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Literaturforum: Oleksandr Dovzhenko - Zemlya (1930)


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Forum > Aesthetik > Oleksandr Dovzhenko - Zemlya (1930)
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 Thema: Oleksandr Dovzhenko - Zemlya (1930)
Kenon
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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 13.12.2015 um 14:01 Uhr

Wild wogt der Weizen hügelaufwärts, aus der verschatteten unteren Bildhälfte direkt Richtung Himmel. Kein Mensch ist zu sehen. Eine ganze Weile lang. Schnitt. Eine junge Bäuerin wird am äußersten linken Bildrand neben einer Sonnenblume, dem Nationalsymbol der Ukraine, gezeigt – sie steht im horizontalen Zentrum des Bildes; das Haupt der Bäuerin ist umwölkt, die Sonnenblume, nahezu gleich hoch gewachsen wie sie, schaut ebenfalls vom Winde schwankend zu ihr hinüber. Die Bäuerin ist unbewegt. Augen, Nase, Mund werfen tiefe Schatten. So beginnt der im Sommer und Herbst des Jahres 1929 von Oleksandr Dovzhenko gedrehte Stummfilm „Zemlya“ (dt. Erde), der mit „Zvenyhory“ und „Arsenal“ eine Ukraine-Trilogie bildet.

„Zemlya“ zeigt ein Mittelstück der ukrainischen Tragödie der 1920er und 30er Jahre. Bereits ab 1926 wurden abertausende Angehörige der Intelligentsia und des Klerus von den Kommunisten verfolgt, nach Sibirien deportiert und ermordet. Im nächsten Schritt der Sowjetisierung, die auf dem Gebiet der Sowjetunion immer eine Russifizierung war, sollten die Bauern, die für die staatlich gewünschte Kollektivierung schwer zu gewinnen waren, gebrochen und für immer gefügig gemacht werden.

Die vom Menschen kulturell genutzte Erde steht in „Zemlya“ den Repräsentanten der alten und der neuen Gesellschaftsordnung gegenüber, die sich ihrerseits gegenüberstehen. Das alte stirbt, so auch der Großvater Semyon Opanas, der neben einem Pfirsichbaum dahinscheidet. Das ist der Lauf des Lebens. Pfirsiche hat er immer so geliebt...
Das alte soll sterben, je schneller, um so besser für die Kommunisten. Vasyl Trubenko, der Enkel Semyon Opanas´, vertritt die neue Macht. Auf seinem Gesicht keine Spur von Zweifeln: Er lächelt immer und überall, er ist siegesgewiss, mit ihm braucht man nicht diskutieren, weil man seinen Argumenten sowieso unterliegt. Er weiß den Staat und die gesamte Zukunft der Menschheit hinter sich. Wer nicht mit dem Kommunismus geht ist ja schon so gut wie tot.
Vasyls Gegenspieler sind die als Kulaken diffamierten Großbauern. Sie sind Feinde der Kollektivierung, der Staat ist ihr Feind und wird sie schließlich auslöschen.

Vasyl muss nicht allein auf die Wirkung seiner Agitation, mit der er alle überschüttet und in der er nie nachlässt, bauen. Die Stadt schickt einen Traktor in das Dorf. Es ist nicht einfach nur ein Traktor. Es ist ein kommunistischer Traktor. Natürlich gibt es kommunistische Traktoren genauso wenig wie es vielleicht buddhistische Traktoren gibt. Es gibt auch keine kommunistische Moral. Der Kommunismus hat keine Moral. Aber der Film baut darauf. In ihm ist der Traktor der Fortschritt, das produktivere Arbeiten, der Kommunismus. Das Ankommen des Traktors im Dorf ist eine Sensation, die nur kurzzeitig getrübt wird durch die Überhitzung des Radiators, die ihn zum Stillstand bringt. Als Grund wird schnell das Fehlen von Wasser ausgemacht, das ganz pragmatisch auf slawische Art gelöst wird: Urin ist ja genauso flüssig, tut es auch. Und dann geht auch schon die Produktionsorgie los: Der Traktor pflügt, der Traktor drischt, aus Weizen wird in der Fabrik Mehl, wird Teig, wird Brot. Die Grenzsteine, welche die Felder der Großbauern markieren, pflügt Vasyl in seinem Eifer gleich mit um. Das wird Ärger geben.

Am Ende des Arbeitstages tanzt Vasyl einen Hopak auf dem trockenen Heimweg. Staubwolken puffen wie Explosionen um seine Füße. Es ist dunkel – und eine dunkle Gestalt erschießt ihn. Wir erfahren später, dass Khoma als Gegner der Kollektivierung die Tat verübte. Vasyl ist tot und ist es doch nicht. Er lächelt wie im Leben, mit seiner stolzen Siegesgewissheit. Da der kommunistische Staat die Religion abschaffen möchte, zeigt der Film nun, wie mit dem Tod umgegangen werden soll. Vasyls Vaters schickt den Priester weg, weil es keinen Gott gäbe – „und wenn es ihn doch gibt?“ flennt eine ältere Bäuerin und bekreuzigt sich. Die Bestattung soll daher auf neue Weise mit neuen Liedern vollzogen werden. Fast das ganze Dorf singt und zieht bei dem Begräbnis mit. Ein Redner preist Vasyl, sein Ruhm werde durch die Welt fliegen wie ein kommunistisches Flugzeug. Khoma, der sich währenddessen seiner Tat bezichtigt und Widerstand gegen die Kollektivierung schwört, wird von der Menge nicht beachtet. Seine Worte zählen nichts mehr, bald auch sein Leben.

Der Film endet mit in starkem Regen stehenden Pfirsichen. Die Wirklichkeit endet anders: In den Jahren 1932-33 kamen etliche Millionen Ukrainer durch die von Stalin praktisch verordnete Hungersnot um. Dieser Genozid, der unter dem Begriff Holodomor in die Geschichte eingegangen ist, wirkt bis in die Gegenwart. Russland sträubt sich aus verständlichen Gründen noch immer, diesen Völkermord anzuerkennen, war es doch sein Organisator und Nutznießer. Russland setzt die mörderische Politik, die als Ziel die Zerstörung des ukrainischen Staates und Assimilation des ukrainischen Volkes hat, in der Gegenwart fort. Dem allen zum Trotze blüht die ukrainische Kultur, die Stalin und seine Nachfolger in den 1930er Jahren vielleicht schon besiegt sahen, heute erneut. Die Ukrainer besinnen sich auf ihre Traditionen, sprechen ihre wunderschöne Sprache (sie gehört nach einem linguistischen Wettbewerb, der 1934 in Paris statffand, zu den schönsten der Welt), tragen schmuckvolle Vyshyvanki-Hemden, singen ihre Volkslieder und spielen auf der Bandura, einem Lauteninstrument mit bis zu 65 Saiten, das gern auch im Kontrast zur drei-saitigen Balalaika Russlands gesehen wird: Hohe kulturelle Feinheit gegen primitive Grobschlächtigkeit.
Den Zwängen der Zeit ausgesetzt, zensiert und mit einem Propagandaauftrag ausgestattet, ist „Zemlya“ doch ein Werk, das der Ukraine eine Rückbesinnung auf sich selbst ermöglicht, weil es in Teilen das durch das schreckliche Experiment des Kommunismus verloren gegangene Leben zeigt.

Der Film kann hier in einer restaurierten Fassung aus dem Jahr 1971 angeschaut werden:
https://www.youtube.com/watch?v=fInaSOtpqE0

An einer neuen Restaurierung auf Basis der Originalversion von 1930 wird seit 2012 am Oleksandr Dovzhenko National-Zenrum in Kyiv gearbeitet.

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