Matze
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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 09.04.2012 um 10:36 Uhr |
Soviel Anfang war selten, denkt man hoffnungsfroh immer
wieder, wenn die neue Saison beginnt. Soviel Anfang ist
meist, mahnt dann die Erinnerung, und auch die
Hoffnungsträger sind oftmals dieselben. Theater ist für mich
deshalb so faszinierend, weil es noch im Scheitern viele
Rätsel aufgibt. Ich mag an die Zukunft der Bühne nicht zu
glauben, ohne an dessen Vergangenheit zu denken. Die Wurzeln
des Theaters liegen im Kultischen, im Sakralen.
Die ersten Dramen wurden in der Antike zu Ehren des Gottes
Dionysos aufgeführt. Auf der Orchestra mit Maske, Kostüm und
Kothurn zu agieren, war eine Form von Gottesdienst. Die
Verbindung zum Religiösen löste sich in der Folgezeit zwar
auf, doch die Nachwirkungen waren noch lange zu spüren. Wer
zum Priesteramt nicht taugte, für den war auch das Theater
tabu. Bis ins 18. Jahrhundert hinein waren Frauen auf der
Bühne als Protagonisten weiblicher Charaktere unvorstellbar.
Männer übernahmen ihre Rolle. In ähnlicher Weise war bis zu
Beginn des 20. Jahrhunderts Menschen mit dunkler Hautfarbe
der Zugang zur Bühne verwehrt. Inzwischen gibt es
Textflächentheater, das Regieteam Rimini Protokoll arbeitet
mit Zeitzeugen, die Spiellust ist auch im 21. Jahrhundert
ungebrochen.
? Anke Kemper und Silvia Nagel, woher nehmen Sie den Mut zu
einer Verlagsgründung?
! Dass man dafür Mut braucht, war uns bis jetzt noch gar
nicht bewusst.
Uns reichte die Mischung aus Leidenschaft zum Theater und
der Reiz, etwas Neues zu beginnen. So ist die Idee für die
Verlagsgründung entstanden. Nur wer wagt, gewinnt! - Angst
haben wir jedenfalls nicht.
? Warum der Name adspecta?
! adspecta kommt aus dem Lateinischen und bedeutet frei
übersetzt: "Sieh an", was unserer Auffassung nach
viel mit dem Theaterthema zu tun hat. Außerdem beinhaltet
SIeh AN die Anfangsbuchstaben unserer Vornamen.
? Was ist ihre Beziehungzum Theater?
! Seit einigen Jahren spielen wir selbst aktiv als
Laienspieler, leiten mittlerweile gemeinsam eine eigene
Theatergruppe. Während einiger Weiterbildungen in Form von
div. Workshops, die wir teilweise besucht und teilweise
durchgeführt haben, wuchs die Begeisterung fürs Theater
immer weiter an. Eine von uns ist selbst auch als Autorin
aktiv.
? Sie suchen abendfüllende Theaterstücke, Kurzstücke für
jeden Anlass, Sketche, Stücke für Hand- und Puppentheater.
Wie kann man sich das inhaltlich vorstellen?
! Wir glauben, dass die Phantasie von Autoren keine Grenzen
kennt. Solange ethische und moralische Aspekte unserer
Meinung nach im Rahmen bleiben, möchten wir, dass die
Kreativität wächst und uns zur Aufgabe machen, dass das
Interesse am Schreiben und Spielen lebendig bleibt.
? Wie funktioniert die Vermittlungsarbeit zwischen
Schriftstellern, Schauspielern und Theatern?
! Eine sehr spannende Geschichte. Jeder Schriftsteller ist
anders, hat seine Vorlieben und seine genauen
Vorstellungen. Wir haben uns als Aufgabe gesetzt, auch
selbst aktiv zu werden und nach passenden Bühnen zu suchen
und nicht nur darauf zu warten, bis eine Bühne durch Zufall
auf die passenden Stücke im Verlag stößt. Wie die Regisseure
und die Schauspieler das Stück schlussendlich umsetzen ist
meist auch für uns eine große Überraschung.
? Das "Theater a.d. Ruhr" hat bewiesen, wohin der
Weg führt, wenn man die ausgetretenen Pfade des deutschen
Stadttheatersystems verlassen möchte. Was ist via Bestwig
für die Zukunft zu erwarten?
! Inwieweit die umliegende Bevölkerung bereit ist,
ausgetretene Pfade zu verlassen, liegt sicher nicht in
unserem Ermessen. Wir werden auf jeden Fall bemüht sein,
unser Angebot in alle Richtungen so auszubauen, damit der
Weg auf allen Pfaden begehbar wird.
? Sie haben den Sauerländer Theaterstückepreis 2012
ausgeschrieben, wie ist die Reaktion darauf?
! Wir sind positiv überrascht. Die Resonanz ist bis jetzt
sehr groß. Besonders erfreut sind wir darüber, dass wir
hierdurch Autoren motivieren konnten, bereits für den
Eigenbedarf verfasste Werke aus den privaten Archiven
hervorzuholen und wieder aufleben zu lassen. Zwar erfüllen
nicht alle zugesandten Stücke die Kriterien der
Ausschreibung, aber wenn sie in unser Verlagsprogramm
passen,
nehmen wir auch diese gerne auf. Da der Wettbewerb noch bis
31.08.2012 läuft, erwarten wir noch einiges.
? In Ihrem Programm befindet sich passend zum
Schalke-Sponsor Veltins die Proketenoperatte »Tore : Punkte
= Meisterschaft«*. Warum haben Sie dieses Stück in Ihr
Programm aufgenommen?
! Wir halten das Stück "Tore:Punkte=Meisterschaft"
für ein interessantes wenn nicht sogar außergewöhnliches
Werk, das in unserer fußballbegeisterten Gesellschaft
sicherlich großen Anklang finden wird.
? bedanke mich.
Nachklapp
Soeben hat Weigoni seine Proletenoperette »Tore : Punkte =
Meisterschaft«*, festiggestellt. Das Stück beschreibt eine
Woche des fiktiven Vereins Borussia; die authentische
Geheimsprache des Fussballs in einer abgeschirmten Welt. Und
– was wir schon immer ahnten – die wahren
Kulissenschieberinnen sind Frauen, die den Männern ihr
Spielzeug grosszügig belassen, damit sie ihren Spieltrieb
ausleben können. Das Stück ist keine Komödie; es muss mit
vollem Ernst gespielt werden, um das Lächerliche dieser
Tragödie darzustellen. Das Geschehen sollte nicht auf einer
zentralen Bühne spielen, sondern an unterschiedlichen
Spielstätten im Raum, mitten im Publikum. Die Gänge der
Schauspieler sollten die Wege sein, die das Publikum auch
nimmt. Das “Vereinsheim” sollte in der Halbzeitpause auch
das Café für das Publikum sein.
Wie es auch bei Interview in der ZEIT mit Esterházy
anklingt, befindet sich diese traditionelle Sportart im
Medienzeitalter einer Transformation. Der Sieg von heute
gilt fast schon als Nachricht von gestern. Es zählt, was
morgen auf der Tagesordnung steht. Pause machen nur
Verlierer. Gewinner kennen nur die Verlängerung. Was zählt,
ist längst nicht mehr das Fussball–Spiel, was sich rechnet
ist der zählbare Erfolg.
Erfolg fehlt dem Verein Borussia, den Weigoni »Tore : Punkte
= Meisterschaft« beschreibt, nach einem missglückten
Saisonstart, und schon stellt sich ein unsichtbares Ritual
ein: Krisenmanager sind im Vorstand gefragt. Viele Köche
suchen nach einem Erfolgsrezept und probieren alte Mittel
aus: Ein überraschender Transfer liegt in der Luft. Die
passende Gelegenheit wird genutzt, um einen erfolglosen
Trainer als Entwicklungshelfer in die Wüste zu schicken. Ein
ehrgeiziger Altstar blüht nach einem Kreuzbandriss wieder
auf. Der bisexuelle Jungstar findet nach seinem Coming–out
aus der Formkrise. Und nicht zuletzt: ein neuer Trainer
bringt frischen Wind mit alten Tugenden, um über den Kampf
wieder zurück ins Spiel zu kommen…
Vertreten wird »Tore : Punkte = Meisterschaft« durch den
adspecta-Theaterverlag. Ob es zu EM 2012 zur Aufführung
gelangt, war nach Redaktionsschluß noch nicht zu erfahren,
wir rechnen mit einer Aufführung zur WM 2014.
Ich bin ein Amateur, weil in dem Wort Amateur das Wort Amour steckt.
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