ecb
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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 15.06.2012 um 21:04 Uhr |
Diese Nachricht wurde von ecb um 21:08:44 am 15.06.2012
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http://www.amazon.de/In-hellen-Sommern%C3%A4chten-John-Burns
ide/dp/3813504603/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1339787164&sr=8-1
Der Stoff, aus dem die Träume sind ...
„In der Panik der Finsternis geschieht zu allen Zeiten viel
Unberechenbares, wer sich selbst nicht mehr sehen kann,
benimmt sich, als wär er´s nicht, die Finsternis wohnt in
ihm und springt aus ihm heraus,“ sagt Marie Luise Kaschnitz
in „Wohin denn ich“.
Die Finsternis, das ist unter anderem die Huldra der
nordischen Mythologie, um die sich alles dreht in John
Burnsides Roman „In hellen Sommernächten“. Die hellen
Mittsommernächte des Nordens sind, glaubt man denen, die sie
erlebt haben, eine Variante jener Finsternis, von der Marie
Luise Kaschnitz spricht, und die Huldra die Verkörperung des
Unberechenbaren. Um sie herum entfaltet sich eine
Geschichte, in der nichts zu sein scheint, was es zu
scheinen scheint – man muß sich schon so geschraubt
ausdrücken, um der Komplexität dieser Geschichte
einigermaßen gerecht zu werden. Wobei das Wort „geschraubt“
sofort meine Gedanken auf einen der Vorgänger Burnsides in
diesem Genre lenkt, nämlich Henry James in seinem Buch „Das
Drehen der Schraube“. Überhaupt reiht sich Burnside ganz
ungesucht in die reiche britische (und im weiteren Verlauf
amerikanische) Tradition der Geistergeschichte ein, obwohl
er sein Drama sich in Nordnorwegen ausspielen läßt – da sind
Shakespeare, MR James, Henry James, Tuman Capotes
„Grasharfe“ und so viele mehr, auch in anderen Ländern, die
dazu beigetragen haben, nicht zuletzt auch in Skandinavien.
Die Huldra also – das Ungewisse, Unfaßbare, das
Uneingestandene im Menschen schlechthin. Noch dazu weiblich
und daher eine männliche Idee, die von der Angst vor
weiblicher Sexualität handelt und sie dämonisiert. Eine
Angst, die aber keineswegs nur Männer betrifft, sondern
Frauen gleichermaßen, die Angst vor sich selbst. Unser
gesamtes öffentliches und inneres Leben ist davon besessen,
man braucht sich nur umzusehen. Ewig unerlöst, durchwandern
wir Menschen als Mann und Frau das Leben mit seinen
ungelösten Fragen, die sich in immer neuen Varianten
offenbaren, mit denen wir immer neu zurechtkommen müssen.
Wir wissen alle darum.
Aber die Ich-Erzählerin, eine achtzehnjährige junge Frau,
die gerade die Schule abgeschlossen hat und sich nun
entscheiden muß, was sie mit ihrem Leben anfangen will,
verweigert sich. Hat sich schon immer verweigert, sich
ausgenommen, aus welchen Gründen auch immer, aber dafür muß
es auch nicht unbedingt Gründe geben. Sie will nicht
„verschlungen“ sein – ein Wort mit zwei unterschiedlichen
Bedeutungen. „Ich mag´s unberührt. Es gibt zu viel Berührung
auf der Welt. Zu viel Verschlungenheit. Vielleicht stimmt es
ja, dass wir alle aufeinander angewiesen sind, dass alles
auf der Welt auf alles angewiesen ist – doch sind wir ebenso
auf die Zwischenräume angewiesen. Wir brauchen diese
Freiräume, denn im Raum liegt die Ordnung.“
Sie fühlt sich durch jede Berührung mit der „Huldra“
bedroht, besudelt, verletzt – eine gefährliche
Empfindungsweise, die zu unsäglichem Unglück unter Menschen
geführt hat bis zum Völkermord hin.
Ich denke da an Wagners „Parsifal“ zum Beispiel, mit seiner
Mystik um des Menschen „Reinheit“ herum und seiner
angstbesetzten Sicht auf die Frau und die Sexualität, an den
Antisemiten Wagner, der in einer Schrift als einzige
„Lösung“ den Untergang des Judentums sah – dies nur
nebenbei, weil ich gerade einmal wieder stundenlang seiner
phnatastischen Musik in einer neuen Aufführung wie
verzaubert zugehört habe. Man soll das Bedürfnis der
Menschen nach Reinheit nicht unterschätzen, hat Thomas Mann
einmal gewarnt, und er hat recht, alle Religionen und Mythen
und Riten der Welt handeln in irgendeiner Form davon, es ist
das, womit wir zu rechnen haben.
„Wir mögen es kühl“, sagt die Protagonistin an einer Stelle,
„ist es im Haus zu warm, lockt man kilometerweit allerhand
Ungeziefer an.“
Liv erlebt und erlebt nicht das Verschwinden mehrerer
Menschen ihrer Umgebung, das heißt, sie hat darüber ihre
Vermutungen, aber keine vernunftgemäßen Beweise.
Was wirklich geschah, bleibt in der Schwebe dieser weißen
Nächte des nordischen Sommers, unaufgeklärt.
Und was ich hier sage, ist nur eine der möglichen Arten, das
Buch zu lesen, meine. Das Buch selbst ist so viel mehr, es
ist eine gut erzählte Geschichte, es ist eine Reflektion
über das Wesen der Kunst, es ist die Schilderung einer
Landschaft und eines Klimas voll dunkler Poesie und des
Schicksals einiger besonderer Menschen darin. Ein äußerst
komplexes Buch voller Anklänge an Mythen, Literatur, Kunst.
Beim Lesen fügt der Leser unwillkürlich noch seine eigenen
Bezüge hinzu, so daß ein überaus reiches Gespinst entsteht.
Lesen, um die Geister zu bannen. Alte Mythen, Sagen,
Märchen, Geschichten. Denn „allerdings brauchen die Geister
auch einen Ort, an dem sie sein dürfen, und wenn man ihnen
kein Heim im Wind schafft, wenn man sie nicht sicher bettet
am Rand des Meeres oder im „Es war einmal“, dann drängen sie
zurück in diese Welt, verwandelt in Geister und Ungeheuer,
verärgert, vernachlässigt und darauf aus, Schaden
anzurichten.“ So endet das Buch mit einer ordnenden Geste,
die den Geist wieder ein wenig zur Ruhe kommen läßt, aber
nur bis zur nächsten Herausforderung.
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