ArnoAbendschoen
Mitglied
 133 Forenbeiträge seit dem 02.05.2010

|
| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 07.08.2012 um 22:01 Uhr |
Hier soll es nicht um gute Filme gehen, nicht um das, was
einer der Großen unserer Schauspielerzunft einmal auf seine
charmante Art „Kunstkacke“ genannt hat. Reden wir auch nicht
von der Werbung. Beginnen wir mit diesem Moment, wenn das
Licht noch einmal angeht, damit man zu Eiskrem und
Knabberzeug kommt. Ich liebe ihn, er ersetzt uns die Pause
in der Oper. Wie voll ist es, wer ist denn noch da, kenne
ich jemand? Warum sehen sich so viele junge Frauen
„Brokeback Mountain“ an? Der Verkaufswagen bleibt immer
irgendwo hängen.
Es ist wieder dunkel. Tüten werden aufgerissen. Es knistert
und raschelt. Nun gut. Einige fangen an zu reden. Es ist
natürlich nur ein dummes Vorurteil, dass Frauen
schwatzhafter sind als Männer. Und wenn sie doch einmal zwei
solche … hm … Ratschkatheln ganz in Ihrer Nähe haben, so
verrate ich Ihnen ein Rezept: Wiegen Sie die beiden zuerst
in Sicherheit – scheinbar ignorieren. Dann schnellen Sie vor
wie eine Schlange und zischen die zwei an: Wenn Sie sich
unterhalten wollen, dann gehen Sie doch in ein Café! Wirkt
meistens.
Manche müssen ja nach Beginn des Hauptfilms ihren Platz
wechseln. In einem Programmkino waren die Eintrittspreise
nach Reihen gestaffelt. Ein junger Mann setzte sportlich
über zwei Stuhlreihen hinweg. Woraufhin das Licht anging und
sich folgender lautstarker Dialog bei laufendem Film
entwickelte: Sie, zeigen Sie mal Ihre Karte … Da dürfen Sie
aber nicht sitzen. – Ich sitz hier besser. Zahl Ihnen auch
die fünfzig Pfennige … - Nein, so geht das nicht, Sie müssen
zurück … Nein, warum denn? – Sie verhandelten noch eine
Weile. Die Platzanweiserin setzte sich durch, es war in
Berlin.
In Berlin veranstalten sie, wie jeder weiß, jedes Jahr die
Berlinale, eine wirklich weltstädtische Angelegenheit. Im
Forum des Jungen Films lief einmal im Beiprogramm ein
Streifen über das Ruhrgebiet. Lange Kamerafahrten über
grau-grüne Halden, dazu Musik eher experimenteller Art. Ich
dachte: Es hat was. Allmählich kam Unruhe auf. Langweilten
sich einige? Einer schrie durchdringend: FILM HÖRT NIE AUF!
Die Vox populi hatte sich Gehör verschafft.
Ganz anders die Verhältnisse in Fulda. Hier kam ich einmal
in den Genuss einer Privatkinovorstellung. War es nicht ein
Film von Robert Altman, vielleicht „Therapie zwecklos?“ Ich
kaufte eine Eintrittskarte und betrat den mittelgroßen
Vorführraum. O, wir sind nur zu zweit hier, sagte ich mir,
gleich fängt es an. Aber bevor es dunkel wurde, kam noch der
Geschäftsführer und verschaffte sich einen Überblick. Er
sagte zu mir: Ein sehr guter, ein toller Film, aber für
Fulda völlig ungeeignet. Hier mögen sie nur
Baller-Baller-Filme … Mein Mitzuschauer blieb zwanzig
Minuten, dann verschwand er.
Dagegen wird in Hamburg Filmkunst seit jeher hoch geschätzt.
Ich sah einmal im Abaton-Kino diesen wunderbar poetischen
spanischen Film „Der Bienenkorb“. Ging noch einmal rein, um
den Eindruck zu vertiefen. Und hatte Pech. Alle Plätze um
mich herum besetzt und auf einem ein Alkoholiker im
Endstadium. Und es war nicht nur dieser spezifische
Fuselgeruch, da drang noch etwas in die Nase. Kann man
Leberzirrhose riechen? Armer Kerl. Dabei blieb unklar, wo er
genau saß. Köpfe drehten sich spähend in der Dunkelheit.
Schultern, straff hoch gezogen, drückten aus: Von mir kommt
es nicht. Ja, Kino spricht alle Sinne an.
Damals, in den alten Zeiten, kannte ich den Filmvorführer im
Berliner Delphi-Palast. „Kunst-Kacke“ gab es seinerzeit dort
nur am Sonntagmittag zu sehen, in der Sondervorstellung für
die griechischen Gastarbeiter. Ansonsten das damals Übliche:
Schulmädchen und Jungfrauen, die es nicht mehr sein wollten.
Der Filmvorführer nahm mich mit in den Projektorraum. Er
eröffnete mir ganz neue Perspektiven. Über den vielen Köpfen
da unten flimmerten Busen, Hüften, Beine, alles wie durch
einen langen, breiten Schlitz gesehen. Dazu das Stöhnen
vorgetäuschter Ekstase, dröhnend wie die primitiv stampfende
oder schleimig süßliche Musik, Heute funktioniert die
Technik natürlich ganz anders, ich verstehe davon fast
nichts. Der Vorführer sagte: Wenn ich es eilig hab, kürz ich
den Film ein bisschen beim Vorführen. Die merken das gar
nicht. Zehn Minuten sind da schon mal drin … War er
besonders guter Laune, erlaubte er sich einen Jux. Er schob
zwischen die Werbedias für Zeitungen, Rasierwasser oder
Möbel einen von ihm mit folgender Beschriftung versehenen
Karton: Das *** ist nur gegen eine Schmutzgebühr von 50
Pfennig erlaubt. Diese Art Humor (lat. ‚Feuchtigkeit’,
‚Saft’) kam gut an. Die Männer da unten stampften, sie
johlten.
Das waren herrliche Zeiten. Sie kehren nicht wieder.
Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
|