ArnoAbendschoen
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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 28.05.2012 um 22:08 Uhr |
Nein, romantisch ist er nicht. Da sind einfach zu viele
Motive wie von Caspar David Friedrich oder Böcklin. Der
Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin, das sind gleich
Zigtausende von verfallenen Gräbern - es ist auf eine
großartige Weise deprimierend. Man kann sich dem auf
stundenlangen Spaziergängen aussetzen …
Der Name täuscht. Das ist kein Kirchhof, also kein
überschaubarer Ort für Gräber rund um eine Kirche, vielmehr
der flächenmäßig zweitgrößte deutsche Friedhof mit den
Gebeinen von mehr als Hunderttausend Bestatteten. 1909 als
moderner Park- und Waldfriedhof eröffnet, hatte er seine
große Zeit etwa von 1920 – 1945. In der Weimarer Republik
wie in der Hitlerzeit war er bevorzugter Ort für
Bestattungen Prominenter. Der Stummfilmregisseur Murnau
(gest. 1931) sei stellvertretend genannt. Beliebt war der
Südwestkirchhof auch bei breiten bürgerlichen Schichten. Er
hatte seit 1913 eine eigene Bahnverbindung nach Berlin. In
den späten Dreißigern bekam er starken Zuwachs – die Nazis
schlossen, um Berlin in „Germania“ umbauen zu können, eine
Reihe von Friedhöfen in Schöneberg. Dabei erfolgten ca.
15.000 Umbettungen, oft mit den alten Grabmonumenten. So
liegen seitdem z.B. die sterblichen Reste von Zille oder von
Werner von Siemens in Stahnsdorf.
Der Friedhof war für die Bevölkerung der westlichen und
südwestlichen Stadtteile und Vororte angelegt worden, doch
nicht auf Berliner Territorium, sondern auf dem der späteren
DDR. Daraus resultierte nach 1945 ein starker Rückgang der
Bestattungen. Die West-Berliner brauchten bald, um die
Gräber ihrer Toten besuchen zu können, Passierscheine. Ab
1961 wurde in Stahnsdorf nur noch ausnahmsweise beerdigt.
Gleichzeitig verfiel die Masse der Grabanlagen, überwuchert
von der märkischen Vegetation. Heute erinnert das ein wenig
an die Überreste der Khmertempel im tropischen Urwald. Zwar
hat das Bestattungswesen in jüngerer Zeit wieder einen
Aufschwung genommen, Stahnsdorf ist ein wenig in Mode
gekommen - doch erscheint es aussichtslos, die Nekropole
angesichts ihrer Größe und der schieren Zahl vorhandener,
außer Kontrolle geratener Grabstätten jemals wieder in einen
normalen Friedhof zurückverwandeln zu können.
Schlendert man über die Wege und zwischen den Gräbern umher,
fällt einem auf, wie geschmackvoll die meisten Grabmäler
wirken. Abgesehen von manchen älteren, hierher verlagerten
Anlagen findet sich wenig Protziges. Das meiste zeugt noch
von relativem Wohlstand, war einmal solide, gediegen. Nur
ist jetzt fast alles durchweg verfallen. Man staunt über die
vielen Abstufungen dieses Verfalls, von leichten
Beschädigungen über stark Ruinöses bis zur weitgehenden oder
völligen Auflösung. Gelegentlich ist man versucht, die
Besichtigung abzubrechen, zu stark sind manche Eindrücke …
Im Block „Reformation“ finden wir das Epitaph eines 1943 bei
einem Bombenangriff getöteten Reichsbankrats, die Gebeine
neben denen seiner Schwiegermutter, verstorben 1948. Die
Witwe bzw. Tochter, wohl Besorgerin der Bestattungen, hat
vorsorglich auch von sich Namen und Geburtsjahr auf der
Tafel einmeißeln lassen, ist dort jedoch nie beerdigt worden
– im Tode unvereint. Und der gut erhaltene Grabstein des
Bankrats steht heute schief, Baumwurzeln haben ihn um 30
Grad über die Waagerechte angehoben. Das stört hier keinen …
Woanders ein Kadett aus adliger Familie, Anfang 1918 mit
sechzehn gestorben – gefallen? Schmal und hoch seine helle
Grabstele, nach bald hundert Jahren noch lotrecht und in
jeder Beziehung untadelig, und das in stark verwüsteter
Umgebung. Man kann es als Sinnbild des Militärischen
auffassen - und von dessen Sinnlosigkeit.
Viel, allzu viel Natur zwischen und über den Gräbern. Doch
diese Natur wirkt nicht natürlich. Es bleibt der Eindruck
von gescheiterter Zivilisation, von einer Totengroßstadt,
deren Entwicklung auf ihrem Höhepunkt abbrach. Die
Verwaltung des Friedhofs müht sich, der gelegentlich den
Friedhof heimsuchenden Wildschweinrotten Herr zu werden. Es
werden auf ihm Ansitzdrückjagden veranstaltet.
Der Südwestkirchhof vermittelt insgesamt das Bild eines
materiell und kulturell hoch entwickelten Bürgertums, dessen
Projekt eines modernen Großstadtfriedhofs in der Sackgasse
einer gesellschaftlich-politischen Krise scheiterte. Ist das
auch ein Sinnbild, vielleicht von absoluter Nichtigkeit
unserer materiellen, ästhetischen und geistigen Kultur?
Kommt man an einzelnen „normalen“ Grabfeldern aus jüngerer
Zeit vorüber – auch die gibt es hier –, kann man sie bald
als eigentümlich deplaciert und unwahrhaftig empfinden. Die
wahre Vergänglichkeit, ungeschmückt, ungeschminkt,
ungetröstet, denkt man, sieht aus wie der Verfall dieser
anderen endlosen Gräberreihen.
Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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