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Beinahe in den Tod gesprungen


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Autor
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Thema: Beinahe in den Tod gesprungen
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ArnoAbendschoen
Mitglied
 133 Forenbeiträge seit dem 02.05.2010

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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 17.05.2012 um 16:07 Uhr |
Wir standen an der Talstation. Mein Freund wollte nicht mit
hinauffahren. Mich reizte der Blick auf die hohen Grenzberge
sehr, nur von da oben würde ich sie sehen können. Es war
gerade Flaute im Liftbetrieb. Die Sessel schaukelten einer
nach dem anderen leer aus der offenen Halle hinaus und
glitten in geringer Höhe über die Grashänge bergwärts, vom
Seil zuverlässig gezogen. Sie wirkten auf mich wie Loren,
die kurz vorher ihre Last ausgekippt haben.
"Du kannst ja am See warten. Ich bin in zwei Stunden
wieder hier."
Schon saß ich in einem dieser primitiven, vorne offenen
Henkelkörbe. Die Aufsicht - ein dicker, mürrischer Mann -
hatte etwas an meiner Position auszusetzen: "Mehr in
die Mitte!" Obwohl ich mich dort generell unwohl fühle,
gehorchte ich sofort und verlagerte meinen Schwerpunkt. Dann
ein Ruck der Beschleunigung - und ich segelte auch schon
über die Wiesen bergan. Wir, der Sessel und ich, gewannen
rasch an Höhe, schneller als mir lieb war.
Ja, es stimmt, ich bin nicht schwindelfrei. Doch ist dieser
Schwindel selbst nicht sehr zuverlässig. Er ist abhängig von
den Gegebenheiten. Ich kann im Gebirge über schmale Grate
gehen, ohne Schwindel zu verspüren. Rechts und links geht es
je tausend Meter in die Tiefe. Ich vermeide den Blick
seitwärts, sicher setze ich einen Fuß vor den anderen und
komme heil drüben an. Es liegt bei mir, ich habe es - nein,
nicht in der Hand, in den Füßen. Ist die Kabine einer
Seilbahn rundum abgeschlossen, schaue ich furchtlos in die
Tiefe. Der Blick von einem hohen Turm, aus dem Fenster einer
hoch gelegenen Hochhauswohnung, das macht mir nichts aus,
wenn nur eine Glasscheibe zwischen mir und dem Raum unter
mir ist.
Aber wehe, ich kann den Kopf über die Brüstung des Turms
vorstrecken, wehe, das Fenster im neunzehnten Stock steht
offen. Dann spüre ich, wie es in den Füßen zu kribbeln
beginnt. Ich höre den Lockruf der Tiefe: Spring doch, dann
ist endlich Ruhe, alles vorbei. Etwas Außerordentliches wäre
geschehen, einmal im Leben.
Meine Auffahrt oder Bergfahrt entwickelte sich zu einem
Höllentrip. Und dabei geschah nichts, ich saß stocksteif da,
vorsichtig angelehnt. Ich stellte mir nur dauernd vor zu
springen. Wie lange dauert es, bis ich aufschlage? Welche
Gedanken und Gefühle habe ich wohl vorher noch? Wer wird
mich als Erster zerschmettert finden? Natürlich wird der
Seilbahnbetrieb sofort unterbrochen. Ich dachte an den
Freund, mit dem ich in zwei Stunden verabredet war. Man muss
Verabredungen einhalten, schon deshalb springe ich nicht.
Ich entwickelte Techniken, mich abzulenken und an etwas
anderes zu denken. Die Wipfel der Fichten reichten manchmal
bis fast zum Sessel herauf, das war sehr beruhigend. Aber
dann wieder ein steiler Graben, eine tiefe Felsenrinne,
scheußlich ... Schau doch in den Himmel, du Idiot! Und
dieses Ruckeln, wenn wir über eine Stütze glitten, war
beängstigend. Es erinnerte mich daran und ließ mich fühlen,
wie rasch unser Lebensfaden abgerissen werden kann: Ritsch,
ratsch - genauso!
Auf einmal kommt mir ein talwärts Schwebender entgegen. Er
ruft mir zu: "Ihr Bügel! Er ist nicht zu!" Und er
deutet mit den Händen die furchtbare Blöße um meinen
Unterleib herum an. Tatsächlich - ich begreife es erst jetzt
- eben deshalb wäre es so einfach für mich zu springen. Die
Aufsicht hat versagt, nachlässig so etwas. Kein Wunder, dass
so viel passiert. Ich versuche den Bügel während der Fahrt
noch zu schließen. Es misslingt, es hakt irgendwo. Ich will
lieber nicht weiter herumschaukeln und lasse es sein. Ich
kann ja die Bergstation schon sehen, die letzten Stützen bis
zu ihr zählen. Drei, zwei, eins ... Schnell raus aus dem
Korb und aus der Halle! Gerettet!
Der Blick auf die Grenzberge ließ mich dann eher kalt. Ich
beschloss, zu Fuß zurückzukehren. Talwärts ist es fast
unmöglich, den Blick in die Tiefe zu vermeiden. Und der See
da unten würde allzu suggestiv wirken. Man müsste rückwärts
sitzen dürfen ... Nein, ich gehe zu Fuß. Wenn ich die
Verabredung einhalten will, muss ich sofort hinunter.
Es war ein schmaler, steiler, steiniger Pfad. Ich lief ihn
rasch und ohne Zwischenfälle zu Tal. Daran bin ich gewöhnt.
Unterwegs begegnete mir eine Gruppe von Italienern in
leichten, eleganten Halbschuhen. Sie redeten viel und
wortgewandt miteinander. Sie achteten kaum auf den Weg und
torkelten ab und zu. Die Wahrscheinlichkeit eines baldigen
Knöchelbruchs schätzte ich ziemlich hoch ein. Am Berg kann
man auf viele Weisen zu Schaden kommen. Aber was für eine
schöne, klangvolle Sprache, Italienisch vor Alpenkulisse.
Was sagten sie da: CORTO VIAGGIO SENTIMENTALE? Das kannte
ich doch ...
Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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raimund-fellner
Mitglied
 70 Forenbeiträge seit dem 13.11.2011

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| 1. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 24.01.2013 um 19:54 Uhr |
Lieber Arno,
auch wieder Empirie.
Ich will anregen diesem Hang zum Suizid noch weiter
literarisch nachzugehen. Deutet er doch daraufhin, dass der
Protagonist im Grunde seines Herzens unglücklich ist. (Meine
ich.) Darüber ließe sich noch vieles Interessantes
schreiben.
(So wie ich mein Schaffen dazu benutze, um Unglück zu
überwinden, um von einem unglücklichen zu einem glücklichen
Menschen zu werden. Der Leser mag daraus seine Erkenntnisse
und Einsichten ziehen.)
In diesem Sinne
Raimund Fellner
http://www.raimund-fellner.de
Raimund Fellner
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ArnoAbendschoen
Mitglied
 133 Forenbeiträge seit dem 02.05.2010

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| 2. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 24.01.2013 um 22:04 Uhr |
Lieber Raimund, danke für deine weiteren Kommentare. Nur zu
diesem hier etwas.
Nehmen wir mal an, dass Autor und Ich-Erzähler bis zu einem
gewissen Grad identisch sind. In diesem Fall sind Sorgen um
Leib und Leben des Ersteren dennoch nicht nötig. Es geht im
Text ja nicht um reale Suizidgefahr, sondern eher um eine
Zwangsvorstellung (einen Zwangsgedanken), und zwar
leichterer Art und nicht behandlungsbedürftig. Also keine
Sorge, ich bleibe an Deck, kann aber zum Thema Suizid auch
nicht viel beitragen.
Was die Kategorien "glücklich" und
"unglücklich" angeht, so möchte ich lieber Abstand
zu ihnen halten. Zufriedenheit scheint mir erstrebenswert
und ein Streben nach Glück da eher hinderlich.
Zzt. recht zufrieden
Arno Abendschön
Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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raimund-fellner
Mitglied
 70 Forenbeiträge seit dem 13.11.2011

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| 3. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 25.01.2013 um 05:44 Uhr |
Lieber Arno,
nur kurz und allgemein ausgedrückt:
wirklich zufrieden ist einer nur, wenn er auch glücklich
ist, zumindest im Grunde seines Herzens. Man spricht auch
von der "Heiterkeit des Weisen". Diese Heiterkeit
des Weisen hat, so meine ich, damit zu tun, ob man Gott in
sich zulässt.
(Der Weg dazu ist der "Reinheitswandel" wie ihn
Buddha beschreibt. (Keine Genussmittel und illegale Drogen,
vegane Ernährung.) Sowie eine gewisse
"Psychohygiene" (modern ausgedrückt.) Altmodisch
ausgedrückt "Buße tun", Was heißt: (Buße =
Metonoia = Umdenken). Aussöhnung mit Gott. Aussöhnung mit
Mitmenschen.(Wenn man katholisch ist: Beichte.))
Was ich hier schreibe, ist meine eigene Erfahrung damit, von
einem trübsinnigen, unglücklichen Menschen zu einem
heiteren, glücklichen Menschen geworden zu sein. Und damit
im Durchschnitt jeden Tag ein Stückchen glücklicher zu
werden.
In diesem Sinne
Raimund Fellner
http://www.raimund-fellner.de
Raimund Fellner
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ArnoAbendschoen
Mitglied
 133 Forenbeiträge seit dem 02.05.2010

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| 4. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 25.01.2013 um 11:23 Uhr |
Ach, Raimund ... Es gibt eben Menschen, die, um durchs Leben
zu kommen, ein Laufgitter benötigen - Religion, Philosophie
oder ein anderes oft mehr oder weniger starres Denksystem -,
und es gibt andere, die ohne das auskommen. Das könnten wir
einfach so hinnehmen, nur leider neigen Erstere oft dazu,
die anderen in irgendeinen Laufstall zurückdrängen zu
wollen. Das ist der Anfang aller Fundamentalismen.
Die Leitplanke der Vorstellung vom glücklichen Leben ist in
meinen Augen eher eine Barriere, die uns von der Fülle des
Lebens abschneidet.
Um auf meinen Text zurückzukommen: Er handelt von der
(theoretischen) Verlockung durch die Idee des Suizids und
vom erfolgreichen Widerstand dagegen. Ich kann natürlich
keinen hindern, das in seinem Sinn umzuinterpretieren ...
Arno Abendschön
Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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