ArnoAbendschoen
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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 25.06.2012 um 22:39 Uhr |
- Diesmal statt einer wirklichen Rezension eher subjektive
Leseeindrücke ... -
In Hubert Fichtes Gesamtwerk bin ich jetzt bei „Detlevs
Imitationen ‚Grünspan’“ angelangt. Das erscheint mir von den
bisher gelesenen Werken das überzeugendste, souveränste und
amüsanteste. Es mag auch am autobiographischen Hintergrund
liegen. Zwischen „Die Palette“ und „Detlevs Imitationen
‚Grünspan’“ ist nämlich die Großmutter gestorben und deren
Haus in Lokstedt von der erbenden Mutter verkauft worden.
Jetzt erst gestaltet Fichte die Familiengeschichte in
Kriegs- und Nachkriegszeit frei von Rücksichten. Opa, der
Zollinspektor, war also bis 1945 Parteimitglied und es gab
seinerzeit beträchtliche Spannungen innerhalb der Familie.
Oma kommt insgesamt bei ihm am besten weg. Richtig lustig
wird es, wenn der Erzähler sich im Roman vor das verkaufte
Haus stellt und kritisch-bissig anmerkt, wie die neuen
Eigentümer das Grundstück verschandelt haben. Im nächsten
Roman „Versuch über die Pubertät“ wird er dann auch noch
Straßennamen und Hausnummer angeben. Die neuen Bewohner dort
werden begeistert gewesen sein, und das erklärt z.T. wohl
das Fehlen einer Gedenktafel am „hässlichen Spitzdachhaus“.
Sie wäre auch überflüssig, Fichte hat sie in seinen Büchern
schon selbst dort angeschraubt.
Sehr amüsant ist in diesem Roman auch die Schilderung eines
Besuchs von Irma und Jäcki bei der Mutter Dora Fichte, die
nun in einer Ein-Zimmer-Wohnung östlich der Alster lebt.
Gibt es in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts eine
zweite Autorenmutter, die literarisch derart ausgebeutet
wurde? Mir kommt mir das vor wie eine Vorwegnahme von
Gebräuchen im Internet - das Privateste in die
Öffentlichkeit. Hier findet sich auch die Wiedergabe eines
(authentischen?) Briefes von ihr, der sie sozusagen geistig
nackt vorführt: eher oberflächlich, dabei kulturell
ambitioniert und zugleich hoffnunglos altmodisch in ihrem
Verhaftetsein an das in den Zwanzigern einmal modern
Gewesene. Da äußert sich eine zutiefst reaktionäre
Möchtegern-Progressivität. Im Roman endet der etwas
disharmonische Familienbesuch auf eine für Fichte typische
Weise – über alle Ambivalenz siegt eine
Trotzdem-Verbundenheit.
Und dann gibt es in diesem Buch noch die Protokolle von
Jäckis Besuchen beim St. Pauli-Zuhälter Wolli, ebenfalls
vorzüglich. Ferner Jäckis Recherchen nach jenen
fürchterlichen pathologischen Experimenten, die mit den
Bombenopfern von 1943 gemacht wurden …
Fichtes Orthographie ist wieder einmal recht angreifbar: von
Salvadore (!) Dali bis zu „Fließen“, wenn es um Kacheln
geht. Allerdings vermute ich zumindest teilweise Absicht
dahinter. Wollte er Jahnn auch insoweit kopieren und
übertreffen, unbewusst, halb bewusst oder vorsätzlich? Gut
möglich, er war ja in literarischer Hassliebe fixiert auf
ihn. Dazu kommen noch zahlreiche Errata, die eher auf den
Setzer zurückgehen dürften. Das Lektorat scheint gar nicht
eingegriffen zu haben. Noch ein Riesenforschungsfeld für
bienenfleißige Literaturwissenschaftler!
Jetzt habe ich auch die Stelle gefunden, die die Rockband
Tocotronic vor ein paar Jahren für ihre Fichte-Hommage
verwendet hat. Das ist nicht so einfach, wie einem der
gesungene Text zunächst suggeriert. Tatsächlich sitzt da der
Erzähler in der Disco „Grünspan“ und lässt sich zudröhnen
und seine Gedanken spazieren gehen. Ein Gewirr von
Assoziationen, in dem dann diese Verse auftauchen, wie eine
Pseudo-Simplizität, typisch eher für alkoholbedingtes
Sinnieren und insofern auch gelungen. Aber ob Tocotronic das
auch so empfunden hat? Dieser Abschnitt im Roman endet
folgerichtig in totaler Konfusion und sinnlosem Gestammel.
Bei mir hat die Fichte-Lektüre jetzt noch eine besondere
Wirkung: Zu einem Zeitpunkt, da mir Hamburg schon etwas
gleichgültig geworden ist, bringen mir seine Texte die
Stadt, in der ich so lange gelebt habe, auf eine
literarische Weise wieder nahe. Heute las ich die Stelle, an
der er aus dem halben Zimmer im Dachgeschoss des Lokstedter
Hauses auf den Wasserturm in der Nähe blickt – ach, wie oft
sind wir da an Sonntagen oder Mittwochen vorbeigekommen …
Nach diesem Roman mache ich eine Pause und lese bis zum
Winter einiges an Sekundärliteratur über ihn, dann den einen
oder anderen späten Roman.
Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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