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Literaturforum: Die nächste Revolution in den Köpfen


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Forum > Politik & Gesellschaft > Die nächste Revolution in den Köpfen
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 Thema: Die nächste Revolution in den Köpfen
raimund-fellner
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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 13.01.2012 um 15:51 Uhr

Die nächste Revolution in den Köpfen

Als Subproletarier oder Arbeitsplatzloser gilt, wer nicht im Besitz eines Arbeitsplatzes ist. Wo der technische Fortschritt die Produktivität der Erwerbsarbeit in dem Maß erhöht, dass allgemeiner Wohlstand aufrechterhalten wird, ohne dass alle Individuen dieser Gesellschaft durch Arbeit dazu beitragen müssen, werden immer mehr Menschen von Erwerbsarbeit freigestellt. Die Erwerbsarbeit, weil nicht mehr notwendig, wird mehr und mehr abgeschafft. Die Zahl der Arbeitsplatzbesitzer schrumpft und die Zahl der Arbeitsplatzlosen steigt.
Der geschaffene Wohlstand genügt bei Weitem sowohl für die Arbeitsplatzbesitzer, als auch die Subproletarier. Es gäbe noch weniger Erwerbsarbeit, wenn die Subproletarier leer ausgingen an Versorgung, weil dann bei weitem weniger Erzeugnisse der Erwerbsarbeit gekauft werden würden. Somit liegt es im Interesse der Arbeitsplatzbesitzer auch diese Arbeitsplatzlosen zu versorgen.
Dieses Abgeben des Überflusses, zum Teil zwar als „Grundsicherung“ und Arbeitslosengeld gesetzlich geregelt, galt im bisherigen Bewusstsein der vulgären Bevölkerung als Barmherzigkeit, auf die der Subproletarier keinen einforderbaren Anspruch hat, nach dem Leitspruch: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen." Diese Ansicht der vulgären Bevölkerung widerspricht allerdings dem Artikel I der Menschenrechtskonventionen der Vereinigten Nationen, nach dem ein jeder Mensch ein Recht auf Leben hat, somit dessen Grundbedürfnisse erfüllt sein müssen unabhängig jeglicher Bedingung. Recht auf Leben birgt in sich, sich am Leben erhalten zu können. Leben darf, wer arbeitet und auch, wer nicht arbeitet.
Dieser Anspruch auf eine Grundversorgung, welche eine vom Grundgesetz garantierte Persönlichkeitsentfaltung ermöglicht, ist die Grundforderung des Subproletariats, das allerdings bis jetzt noch keine Lobby hat. Recht auf Grundversorgung, unabhängig von Arbeitszwang, ist materieller Inhalt der nächsten Revolution in den Köpfen. Denn auf Grund der steigenden Produktivität eines Arbeitsplatzes ist es möglich, den Arbeitszwang zur Erhaltung des Lebens abzuschaffen. Die Aufhebung des Arbeitszwanges ist ein Fortschritt hin zu mehr Freiheit.
Soweit der materielle Inhalt der Revolution. Doch um sie zu einer Bewegung in den Köpfen zu machen, vergleichbar mit der von 1968, bedarf es in erster Linie geistiger Inhalte. Das Subproletariat muss durch denkerische Mühe zu Eigenwert und Selbstbewusstsein erstarken. Eine eigene Subkultur der Lebensführung verwirklichen. Die eigene bessere Wirklichkeit leben, statt sich von der schlechten Realität seelisch erdrücken zu lassen. Das Leben der Subproletarier findet nicht, wie das der arbeitenden Bevölkerung im Zwang institutionalisierten Verhaltens zu Kollegen statt, sondern in einem ungezwungenen Umgang miteinander, eine Kommunikationswelt, die der Philosoph Habermas mit dem Begriff "Lebenswelt" fasst.


Raimund Fellner
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ArnoAbendschoen
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1. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 25.01.2012 um 10:27 Uhr

Die Forderung nach einem Grundeinkommen unterstütze ich. Grundeinkommen für jeden Bürger ist möglich, ökonomisch zweckmäßig und sozial gerecht.

Die Vorstellung einer speziellen Kultur derjenigen ohne Erwerbsarbeit ist ein interessanter Ansatz. Der Begriff "Subkultur" scheint mir jedoch bedenklich, er betont das Abgrenzende. Man sollte besser auf den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang abstellen. Auch die ohne Erwerbsarbeit sind auf vielfältige Weise mit dem ökonomischen, sozialen und kulturellen Leben insgesamt verbunden. Es gilt, das Bewusstsein davon zu stärken. Das gesellschaftliche Leben erschöpft sich eben nicht in der bezahlten Produktion und Distribution von Gütern und Dienstleistungen.

In einem Punkt widerspreche ich. Die Erwerbsarbeit wird gerade nicht mehr und mehr abgeschafft. Sie wird allerdings, soweit sie abhängige Erwerbsarbeit ist, tendenziell immer schlechter bezahlt und somit abgewertet.

Arno Abendschön


"Die Flüchtlingskrise ist noch nicht zu Ende." Robin Alexander in "Die Getriebenen"
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KlausMattes
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seit dem 28.09.2014

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2. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 03.10.2014 um 17:12 Uhr

Grundsätzlich gehe ich d´accord. Aber der Gedankenaufbau ist Ergebnis einer traditionell marxistischen Denkschulung, letztlich also sogar immer noch auf Linie mit dem in der DDR Gedachten.

Man kann eigentlich von Sub-Proletariat bloß sprechen, nachdem man von Proletariat gesprochen hat. Jedoch könnte man heute schon die einigermaßen abenteuerliche, nichtsdestotrotz sich in Zukunft immer mehr bewahrheitende These postulieren: "Proletariat existiert nicht mehr." (Anscheinend im Saarland einstweilen noch, haha, wo sie zu über 20 Prozent Linke wählen aus alter Lafontaineanhängerschaft und Bergbaukumpelprägung.)

Die wirklich dominierende Bevölkerungsschicht, das sind die Angestellten, die in den letzen 20 Jahren ein Eigenheim gebaut haben, die Familien mit den arbeitenden Müttern, die den Zweitwagen fahren, die aufs Gymnasium gehenden Söhne vielleicht den Drittwagen. Leute, die im Internet daten (die heimlichen Abenteuer nebenbei), als Krönung ihrer Tage im Sternenrestaurant speisen, sonst die Kochsendungen im Fernsehen gucken, die Golf spielen, biken, freeclimben, Urlaub in Portugal oder Wales machen, nie in einer Gewerkschaft oder Partei waren, nicht in die Kirche gehen, Spiegel online lesen, ins Kino gehen. Usw. Usf.

Das ist "die Masse" heute, das Proletariat ist keine Masse mehr, das Proletariat verschwindet.

Zuvor aber ist das Subproletariat doch oft mal etwas gewesen, das sich nicht so verhalten hat, wie die Führer des Proletariats es gern gesehen hätten. Nicht 1848, nicht nach dem ersten Weltkrieg und nicht in der DDR. Wo genau die Grenze zwischen Subproletariat und asozialem Lumpengesindel verlief, war diffus.

Meiner Meinung nach hat sogar ein Mann wie Kurt Beck was davon verstanden, wenn er auch die falschen Schlüsse zog. Genau in dem Moment, als sich die SPD vom Vertretungsanspruch für bestimmte "unten" angesiedelte soziale Milieus verabschiedet hat, da hat der seinerzeitige SPD-Chef Beck öffentlich erklärt: "Wir müssen einsehen, dass es in diesem Lande Leute gibt, die gar nichts anderes mehr wollen, als Pommes essen, Bier trinken und den ganzen Tag Game Shows auf Privatsendern gucken. Menschen, die absolut nichts zur Gesellschaft beitragen wollen, Menschen, die von der Politik nicht mehr erreicht werden."

Es steckt da sehr viel Machiavellismus dahinter: Dass diese Leute sich um die Politik überhaupt keine Gedanken mehr machen, bedeutet, dass sie nie wählen, es ist ihnen längst egal, wer oben das Sagen hat. Es könnte auch der Diktator sein. Nach ihnen, dass ahnen diese Leute, wird es eh niemals gehen in dieser Welt.

Das ist das "Subproletariat". Die SPD kann es im Stich lassen, um sich per Neoliberalismus den Gutverdienenden anzuempfehlen, denn die SPD hat keinerlei Chance, dass solche Leute sie je noch mal wählen werden, wie viel Personal sie auch austauschen mag. Aber auch die Linken und sämtliche Alt-Marxisten machen dort ja keinen Zentimeter Boden gut. Die wählen sie ganz genauso nicht. Was die denken, kümmert sie ebenfalls nicht.

Das ist das Subproletariat heute. Die gehen Eis essen mit ihren Kindern am Sonntag. Die nennen sich alle fünf Minuten "Schatz". Die gucken Game Shows auf privat, leihen BlueRays von Vin Diesel aus oder Pornos, die sie manchmal zur Anregung gemeinsam gucken, bevor es losgeht. Die kaufen im 1-€-Schnäppchenmarkt. Die lesen nie Zeitung und nie ein Buch, wissen aber immer den neuesten Tratsch über großbusige Hollywoodstarlets mit Drogen- und Männerproblemen. Sie rauchen nach wie vor und essen nach wie vor öfters Burger mit Mayo. Die einen chatten den ganzen Tag, die anderen arbeiten die ganze Zeit auf ihrem Gartengrundstück oder an dem Wagen, den sie restaurieren, es ist nicht wahr, dass sie alle faul wären.

Die haben eine eigene Kultur, aber für den Marxisten alter Schule gibt sie doch nichts her. Den Marxisten alter Schule halten sie für einen Spinner und mag er ihnen auch noch so toll erklären, wer sie sind und was sie wollen.

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ArnoAbendschoen
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3. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 03.10.2014 um 18:21 Uhr

Nun, Klaus, deiner Zustandsbeschreibung ist im Wesentlichen zuzustimmen. Sie spiegelt allerdings nur wider, was allmählich geworden, nicht was als Entwicklung in jüngerer Zeit auch schon in Gang gekommen ist. Mit Letzterem hat Politik sich aber auch zu befassen, wenn sie überhaupt Zukunft haben, also gestalten will.

Daher zur Abrundung der Analyse: Die Mittelschichten - dein Begriff "Angestellte" - sind in neoliberalen Zeiten nur relativ dominierend. In den meisten westlichen Gesellschaften sind sie außerdem inzwischen von Abstiegsängsten geplagt. Sie fürchten nicht zu Unrecht, dass die sich aus Krisen und Fehlentwicklungen ergebenden Lasten vor allem von ihnen zu schultern sind, dass andererseits ihr Einfluss auf die Politik verschwindend gering sein wird. Das dadurch ausgelöste Unbehagen führt zu Wahlergebnissen, die noch vor kurzem schwer vorstellbar gewesen wären. Die Mittelschichten sind also keine verlässliche Basis mehr für eine Politik à la Große Koalition.

Zum Subproletariat: Es könnte sich als Illusion herausstellen, davon auszugehen, diese sich quantitativ verbreiternde Unterschicht überwiegend neuen Typs bliebe auf unabsehbare Zeit unpolitisch und vor allem passiv. Auch ohne Beteiligung an Wahlen nimmt sie auf vielfältige Weise am gesellschaftlichen Leben teil (Konsum, Kriminalität, Verhalten im öffentlichen Raum, Abläufe in den Bildungsanstalten). Letztlich hat all das immer auch eine politische Dimension. Eine so breite Schicht einfach abzuschreiben, als zu vernachlässigende Größe zu betrachten, das erschiene mir äußerst riskant.

Was also tun? Auch ganz ohne Marx bin ich der Meinung, dass das Instrument des Grundeinkommens gut geeignet sein könnte, die offenkundig auseinanderstrebenden Schichten der Bevölkerung in einen halbwegs vernünftigen Gesamtzusammenhang zu bekommen.


"Die Flüchtlingskrise ist noch nicht zu Ende." Robin Alexander in "Die Getriebenen"
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raimund-fellner
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4. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 04.10.2014 um 06:08 Uhr

Diese Nachricht wurde von raimund-fellner um 06:13:06 am 04.10.2014 editiert

Lieber Klaus Mattes,
zur Begriffsklärung. Proletarier ist jeder, der nicht vom Kapitalertrag leben kann. Das sind in Deutschland 90 % der Haushalte.
(Selbstverständlich gibt es auch Mischformen. Wenn ein Arbeiter oder Angestellter mehr verdient, als er zu seinem Leben braucht, kann er sich Kapitalvermögen kaufen, also Aktien und Immobilien. Dann hat er auch einen Kapitalertrag, von dem er meist teilweise leben kann.)
Mir geht es darum, dass ein Mensch sich frei entfalten kann, unabhängig von seiner Tätigkeit. Denn bisher sind viele gezwungen, etwas zu tun wofür sie bezahlt werden. Das Ungerechte daran ist, dass nicht für jede nützliche Tätigkeit, etwas bezahlt wird. Jeder, der sozusagen "Gutes tut", ist gewzwungen jemanden zu suchen, der ihn dafür bezahlt.
Beispielsweise mein Text, mit dem ich die Diskussion ausgelöst habe, hat zwar einen mehr oder weniger großen Nutzen, denn er regt zum Denken über soziale Verbesserungen an, diese Kreation mit Gebrauchswert hat aber keinen Tauschwert, weil wohl niemand bereit ist, dafür Geld zu zahlen.
Es geht mir also darum der Menschheit den Zwang zur Erwerbsarbeit zu nehmen. (Erwerbsarbeit ist Tätigkeit, wofür jemand bereit ist, Geld zu zahlen.)
Nun gibt es zu wenig bezahlte Arbeit, aber massenweise unbezahlte Arbeit. Das ist das Ungerechte. Ungerecht ist, dass nicht um so mehr bezahlt wird, je nützlicher die Arbeit ist.
Es geht mir darum, dass Menschen sich frei entfalten können.
(Da kenne ich zum Beidspiel einen, der spielt den ganzen Tag Schach im Internet und im Club und Schachturnieren. Das ist gewiss eine nützliche Tätigkeit, weil sie anderen Freude bereitet- Aber dieser Mensch kann nicht von seiner Tätigkeit leben, sondern ist gezwungen, sich von seiner Stammfamilie versorgen zu lassen.)
Wenn man etwas bezahlt haben will, für seine Wahre oder Dienstleistung, ist man gezwungen einen Käufer zu finden. Eine solche Aqusitionstätigkeit nennt sich auch Marketing. Auch dabei geht es höchst ungerecht zu.
Das schlimme am Leben ist, dass jeder gezwungen ist, sich irgendwoher ein Einkommen zum Auskommen zu organisieren. Auch dabei geht es höchst ungerecht zu.
Um die Problematik abzuschließen, will ich Jesus Christus zitieren. Er sagt: "Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon." Und er sagt: "Keiner kann zwei Herren dienen... Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen."
Also ist Jesus Christus auch der Meinung, dass die Geldangelegenheiten ungerecht sind. Und ebenso: Wer dem Geld dient, kann nicht Gott dienen. Gott, was für freie Entfaltung und für Freiheit schlechthin steht.


Raimund Fellner
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raimund-fellner
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5. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 04.10.2014 um 09:45 Uhr

Eine spätere ausführlichere Version des Textes lautet:

10. Die nächste Revolution in den Köpfen

Als Subproletarier oder Arbeitsplatzloser gilt, wer nicht im Besitz eines Arbeitsplatzes ist. Genannt wird diese Personengruppe das „Prekariat“. Dem Wortsinn nach erhalten diese Menschen die zu ihrem Lebensunterhalt nötigen Dinge durch Bitten. Es werden ihnen also Almosen durch eine staatliche oder gemeindliche Institutionen oder die Familie gewährt. Rechtsanspruch auf ein menschwürdiges Leben ist aus Artikel I des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland abzuleiten. Überdies folgt dieses Recht aus den Menschenrechten, wonach jeder Mensch ein Recht auf Leben hat, unabhängig davon, ob er ein durch Erwerbsarbeit erworbenes eigenes Einkommen hat oder nicht. Kurz ausgedrückt: jeder Mensch hat ein Recht auf Leben, unabhängig davon, ob er arbeitet oder nicht.
Wo der technische Fortschritt die Produktivität der Erwerbsarbeit in dem Maß erhöht, dass allgemeiner Wohlstand aufrecht erhalten wird, ohne dass jedes Individuum dieser Gesellschaft durch Arbeit dazu beitragen muss, werden immer mehr Menschen von Erwerbsarbeit freigestellt. Die Erwerbsarbeit wird, weil nicht mehr notwendig, mehr und mehr abgeschafft. Die Zahl der Arbeitsplatzbesitzer schrumpft und die Zahl der Arbeitsplatzlosen steigt.
Der geschaffene Wohlstand genügt bei weitem sowohl für die Arbeitsplatzbesitzer als auch die Prekarier. Es gäbe noch weniger Erwerbsarbeit, wenn die Prekarier nicht versorgt werden würden, weil dann bei weitem weniger Erzeugnisse der Erwerbsarbeit gekauft werden würden. Somit liegt es im Interesse der Arbeitsplatzbesitzer, auch diese Arbeitsplatzlosen zu versorgen.
Das Abgeben des Überflusses ist bisher oft als Barmherzigkeit, auf die der Subproletarier oder Prekarier keinen einforderbaren Anspruch hat, interpretiert worden – gemäß dem Leitspruch des Paulus „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“ im 2. Brief an die Thessalonicher, Kapitel 3, Vers 10. Dieser unmenschliche Satz würde in seiner Konsequenz bedeuten, „Wer nicht arbeiten will, soll sterben.“ Denn wer nicht isst, der muss sterben, nach den Naturgesetzen der Physik. Es sei denn, es geschieht ein Wunder und es erhält ihn göttliche Energie, wie im Falle der Therese von Konnersreuth. (Davon abgesehen ist selbst Essen eine Arbeit, wenn auch in der Regel keine Erwerbsarbeit, denn Essen und Verdauen verbraucht Energie und kann für manche Menschen so anstrengend sein, dass sie die ärztliche Kunst über eine Vene künstlich ernährt. Ginge es nach Paulus, hätten solch schwerkranke Menschen kein Recht auf Leben und müssten sterben, weil sie nicht einmal die Arbeit des Essens leisten wollen.)
Der Anspruch auf eine Grundversorgung, welche eine vom Grundgesetz garantierte Persönlichkeitsentfaltung ermöglicht, ist die Grundforderung des Prekariats, das allerdings bis jetzt noch keine Lobby hat. Recht auf Grundversorgung, unabhängig von Arbeitszwang, ist materieller Inhalt der nächsten Revolution in den Köpfen. Denn auf Grund der steigenden Produktivität eines Arbeitsplatzes ist es möglich, den Erwerbsarbeitszwang zur Erhaltung des Lebens abzuschaffen. Die Aufhebung des Erwerbsarbeitszwanges ist ein Fortschritt hin zu mehr Freiheit.
Nicht jede Gebrauchswert produzierende Arbeit schafft Tauschwert. Nicht jede Arbeit ist Erwerbsarbeit. Der vorliegende Text hat zwar einen Gebrauchswert, weil er klärende Gedanken enthält, lässt sich wahrscheinlich aber nicht als Ware mit Tauschwert vermarkten. Somit hat meine Denkarbeit zwar eine Ware mit Gebrauchswert geschaffen. Weil die Ware aber keinen Tauschwert hat, was heißt, dass man kein Geld dafür eintauschen kann, ist die hierzu notwendige Denkarbeit keine Erwerbsarbeit und gilt deshalb in den Augen des Spießers überhaupt nicht als Arbeit, sondern vielleicht als Frucht des Müßiggangs. Denn der Spießer lässt nur das als Arbeit gelten, was Einkommen erzielt. Je mehr Einkommen eine Arbeit erzielt, desto angesehener ist die Arbeit beim Spießer.
In unserer Gesellschaft gibt es natürlich genügend Arbeit, wenn auch nicht immer bezahlte Arbeit. Und wenn es nur die denkerische Arbeit des Asketen ist, die den Menschen würdig macht für die göttliche Gnade des Wunders, erhalten zu werden durch göttliche Energie. Diese Arbeit ist keine bezahlte Arbeit, also keine Erwerbsarbeit, obgleich sie Gebrauchswerte schafft; denn zweifellos schaffen Heilige Gebrauchswerte für ihre Mitmenschen. Es gibt also genügend Arbeit aller Art, nur keine bezahlte Arbeit oder zumindest ausreichend bezahlte Arbeit, um sich ohne staatliche, gemeindliche oder familiäre Unterstützung zu erhalten. Der Spießer nennt diese wenig oder nicht bezahlte Arbeit Faulheit, da er nur bezahlte Arbeit als Arbeit gelten lässt.
Soweit der materielle Inhalt der neuen Revolution. Doch um die friedliche Revolution zu einer Bewegung in den Köpfen zu machen, (vergleichbar mit der von 1968,) bedarf es in erster Linie geistiger Inhalte. Das Subproletariat oder Prekariat könnte durch Denken zur Erlangung des Bewusstseins des eigenen Wertes und Selbstbewusstseins gelangen und dadurch stärker werden und eine eigene Kultur der Lebensführung verwirklichen. Es könnte, die eigene bessere Wirklichkeit leben, statt sich von der schlechten Realität der „Spießer“ seelisch erdrücken zu lassen. Das Leben der Prekarier findet nicht, wie das der arbeitenden Bevölkerung, im Zwang eines institutionalisierten Verhaltens zu Kollegen statt, sondern in einem ungezwungenen Umgang miteinander, eine Kommunikationswelt, die der Philosoph Habermas mit dem Begriff „Lebenswelt“ fasst. Vielfach besteht die Erwerbsarbeit des Spießers nur darin, sich in der institutionalisierten Arbeitswelt normengerecht zu verhalten und zu kommunizieren. Je nach Arbeitswelt führt das zur professionellen Deformation, wenn sich der professionelle Spießer damit identifiziert und eine affirmative Haltung zu den Konventionen seiner Arbeitswelt einnimmt. Die psychische Erkrankung, die aus diesem Normopathentum des Spießers folgt, nämlich unter spießigen Normen und Konventionen zu leiden und andere darunter leiden zu lassen, wird in den 10er Jahren des 21. Jahrhunderts "burn out" genannt. Kennzeichen des normopathischen Spießers ist die Selbstgerechtigkeit, die seine Unfreiheit für gut und richtig hält und verteidigt. Der Spießer will keine Freiheit, sondern affirmiert und verteidigt unfreie Verhältnisse. Denn bisher kommt er gut damit zurecht. Er hat Angst vor jeder Veränderung in Richtung Freiheit, weil er dann nicht mehr zurecht kommen würde. Sein Schreckgespenst heißt Chaos. Denn er ist mit der Zwangsstruktur seiner Persönlichkeit in seiner zwanghaften Arbeitswelt in einem bis jetzt stabilen Zustand, den er durch Veränderungen gefährdet sieht. Dieser zwangsneurotische Spießer will seine innere und äußere Zwangsstruktur aufrechterhalten, weil er vor dem Unbekannten einer Veränderung dieser Struktur Angst hat. Er hat Angst durch Veränderung in ein inneres und äußeres Chaos zu stürzen. Lieber nichts ändern, als ein Chaos zu riskieren, ist sein Leitspruch. Dass Veränderung immer, solange umgebaut wird, vorübergehend Unordnung nach sich zieht, ist ein Gesetz. Diesen Fluss der Änderung, der vorübergehende Unordnung macht, scheut der Spießer, weil er nicht weiß, ob er mit dem, was neu entsteht, zurechtkommt. Er meint: Bisher komme ich gut mit meiner institutionalisierten Arbeitswelt zurecht, mir geht´s gut. Im Fall von Änderungen könne es nur schlechter werden. Im Übrigen hält er den Status quo für richtig und gerecht. Seiner Meinung nach ist er also ein rechtschaffener gerechter Mensch und kein Schmarotzer. Er erachtet die Unfreiheit für notwendig, wenn er arbeiten will. Freiheit und Arbeit lassen sich seiner Auffassung nach nicht vereinbaren. Es solle nichts verändert werden, denn sonst drohe das Chaos. Wer in unfreien Verhältnissen mit der Freiheit Kompromisse machte, um an Geld zu kommen, ist nach Ansicht des Spießers gerecht, weil er kein Schmarotzer ist, der um seinen Unterhalt bitten muss.
Was meint Gott wohl zu den Kompromissen mit der Freiheit? Hat er eine Welt geschaffen, in der es möglich ist, frei und glücklich zu leben. Wenn nicht, ist er entweder nicht gut oder nicht allmächtig. Ich meine, er ist gut und allmächtig. Er hat eine Welt geschaffen, in der es möglich ist, frei und glücklich zu leben. Es gilt nur, diese freie Welt zu entdecken. Und das ist Arbeit genug.


Raimund Fellner
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KlausMattes
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6. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 05.10.2014 um 18:01 Uhr

Raimund und Arno, grundsätzlich sind wir uns alle drei einig und ich weiß nicht, ob wir hier die Diskussion ausufern lassen sollten, solange sich keiner von denen meldet, die dieselben Dinge komplett anders sehen. Und von denen gibt es etliche.

Lieber den Begriff "Angestellte" als den Begriff "Mittelschicht" habe ich verwendet, weil man sich unter "Angestellter" doch was ziemlich Konkretes vorstellen kann. Man stellt sich darunter keinen Straßenteerer oder Müllsortierer vor, auch keinen neuesten Sproß einer Generationen umfassenden Familie schwäbischer "Fabrikle"-Besitzer, sagen wir einfach mal Ventilatorenhersteller. Gerade hier bei mir in Baden-Württemberg bezeichnen sich solche aber sehr gerne als "Mittelstand", nicht zu klein und nicht zu abgehoben, als "Mittelschicht". (Das klassische FDP-Klientel, das mehrheitlich zu den Grünen übergelaufen ist, künftig vielleicht AfD.)

Raimund, die Art, wie du das Wort "Proletarier" verwendest, dürfte deine individuelle sein. Gemeinhin, auch wenn man nicht viel davon versteht, wird dieser Begriff "irgendwo in der Nähe von Karl Marx" vermutet: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Den Spruch kennt jedes Kind. Und wahrlich: Die Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Angestellte, Proletarier also nach deiner Definition, werden sich niemals und zu nichts mit den ausländischen, stundenweise tätigen Brötchenbelegern von McDonald´s vereinigen, ebenfalls Angestellte. (Das heißt, mein Wort fasst auch nicht wirklich, was ich dachte, aber ich griff eben zu einem, von dem ich annahm, dass die meisten Leser am schnellsten dasselbe denken werden wie ich beim Schreiben.)

Unmöglich kann Karl Marx einen Universitätsprofessor, einen Priester, einen Zahnarzt, einen Liebesromanautor, einen Bauer mit eigenem Hof und eigenem Vieh, einen Gastwirt, als "Proletarier" verstanden haben. Sondern ein Proletarier war natürlich einer, der nichts zu verkaufen hatte als seine Arbeitskraft, diese aber auch verkaufen musste, sonst ging er unter. Ein Arbeiter der industriellen Massenproduktion. Solche gibt es tatsächlich immer noch, aber sie werden laufend weniger. Für mich stellt Kunststoffguss am Band nach wie vor eine andere Klasse von Arbeit(sleben) dar als Kaufmann in einem Büro in der Zentrale eine großen Versicherung. Letzteres versuche ich mit dem bei Walter Benjamin zu Ehren gekommenen "Angestellten" einzufangen. Ich wage die kühne Behauptung, in ihrem Wesen sind die Angestellten heute tatsächlich immer noch dieselben wie zu Zeiten des Versicherungsangestellten Kafka. Dazu gehört gerade das von Arno Abendschön Angesprochene, die große Furcht des Angestellten: er könnte sozial deklassiert werden, während alle anderen (Angestellten) oben bleiben.

Eine Furcht, die der Marx´sche Proletarier genausowenig hatte wie die Aufstiegshoffnungen heutiger Angestellter (wenigsten mittelbar durch ihre Kinder). Der Marx´sch Proletarier hatte die Angst, seine Kinder könnten verhungern oder erfrieren.

Eine Furcht, die das damalige Subproletariat wahrscheinlich sogar weniger hatte als das Proletariat. Das Subproletariat musste fürchten, eingesperrt oder erschlagen zu werden.

Man spricht heute meistens von Prekariat, was eben was Neues ist. Du ja auch, Raimund, in der Langfassung. Die Interessen des Prekariats sind aber wiederum eindeutig nicht dieselben wie die des gesamten 90-%-"Proletariats". Darum ging´s mir, dass man sich vor diesen Eingemeindungsfantasien hütet. Wobei ich dich wohl mehr als "klassische Kommunistenschule" einsortiert hatte, als du in Wahrheit bist. Es ist, wie wenn Lenin, da Russland viel zu wenig Proletarier hat, einfach die Masse der Bauern in dieselbe Interessenlage eingemeindet. Denn Marx sagt ja, das Proletariat übernimmt die Herrschaft, wenn das Bürgertum sich selbst zerstört hat. Und Mao dann, in einem Land praktisch noch ohne Proletarier, vereinnahmt sämtliche Bauern, Fischer, Kulis, Subproletarier für seine Ideen.

Das kann man machen, wenn man in Wahrheit in einer Diktatur seitens einer winzigen Gruppe steckt, die von sich behauptet, die Avantgarde des Massenwillens zu sein. Aber man sollte sich vor der Illusion eines kommenden "gemeinsamen Strangziehens" von "Proletariern" (Kapitallosen nach deiner Definition) und Subproletariern hüten, wenn man sich eher an der Stelle eines heutigen Anhängers der "Linken" (dt. Partei) befindet.

Natürlich ist Arno zuzustimmen, dass massenhaft Leute, Millionen, nicht einfach so ins soziale Nichts verschwinden und dort nichts mehr bewirken. Die Kapitalisten denken das überhaupt nicht, die lassen auch die Armen weiter konsumieren und schöpfen auch von ihnen Profit ab.

Aber es zeigt sich beispielsweise schon in der simplen Tatsache: Ein "bewusster" Proletarier geht wählen und stellt sich vor, die Masse ihm Gleichgesinnter könnte mit ihren Stimmen war verändern. Ein Subproletarier wählt grundsätzich nicht. Und zwar nicht aus Verzweiflung, sondern weil es ihn einfach nicht interessiert. Wie ihn Verdi nicht interessiert oder dergleichen.

Ich bin durchaus fürs bedingungslose Grundeinkommen. Aber du wirst sehen: Sollte das je kommen, dann nicht, weil es sich das Subproletariat erkämpft hat, sondern weil Angehörige "höherer sozialer Schichten" es aus irgendwelchen Gründen für sinnvoll erachtet haben.

Einen abrupten Umschwung von Desinteresse und "Bequemlichkeit" in Aktion und Protest kann ich mir durchaus vorstellen fürs Prekariat, wie Arno. Sogar bald schon könnte das passieren. So, wenn in ganz kurzer Zeit das Euro-System komplett zusammenbricht. Wenn die Geldautomaten nichts mehr auszahlen, die alten Euroscheine wertlos geworden sind, die Unternehmen entlassen, die Züge nicht mehr fahren, die Krankenhäuser nicht geputzt werden, die nicht abgezahlten Autos und Häuser in Bankbesitz übergehen, die Regale im Supermarkt leer sind, der Internetschwarzmarkt blüht, das Internet abgeschaltet wird.

Selbst in einem Land wie Deutschland werden dann ungesteuerte gewalttätige Revolten ausbrechen, von denen wir eine Ahnung in Frankreich und England in den vergangenen Jahren vorgeführt bekamen. Wer dann in einer "Villa" wohnt, wird seine Kinder abends nicht mehr auf die Straße lassen, wird sich mit den Resultaten von Katapultgeschossen über sein Grundstück und dem Abfackeln seines Tanks am Audi, Mercedes, BMW beschäftigen müssen. Flachbildschirme werden aus den Schaufenstern geräumt wie in den englischen Städten. Ganz viele Angehörige des Subproletariats werden dabei sein, ganz viele "Angestellte" geschädigt werden, ob sie Kapitalisten sind oder nicht - (und deshalb wahrscheinlich nach Armeeeinsatz und Schusswaffengebrauch rufen).

Aber es wird nach wie vor keine Leitung des Subproletariats geben. Es wird keine Politiker der Linken geben, auf die sie hören.

Natürlich könnte, wenn so ein "Bürgerkriegsszenario" von einer größeren Zahl von Entscheidungsträgern für "bevorstehend" gehalten würde, dies beispielsweise zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens führen. Das Prekariat, ganz nach Arno, also allein schon auf Grund der Tatsache seine Vorhandenseins, gesellschaftliche Reformen "erzwingen". Aber das bestreite ich nicht. Ich bestreite bloß, dass sich irgendwann das Subproletariat mit dem "Proletariat" verbindet, um gemeinsame Sache gegen die Herrschenden zu machen. Das ist ein Traum.

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raimund-fellner
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7. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 06.10.2014 um 04:43 Uhr

Lieber Klaus Mattes,

ich überschrieb meinen Text: Die nächste Revoluton in den Köpfen, weil in Deutschland wird Revolution immer von Oben gemacht. Zu wünschen ist eine gewaltlose Revolution, wie wir sie in der deutschen "Wende" 1989 vor Augen hatten. Auch das war eine Revolution, die die Regierenden abwickelten.
Für die Produzenten von, sagen wir von Handys, ist es von Interesse, dass ihre Produkte gekauft werden. Also müssen möglichst viele ein wenig Geld über haben, das ein Grundeinkommen gewährt. Also ist das Grundeinkommen im Interesse der Reichen, weil dieses Geld wieder zu ihnen zurückfließt, und sie haben obendrein den sozialen Frieden.
(Davon abgesehen ist "Straßenbauer" ein Lehrberuf. Und diese Leute verdienen mehr als ein kleiner Angestellter. Auch ein gelernter Maurer verdient mehr. Also ist die Unterscheidung "Arbeiter oder Angestellter" eigendlich blödsinnig. Ein Maurer ist nicht wenig oft Besitzer eines Hauses, das er mit seinen "Spezeln" gebaut hat. Er wählt nicht wenig oft CSU bzw. CDU. Ich weiß das, weil ich früher mal am Bau gearbeitet habe.)


Raimund Fellner
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KlausMattes
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8. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 06.10.2014 um 17:08 Uhr

"Revolution" kann doch tatsächlich nahezu nie ohne Gewaltanwendung gemacht werden. Und es ist natürlich schön, dass wir in einem Volk leben, das nicht zuletzt aus diesem Grunde das Revolutionieren extrem scheut. Und es ist doch auch sehr die Frage, ob man das, was 1989 in der DDR vor sich ging, tatsächlich eine "Revolution" nennen darf, obwohl es vielmals so genannt worden ist in den Jahren seither.

Ich stelle mal wieder eine kühne Behauptung auf, die man dann hinterher wahrscheinlich mit massenweise Einzelbeispielen falsifizieren kann: Die schlichte Tatsache des eigenen Hausbesitzes, sei dieses auch noch so bescheiden, reduziert das Revolutionspotenzial extrem. Leute, die sonst vielleicht ein Schaufenster zerschlagen würden, fangen zu überlegen an, dass dann ja auch jemand an ihrem Haus die Scheiben einschlagen könnte und sie das bezahlen müssten. (Denn sind revolutionäre Massenereignisse in unseren Hausratversicherungen drin? Wohl kaum, würde ich meinen.)

Haus besitzende Straßenarbeiter oder Maurer sind dann eben wahrscheinlich keine Proletarier mehr, sondern sie entsprechen eher der von mir mit "Angestellte" gemeinten Schicht. (Für Arno "Mittelschicht", aber ich glaube, viele nach den Kriterien der Wissenschaft eigentlich den Unterschichten ("obere Unterschicht") zuzurechnende Menschen sehen sich selbst als Angehörige der "Mittelschicht" an, wählen dann auch entsprechend, z.B. CDU. Das verdirbt den Mittelschicht-Begriff. Wahrscheinlich sagt dir ein Gartenbauarbeiter ohne Abschluss bei der Städt. Grünverwaltung (sichere Arbeit beim "Staat"), er sei Mittelschicht, während ich ihn einwandfrei bei der Unterschicht ansiedeln würde. Aber die Leute scheuen natürlich alles, was ein "Unter-" enthält. Da fehlt der Stolz, den man bei "Working Class" in England noch mithört.

Aber doch auf gar keinen Fall ist ein Haus besitzender Mauer ein Angehöriger des Subproletariats. Eines von verschiedenen Kriterien einer Subproletariat-Definition, die ich sehen würde, ist: dass sie von der Hand in den Mund leben, Sicherheit von einem Tag zum anderen. Für mich würde dann auch nicht der Status Hartz-IV-Empfänger ausdrücken, ob jemand Prekariat ist, sondern ein Hartz-IV-Empfänger mit Haus und ererbtem Schonvermögen ist nicht Prekariat, ein Hartz-IV-Empfänger, der über gar nichts außer Hartz verfügen kann, ist es aber sehr wohl.

Handys werden ja vornehmlich in Asien hergestellt und vielleicht von einer finnischen Firma verkauft oder mit einem englischen Vertrag in Betrieb genommen. Außerdem gibt es in Deutschland noch viele Unternehmen, die einen riesigen profitablen Absatz nicht hier, sondern in den Emiraten, in Singapur oder Brasilien machen (Exporte). Wenn man aber mal schaut, wer denn zu den Allerreichsten gehört, die HIER ihre Milliarden verdient haben, dann kommt man auf die Handelsketten. Neulich kam im Radio, dass aldi, Norma, Rewe, Lidl, Kaufland usw. inzwischen 80 Prozent aller Nahrungsmittel in Deutschland umsetzen. Diese herausragende Stellung haben die nur erreicht, weil sie auf die Masse und auf Biligangebote gesetzt haben, also auf eine "arme" Kundschaft. Sie sind superreich geworden, indem sie Millionen von Armen was verkauft haben. Auf diese Weise haben sie die meisten "mittelständischen" Konkurrenten vernichtet und es zeichnet sich der Zeitpunkt ab, wo man woanders sowieso nicht mehr kaufen kann, weil es ein woanders nicht gibt. Sie werden alle Preise diktieren, es ist niemand mehr da, der diese unterbieten könnte. Sie werden die Zulieferpreise diktieren, da die Nahrunsproduzenten andere "Zwischenhändler" nicht mehr zur Auswahl haben. (Langfristig werden die Gewinnspannen dort also noch zunehmen. Das heißt die "Ausbeutung" des Kunden, wenn man so will.)

Ich bringe das als Beispiel dafür, dass du die Unterschichten beständig immer weiter abmelken kannst und selber superreich wirst. (In diesem Sektor. Ansonsten gilt, was du sagst: Ohne Mittel kann die Masse sich nichts mehr leisten, der Konsum geht zurück. Wer von Hartz lebt, bucht eben keinen Urlaub in Florida, auch wenn Bild es so behauptet.)

Und dass die Mittelschichten so was nicht mehr aufhalten können. Du kannst "vernünftig" konsumieren, dich "gut" ernähren, insbesondere über Bio-Märkte, du musst es dir aber definitiv auch leisten können. Dein "Subproletariat" kann es nicht. Das wäre für mich wieder ein Anhaltspunkt: Der "Angestellte" hat noch eine Wahl, wo er sein Essen kauft und zu welchem Preis, der Subproletarier hat diese Wahl nicht.

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raimund-fellner
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Das ist raimund-fellner

     
9. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 07.10.2014 um 20:41 Uhr

Diese Nachricht wurde von raimund-fellner um 20:43:41 am 07.10.2014 editiert

Lieber Klaus Mattes,
das ist sehr richtig, was du schreibst: Der Besitz von einer noch so kleinen Immobilie hebt das Revolutionspotential auf. Statt dessen ist so jenmand (wie ich) mehr für friedliche Reformen und eine friedliche Revolution, oder besser ein gründliches Umdenken von oben, (allerdings ohne oben zu sein.)
Der Begriff Gesellschaftsschicht stammt vom Soziologen "Bolte". Er hät diesen Begriff für passender als der Marxistische Begriff "Klasse". Dieser Bolte spricht von einer Statuskristallisation, wenn Bildung, Einkommen, Fremdeinschätzung des Sozialstatus und Eigeneinschätzung des Sozialstatus alle auf selbem Niveau übereinstimmen.
Nun, meine ich, dass solche Statuskristalisation heutzutage bei immer weniger Menschen gegeben ist. Bekannt ist der gebildete Taxifahrer, mit dem man ein niveauvolles Gespräch führen kann. Äußerst gebildet, er spricht mindestens zwei Fremdsprachen, ist sein Einkommen nicht entsprechend seiner Bildung. Ich meine da ist ein gewisses, wenn auch friedliches, "Revolutionspotential".
Aber nun konkret: Ich meine, man sollte den Hartz IV-Satz von 391.- € zum bedingungslosen Grundeinkommen machen. Dazu soll wie bei Hartz-IV-lern, wenn nötig, also kein weiteres Einkommen vorhanden ist, Wohngeld gewährt werden, das unabhängig vom Vermögen ist, wie es auch jetzt schon bei Wohngeld die Praxis ist.
Auf diese Weise ist keiner aus Überlebensgründen zur Erwerbsarbeit gezwungen. Der größte Teil der Bevölkerung wird sich aber zusätzliche Einkommensquellen erschließen unter anderem durch Erwerbsarbeit.
Was meinst du und Arno Abendschön dazu?


Raimund Fellner
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