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Literaturforum:
Thomas Bernhard - Auslöschung


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Autor
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Thema: Thomas Bernhard - Auslöschung
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Kenon
Mitglied
  693 Forenbeiträge seit dem 02.07.2001

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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 06.11.2004 um 19:00 Uhr |
Auslöschung ist die Geschichte eines Zerfalls, die dem Leser
durch Thomas Bernhard aus den Augen des Protagonisten
Franz-Josef Murau erzählt wird. Murau erfährt durch ein
Telegramm seiner Schwestern, dass seine Eltern und sein
Bruder tödlich verunglückt sind, wie sich wenig später
herausstellt, bei einem Autounfall. Dieses Ereignis ist für
Murau Anlass, sich in seinem römischen Exil, wo er ein Geistesleben führt, mit seiner großbürgerlichen Herkunft aus dem
österreichischem Wolfsegg in größter Akribie
auseinanderzusetzen und zwar in der Absicht, diese für immer
auszulöschen.
Murau betrachtet nach und nach alle Gegebenheiten und
Personen, die ihm in Hinblick auf seine Wolfsegger Herkunft
in den Kopf kommen und dadurch dieses Wolfsegg, wie er es
kannte, ausmachten. Er nimmt dabei alles auseinander,
schleicht sich um die Ob- und Subjekte seiner Betrachtung,
um auf sie in den verschiedensten Perspektiven schauen zu
können. Sprachlich wird dies oft durch die Technik der fast
endlosen Wiederholung gelöst, die wie fortwährende Angriffe
erscheinen und wirklich nichts als Trümmer zurücklassen.
"Meine Eltern haben mich und haben meine Geschwister
letzten Endes anstatt zu erziehen, geradezu verunstaltet, in
unseren Köpfen nur Unheil angerichtet. Die Eltern,
naturgemäß vor allem katholisch, hatte ich zu Gambetti
gesagt, haben mit diesen unheilvollen katholischen Mitteln
unsere Köpfe ruiniert. [...] Wir sind katholisch erzogen
worden, hat geheißen, wir sind von Grund auf zerstört
worden, Gambetti. Der Katholizismus ist der große Zerstörer
der Kinderseele, der große Angsteinjager, der große
Charaktervernichter des Kindes. Das ist die Wahrheit.
Millionen und schließlich Milliarden verdanken der
katholischen Kirche, daß sie von Grund auf zerstört und
ruiniert worden sind für die Welt, daß aus ihrer Natur eine
Unnatur gemacht worden ist."
Rom ist für Murau das Gegenbild zu Wolfsegg, aus dem er, so
bald es ihm möglich war, geflüchtet ist. Trotzdem ist er auf
die monatlichen Zahlungen aus seinem Elternhaus weiterhin
angewiesen. In Rom führt er, wie bereits gesagt, sein
Geistesleben, in das ihn sein Onkel Georg eingeführt hat. Er
beschäftigt sich mit der Literatur und Philosophie, hat
einen Schüler, nämlich Gambetti, trifft sich mit der Poetin
Maria, um ihre Gedichte zu besprechen, während das Leben in
Wolfsegg nur für geistige Starre und moralische Verlogenheit
steht. Die fünf großen Bibliotheken des Besitzes sind
verschlossen und für die dort lebenden Menschen nicht von
Bedeutung, sie kümmern sich lieber um die Mehrung ihrer
Reichtümer durch Landwirtschaft und Aktienhandel,
veranstalten Jagden und widerwärtige Abendgesellschaften. Wolfsegg ist das Sinnbild des
ungestraften Opportunismus, seine Bewohner haben sich mit
den jeweiligen Machthabern, selbst, wenn es die Nazis waren,
immer gut zu stellen gewusst. Muraus Eltern haben den Nazis
auch nach dem 2.Weltkrieg die Treue gehalten, haben gesuchte
Kriegsverbecher auf ihren Besitztümern untergebracht und sie
so vor ihrer gerechten Bestrafung geschützt.
Aulöschung ist eine große, eine schonungslose Abrechnung,
die erzählt, was erzählt werden muss.
"Mit der Erfindung der Fotografie, also mit dem
Einsetzen dieses Verdummungsprozesses vor weit über hundert
Jahren, geht es mit dem Geisteszustand der Weltbevölkerung
fortwährend bergab. Die fotografischen Bilder, habe ich zu
Gambetti gesagt, haben diesen weltweiten Verdummungsprozess
in Gang gebracht und er hat diese tatsächlich für die
Menschheit tödliche Geschwindigkeit in dem Augenblick
erreicht, in welchem diese fotografischen Bilder beweglich
geworden sind. Stumpfsinnig betrachtet die Menschheit heute
und seit Jahrzehnten nichts anderes mehr, als diese
tödlichen fotografischen Bilder und ist wie gelähmt davon.
[...] es wird gut sein, wenn wir uns noch gerade bevor
dieser Verdummungsprozess der Welt total eingetreten ist,
umbringen."
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SmokeNAshes
Mitglied
 1 Forenbeitrag seit dem 15.08.2007
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| 1. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 15.08.2007 um 21:10 Uhr |
Hey, ich lese gerade den Roman "Auslöschung" von
Thomas Bernhard, was zugleich sein letzter großer Roman ist.
Darin heißt es an einer Stelle: "Tragen wir nicht alle
ein Wolfsegg in uns?" Nun diese Frage scheint mir die
allumfassende zu sein, deshalb habe ich sie einmal gewählt.
Dazu muss ich sagen, dass mich die Problematik Österreich
zur Zeit des Nationalsozialismus, wenig interessiert hat.
Für mich ist es nur ein Umstand von vielen. Viel mehr haben
ich das Buch mit Augenmerk auf den sogenannten
"Herkunftskomplex" des Ich-Erzählers gelesen und
sein dringendes Bedürfnis seine komplette Herkunft
auszulöschen. Die Herkunft ist unser Schicksal welches uns
von vornherein beeinflusst. Doch können wir mit einer
solchen Auslöschung unserem Schicksal entfliehen oder ist es
nicht auch zugleich unsere eigene Auslöschung? Meint das
vielleicht auch Thomas Bernhards zweiter Teil des Titels
"Ein Zerfall"?
lg, jeanne
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Kenon
Mitglied
  693 Forenbeiträge seit dem 02.07.2001

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| 2. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 16.08.2007 um 11:37 Uhr |
Auslöschen: Das heißt nicht nur, etwas verschwinden lassen,
sondern es so verschwinden zu lassen, als hätte es niemals
existiert. Ein Buch zu schreiben ist nun allerdings eines
der denkbar schlechtesten Mittel, eine Auslöschung zu
vollziehen, denn scripta manent. Dessen dürfte sich auch Bernhard bewusst gewesen sein(?).
Worauf es letztlich ankommt, ist nicht die kritische
Zerlegung der eigenen Herkunft, sondern die
Schlußfolgerungen, die man daraus für sein gegenwärtiges
Leben zieht, mehr noch die Taten darauf gegründet, wenn auch
wissend, dann in nur wieder neuen Bedingtheiten zu stecken,
die wiederum Analyse, Urteil und Tat erfordern usw.; die
Herkunft als solche aber, da vergangen, entzieht sich
änderndem Zugriff. Wer dennoch auf das Ändern der Herkunft
besteht, dem bleibt nur die fälschende Umdeutung - von
Menschen so oft vollzogen.
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Mania
Mitglied
  467 Forenbeiträge seit dem 18.11.2005

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| 3. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 16.08.2007 um 21:51 Uhr |
Zitat:
Worauf es letztlich ankommt, ist nicht die kritische
Zerlegung der eigenen Herkunft, sondern die
Schlußfolgerungen, die man daraus für sein gegenwärtiges
Leben zieht, mehr noch die Taten darauf gegründet, wenn auch
wissend, dann in nur wieder neuen Bedingtheiten zu stecken,
die wiederum Analyse, Urteil und Tat erfordern usw.; die
Herkunft als solche aber, da vergangen, entzieht sich
änderndem Zugriff. Wer dennoch auf das Ändern der Herkunft
besteht, dem bleibt nur die fälschende Umdeutung - von
Menschen so oft vollzogen.
Dann ist Reue völlig irrational. Manche versuchen zu büßen
um gut zu machen, aber man kann nichts gut machen, worauf
man keinen Zugriff hat.
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floriankuhne
Mitglied
 1 Forenbeitrag seit dem 15.02.2012
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| 4. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 15.02.2012 um 15:56 Uhr |
Hallo Bernhard-Freunde.
Vielleicht interessiert Euch zum Thema Auslöschung ja auch
folgendes: http://www.flos-weltenbilder.de/thomas-bernhard-und-die-foto
grafie/
Viele Grüße, Flo
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