1943Karl
Mitglied
  433 Forenbeiträge seit dem 24.02.2008

|
| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 15.06.2012 um 13:12 Uhr |
Diese Nachricht wurde von 1943Karl um 13:15:25 am 15.06.2012
editiert
Diese Nachricht wurde von 1943Karl um 13:14:43 am 15.06.2012
editiert
Leander Sukov
Stadt Liebe Tod
Landflucht ist zurzeit nicht nur in Deutschland in. Viele
streben in die Städte. Der Arbeit, des
abwechselnden Kulturangebots wegen, und um in städtischer
Anonymität der sozialen Kontrolle auf dem Land zu entgehen.
Aber auch dörfliche Langeweile und der Wunsch nach Abenteuer
sind sicherlich Auslöser.
Marie, die Protagonistin in Leander Sukovs Roman, entflieht
ihrem verschlafenen und idyllischen Ex-DDR-Dorf, dem Vater,
der IM bei der Stasi war, und der Mutter, die „ein Bein
hinter sich herzieht“.
Sie flüchtet aus einem Land, in dem viele glaubten, sie
wären von morgen, und die nach dem Scheitern des so
genannten realen Sozialismus einsehen müssen und nicht
unbedingt wollen, dass sie doch Gestrige sein sollen.
Mit Hilfe der Eltern zieht Marie ins „wiedervereinte“
Berlin, in ein Gründerzeithaus mit Balkon zum Hinterhof.
Vater und Mutter kehren danach in ihr Dorf zurück und sie
versucht, ihr Leben in der Stadt, die „bunt und grau und
laut“ im Gegensatz zur ihrem Herkunftsort ganz und gar nicht
schläft.
Dennoch fühlt Marie sich bald einsam und will
selbstverständlich nicht einsam sein.
Sie macht sich auf den Weg. Lernt in Kneipen und auf der
Straße vor allem Männer kennen. Vom kleinen, aber unreifen
Revoluzzer bis zum väterlichen Freund. Mit allen geht sie
ins Bett, süchtig nach Wärme und Nähe, doch unfähig zu
lieben.
Auch in einer lesbischen Beziehung mit einer Gastwirtin
sucht sie vergeblich tiefe Liebesgefühle. Und selbst, wenn
sie aufrichtig geliebt wird, kann sie diese Liebe nicht
erwidern.
Zugleich ist Marie ein politischer Mensch, der Widerstand
gegen Ungerechtigkeit leistet und sich der sozialistischen
Ideologie und dem Antifaschismus verbunden fühlt.
Auf der Suche nach Wahrheit, die ihrer Suche nach wahrer
Liebe entspricht, leidet sie immer wieder unter der
Verlogenheit unserer gegenwärtigen Verhältnisse, ohne selbst
dieser Verlogenheit entgehen zu können. So macht sie vor
allem in sexuellen Beziehungen immer wieder Liebe
vorspielend mit, wie ihr Vater als IM aus Angst in der DDR
Linientreue heuchelnd mitgemacht hat. Ihn verachtet sie
dafür, da er nicht aus Überzeugung handelte.
Doch auch sie selbst fühlt sich bei ihrer Heuchelei nicht
wohl.
Nachdem sie ein Opfer von Polizeigewalt bei einer
Demonstration gegen Rechtsradikale wurde und sich dabei
schwere Verletzungen einhandelte, findet sie endlich den
Mann, der sie trägt und tragen kann. Bei ihm kann sie sich
fallen lassen und zum ersten Mal echte Liebe spüren.
Damit hat der Roman ein Happy end. Allerdings verliert Marie
den Geliebten kurz darauf unter tragischen Umständen.
Sukov hat eine dichtgedrängte ereignisreiche
Liebesgeschichte einer jungen lebenshungrigen Frau
geschrieben, die zwischen ideologischen Ansprüchen und
emotionalen Wünschen einen Lebensweg sucht. Zwischen diesen
Widersprüchen ringt sie sowohl um die eigene politische als
auch menschliche Glaubwürdigkeit.
Und im Epilog findet sie dann endlich zu einer Identität,
mit der sie für sich feststellen und zugleich bitten kann:
„Nennt mich Marie. Ich bin keine von den Anderen“… . „Lasst
mich allein.“
Sukovs Roman ist ein gelungener Versuch, die jüngere
deutsche Vergangenheit belletristisch aufzuarbeiten.
Er lässt tiefe Einblicke in das Innenleben jener zu, die
ihre Wurzeln in der vermutet gesellschaftlich
fortschrittlichen DDR hatten und die sich jetzt dem
Kapitalismus des Westens ausgeliefert sehen, der längst
einer ausbeuterischen Vergangenheit angehören sollte..
Leser, die mehr und vor allem auch emotional von der nur
bedingt gelungenen Vereinigung der einstigen beiden
deutschen Staaten verstehen wollen, kann er eine äußerst
erkenntnisreiche Lektüre werden. Doch auch Leser, die eine
ehrliche und moderne Liebesgeschichte lesen wollen, in der
es um das Spannungsfeld zwischen Geborgenheit und Freiheit
geht, werden den Roman mit großem Gewinn lesen können.
Leander Sukov, Warten auf Ahab oder Stadt Liebe Tod,
Kulturmaschinen Verlag, Berlin, 2012, 279 S., € 17,80
Bei jedem Irrtum gewinnt die Wahrheit Zeit.
|