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Literaturforum: Die Zaghaften


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 Thema: Die Zaghaften
ArnoAbendschoen
Mitglied

305 Forenbeiträge
seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 23.03.2016 um 11:44 Uhr

Der Regionalexpress 7 fährt stündlich von Dessau über Berlin nach Zossen. Er ist oft verspätet, gelegentlich überfüllt. An diesem Nachmittag sind schon in Bad Belzig fast alle Plätze belegt, zum Teil nicht von Fahrgästen, sondern von deren Gepäck. Ungewöhnlich für einen Nahverkehrszug in der ostdeutschen Provinz: Das Publikum scheint aus vielen Ländern zu kommen, der Mittelmeerrand ist stark vertreten.

Abendschön findet einen freien Notsitz, eingeklemmt im schmalen Zwischenraum zweier Doppelsitzrückseiten. Dort sinkt er nieder und freut sich still. Aus seinem Verschlag heraus sieht er etwas, was ihn nicht wurmen müsste und es doch tut: Schräg gegenüber hat sich ein junger Reisender über fünf Sitze der Länge nach hingeflegelt und döst oder schläft. Sein Reisegepäck, in einer Discountertüte untergebracht, sowie seine Schuhe hat er unter einem der Sitze verstaut. Die Sitze sind in einer Reihe quer zur Fahrtrichtung angebracht, das Wagenfenster im Rücken, davor die Vorbeidefilierenden.

Von Bad Belzig bis Berlin fährt man eine Stunde. Es wird von Station zu Station voller, zunehmend müssen Leute stehen. Ein jeder nimmt den lang Hingestreckten kurz in Augenschein und scheint dann zu resignieren. Zwanzig Minuten vergehen, der Zug nähert sich den Potsdamer Vororten. Eine Dame in den Vierzigern steigt zu und rüttelt den jungen Mann, verlangt einen Platz für sich. Sie bekommt ihn sogleich ohne weiteres. Er zieht die Füße ein Stück zurück und kommt nun mit vier Plätzen aus.

Abendschön sagt spontan, ziemlich laut: Endlich, endlich hat eine Mumm … - Und dann beginnt eine lebhafte Diskussion: Hätte ich mich neben seine Käsemauken setzen sollen? – Und wenn er ein Messer gezogen und zugestochen hätte? – Zivilcourage, die fehlt hier … - Der Schaffner ist einfach vorbeigegangen, hat gar nichts getan. – Und da vorn steht einer vom Sicherheitsdienst, mit dem Rücken zu uns. – Er ist nicht im Dienst. – Dann muss er die Uniformjacke ausziehen. – Nein, muss er nicht. – Die Diskussion beeindruckt den jungen Mann nicht, er bleibt einfach liegen. In Potsdam Rehbrücke steigen einige aus, in Medienstadt Babelsberg viel mehr ein. Jetzt ist der Mittelgang richtig voll, neben dem Unbewegten steht eine Frau um die siebzig. Eine junge Frau schiebt sich mit einem Kleinkind auf dem Arm durch die Menge. Noch eine halbe Stunde bis in die Mitte von Berlin. Alles bleibt, wie es ist.

Abendschön steigt am Bahnhof Zoo aus. Das Gesicht des jungen Mannes hat er nicht deutlich gesehen, er hat ihn nicht sprechen hören. Es interessiert ihn nicht, woher der Rüpel kommt. Aber was ist mit den anderen, den Zaghaften, die stehen mussten? Werden sie ihn für einen von draußen halten, hier nur gestrandet, nicht hierher gehörend? Und es später andere büßen lassen, dass sie selbst nicht zur rechten Zeit das rechte Wort fanden? Sind das die Braven, bei fataler Gelegenheit klammheimlicher Freude fähig? Schlimmer Verdacht, hoffentlich unbegründet.

(So beobachtet und beschrieben bereits im Juli 2015.)


"Es ist eine Art dritter Weltkrieg, der stückweise geführt wird. Im Bereich der globalen Kommunikation nimmt man ein Klima des Krieges wahr." (Papst Franziskus im Juni 2015 über die aktuelle Weltlage)
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