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Literaturforum: Mishimas GESTÄNDNIS EINER MASKE als Zeitroman


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Forum > Literaturgeschichte & -theorie > Mishimas GESTÄNDNIS EINER MASKE als Zeitroman
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 Thema: Mishimas GESTÄNDNIS EINER MASKE als Zeitroman
ArnoAbendschoen
Mitglied

407 Forenbeiträge
seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 12.06.2015 um 20:47 Uhr

Manch einer mag hinter dieser Überschrift ein Fragezeichen vermissen. Tatsächlich wird „Geständnis einer Maske“, womit dem erst vierundzwanzigjährigen Autor Yukio Mishima 1949 der Durchbruch gelang, vor allem als gelungene Darstellung eines individualpsychologischen Problems aufgefasst. Man liest den Roman dann als überzeitliches Seelendrama, das nur zufällig im Japan der 1930er und 1940er Jahre angesiedelt zu sein scheint. So einfach verhält es sich jedoch nicht. Gewiss ist der Ausgangspunkt des autobiographischen Werks die Entdeckung der eigenen Homosexualität des Autors sowie die sich daraus ergebenden Komplikationen im Verhältnis zu seiner Umwelt. Nach einer Reihe von für die Entwicklung des Helden charakteristischen Einzelepisoden kulminiert die Handlung in der gescheiterten Beziehung des jungen Ich-Erzählers zu Sonoko, der Schwester eines seiner besten Freunde. Die Essenz davon lautet: „ … dass ich ihr deswegen entfliehen müsste, weil ich sie liebte.“ Der Erzähler realisiert die für ihn unüberbrückbare Distanz zu der jungen Frau – und gerade diese Distanz befähigt ihn erst, ihre positiven Eigenschaften deutlich wahrzunehmen: ihre Schönheit, ihren guten Charakter, ihre Schutzbedürftigkeit. Doch als er sie küsst, sieht er ein: Er als Mann begehrt die Frau, die sie ist, durchaus nicht. Dieses tragische Grundthema des Romans wird umspielt von einer zweiten Entdeckung: jener der sadomasochistischen Tendenzen des eigenen Trieblebens. So wie der Erzähler gegenüber seinen männlichen Idolen zu Verstümmelungs- und Tötungsphantasien neigt, entwickelt er gegenüber der realen Sonoko Schuldbewusstsein und masochistische Gefühle.

Dieser großartige Stoff sollte uns die Sicht auf anderes Wesentliche nicht verdecken. „Geständnis einer Maske“ weist zum einen Elemente eines Bildungsromans auf, dabei Bildung ganz vordergründig als das Produkt von kulturellen Einflüssen verstanden. Der Held ist Kind im Japan der Vorkriegszeit, besucht die Oberschule während des Krieges, erlebt den Zusammenbruch des Landes als Student und begründet seine eigene berufliche Existenz in der frühen Wiederaufbauphase. Sehr häufig nimmt er Bezug auf Werke der Literatur und der Bildenden Kunst. Das Erstaunliche daran: Es sind fast ausschließlich solche aus Europa oder den USA. So wird nur ein einziger japanischer Autor erwähnt, Tanizaki, den Sonoko gelesen hat. Man bekommt eine Vorstellung davon, wie selbstverständlich, umfassend und gründlich die Kenntnis der zeitgenössischen Kultur des Westens in der japanischen Intelligenz war, und das zu einer Zeit, als die Politik des Landes extrem chauvinistisch war.

Zum anderen gibt der Roman ein Bild des Krieges selbst, genauer: seiner Auswirkungen auf das zivile Leben in Tokio wie auf dem Land. Nicht nur die materielle Seite wird beleuchtet, auch die verheerende Wirkung auf die seelische Verfassung des Durchschnittsjapaners. Die vielen Details dazu, die Atmosphäre der Zeit, das ist der Hintergrund, vor dem das private Drama abläuft. Mishimas Haltung als Autor ist dezent antimilitaristisch, das Buch ist schließlich nach dem Krieg geschrieben. So gerät der Rückblick auf die jüngste Vergangenheit recht kritisch. Es kommen Kinderzwangsarbeiter aus Taiwan vor neben einem Bankier, der nicht an den Sieg glaubt und schon die Geschäfte der Nachkriegszeit plant. Wir erleben mit: eine Musterung, Luftalarme, Bombenangriffe, Evakuierungen, einen Luftkampf über Tokio, aus der Ferne beobachtet. Das chaotische Studium wird immer wieder von Verpflichtungen in kriegswichtige Industriebetriebe unterbrochen. Die allgemeine Stimmung ist von Todeserwartung, zum Teil auch von Todessehnsucht geprägt. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sind gewissermaßen die Donnerschläge, die apokalyptisch die Nachkriegszeit einläuten, die im Buch auch noch vorkommt.

All das ist indessen nicht bloß Hintergrund, sondern verwoben mit der Handlung. Mishima schafft es, immer wieder Parallelen zwischen dem Kriegsgeschehen und der privaten Geschichte herzustellen. Der Erzähler hat Sonoko im Frühjahr 1945 an ihrem Evakuierungsort besucht. Wann kommt er das nächste Mal? Seine Antwort: „Wenn die Amerikaner nicht in der Nähe der Werft landen, kann ich in ungefähr einem Monat wieder Urlaub bekommen“ – und nimmt dabei die Landung und den eigenen Tod mit Befriedigung innerlich vorweg. Das würde ihn Sonoko gegenüber von jeder Verpflichtung entbinden. Auf der Rückfahrt zur Werft beobachtet er im Zug die kriegsbedingt kärgliche Mahlzeit eines hungrigen jungen Mädchens. Dabei fallen die Schrecken der Zeit wie seiner Erfahrung mit Sonoko in eins: „Irgendwie war mir die Gewohnheit des Essens noch nie zuvor derart lächerlich vorgekommen. Ich rieb mir die Augen und erkannte, dass ich vollständig den Wunsch zum Weiterleben verloren hatte.“ Dementsprechend wird die Nachricht von Kriegsende und Frieden für ihn persönlich zur Schreckensbotschaft. Er hat seinen einzigen Rückhalt im inneren Konflikt verloren, die Gewissheit, bald durch den Krieg zu sterben.

Es gibt also ein Leben nach dem Krieg. Sonoko ist längst mit einem anderen verheiratet. Doch sie nehmen ihre bei aller Harmlosigkeit tief unglückliche Beziehung noch einmal auf. Es ist dann ein billiges Tanzlokal, ganz geprägt vom Geist der neuen Zeit, in dem die wechselseitige Fremdheit offenkundig wird. Die beiden leben in völlig verschiedenen Welten, die endgültige Trennung ist unvermeidlich. Mishimas frühe Meisterschaft erweist sich hier wie überhaupt darin, indem er radikalen gesellschaftlichen Wandel mit radikalem persönlichem Bruch überblendet.

(Zitiert wurde nach der Übersetzung von Helmut Hilzheimer, erstmals 1964 bei Rowohlt erschienen.)


"Die Flüchtlingskrise ist noch nicht zu Ende." Robin Alexander in "Die Getriebenen"
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