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Literaturforum: Paradies der Alten


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 Thema: Paradies der Alten
ArnoAbendschoen
Mitglied

408 Forenbeiträge
seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 25.01.2015 um 18:19 Uhr

Meine vorige Wohnung lag im Parterre eines gerade fertiggestellten Hauses. Über mir zog eine Witwe aus Berlin ein, die Krause hieß. Von sechs Wohnungen standen vier noch leer. Das Haus wollte sich lange nicht füllen.

Eines Tages sagte Frau Krause: "Hören Sie nur, es gibt eine Interessentin für die Wohnung neben mir. Eine alte Dame, ich habe sie im Handarbeitsladen kennen gelernt. Morgen hat sie einen Termin beim Eigentümer. Sie wohnt jetzt in einer Pension. Es wird hier nicht mehr so einsam sein ..."

Frau Steiner zog bald ein. Sie war fünfundachtzig, klein, schlank, unscheinbar. Sie sagte: "In der Pension haben wir nicht genug zu essen bekommen. Ich bin so froh, jetzt hier zu sein." Dankbar nahm sie es an, dass ich ihr gelegentlich die Einkaufstaschen nach oben trug.

Nach einigen Wochen kamen erste Beschwerden: Die Treppe war ihr zu steil. Und links fehlte ein Handlauf. Sie beklagte sich auch über die Nachbarin: "Diese Frau hat mich hierher gelockt. Ach, das ist eine ..." Ich selbst stand mich gut mit Frau Krause.

Es wurde Winter. Frau Krause flog für zwei Wochen auf die Kanaren. Frau Steiner nahm mich im Treppenhaus beiseite und vertraute mir Folgendes an: "Sie hat einen Zweitschlüssel für meine Wohnung. Wenn ich weg bin, bestiehlt sie mich. Mein Schmuck ist nicht mehr da." Ich wollte es nicht glauben. In den folgenden Nächten wurde es laut in unserem sonst so stillen Haus. Frau Steiner ließ ihrem Zorn freien Lauf, sie randalierte. Es hörte sich an, als nähme sie die Einbauküche auseinander. Wie, wenn sie tobsüchtig alles unter Wasser setzte oder Feuer legte? Ich schlief unruhig.

Frau Krause kam gut erholt zurück. Nun gab es mitten in der Nacht Tumult im Treppenhaus. Frau Steiner heulte und brüllte dort abwechselnd, nicht wie ein Mensch - wie ein waidwundes Tier. Ich trat in den Hausflur, um nachsehen. Auf Zurufe von mir reagierte sie nicht. Frau Krause rief den Hausarzt der alten Dame an. Frau Steiner hatte sich inzwischen in ihre Wohnung zurückgezogen und verhielt sich jetzt ruhig. Nach wiederholtem Läuten ließ sie Doktor Schumann ein. Der Arzt sagte uns, sie wirke kaum anders als sonst. Gegen ihren Willen könne er ihr keine Spritze geben.

Er war kaum fort, als das Toben im oberen Hausflur erneut begann. Wir riefen die Polizei. Frau Steiner flüchtete vor den Beamten in ihre Wohnung und ließ sie nicht zu sich. Die Hüter der Ordnung, machtlos, ratlos, zogen bald ab.

Beim dritten Tobsuchtsanfall ging ich selbst hinauf. Ich packte Frau Steiner an den Schultern und schob sie unter Ermahnungen in ihren Wohnungsflur hinein. Ich weiß, ich hatte kein Recht dazu - und sie wusste es auch: "Sie dürfen mich nicht anfassen!" Ich zog die Tür vor ihr zu. Dann war es still für den Rest der Nacht.

Wir meldeten es den Behörden. Das Kreisgesundheitsamt schickte einen Arzt. Er rief mich nach der Untersuchung an: "Sie ist ein Grenzfall. Sie war schon mal untergebracht. Sie haben sie wieder entlassen ... Es ist noch zu früh für eine Entmündigung. Sie bekommt einen Betreuer, der regelmäßig nach ihr sieht."

Frau Krause sagte mir bald darauf: "Jetzt geht sie jeden Nachmittag in die Geschäfte und verleumdet mich. Das macht sie auch im Handarbeitsladen so. Ihre Kleider, ihren Schmuck, sogar ihr Geld, alles reiße ich mir unter den Nagel ... Sie soll dabei ganz normal wirken ... Ich halte das nicht mehr aus. Damit Sie es wissen: Ich habe gekündigt, ich gehe zurück nach Berlin."

Auch Frau Steiner verließ unser Haus unerwartet rasch. Sie verschwand aus Stadt und Kreis und entzog sich damit fürs Erste weiterer amtlicher Beobachtung. Ein Makler soll ihr eine Wohnung in Hamburg vermittelt haben. Ich erfuhr noch, sie sei die Witwe eines höheren Beamten und gut situiert, dabei ganz auf sich allein gestellt.

Dann kamen neue Nachbarn, das Haus füllte sich doch noch. Und auch ich zog bald wieder um.


"Die Flüchtlingskrise ist noch nicht zu Ende." Robin Alexander in "Die Getriebenen"
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