raimund-fellner
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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 20.03.2012 um 08:31 Uhr |
Begegnung mit Beas Freundin Ute
Den ganzen Tag lag er im Bett und las philosophische und
literarische Werke und rauchte. Er war einsam. Nach zwei
Wochen hatte er sein Mathematik- und Physikstudium
aufgegeben, war zu Hause geblieben, weil er in diesen beiden
Wissenschaften keinen tieferen Sinn sehen konnte wie in der
Philosophie, der Bemühung um Weisheit.
Der Ich-und-du-ismus war, was er sich ersehnte, ein Leben,
in dem nur er und seine Freundin zählten. „Wenn nur Bea da
wäre“, seufzte er in sich hinein, „er mit ihr hier im Bett
läge und sie einander fühlten und sich sonst um nichts
kümmerten, weil alles andere nichts war, im Vergleich zum
Gefühl, das sie füreinander hatten.“
Dieser Ich-und-du-ismus sollte auch über die Ferne gefühlt
werden können, wurde wohl über die Ferne gefühlt, doch
verhinderte Raimund immer wieder die volle Kraft dieses
Gefühls durch selbstische Entladung. Das Potential, das
Wirklichkeit werden musste, war zu groß, machte ihn zu sehr
leiden. So war er bis jetzt nichts anderes als ein
selbstelnder Träumer, denn immer wieder fiel er ab von der
reziprok-korrelativen Liebeswirklichkeit mit Bea.
Er war einsam, sehnte sich nach einem weiblichen Wesen, war
sich immer wieder unsicher der wechselseitigen Wahrheit der
Liebe zu Bea, darum machte er sich allabendlich auf zur
studentischen Olympiadiskothek. Mit seinem Studentenausweis
hatte er Zugang.
Schon auf dem Weg in die Diskothek, hoffte er, vielleicht
Bea zu begegnen oder eine andere weibliche Bekanntschaft zu
machen. Darum setzte er sich in der nachts verhältnismäßig
leeren Untergrundbahn an einen Platz, wo er Übersicht hatte.
Er war bemüht, durch Augenkontakt möglicherweise ein
weibliches Wesen für sich einzunehmen, so dass sich ein
schönes Gespräch entspänne. Doch dieses bemühte Ansinnen,
blieb immer unerfüllt. Kein Mädchen setzte sich zu ihm oder
nur in seine Nähe, denn eine jede verglich er mit Bea,
finster und traurig, wie er war.
Wenn er dann am Türsteher vorbei im schummrigen Tanzraum
war, platzierte er sich so, dass er einen Überblick hatte
über die potenziellen Objekte des Begehrens. Eine jede maß
er an Bea; an der Bea, wie er sie von damals in Erinnerung
hatte. Sein schlechtes Gefühl, ob der Schuld, von Bea,
dieser seiner femme fatale abgeirrt zu sein, dämpfte er mit
Zigaretten. Zum Wachhalten trank er Spezi. Eigentlich hoffte
er, hier vielleicht dem reziproken Korrelat all seines
Gefühls zu begegnen; war sich manchmal im Zweifel, ob diese
oder jene nicht vielleicht Bea wäre. Dann tanzte er für sich
einen vorsichtigen Tanz, um bald zu merken, dass die
angezielte doch anders war als das Mädchen seines Gefühls.
Dann ließ er ab von seinem Zappeltanz und rauchte wieder ein
paar Zigaretten der Vergeblichkeit.
So ging es allabendlich, dass er zu diesem
Studententanzschuppen hinfuhr und, ohne ein Wort mit
irgendjemandem gewechselt zu haben, wieder zurückfuhr. Was
ihn immer wieder reizte, war die schummrige Illusion von
Erotik, die ihn aber doch wieder frustrierte, weil sie ohne
Bea war.
Ein Hinweis auf Bea tauchte auf. Er begegnete eines Abends
Beas dunkelhaariger Freundin Ute. Ihr Erscheinungsbild war
noch genauso wie früher. Das legte die Hoffnung nahe, dass
auch Bea sich treu geblieben war und weiterhin ihr Haar lang
und offen Haare trug, denn dass Bea abgefallen sein mochte
von ihrer Selbsttreue und damit von der wahren Treue zu ihm,
dieser Gedanke quälte ihn.
Es war Ute, die ihn zuerst sah und ihn ansprach. Hübsch war
sie, und da sie mit Bea eine gemeinsame Weltanschauung
teilte, so hatte sie geheimnisvollen Reiz. Raimund fragte
gleich nach, ob sie noch mit Bea in Verbindung stünde. Das
verneinte sie. Sie wisse nicht, was Bea derzeit mache. Die
Verbindung sei abgerissen. Wenn dem so war, so wollte
Raimund wenigstens in ihren damaligen Gedankenaustausch mit
Bea eingeweiht werden. Darum fragte er nach, worüber die
beiden damals gesprochen hätten und brachte wohl ein wenig
gröblich an, ob sie sich über die verschieden Arten des
Küssens ausgetauscht hätten, denn von Winfried hatte er
gehört, dass dieses Thema ihr Gesprächsinhalt gewesen sei.
Ute ging nicht darauf ein. Ob Bea sich wohl verändert habe,
fragte er. Sie meinte, Bea habe damals zuerst mit Kleidern
angefangen.
Raimund erinnerte sich an einen Augenblick, als er in der
Straßenbahn gefahren war und er Bea in Fürstenried an der
Haltestelle in einem indischen Kleid gesehen hatte, wie sie
damals allmählich in Mode kamen und jetzt gerade im Jahr
1980 für junge Leute Mode waren. Raimund schmerzte diese
Veränderung, weil Bea nicht mehr ausschließlich eine blaue
Jeans anhatte, also ihrem Vorhaben, immer dasselbe
anzuziehen untreu geworden war.
Selbsttreue war das bange Thema, um das Raimunds tastende
Rede immer ging, wenn er jemandem von früher begegnete. So
auch jetzt. Ute war sich treu geblieben. Bea hatte ihm im
letzten Telefongespräch geraten: „Such dir eine andere.“ So
kam er auf den Einfall, möglicherweise bei Ute landen zu
können. So hätte er einen gewissen Anteil an Beas Geist und
Wesen, kam es ihm vor. Darum sagte er zu Ute: „Ich suche
eine Freundin.“ Ute verstand sogleich, worauf das Ansinnen
hinauslief und antwortete: „Zurzeit habe ich gleich zwei.
Das ist das Problem. Mir ist das zu viel. Da kommt keine
weitere Beziehung in Frage. Du musst dich anderweitig
umsehen.“ Damit gingen sie auseinander und Raimund fuhr
heim, denn für heute hatte er genug erlebt.
Raimund Fellner
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