popow
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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 12.06.2012 um 16:07 Uhr |
14 Versuche, die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise
zu verstehen
Der Krieg auf leisen Sohlen / Buchtipp von Harry Popow
Auf der Bühne des Welttheaters ist der Teufel los. Während
sich hinter den Kulissen die Finanzmächtigen und ihre
politischen Handlanger eine regelrechte Schlacht um Macht
und Vorherrschaft liefern, gaukelt man dem Publikum
heilbringende Visionen zur Ruhigstellung vor: Mit
Rettungsschirmen, Finanzhilfen, Schuldenabbau. Nur die
Verkünder dieser Volksverdummung glauben wohl an echte
Lösungen.
Wer blickt da noch durch? Schlimmer: Wen interessiert das?
Gemeint ist also die Finanz- und Wirtschaftskrise. Wen ficht
es an, wenn er oder sie nicht selbst betroffen ist?
Ein neues Buch versucht sich in Antworten. „No way out?“ vom
Verlag „konkret Texte 56“. Also auf Deutsch „Gibt es keinen
Ausweg?“ Vierzehn Autoren bemühen sich, die Krise besser zu
verstehen, sie für den Leser näher zu durchleuchten, nach
Lösungen zu forschen. Und sie räumen ein, dass das makabre
und gefährliche Weltschauspiel nicht einfach zu durchschauen
ist. Immerhin: „Die Brötchen sind nicht teurer als ohne
Krise, die Auslagen der Läden sind voll wie zuvor, und auch
die Arbeitslosigkeit…“ halte sich trotz hohem Niveau in
Grenzen. Kurz: „Die Krise hinterläßt im Alltag kaum Spuren.“
(S. 63)
Nichtsdestotrotz stellt Sahra Wagenknecht, eine der Autoren,
fest, nach einer Allensbach-Umfrage sei die Hälfte der
Bevölkerung der Ansicht, dass sich der Kapitalismus überholt
habe. Nur 18 Prozent würden dieser Meinung widersprechen (S.
99). In ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“ hat sie den
heutigen Zustand sogar zugespitzt: „Europa ist zu einem
Schlachtfeld geworden. Es ist ein Krieg, in dem keine
Soldaten marschieren, keine Bomben fallen, keine nächtlichen
Explosionen die Städte erschüttern. Es ist ein Krieg, der
still zerstört und leise tötet, ein Krieg, dessen
Verheerungen erst allmählich sichtbar werden, der aber
deshalb nicht weniger brutal und gewaltsam ist.“
In das gleiche Horn bläst u.a. Rainer Rupp (siehe „junge
welt“ vom 26.05.2012): „Für den weiteren Verlauf der
Euro-Krise zeichnen sich laut Deutschlandausgabe der
International Business Times (IBT) vom Donnerstag »nur noch
zwei mögliche Szenarien« ab – und beide seien »für die
Menschen in der Euro-Zone katastrophal«. (…) Im ersten
Szenario wird darauf verwiesen, daß nach Angaben der Bank
für Internationalen Zahlungsausgleich Kreditinstitute aus
Deutschland, Frankreich und Großbritannien Ende 2011
insgesamt mehr als eine Billion Euro in Griechenland,
Spanien, Portugal und Italien angelegt hatten. Daher würden
die Auswirkungen eines Zusammenbruchs der Euro-Zone weit
über den Finanzsektor hinaus gehen. Ähnlich wie im
Krisenjahr 2008 wären starke Einbrüche in der realen
Wirtschaft und rapide steigende Arbeitslosigkeit
vorprogrammiert.
Warnend meint einer der Autoren auf Seite 30: „Wenn alles so
weitergeht wie bisher, wird es in zehn Jahren in Deutschland
eine nie gekannte Altersarmut geben.“
Na und? Geht ein Aufschrei des Protestes durch die Reihen
der Zuschauer in diesem Welttheater? Es ist wie es ist:
Kritisches Nachdenken, zahlreiche Zweifel bleiben hängen im
Gestrüpp der bürgerlichen Meinungsbildung. „No way out?“,
fragen also die vierzehn Autoren mit Recht. Um es vorweg zu
sagen: Da begegnen einem zahlreiche politökonomische
Fachwörter. Es ist angebracht, entweder aus dem einst
angeeigneten Wissen zu schöpfen oder ein Wörterbuch der
Politökonomie zur Hand zu nehmen. Nicht zumutbar sei für den
Normalverbraucher, so die Autoren, nochmals das marxsche
„Kapital“ zu durchstöbern.
Gleichsam eine Ouvertüre dieser Lektüre bildet der erste
Beitrag. Da streiten fünf Publizisten,
Politikwissenschaftler, Journalisten und Autoren darum, wie
die Krise zu begreifen ist und welche Auswege es gibt. Da
gibt es keine vorgekaute Lehrmeinung, keine auf absoluter
Wahrheit bestehende Äußerung. Im Für und Wider stehen u.a.
der Markt, die Kapitalakkumulation, die
Verwertungsbedingungen, der Sinn des Euro, der Fiskalpakt,
die Ausnutzung der Naturressourcen, die Wertschöpfung,
Leistungsbilanzdefizite, Staatsanleihen, die
Vergesellschaftung, die Bedürfnisbefriedigung.
Im Kern geht es in allen Beiträgen dieses anspruchsvollen
Buches um die Frage, ob das Gesundbeten am Krankenbett des
Kapitalismus überhaupt Sinn macht oder diese Gesellschaft
uns alle zerstört? Um an dieser Stelle nur einige Stichworte
zu nennen: Es sei, so die Autoren, ein aufgeblähtes
Finanzsystem entstanden, das in seinen Ausmaßen nicht mehr
zur sogenannten realen Ökonomie paßt (S. 12). Die
Mehrwertschöpfung sei verpfändet worden. Die Konkurrenz
zwinge die Akteure der Konzerne und der Politik, die
vorausgesetzte Verwertung zu exekutieren (S. 16). Durch den
Euro sei in Europa ein Defizitkreislauf in Gang gekommen.
Die deutsche Exportmaschine hätte die Industrien der
Anrainerstaaten sukzessive „plattgemacht“. Die Folge: Die
Akkumulation von Verschuldung (S. 17). Das Motiv jeglichen
Handelns: Man setze Menschen und Dinge nur ein, um „aus
einem Euro zwei zu machen“. Wenn nicht, würde stillgelegt.
Geht es um eine bessere Regulierung des Kapitalismus oder um
die Abschaffung desselben? (S. 37) Die Autoren kommen zu dem
Schluß, daß die Krise, die inneren Widersprüche, nicht zu
einem Ende dieses Systems führen. Kapitalismuskritik sei
zuzuspitzen auf die Formulierung: Die auf dem Wert beruhende
Produktionsweise sei zu verändern. (…) Das sei nur möglich,
„wenn man auch die Überwindung von Ware und Geld auf die
Fahnen schreibt.“ (S. 39) Also eine andere ökonomische Form
als Markt. Der Kapitalismus bleibe insgesamt ein
„Zumutungsverhältnis“ (S. 47).
Prognosen, Rezepte? Damit halten sich alle Autoren zurück.
Sie plädieren für kleine Schritte, für neue Bewegungen und
neue Parteien, für eine Vermögensabgabe der Reichen, für
Enteignungen plus Lösungen auf anderen Feldern. So für eine
neue Steuerpolitik, für die Entprivatisierung der Systeme
der sozialen Sicherung u.a.m. (S. 57). Europa könne in einen
Teufelskreis geraten, so schreibt Sahra Wagenknecht, in dem
„Ausgabekürzungen zu einer Schrumpfung der Wirtschaft
führen…“ Das erhöhe die Arbeitslosigkeit und die
Schuldenquote, „was dann wiederum noch schärfere Kürzungen
erforderlich macht usw.“ Deshalb gehöre es zur Aufgabe
linker Kräfte, „ die aktuelle Krisensituation für die Kritik
am Kapitalismus zu nutzen und die Menschen von der
prinzipiellen Möglichkeit (…) einer Systemalternative zu
überzeugen.“ Es gehe aber nicht um eine abstrakte
Systemkritik allein, sondern auch um mittelfristig
durchsetzbare Alternativen (S. 107).
Bedenklich für meine Begriffe ist die Feststellung auf Seite
37, dass es seit dem Wegbruch der Zielvorstellung
Sozialismus/Kommunismus keine Antwort mehr gäbe. Ergeben
sich Lehren und Alternativen nicht auch aus der jüngsten
Geschichte? Weshalb muß nach Fehlversuchen gleich die ganze
Idee sterben?
Vielleicht ist diese politökonomische Lektüre nicht leicht
zu verdauen - aber für die noch Nachdenklichen, ganz gewiß
aber für solche Leute, die mutig für eine bessere Welt
streiten, ist sie unbabdingbar. Für die Linke, für die
Partei der Piraten, für die Occupy-Bewegung und für viele
andere mehr. Zweifel am Unumstößlichen ist angebracht.
„Nothing is more“ – „Nichts geht mehr“ gilt nicht.
Allerdings müßte das Publikum im Welttheater nicht nur
stöhnen und alles hinnehmen, sondern singen – im Chor und
mit einer Stimme!!!
Thomas Kuczynski kleidet seinen Optimismus in den folgenden
sehr schönen Satz: „Nichts ist ausweglos und alles
spannend.“ (S. 162) (PK)
(„No way out?“ 14 Versuche, die gegenwärtige Finanz- und
Wirtschaftskrise zu verstehen, Herausgeber Herrmann L.
Gremliza, KVV Konkret GmbH & Co. KG, 190 Seiten, ISBN
978-3-930786-63-3, 19.80 Euro, Autorinnen: Dietmar Dath,
Thomas Ebermann, Georg Fülberth, Sam Gindin, Werner Heine,
Michael Heinrich, Thomas Kuczynski, Robert Kurz, Justin
Monday, Leo Panitch, Moishe Postone, Rainer Trampert, Joseph
Vogl, Sahra Wagenknecht)
(Erstveröffentlichung des Buchtipps am 06.06.2012 in „Neue
Rheinische Zeitung“)
http://cleo-schreiber.blogspot.com
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