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Literaturforum: Edmund White - Selbstbildnis eines Jünglings


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Forum > Rezensionen > Edmund White - Selbstbildnis eines Jünglings
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 Thema: Edmund White - Selbstbildnis eines Jünglings
ArnoAbendschoen
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seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 12.12.2016 um 17:33 Uhr

Der Ich-Erzähler in Edmund Whites erstem von vier autobiographischen Romanen mit dem deutschen Titel „Selbstbildnis eines Jünglings“ - 1982 im Original unter „A Boy’s Own Story“ erschienen - könnte ein später Nachfahre von Karl Philipp Moritz’ „Anton Reiser“ sein. Wie jener traurige Held der ausgehenden Barockzeit leidet dieser junge Amerikaner der Eisenhower-Jahre am Gefühl sozialer und persönlicher Minderwertigkeit, die ihm den Weg zum Aufstieg in die Erwachsenenwelt zu versperren scheint. Und wie Reiser mit scharfem Intellekt und großer Sensibilität ausgestattet - nur viel smarter -, beobachtet und analysiert er gnadenlos, die Umgebung wie sich selbst, und sucht Auswege aus seiner Misere. Sein Vorname wird nie genannt, nennen wir ihn den Jungen. Seine frühen Lebensstationen sind dieselben wie die des Autors: Cincinnati, Chicago, ein Internat irgendwo zwischen beiden Städten.

Der Vater im Roman kommt mir vor wie eine Kreuzung aus Citizen Kane und Donald Trump: ein erfolgreicher, vermögender Geschäftsmann, hemdsärmelig und gefühlvoll, auf Schlingerkurs durch die Lebenslagen seiner Mitmenschen. Sein Sohn ist fasziniert von ihm, von seinen Stärken und Schwächen, und fühlt sich von ihm ungeliebt. Den Jungen interessiert vor allem eines: der Zusammenhang zwischen Sex und Macht. Mit sechzehn sieht er die Sache so: „Sex kam mir mittlerweile merkwürdig vor, wie ein Gesellschaftsritual, das Veränderungen in der Machtbalance registriert, ja herbeiführt, das aber mehr beredet als ausgeführt wird, ein simpler Flüssigkeitsausstoß, der irgendwie religiöse, soziale und wirtschaftliche Folgen zeitigt.“

Das Streben nach Macht via Sex ist das Grundthema und wird in vielen, oft anrüchigen Konstellationen behandelt. Dabei ist der Junge lange eher Objekt, wenn nicht gar Opfer, dann erfolglos Agierender, bis ihm endlich mit einer skrupellosen Intrige die Selbstinitiation gelingt. Während sein Vater nebenbei auch Frauenheld ist – die Mutter lässt sich deshalb scheiden und zieht mit den Kindern nach Chicago -, hat der Junge das Handikap, homosexuell zu sein. Er akzeptiert das in der Praxis, indem er früh Erfahrungen sammelt, lehnt es aber in der Theorie ab: „Natürlich wollte ich einen Mann lieben und dennoch heterosexuell sein; je länger ich die Klärung dieses Widerspruches aufschieben konnte, desto besser.“

Die Erzählung setzt mit dem Fünfzehnjährigen ein, der wieder einmal die Sommermonate beim Vater und der Stiefmutter verbringt. Sie ist die gute Stiefmutter und, obgleich nur kleine Nebenfigur, vielleicht die positivste Gestalt des Romans. Sie taugt als Vorbild, sie liest viel und ihr gelingt gesellschaftlicher Aufstieg mühelos. Der Junge wünscht sich, eine der vielen literarischen Inversionen Whites, Sex mit dem eigenen Vater. Stattdessen wird er, der Fünfzehnjährige, von einem Zwölfjährigen verführt und manipuliert. Über Kevin sagt er: „Ich fand ihn ziemlich beängstigend, auf alle Fälle sexy …“ Die Umkehrung alles normal Erwartbaren findet auch im zweiten Kapitel statt: Der Junge arbeitet mit vierzehn im Büro seines Vaters und lässt sich das dabei verdiente Geld dann von der Stricherszene abluchsen, wird minderjährig zum Freier.

Die folgenden Kapitel gehen noch weiter in der Zeit zurück, behandeln die Kindheit in Chicago, die törichten, vergeblichen Versuche der impulsiv-überspannten Mutter, einen neuen Ehemann zu finden, die so verbissenen wie erfolglosen Bemühungen seiner vier Jahre älteren Schwester um gesellschaftliche Akzeptanz – sie reagiert ihre Frustration sadistisch am kleinen Bruder ab, der seinerseits von reiferen reichen Herren träumt, die ihn entführen sollen. Im Hinterkopf hat er die Beziehung Rimbaud – Verlaine. Literatur wird immer wichtiger für ihn. So ist es folgerichtig, dass sein Coming-out im Umkreis einer Buchhandlung stattfindet, mit deren lesbischer Verkäuferin ebenso wie mit dem schwulen Inhaber er zeitweise befreundet ist. Er setzt sich mit Hesse auseinander, doch sein eigener Bildungsroman kommt nur langsam in Gang: pubertäre Knabenspiele, der angehimmelte Deutschlehrer ein ungeeignetes Objekt, desillusionierende Feriencamperfahrungen.

Je älter er wird, umso drängender das Problem sozialer und zugleich sexueller Integration: „… ich fürchtete meine Freunde nicht nur, ich wollte auch erreichen, dass sie mich liebten.“ Bei den Wellingtons aus der gehobenen Mittelschicht und ihrem Sohn Tommy misslingt es dem Jungen. Er sagt sich: „Der Sinn schien ganz klar: zu überleben und dann beliebt zu werden.“ Wenn nicht Tommy, dann vielleicht Helen Paper, das schönste Mädchen der Schule? Sie weist ihn als Liebhaber zurück und stellt ihm zugleich eine Aufnahme in ihren Freundeskreis vage in Aussicht. Im Rückblick analysiert der Ich-Erzähler seine Reaktion auf ihren Brief scharfsinnig so: „Ich registrierte den gesellschaftlichen Gewinn vor dem romantischen Verlust.“

Das letzte der sechs Kapitel ist das längste, es umfasst ein Drittel des Werkes und schildert seine Jahre auf dem Internat mit fünfzehn, sechzehn. Jetzt treten rasch hintereinander weitere Gestalten auf – Mitschüler, Lehrer, ein Psychoanalytiker, ein Geistlicher -, die die Entwicklung tatsächlich vorantreiben auf den abschließenden Höhepunkt hin, dessen Details potentiellen Lesern zwecks Erhaltung der Leselust hier verschwiegen werden sollen. Dafür das Resümee am Ende des Buches: „Ich, der ich so wenig Macht besaß – dessen Triumphe allesamt die unbedeutenden Siege von Kindern und Frauen gewesen waren, das heißt nur verbale Siege der Ironie und der inneren Haltung -, ich hatte zuletzt einen mächtigen Schluck aus der erwachsenen Quelle der Sexualität getrunken. Ich wischte mir den Mund mit dem Rücken einer erwachsenen Hand, schlenderte lächelnd zum Speisesaal hinauf und summte ein Liedchen vor mich hin.“ Später wird er Reue empfinden, wenn er bedenkt, was er einem Erwachsenen angetan hat.

Zum Autor: Edmund White, geboren 1940, war Mitbegründer und eine der zentralen Figuren der US-Autorengruppe Violet Quill. Ein Großteil seiner Bücher wurde auch ins Deutsche übersetzt.

(Zitate nach der Übertragung ins Deutsche von Benjamin Schwarz)


"Die Flüchtlingskrise ist noch nicht zu Ende." Robin Alexander in "Die Getriebenen"
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