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Literaturforum: Head On - Film von Ana Kokkinos


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 Thema: Head On - Film von Ana Kokkinos
ArnoAbendschoen
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Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 18.10.2016 um 23:19 Uhr

Ari (Alex Dimitriades) ist neunzehn und eine hübsche, sympathische Katastrophe. Er ist arbeitslos, nimmt an Drogen, was er kriegen kann, dealt auch damit und ist hemmungslos promisk. Frauen scheinen ihm eher zu liegen als Männer, nur beim Sex ist es andersherum. Wie gesagt, eine Katastrophe. Ari ist Sohn von griechischen Einwanderern in Australien. In Melbourne gibt es viele von ihnen, die meisten arbeitsam und materiell erfolgreich, dennoch der emotional wärmeren Heimat nachtrauernd. Dieses Melbourne ist im Film eine britisch steife, wenig schöne Stadt. Die Griechen bleiben am liebsten unter sich, gehen tagsüber in ihr Café und abends ins "Steki". Aris Vater erzählt im Café, dass Marx den laufenden Balkankrieg vorhergesagt hat. Ari weiß noch, wie sein Papa ihn früher in Athen zu Demonstrationen mitgenommen hat. Heute ist der Alte ein spießbürgerlicher Möchtegernpatriarch mit Anwandlungen von Gefühl und Zärtlichkeit.

Ari ist der Prototyp eines Einwanderers der zweiten Generation, zu eigenwillig für den Weg der braven Anpassung und zu klug, um sich mit Erfolg betäuben zu können. Wir begleiten ihn sechsunddreißig Stunden lang durch die Stadt. Am Anfang verlässt er vorzeitig eine griechische Hochzeit und am Ende hat er eine sich für ihn entwickelnde Beziehung voller Hoffnung selbst zerstört. Ari begreift sich nun und akzeptiert sich als das, was er ist: orientierungslos, hoffnungslos. Und findet in diesem Bewusstsein sogar eine Art Halt. Hans-Henny Jahnn formulierte das in "Fluss ohne Ufer" so: Es ist, wie es ist. Und es ist fürchterlich. - Und hier ist es auch noch schön; schön dargestellt.

Der Film hat als Vorlage den Roman "Loaded" von Christos Tsiolkas, deutsch unter dem Titel "Unter Strom", leider vergriffen, aber hier und da unter Restauflage oder gebraucht zu bekommen. Für Ari ist alles, dem er ausgesetzt ist, Strom: Sex, Drogen, Rassismus. Er ist gleichermaßen Sender wie Empfänger. Seine Leistung bleibt Transformation. Aber eine Katastrophe bleibt es insgesamt doch.

Ari leidet unter der Missachtung durch die angelsächsischen Frauen. "Sie glauben, wir haben alle Haare auf dem Rücken." Doch gibt es ja neben den vielen Griechen zum Glück auch viele Araber, Italiener, Juden, Vietnamesen und Schwarze. Die kluge Studentin Ariadne drückt es so aus: "Hier hasst jeder jeden." In einer bedrückend komischen Szene brüllt Ari abends seine parodistische Version der Rassenvorurteile aus dem fahrenden Auto heraus den Arabern, Schwarzen usw. in die Ohren. Ari als greller Verstärker, das ist nun absurd schön. Der Film hat Szenen, wie von Dostojewski erfunden: enorme Vitalität plus extremer Mangel an Sinn. Sie sagen, Gott sei tot, sinniert Ari zu Beginn des Films, und trotzdem sollen wir all das tun: arbeiten, ein Haus bauen, Kinder zeugen?

Die Kamera bleibt meist sehr dicht an den Gesichtern und dem Leiden, das sich auf ihnen abzeichnet. Die Sexszenen sind unverblümt und drastisch - die Kamera bleibt an den Gesichtern und zeigt die Qual. Eine besonders schöne Szene: Ari hat sich mit Betty, der Schwester eines Freundes, auf der Toilette eines Lokals eingeschlossen. Sie nehmen Speed, kauern sich aneinander wie Schiffbrüchige auf einer dahintreibenden Planke, und Ari sagt zu Betty, was er sonst nie sagt: Ich liebe dich. Dabei wissen sie schon, es kann nur wie Geschwisterliebe sein. Dann trommelt Bettys Bruder gegen die Tür.

Für mich der Höhepunkt: die Szene auf dem Polizeirevier. Ari ist vorher mit Johnny, einem griechischen Transvestiten, in einem Taxi unterwegs. Der Fahrer ist Türke. Die drei verbrüdern sich bei einem Joint. Dann Stopp durch die Polizei. Bekifft provozieren Ari und Johnny die beiden Beamten und landen auf der Wache. Was sich dort entwickelt, ist ein raffiniertes Parallelogramm aus Sadismus, Hass, Widerstand und Scham. Der ältere angelsächsische Polizist bringt den jüngeren griechischstämmigen Kollegen mit sexuell-rassistischen Andeutungen dazu, die beiden jungen Männer zu demütigen. Ari und Johnny müssen sich ausziehen. Der jüngere Polizist reißt Johnny die Wäsche vom Leib. Johnny wehrt sich, schimpft - und wird dafür geschlagen und getreten. Der ältere Polizist schaut genüsslich zu. Ari steht nackt und stumm daneben und leidet fürchterlich.

In diesem Film geschieht, was täglich auch in Paris, Berlin oder Kopenhagen geschehen kann. Es ist westlicher Alltag unter Strom, hier festgehalten in einem wirklich großen Film aus der Kategorie absolutes Meisterwerk. Anerkennung und Bewunderung für die Künstler, Mitleid für die Schicksale hinter dem Film.

Nachtrag: Diese Rezension wurde 2007 geschrieben. Der Film kam 1998 heraus und ist bedrückend aktuell geblieben.


"Die Flüchtlingskrise ist noch nicht zu Ende." Robin Alexander in "Die Getriebenen"
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