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Literaturforum: Lutz Unterseher - Antifritz


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 Thema: Lutz Unterseher - Antifritz
ArnoAbendschoen
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Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 01.08.2017 um 21:48 Uhr

Der schmale Band von Lutz Unterseher, erschienen 2015 im Lit Verlag Berlin, Untertitel: Hommage an Prinz Heinrich von Preußen, ist doch mehr als eine solche an einen jüngeren Bruder Friedrichs des Großen. Er kann als erste, schon ein wenig vertiefende Einführung in die Geschichte Preußens im 18. Jahrhundert dienen. Der Autor hat dazu eine stattliche Anzahl von Werken über jene Zeit und ihre Hauptgestalten ausgewertet. Vor allem stützt er sich auf zwei Studien aus jüngerer Zeit, die den Dualismus zwischen dem Alten Fritz und dem Prinzen Heinrich aufarbeiten bzw. die Vita des Prinzen erst wieder ins Gedächtnis zurückrufen: Christian Graf von Krockow, Die preußischen Brüder (1996) und Eva Ziebura, Prinz Heinrich von Preußen (1999).

Unterseher beginnt seine Darstellung mit dem Vater der beiden Brüder. Friedrich Wilhelm I. ist für ihn der eigentliche Begründer des modernen Preußen. Der Soldatenkönig mit seinem Sinn fürs Ökonomische, seiner Verwaltungsreform, seiner Stärkung des Militärs bei strikt defensiver Außenpolitik und seinem calvinistisch begründeten Verantwortungsbewusstsein wird fast durchweg positiv gezeichnet. Die Frage, inwiefern die Söhne in Krieg und Frieden vom Vater vorgegebenen Entwicklungslinien folgten, wird kaum erörtert. Vielmehr erscheinen Friedrich und Heinrich von Beginn an als autonome und gegensätzliche Charaktere. Ihr Leben und Wirken wird im Folgenden kontrastreich dargestellt und dualistisch interpretiert. „Männer machen Geschichte“ ist das Motto solcher Art Geschichtsschreibung. Das führt bei beiden Gestalten zu einer Überhöhung ihres jeweiligen Profils, zu einer Personalisierung der historischen Abläufe. Die Rollen sind dabei recht einseitig verteilt. Friedrich ist der absolutistisch-machiavellistische Schurke. Ihm wird wiederholt sein „Skeptizismus“ angekreidet und er wird für die meisten Tiefpunkte der deutschen Geschichte nach seinem Tod mitverantwortlich gemacht. Das Urteil, das Unterseher ihm spricht, könnte kaum härter ausfallen: „Aus seiner Gruft heraus musste er all das absegnen, was das wilhelminische Militär an Konzeptionellem entwickelte. Und nicht nur das, sondern auch den Wahnwitz, der später unter Adolf Hitler blühen sollte.“ Daran ist richtig, dass Friedrichs Andenken ab dem späten 19. Jahrhundert nicht nur benutzt, sondern auch missbraucht wurde. Mit seinem unmittelbar folgenden Satz zu Friedrich reiht sich Unterseher dann selbst unter die ein, die Missbrauch trieben: „Wäre Friedrich aus seiner Gruft geholt und wiederbelebt worden, hätte er in der Substanz wohl kaum Einwände vorbringen können.“ Nein, als Mann des 18. Jahrhunderts dürfte er eher entsetzt gewesen sein.

Prinz Heinrich dagegen ist hier die milde Lichtgestalt von hoher Intelligenz, hoher Kompetenz und hoher Moral. Er erscheint als der Urahn all jener progressiven Strömungen, die es in Preußen nach ihm auch gab und die dennoch seinen Untergang nicht verhindern konnten. Unterseher entwirft abschließend seine Utopie: Was wäre anders verlaufen, wenn Heinrich statt Friedrich den Thron bestiegen hätte? Möglicherweise nicht allzu viel. Abgesehen davon, dass die Fragestellung müßig ist, blendet sie vollständig die ganz unterschiedlichen Funktionen der beiden Brüder aus und d.h. auch die Kräfte, die um sie herum wirkten und die sie in ihrem Handeln berücksichtigen mussten. Heinrich war vorübergehend Heerführer, gelegentlich Diplomat, beides im Dienst des Königs und von ihm abhängig. Vor allem aber war er ein adliger Grundbesitzer in der tiefsten Mark. Sein Bruder dagegen spielte seine schwierige und oft fatale Rolle in einem Mächtekonzert, das um die Mitte des 18. Jahrhunderts auf Neuordnung der internationalen Verhältnisse abzielte und dabei gewaltige Kriege entfesselte. Friedrich war wohl mehr als nur ein Rädchen, aber eben doch nur eines von mehreren Rädern und nicht unbedingt das bedeutendste. Dass er den 1. Schlesischen Krieg vom Zaun brach, hat Preußen nicht nur eine Provinz eingebracht, sondern bald darauf zwei weitere Kriege mit einem Maximum an Tod und Zerstörung. Aber hätte Heinrich die Verwicklung Preußens in den Österreichischen Erbfolgekrieg und den Siebenjährigen Krieg vermeiden können? Das ist höchst ungewiss.

Unterseher will aus dem Kontrast der Biographien etwas auch für uns noch Gültiges ableiten: „Verhaltensmodelle, die einen je unterschiedlichen Entwurf menschlichen Zusammenlebens, von Polis, im Sinn haben.“ Damit überfordert er sein kleines Buch, so wie er den beiden Brüdern allzu schematisch angelegte Rollenbilder zuweist. Gegen Ende des Werks drängt sich zudem mehr und mehr der Eindruck auf, Heinrich werde vor allem als Anwalt für die militärpolitischen Theorien des Autors benötigt. Der Prinz verfolgte nach Unterseher jene Linie von „zivilisierter“ barocker Kriegführung, die oft als „Kabinettskrieg“ bezeichnet wird, ein Begriff, der allgemein kontrovers diskutiert wird. (Der Autor hat diverse Bücher über Militärisches publiziert.) Friedrich dagegen steht bei ihm für den inhumanen Krieg mit allen Mitteln und um die Existenz schlechthin. Die Rezension hier kann diesen Aspekt nicht umfassend aufgreifen. Es sei nur im Hinblick auf etwaige Nutzanwendung der Zweifel ausgedrückt, dass Strategien aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg in ihren Grundzügen auf die Gegenwart mit ihren Massenvernichtungswaffen übertragen werden können.

Unterseher billigt seinem Text eine Sprache zu, die „mitunter recht barock, der Epoche unseres Interesses angemessen“ sei. Kostproben: Friedrich Wilhelm fand bei Thronbesteigung, es sei nun „Schluss mit lustig“. Ihn interessierte, „was hinten herauskommt“. Friedrich schrieb an Voltaire „Fanpost“. Der kleinwüchsige Heinrich wird im Gefecht als „Dreikäsehoch“ bezeichnet. Und obwohl offen homosexuell, besaß er doch Lebensart: „Den prinzlichen Popo zu präsentieren, war für ihn keineswegs eine Sache flüchtigster Gelegenheit.“ Mit Verlaub, das ist keine barocke Sprache, das sind banal-triviale Sprüche von heute, die vielleicht darauf abzielen, den Leserkreis zu erweitern. Dass es so gelingen kann, ist zweifelhaft. Für die einleitend dargestellte Vertrautheit des Verfassers mit Rheinsberg spricht nicht, dass bei ihm aus dem Grienericksee, an dem das Schloss liegt, ein „Grierickesee“ wird. Und mit leichtem Befremden liest man auch von „prästabilisierter Harmonie“. So ist das Beste, das man über Untersehers Essay sagen kann: Er macht neugierig auf die Hauptquellen, deren er sich bedient hat.

Was können wir überhaupt aus Geschichte lernen? Ein Skeptizist, nicht nur vom Schlage Friedrichs, würde vielleicht antworten: Eben das, dass wir nichts daraus lernen (können).


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