- versalia.de
-- Prosa
--- Die Sehnsucht der Einzelgänger
1943Karl - 28.02.2010 um 16:43 Uhr
Ständige Begleiter würden mir gut tun. Am besten Abenteurer,
loyale, die uneingeschränkt meinen Anweisungen folgen und
Verantwortung für mich übernehmen.
Ich stecke tief in meiner alljährlichen Winterdepression.
Bin müde, fühle mich leer, werde davon noch müder und
vergesse, wer ich bin. Schließlich ist das Selbstbild des
Menschen das Produkt seiner guten Ausreden. Je älter er
wird, desto raffinierter lenkt er von den eigentlichen
Problemen ab. Das jedenfalls behauptet Beckmann, mit dem ich
in den letzten Wochen viel rede.
Wilhelm Beckmann verdient sich als Hausmeister unseres
20-Familienhauses sowie der beiden Nachbarhäuser steuerfrei
etwas dazu. Eigentlich müsste er gar nicht arbeiten. Ihm
gehören einige Wohnungen in den Häusern. Er lebt von den
Miet-Erträgen, von Lebensversicherungen und einem kleinen
Vermögen, das er als selbstständiger Maurermeister und
Bauunternehmer erwarb.
Ich brauche dringend Fantasten an meiner Seite, richtige,
ungehemmte, grenzenlose. Solche, die für mich spinnen. Bin
nicht wirklich sicher, ob Beckmann zum Fantasten taugt.
Immerhin nähert sich die Menschheit seit Jahren
wachstumswahnsinnig dem kollektiven Selbstmord. Aber wenn
schon umbringen, dann will ich wenigstens individuell aus
dem Leben scheiden. Doch das habe ich bei aller Depression
gerade nicht vor.
Irgendwie ist Beckmann ein Philosoph. Neulich meinte er , wo
Licht sei, gebe es auch Schatten. Nicht im Licht. Nur
daneben. Aus dem Schatten müsse man selber heraustreten ins
Licht. Und da müsse man sich dann präsentieren.
Aber ich neige nicht zur Angeberei und bin sicher, der Turm
zu Dubai, dieses unübersehbare Phallussymbol männlichen
Potenzwahns, wird schnell ins Alter kommen und in sich
zusammensinken. Nicht erst seitdem ich siebzig wurde, kenne
ich gewisse Männerprobleme. Bekomme per Internetspam täglich
Viagrawerbung ins virtuelle Postfach. Obwohl ich die
Werbebotschaften sofort lösche, werden sie von Woche zu
Woche mehr, genau wie Kontaktanzeigen, in denen junge gut
aussehende Frauen reife Männer suchen
Bei mir gibt es allerdings nicht viel zu erben.
Wilhelm Beckmann lasse ich kaum noch aus den Augen. Notiere
meine Beobachtungen im Tagebuch. Stehe manchmal stundenlang
hinter der Gardine und sehe zu, wie er Müll in den grauen
Tonnen festtritt, den Fußweg vor dem Haus fegt und die
Vorgärten pflegt. Und ich frage mich, was er bei all dem
wohl so denkt.
Der Mitsechziger besucht regelmäßig Sonnenbank,
Fitnessstudio und Zahnarzt. Das brauche er für seine
Körperspannung und den Biss, behauptet er und präsentiert
die Zähne, lachend und zahnsteinfrei. Seine jeansblauen
Arbeitshemden trägt er offen. Sogar im Winter. Immer wenn er
einatmet, öffnet sich das Hemd leicht und entlässt einen
Schwall etwas zu aufdringlichen Herrenparfüms. Im ergrauten
Brusthaarbusch baumelt ein nicht gerade kleines Gold-Kreuz
am Gold-Kettchen. Und bleibt mein Blick am Kreuz hängen,
grinst Beckmann und legt Wert auf die Feststellung, er
glaube zwar an Gott, aber mit der Kirche habe er nichts am
Hut. Lieber verlasse er sich direkt auf den lieben Gott und
ansonsten nur auf sich selber.
Er liest täglich Zeitung. Keine Boulevard-Blätter. Bücher,
versichert er, besitze er sogar eine ganze Menge. Habe sie
alle gelesen. Tolstoi, Böll, Walser, Goethe. Sogar den
Faust. Alles müsse er ja auf Anhieb nicht verstehen. Manches
brauche seine Zeit. Bis es im Verstand ankomme, dauere es
schon mal Monate.
Gestern diskutierten wir lange über die bevorstehende
Klimakatastrophe. Beckmann will nicht so recht daran
glauben, dass bereits in naher Zukunft der steigende
Meeresspiegel Südseeinseln unter Wasser setzen könne.
Las er doch kürzlich in der Presse, Wissenschaftler hätten
sich bei der Geschwindigkeit, mit der die Himmalya-Gletscher
abschmelzen sollten, um mehrere hundert Jahre verrechnet.
Der Wissenschaft könne er sowieso nicht glauben. Was die
schon alles in der Vergangenheit behaupteten.
Das Eis werde jedenfalls viel länger brauchen. Und bis dahin
werde es sowieso wieder kälter. „Und wir, wir erleben das
ohnehin nicht mehr.“ Viel schlimmer sei eigentlich die
soziale Klimakatastrophe. Menschlich werde es bei uns von
Tag zu Tag kälter. „Und dagegen können wir alle etwas tun.“
„Unsere Kinder werden unter der einen wie der anderen
Klimakatastrophe leiden!“ wendete ich ein.
Der Hausmeister sah zu Boden. „Hab nie ne Frau für meinen
Nachwuchs gefunden.“
Auch ich blickte zu Boden. „Meine Kinder und Enkelkinder
besuchen mich kaum noch, seit meine Frau tot ist.“
Beckmann wechselt seine Freundinnen häufig. Als aufmerksamer
Nachbar bekommt man eben so manches mit.
Seit meine Frau Margot vor drei Jahren starb, habe ich mich
nicht mehr an Frauen herangetraut. Gut, im Altenclub könnte
ich welche kennen lernen. Die mit ihren Tanztees. Da
herrscht ständig Männermangel. Habe aber mit Margot auch nie
getanzt. Sie war eine gute Tänzerin. Ich kann nicht mal
Walzer.
„Sind Sie zurzeit solo?“
„Nicht direkt!“ Beckmann bekam trotz
Sonnenbankgesichtsbräune einen roten Kopf.
„Was halten Sie denn von der Neuen im Appartement neben
mir?“
Beckmann grinste. „ Die hatte schon nach drei Tagen ne
Verstopfung in der Badewanne.“
Ich lachte. „Bei mir hat die gleich am ersten Abend nach
ihrem Einzug geklingelt. Caroline Hamacher heiße sie. Sei
die Neue. Ob ich ihr etwas Zucker für ihren Kaffee leihen
könnte. „Ich habe sie gefragt, ob ich ihr schnell eine Tasse
kochen soll?“
Meine Frau hatte immer den Ehrgeiz, Neuzugezogenen während
des Einzugs wenigstens einen Kaffee anzubieten. Neue Nachbar
müsse man herzlich willkommen heißen. Wegen der guten
Atmosphäre im Haus.
Hätte ich Margot noch nach der Neuen fragen können, würde
sie bestimmt die Stirn runzeln und mit den Schultern zucken.
„Trägt die Bluse zu weit offen.“
Sie nach weiteren Details zu fragen, war sinnlos. Über
Frauen, die ihre Reize zu offen zeigten, schwieg sie sich
grundsätzlich aus.
„Und?“ wollte ich von Beckmann wissen. „War sie bei Ihnen
auch leicht bekleidet?“
Er grinste. „Der Kavalier genießt und schweigt.“
Ich tätschelte ihm die Schulter. „Sie sind eben ein wahrer
Frauentyp!“
Beckmann grinste weiter und gab vor, noch eine defekte
Glühbirne im Keller auswechseln zu müssen.
Seine Arbeit, neh, die wollt ich nicht haben. Aber ein
bisschen von ihm, von seiner Art zuzupacken. Vielleicht
sollte ich damit beginnen, meine Hemden nicht immer bis zum
letzten Knopf zu schließen. Doch wer will schon meine kaum
behaarte, altersfleckige Brust sehen.
Früher hat Margot sich bei der Meissner, die vorher im
Appartement nebenan wohnte, öfter mal was ausgeliehen.
Nachdem die Meissner ins Altenheim zog, wohnte im
Appartement ein jüngerer Mann. Wenn der mit seinem Porsche
nach Hause kam, brachte er sich oft eine Frau mit. Als
schlechter Schläfer hörte ich nachts ihre Lustschreie.
An ihrer Stimme erkannte ich, wenn er eine Neue mitgebracht
hatte. Seine tiefe Stimme gewann auf dem Weg zum Orgasmus an
Höhe und stürzte dann mit tiefem Grunzen ab.
Als Margot noch neben mir schlief, waren mir die Schreie der
Frauen und sein Grunzen peinlich, aber nach Margots Tod
gerieten sie mir zum heimlichen Vergnügen.
Durch die Wand glaubte ich die beiden bei der Liebe zu
sehen.
Doch der junge Nachbar zog bald aus und das Appartement
stand ein halbes Jahr lang leer.
Caroline Hamachers Lustschreie habe ich noch nicht gehört.
Ich werde sie zum Kaffee einladen. Vorher aber gehe ich zum
Bäcker und hole uns Torte. Obsttorte, denn sie wird
vermutlich auf ihre Linie achten. Für mich nehme ich ein
Stück Marzipan-Punsch-Torte mit.
Caroline zeigte auf ihre ausgebeulte graue Hose und ihr
schmuddelige Schürze. Sie sei gerade beim Putzen und wolle
sich nur noch schnell was Netteres anziehen, dann komme sie
gern.
Eine halbe Stunde später klingelte es. Beckmann wollte
wissen, ob denn die Heizung ausreichend wärme. Dann sah er
die Punschtorte und strahlte mich an. Eigentlich esse er ja
keine Torte, aber gerade dieser könne er überhaupt nicht
widerstehen. Ich bat ihn zu bleiben.
Caroline kam in hautenger Hose, die durchscheinende Bluse
ziemlich weit aufgeknöpft. Darunter ein zu enger BH. Als ich
ihr ein Stück Erdbeertorte auf den Teller schob, lächelte
sie mich an. „Woher wussten Sie, dass Erdbeertorte meine
Lieblingstorte ist.“
„Von mir.“ log Beckmann.
„Und woher wussten Sie das?“
„Erdbeeren haben doch so was Erotisches.“
Caroline setzte sich aufrecht hin und sah mich mit großen
graublauen Augen fragend an. „Essen Sie keine Torte?“ Ich
zuckte mit den Schultern. „Muss gleich weg.“
Beckmann blickte mich erstaunt an.
„Unser Hausmeister wird mich vertreten!“
Caroline lachte. Es klang ein wenig hämisch. Sie lehnte sich
zurück, nestelte an ihrer Bluse und begann Beckmann dafür zu
loben, dass er die Verstopfung in ihrer Badewanne so
fachgerecht und schnell beseitigt habe.
Das sei nicht der Rede wert, ließ der sich vernehmen. Das
tue er doch gern. Es müsse im Leben eben immer alles im
Fluss bleiben. Dabei schielte er der jungen Nachbarin ins
Aufgeknöpfte.
Als ich das Zimmer verließ, starrte er förmlich auf die
üppigen Wölbungen, während Caroline sich aufreizend lächelnd
mit beiden Händen durchs lange lockig blonde Haar fuhr.
Langsam ging ich die Treppen hinab, verließ das Haus und
wandte mich dem nahe gelegenen Wald zu, bog, den Kopf
gesenkt, auf einen schmalen Waldweg ein und stapfte durch
angetauten Schnee. Beinahe hätte ich ein Liebespaar
umgerannt.
Kichernd wich sie aus, während er mich anfuhr, ob ich nicht
aufpassen könnte.
„Nein.“ Erwiderte ich wahrheitsgemäß. „Entschuldigung!“
Der breitschultrige Jüngling, schlug zunächst sich mit der
flachen Hand gegen die Stirn und dann mir auf den Rücken.
„Blind, oder was?“
Als ich mich noch einmal entschuldigte, nahmen sie sich
wieder in die Arme und gingen eng umschlungen weiter.
Wie lange würde Beckmann brauchen?
Junge Frauen schätzen an älteren Männern, da sie sich dabei
Zeit lassen.
Nach drei Stunden machte ich mich auf den Rückweg.
Wenn er die Hamacher nicht wirklich befriedigen konnte, hat
er wahrscheinlich längst eine Ausrede gefunden, um sich aus
ihren Armen zu lösen.
Als ich in unsere Straße einbog, sah ich, dass oben im
Wohnzimmer noch Licht brannte.
Behutsam schloß ich die Wohnungstür auf. Beckmann saß im
Wohnzimmer auf der Couch. Allein.
„Erst hat sie sich geziert!“ Seine Stimme klang müde. „Sie
würde Männer mit Goldkettchen eigentlich albern finden,
meinte sie, und wollte, als sie ihre Erdbeertorte gegessen
hatte, sofort abhauen.“
„Ja, und dann?“
„Lud sie mich ein, sie heute Abend noch einmal zu besuchen.“
„Aber, das ist doch ein Angebot!“
Beckmann zuckte mit den Schultern und stand auf. Er müsse
noch die Tonnen für die Müllabfuhr morgen zurecht stellen.
Ich wartete hinter der Wohnzimmergardine. Er schob
tatsächlich die Tonnen auf die Straße. Danach verschwand er
im Haus, indem er wohnt.
Nach gut einer Stunde sah ich ihn, zweimal vor den Häusern
auf- und abschlendern, bis er schließlich auf unsere
Haustüre zuging. Kurz darauf hörte ich es an Carolines
Wohnungstür klingeln.
Ich lag die ganze Nacht wach. Hörte aber weder Schreie noch
Grunzen.
Heute Morgen traf ich Beckmann bei den Mülltonnen. Müde sah
er aus. Sehr müde.
Ich tätschelte ihm den Oberarm und versuchte es möglichst
anzüglich: „Junge, neue Nachbarinnen können verdammt
anstrengend sein! Oder?“
„Eigentlich nicht. Als ich sie umarmen wollte, meinte sie,
ich sei zwar größenwahnsinnig und zugleichvollkommen
fantasielos. Danach ging nichts mehr.“
Ich nickte. „Schade. Dabei hielt ich Sie eher für einen
Draufgänger.“
Beckmann griff sich ins Hemd und zog sein Goldkreuz hervor.
„Wenn Glücksbringer mit Sicherheit immer Glück bringen
würden, wärs kein Glück. Nur der Zufall ist ein echter
Glücksbringer.“
Und plötzlich roch es nach Schweiß. Beckmann sah zu Boden,
knöpfte sein Hemd zu und stieg in einer der Tonnen, um den
Müll fest zu treten.
Als er einen Moment auf mich herabblickte, fragte ich ihn,
ob wir uns morgen wieder treffen könnten?“
Beckmann trat weiter auf dem Müll herum, hielt schließlich
inne und nickte.
zugast - 01.03.2010 um 00:11 Uhr
Prima Geschichte, ein bisschen melancholisch und
stimmungsvoll.
Gut geschrieben.
zugast
1943Karl - 02.03.2010 um 11:28 Uhr
Hallo zugast,
erst einmal danke fürs Lesen. Ist ja immerhin ein recht
langer Text.
Über deine positive Kritik habe ich mich sehr gefreut.
Gruß
Karl
URL: http://www.versalia.de/forum/beitrag.php?board=v_forum&thread=4448
© 2001-2010 by Arne-Wigand Baganz //
versalia.de