler in Bra, der Stellmacher im Dorf.)
Die beiden verstehen sich auf Anhieb gut, nur dass Bertos
Gedanken von ihm zu Gisella und zurück zu Ernesto gehen: „ …
als ich ihn anschaute, sah ich Gisella vor mir … Wir
schauten uns an … und ich dachte an Gisella.“
Zurück auf dem Hof wähnt Berto sich mit dem Wissen um den
Ursprung der Narbe erstmals Herr der Lage, eine
Fehleinschätzung, denn es kommt rasch zum Streit, als er
Gisella auf den Sachverhalt anspricht. Kurz darauf nimmt die
Katastrophe ihren Lauf, die beiden Dreiecksbeziehungen, in
die Berto sich hineingestellt hat, ergänzen sich zu einem
höchst instabilen Viereck.
Ernesto kommt mit dem Korn, das am Montag gedroschen werden
soll. Berto gefällt die Vorstellung, „Ernesto sei der Bruder
der Mädchen, und nicht Talino.“ Die beiden Maschinisten
rauchen noch miteinander, lachen miteinander, dann wird von
der ganzen Hof- und Dreschgemeinschaft wie im Fieber
abgeladen. Drei durstige Männer werden nacheinander von
Gisella am Brunnen mit frischem Wasser versorgt. Berto
schmeichelt sich später damit, ihn habe Gisella noch etwas
freundlicher behandelt als Ernesto. Mit Talino gerät sie
dagegen wieder in Streit, sie „riss den Eimer zurück und
schrie: ‚Doch nicht so, du machst ja das ganze Wasser
schmutzig.’“ In einem Anfall unbeherrschbaren Jähzorns stößt
er ihr die Heugabel in den Hals.
Es ist bald klar, dass Gisella verbluten muss, auch wenn sie
im Haus noch länger versorgt wird. Im Folgenden erweist sich
Berto merkwürdig passiv. Pavese hat bis dahin die im
Ich-Erzähler divergierenden Gefühle gewissermaßen
externalisiert, indem er ihn die positiven Ernesto, die
negativen Talino zuordnen ließ. Der Preis dieser Passivität
ist der schließliche Triumph des Bösen. Bertos Rolle ist
damit ausgespielt, Ernesto ist es, der die tödlich
Verwundete auf ihr Zimmer trägt. Bertos Schuldbewusstsein
regt sich schon, als die Carabinieri eintreffen: „Bei ihrem
Anblick klapperten mir die Zähne, als sei ich Talino …“ Dann
sucht er vor sich selbst eine weniger belastende Erklärung.
Die Geschichte ist mit der einsetzenden Agonie Gisellas im
Grunde zu Ende, Pavese führt sie als Neorealist nur
sozusagen der guten Ordnung halber bis an ihr definitives
Ende fort. Berto rationalisiert währenddessen seine
Schuldgefühle noch eine Weile mit unlogischen Zuweisungen.
So ist er böse „auf alle die anderen, die das im voraus
gewusst, und mir nichts davon gesagt hatten.“ Oder sagt
umgekehrt auf Vinverras Äußerung, Talino wäre besser im
Gefängnis geblieben: „Besser wäre ich im Gefängnis
geblieben.“
6. Tag
Nicht Berto, Ernesto war bei Gisella in ihrer Agonie. Berto
findet ihn am anderen Morgen bei der Toten und tritt seine
Arbeit als Maschinist an ihn ab. Bevor er den Hof verlässt,
schläft und träumt er noch einmal auf dem Heuboden.
Plötzlich ist der zwischenzeitlich flüchtige Talino wieder
da – Berto: „Noch heute weiß ich nicht, warum ich mich nicht
auf ihn gestürzt und zu ihn zu Boden geworfen habe.“
Aufgrund dieser Hemmung kann Talino noch einmal entkommen.
Berto, fertig zum Weggehen, sieht vom Hof aus nur noch Adele
herunterschauen. „Dass sie es meinetwegen tat, glaube ich
aber nicht.“ Es gibt keine Verbindung mehr zwischen diesen
Bauern und ihm, dem isolierten modernen Großstädter. Berto
ist ausgeschlossen worden, er ist endlich ganz frei.
Wer ist dieser Berto? Er ist einer voll ambivalenter
Gefühle. Er pendelt bindungsunfähig zwischen den
Geschlechtern. So wie es bei Freud denjenigen gibt, der am
Erfolg scheitert, kann man von Berto sagen, er sei der Typ,
der sich durch Scheitern erst verwirklicht. Berto ist
außerdem der für das Werk Paveses typische Held. Ihm sehr
ähnliche Figuren sind z.B. die Ich-Erzähler aus den
Erzählungen „Die Selbstmörder“ und „Hochzeitsreise“. In dem
kleinen Roman „Am Strand“ spaltet er sich in mehrere Figuren
auf, die den gleichen Part abwechselnd übernehmen. Auch
Corradino in „Die Familie“ ist ihm nahe verwandt. Die Reihe
könnte durch viele Erzählungen und die meisten seiner Romane
fortgesetzt werden. In „Die einsamen Frauen“ hat diese
zentrale Figur das Geschlecht gewechselt. Hier ist es die
Ich-Erzählerin Clelia, die sich sonderbar unberührt durch
die bessere Turiner Gesellschaft treiben lässt. Sie spielt,
wie Berto mit Gisella, mit dem Polier Becuccio, der
seinerseits auf Distanz geht. Das diskret Homoerotische aus
„Unter Bauern“ verwandelt sich in „Die einsamen Frauen“ in
öfter und offen thematisierte lesbische Beziehungen. In
beiden Romanen wird am Schluss ein Menschenopfer gebracht,
in „Die einsamen Frauen“ stirbt Rosetta von eigener Hand,
ganz ähnlich wie der Autor Pavese bald nach Erscheinen des
Buches.
Dass man den Ich-Erzähler nicht mit dem Schriftsteller
gleichsetzen darf, ist eine Binsenweisheit. Gleichwohl ist
die Nähe des Menschen Pavese zu seinen Hauptfiguren
unverkennbar. Die stärksten Belege dafür findet der Leser in
seinem posthum veröffentlichten Tagebuch „Das Handwerk des
Lebens“. Hier zum Abschluss einige Zitate daraus aus den
Jahren 1936 - 1939, die eine vor allem
individualpsychologische Deutung seiner Werke unterstützen:
Es liegt im Unrecht-Erleiden – genau wie in einem
Wintermorgen – eine Trostlosigkeit, die uns merkwürdig
belebt.
… eine Frau, die das vernunftbegabteste Tier ist, das es
gibt …
Das Einzige, was klar ist, ist, dass die Toten verwesen. Mit
all diesem Gift im Leibe.
Die Kunst des Lebens besteht darin, dass man den liebsten
Menschen die eigene Freude am Zusammensein verbirgt; sonst
verliert man sie.
… dass Verliebtsein eine persönliche Tatsache ist, die das
geliebte Objekt nichts angeht.
Versuch einmal, jemandem Gutes zu tun. Nach einer Weile
wirst du sehen, wie du dieses ebenso bedrückte wie
strahlende Gesicht hassen wirst.
Dass wir nie mehr eine Frau erobern werden (auch keinen
Mann), ist klar …
Meine Geschichten sind immer nur Liebesgeschichten oder
solche der Einsamkeit.
… die einzig wahre Erkenntnis findet statt durch
Liebes-Identifikation …
Da man eine Frau ja doch früher oder später sitzen lassen
muss, kann man sie genauso gut sofort sitzen lassen.
(Die Zitate folgen in „Unter Bauern“ der Übersetzung von
Arianna Giachi, in „Das Handwerk des Lebens“ der von
Charlotte Birnbaum.)
Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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ArnoAbendschoen
Mitglied
 133 Forenbeiträge seit dem 02.05.2010

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| 1. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 22.10.2011 um 21:48 Uhr |
Berichtigung zu Absatz 3: Der Roman kam 1983 als Taschenbuch
nicht bei Rowohlt, sondern im Fischer Taschenbuch Verlag
heraus.
Arno Abendschön
Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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