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Literaturforum: Franz Kafka - Das Ehepaar: Realität als Alptraum


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 Autor
 Thema: Franz Kafka - Das Ehepaar: Realität als Alptraum
ArnoAbendschoen
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seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 29.04.2014 um 17:39 Uhr

Bei der Lektüre von Kafkas Erzählungen – oder wenn wir uns später an sie erinnern – konzentrieren wir uns leicht auf die surrealen Elemente. Da sind die Tiere – ein Riesenkäfer, ein Hund, Mäuse oder ein Affe -, die, obgleich keineswegs vermenschlicht, doch mit scharfem menschlichem Verstand ausgestattet sind. Sie analysieren sich selbst in ihrer Tierhaftigkeit und lassen zugleich die verwandten animalischen Züge des Menschen zutage treten; die phantastischen, stets fruchtlosen Zeitabläufe, etwa „Beim Bau der Chinesischen Mauer“ oder „Vor dem Gesetz“; die unglaubliche Kunst des „Hungerkünstlers“; die anscheinend mit Willen und Bewusstsein ausgestatteten Spielbälle in „Blumfeld, ein älterer Junggeselle“. Es ist zu Recht oft bemerkt worden, dass solche Sequenzen Traumcharakter haben. Sie sind wie Alpträume, die in ihrer konkreten Ausgestaltung hyperrealistisch wirken, so sehr, dass wir lesend erschrecken, als hielten wir träumend den Schrecken für real.

Daneben gibt es den Kafka, der die, häufig banale, Realität des menschlichen Lebens auf ihrer alltäglichen ökonomischen, psychologischen oder sonst wie gelagerten Ebene so akkurat, ja übergewissenhaft und dabei mit größtmöglicher stilistischer Brillanz darstellt, bis wir glauben, das quälend Realistische wäre ein Alptraum und wir eben aus ihm aufgewacht. Für dieses Verfahren stellt die kurze, erst posthum veröffentlichte Erzählung „Das Ehepaar“ ein gutes Beispiel dar. Der Text verzichtet auf Surreales vollständig. Der Ablauf ist mehr oder weniger alltäglich, bis auf den Plot, der einer heutigen Kurzgeschichte noch gut anstünde, gäbe es die von Kafka nicht bereits.

Der Ich-Erzähler ist ein Geschäftsmann und berichtet vom Aufsuchen eines Geschäftsfreundes in dessen Privatwohnung. Mit wenigen Worten wird die allgemeine Wirtschaftslage angedeutet: Depression und Labilität bestimmen sie. Der Geschäftsfreund ist ein leidender alter Mann. Der Erzähler trifft ihn an, wie er gerade mit seiner Gattin von einem Spaziergang heimgekehrt ist. Man begibt sich in das Zimmer des Sohnes, der gleichfalls krank ist. An dessen Bett sitzt bereits, zum Missvergnügen des Erzählers, ein geschäftlicher Konkurrent, der im Erzähler wie im Sohn sublime ambivalente Regungen hervorzurufen scheint. Es folgen die scheinbar sinnentleerten Reden oder Handlungen der männlichen Akteure, bis der alte Mann plötzlich alle Anzeichen einer Agonie aufweist und dann tatsächlich tot zu sein scheint. Die hilflose Verlegenheit der drei übrigen Männer endet, als die vermeintlich Witwe Gewordene aus einem Nebenraum zurückkehrt und den vermeintlich Toten als nur schlafend bezeichnet. In der Tat verhält es sich so, und aufgewacht entfaltet der Alte sogleich eine unangenehme Rührigkeit. Der Erzähler sieht ein, dass hier kein Geschäft mehr zu machen sei, und tritt den Rückzug an.

Der Text wäre nicht von Kafka, wenn er nicht voller Anspielungen und Deutungsmöglichkeiten steckte. So fällt auf, dass der Sohn („ein Mann in meinem Alter“) Symptome von Tuberkulose haben könnte – Kafka war selbst zum Zeitpunkt der Niederschrift unheilbar an ihr erkrankt. Der alte Geschäftsfreund verweist mit seiner Mischung aus Hinfälligkeit und Dominanz auf Kafkas eigenen Vater. Wenn der Sohn dem Erzähler mit der Faust droht, um ihn gegenüber dem Vater zum Schweigen zu bringen, verrät sich damit möglicherweise ein innerer Konflikt des Schreibenden. In diesem Fall wären Sohn und Erzähler identische Figuren, verschieden nur wie Freudsche Instanzen. Der Erzähler vermerkt dazu passend zur alten Gemahlin, „dass sie mich ein wenig an meine Mutter erinnere“. Überdies ist die Aufspaltung einer Person dem Autor Kafka nicht fremd. Schon in „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ bleibt Raban im Bett liegen und sagt sich: „Ich schicke meinen angekleideten Körper.“

Andere Details können als sexuelle Anspielungen verstanden werden: das Gefuchtel des Konkurrenten mit seinem Hut – „in seinem schönen, offenen, aufgebauschten Mantel saß er großmächtig da“ - als exhibitionistische Geste, fraglich nur wem gegenüber; die intensiven Bemühungen der alten Frau um den Pelz des Gatten – „unter dem sie fast verschwand“ – als Liebesspiel unter Senioren; und wenn der Alte sich nach seinem Erwachen aus dem todesähnlichen Schlaf zur weiteren Erholung einfach zum schwerkranken Sohn ins Bett legt, in die Zeitung schaut und gleichzeitig die zwei Besucher barsch abfertigt, so haben wir damit den restituierten Patriarchen vor uns, der den ödipalen Zweikampf wie den geschäftlichen für sich entschieden hat. Die Fülle der Interpretationsmöglichkeiten ist hiermit bloß angedeutet.

Ums Geschäftsleben geht es in diesem Kafka-Text am wenigsten. Womöglich ist „Geschäft“ nur eine Chiffre für Produktion und Vertrieb eigener literarischer Werke, Kafkas Hauptberuf nach seinem Verständnis, das Kafka senior durchaus nicht teilte. Stärker schimmert die häusliche familiäre Konstellation durch, wenn auch bearbeitet und gegenüber dem Original variiert, auf jeden Fall ein Alt-Prager Neurosen-Gärtlein. Darauf und auf den fließenden Übergang zwischen Traum und Realität bezieht sich schon jene berühmte Briefstelle in der Korrespondenz mit Max Brod: „Ich jause im Garten.“ Das hörte der aus einem Nachmittagsschlaf eben erwachte junge Kafka eine Nachbarin seiner Mutter draußen zurufen, und er resümiert gegenüber Brod später: „Da staunte ich über die Festigkeit, mit der die Menschen das Leben zu tragen wissen.“ Dieses Erstaunen über die Leidensfähigkeit beim Erdulden des für ihn kaum Erträglichen ist eine der Triebfedern der Kafkaschen Produktivität: Leben scheint ihm wie Alpträumen und Alpträume wie gelebtes Leben, beides nur schreibend zu ertragen.

Bei der Kafka-Lektüre lohnt es sich, das Hauptaugenmerk von den phantastischen Elementen ab- und den realistischen zuzuwenden. Es kann die Entschlüsselung erleichtern, die gleichwohl zu bewältigen ist. „Das Ehepaar“ – der Titel ist nicht von Kafka, sondern von Max Brod – stellt sich dann als kurzes familiäres Drama heraus, in dem auf ein paar Seiten in verhüllter Form die großen Schrecken der modernen Kleinfamilie behandelt werden: erzwungene Nähe, Konkurrenz, Versagen und Versagung, Frustration …


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