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-- Politik & Gesellschaft
--- Der Mensch vor dem Supermarkt
popow - 17.03.2012 um 18:44 Uhr
Die Nachdenklichkeit – sie hockt verkümmernd im letzten
Wagen des Zeitenzuges / Von Harry Popow
Da gerinnt das Blut in den Adern: In der ZDF-Serie „Reich
und obdachlos“, in der Begüterte in der Kluft Obdachloser
für einige Tage Probleme der Armen kennenlernen sollten,
„erkannte“ eine Hamburger Galeristin empörend, ja,
Obdachlose werden mißachtet, werden als der letzte Dreck
angesehen, nicht als Menschen. Man merkte es ihr an, ihr war
nach Heulen zumute. Sie fragte aber nicht, warum das so ist.
Warum diese sich vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich?
Keiner der teilnehmenden Millionäre dachte darüber nach.
Warum eigentlich nicht?
Unglaublich: Sie sehen mit eigenen Augen das Elend, spüren
aber auch den Reststolz der am Rande der Gesellschaft
Lebenden. Machen also persönliche Erfahrungen – und doch
bleibt ihr Denken in der bloßen Anschauung stecken, im
Symptom. (Auch im Falle des Bundespräsidenten.) Warum?
Wegsehen, weil man angeblich nichts bewirken könne,
Zufriedenheit, die einen zudeckt? Wo doch täglich aufs Neue
Pleiten in der Gesellschaft passieren. Taube Ohren? Taube
Augen? Tote Seelen?
Fahre mit der S-Bahn, gehe in die U-Bahnschächte, laufe
durch die Straßen: Überall triffst du sie: Die Ärmsten der
Armen. Manchmal eine zu verkaufende Obdachlosenzeitung
unterm Arm, manchmal ein Musikinstrument spielend, oft
knieend auf dem Bürgersteig und einen Hut oder Teller vor
sich. Und diese Augen!! Sie sprechen Bände. Sie schreien
stumm: Bitte, bitte…! Und das deutschlandweit, weltweit. Im
„Schattenblick“ war per Internet zu lesen: „250 000 Menschen
gelten in Deutschland als wohnungslos - Tendenz steigend.
Jeder sechste Deutsche ist armutsgefährdet, könnte
abrutschen und - wenn es ganz schlimm kommt, auf der Straße
landen. Das Risiko zu verarmen hat längst die Mittelschicht
erreicht. So weit die Fakten. Grund genug für Journalisten,
das Thema Obdachlosigkeit aufzugreifen und darüber zu
berichten. Aber wie?“
Nun, das ZDF - und nicht nur diese Medium - hat es versucht
– und ist erbarmungslos in den Augen wohl der meisten
Zuschauer abgerutscht, weil die Serie zu flach und
oberflächlich daherkam. Ohne Tiefe, ohne ein
gesellschaftliches Resümee zu ziehen. Schade um die
Steuergelder!
Auch ich sehe oft einen, der bettelnd vor dem Eingang des
Supermarktes steht. Einen Menschen. Nahezu täglich, nun
schon Jahre, da man ihn sieht, bei Wind und Wetter. Nicht
die Hände ausgestreckt. Keinen Hut vor sich auf dem
Erdboden. Ruhig und lächelnd steht er da wie eine Statue.
Jeden höflich „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“
ansprechend. Blaue Augen, tränenlos. In unseren Taschen
finden wir etwas Kleingeld. Jedesmal. Er bedankt sich.
Wie gerne würde ich mehr über ihn erfahren. Woher er kommt,
wie er in diese entwürdigende Lage gekommen ist. Wie schwer
er es hatte. Ob er Angehörige hat. Und und und… Ist es
Mitleid? Eher Mitgefühl. Und was würde es ändern an seinem
Zustand? Könnte man etwas über ihn schreiben? Würde er das
befürworten? Und wer soll das veröffentlichen? Das ist doch
keine Sensation, die sich gut verkaufen läßt.
Da steht er also, was mir vorkommt, er stünde er auf einem
Bahnhof und dürfte und könnte nicht in einen Zug steigen,
der ihn mitnähme in ein menschenwürdiges Dasein. Und die an
ihm Vorübereilenden: Da er öfter dort steht, ist er kein
unbekannter. Sicher, einige reichen ihm Almosen. Und gehen
befriedigt weiter, etwas Gutes getan zu haben. Warum nicht?
Andere senken verschämt die Köpfe, sausen schnell vorbei an
einem für sie unfaßbaren Häuflein Unglück. Ihm ein paar Cent
geben? Ist das die Lösung? Vor Jahren fragte ich mal einen
Obdachlosen: Gibst du mir auch etwas, wenn ich arbeitslos
bin? Aber ja, antwortete er und wir lachten beide und ich
steckte ihm einen Almosen zu.
Wegschauen! Verächtlich dreinschauend! Flink vorübergehen!
Feigheit? Sich als etwas Besseres fühlend, trotz der
glitzekleinen „Erfahrungen“ wie der Frau in der ZDF-Serie?
Ist das zur Gewohnheit geworden? Hat sich Kälte eingefressen
in unser noch wohlbehütetes Dasein? Die Macht der
Selbstzufriedenheit! Wie stark muß die Mauer um einen sein,
wenn man außerhalb seines Ichs, außerhalb seiner „Geschäfte“
nichts mehr sieht, nichts mehr wahrnehmen will? Ist es nicht
an der Zeit, diese sehr schwerwiegenden inneren Widerstände
einzureißen? Schauen wir etwas genauer hin: Wer macht es
denn den Leuten schwer, mehr Kopfarbeit zu leisten?
Ist es die Gewöhnung an die nahezu täglichen Abstürze, an
die andauernden Misere? Nicht nur. Keinem kann man es
verübeln, jeder hat seine eigene Sicht. Die Wahrheit ist
auch: Aber nicht jeder sieht etwas!! Etwa dies zur Auswahl:
Arbeitslosigkeit, geheuchelte Bewerbungsschreiben, ,
wackelnde und stürzende Minister- und Präsidentensessel,
Vertuschungen, Lügen über die Geschichte, Reduzierungen auf
Unwesentliches, Lieblosigkeiten, geheuchelte Liebe,
Verdummungsprozesse per Medien, Betrug der Massen, Fluglärm
der Wirtschaftlichkeit wegen, „Reparaturkolonnen“ statt
„Demokratie“, Schönheitsoperationen, um sich besser
verkaufen zu können, Bettler, hungrige Augen, Gewalt,
Messerstecher, Autoanzünder, Mieter, die wegen steigender
Mieten hinausgeekelt werden, Mütter, die bei kriegerischen
Auslandseinsätzen ihre Söhne verlieren, Finanzpleiten, die
das ganze System der Gesellschaft ins Wanken bringen.
Menschen, die von Pleite zu Pleite torkeln und das Vertrauen
in die Politik mehr und mehr verlieren!!! Ein Sumpf, der
täglich neue Blüten produziert!
Die flunkernden Medien, die Politik - alle machen sie einen
großen Bogen um tiefere gesellschaftliche Ursachen. Nicht,
daß das Wort Profitmaximierung nicht fiele, das vor Jahren
noch stets totgeschwiegene Wort „Kapitalismus“. In allen
Tolk-Shows hört man es, hin und wieder. Und dann? Wie
weiter? Keine Lösung angedacht? Sind die Deutschen zu feige,
an der Macht zu rütteln? In der DDR ging das doch so
einfach, aber aus ganz anderen Gründen. Und nun? Keiner
glaubt doch mehr an ein Land des Aufblühens. Niemand. Eine
Alternative muß her, so unverzüglich wie möglich! Da ist
aber die Sperre im Kopf: Die wird nichts angedacht.
Komplexes Denken, dies hat Gesine Lötzsch (die Partei Die
Linke) mal in einer TV-Gesprächsrunde auf den Punkt
gebracht. Man verstand sie erst gar nicht… Wo sind wir
gelandet? Wohin fährt der Zeitenzug?
Bleiben wir beim Symbol des Bahnhofs. Der Zug fährt ein.
Alle wollen und müssen mitkommen. Die Egoisten, die
Ereiferer, die Arroganten, die Narzisten, die Herrschenden,
die Volksverdummer. Sie haben nur ein Ziel: Nichts zu
verpassen. Weder den noch existierenden Arbeitsplatz noch
den Anschluß an die Gesellschaft. Mithalten ist die Devise.
Sich verkaufen müssen. Die Furcht vor Verlusten treibt sie
voran, der Konkurrenzkampf. Ganz oben sein. Auf Biegen und
Brechen. Zurückschauen auf den zurückbleibenden Obdachlosen?
Warum? Jeder muß zusehen, dass er über die Runden kommt.
„Das Bewußtsein der Vielen fuhr immer im letzten Wagen des
Zeitenzuges“, schreibt Maximilian Scheer in seinem Buch
„Paris-New York“.
Einst kam ich mit einer „feinen“ Dame aus dem künstlerischen
Bereich über die Arbeitslosigkeit ins Gespräch. Sie schwörte
unverdrossen auf die Kultur ihres Abendlandes. Und die am
Straßenrand hockenden, die Ausgestoßenen, was ist mit denen,
fragte ich sie. „Die interessieren mich nicht“, war ihre
furchtbare arrogante Antwort. Und ein Geistlicher äußerte im
persönlichen Gespräch auf die Frage nach Kriegen und den
Leuten, die ganz unten stehen, das sei Gottes Fügung…
Wie weit muß eine Gesellschaft noch sinken, um so viel
Ignoranz den Bedürftigen gegenüber für ewig zu akzeptieren?
Welch eine Gefühlskälte spielt da mit? Sicher, nicht jedem
Außenstehenden kann man Almosen zustecken, aber haben sie
nicht mindestens unsere Achtung verdient, wie sie sich
durchs Leben durchboxen zu müssen? Und nochmals: Wohin führt
unser Zeitenzug?
Was sagt zum Beispiel der französische Philosoph Lucien
Sève in seinem Artikel „Der Mensch im Kapitalismus“ (siehe
„Das Blättchen“, 14. Jahrgang | Nummer 26 | 26. Dezember
2011) zu diesem sehr menschlichen Problem? „Wir stehen an
der tragischen Schwelle zu einer Welt, in der der Mensch
nichts mehr wert ist.(2) Das drückt sich im „Schicksal“
derer aus, die arbeitslos, obdachlos, heimatlos oder
perspektivlos sind. Aimé Césaire hat in diesem Zusammenhang
von der „Fabrikation von Wegwerfmenschen“ gesprochen. Dabei
werden diejenigen fett, die alles zu Geld machen –
unvorstellbar hohe Gehälter, goldener Handschlag – , aber es
läuft auch bei ihnen auf dasselbe hinaus: den Verfall aller
Wertmaßstäbe. Der einzige „Wert“, der sich zum Maß aller
anderen macht, ist nur noch selbstbezüglich und ohne jeden
eigenen Wert. Der Finanzsektor hört nicht auf, sich mit
virtuellen Nullen aufzublähen, die milliardenweise
verschwinden, sobald die Blase platzt. Zurück bleibt die
harte Wirklichkeit für die Produzenten des Realen. Ist diese
Auflösung der Werte weniger schlimm als das Abschmelzen der
Pole? Unsere Menschlichkeit selbst steht auf dem Spiel – ist
uns das in vollen Ausmaß bewusst?“
Der Mensch im Kapitalismus. Na schön, sagen viele
Zeitgenossen. Wir leben, und ändern können wir ohnehin
nichts. Daniil Granin stellte in seiner interessanten
Reisereportage „Garten der Steine“ u.a. fest, daß der
Kapitalismus auf der Straße recht unsichtbar ist und nicht
so leicht zu entlarven, womit er recht hat. Aber die
Bettelnden – sind sie nicht ein augenfälliges Beispiel für
die seelische und physische Armut dieser Gesellschaft, die
überdies immerfort von der Einhaltung der Menschenrecht
faselt?
Ich sehe ihn noch vor mir: Den Bettler vor der schwedischen
Kirche in Karlskrona, als wir einst für viele Jahre in
Schweden wohnten. Da steht eine Holzfigur, genannt der
„Gubben Rosenbom“. Durch den Roman „Die wunderbare Reise des
kleinen Nils Holgersson“ von Selma Lagerlöf weltberühmt
geworden, jetzt der meistfotografierte Alte in Schweden und
das Erkennungsmerkmal von Karlskrona. Was mich aber sehr
bewegte, das ist der Spruch auf einer kleinen Tafel:
„Demütig ich bitte sehr, die Stimme ist nicht gut, gib mir
ein Taler her, doch lüpf dafür den Hut.“ Wie würdevoll!
Ich hoffe, später einmal, da werden die – aus welchen
Gründen auch immer - ,rücksichtslos aus der Lebensbahn
Geworfenen ihren Bettelplatz mit einem Arbeitsplatz
vertauschen können. Dann erst zieht auch unser einstiger
Mann vor dem Supermarkt seinen Hut vor denen, die die Welt
verändert haben. (Ich sehe sie vor mir, die Kapitalanbeter,
die Nutznießer, wie sie sich kaputtlachen…)
Zunächst aber bitte Hut ab vor den Armen. Ja, sind wir denn
ganz von Sinnen, nur das Geld und dessen Allmacht zu
akzeptieren? Man sagt zurecht: die auffälligste
Fehlentwicklung unserer Zivilisation ist die Vermarktung
alles Menschlichen. Wohin führt uns also der Zeitenzug, da
heute uralte kulturelle Werte der Kälte des Kokurrenzkampfes
geopfert werden – und zwar weltweit? Und die meisten Medien
spielen da ohne Zögern mit.
Da schreibt die Moskauerin Ljubow Pribytkowa im Internet
über die Medien, die ja nach bürgerlichem Verständnis wachen
müssten über den Zustand der Gesellschaft: „Sie produzieren
gefälschte `Erinnerungen`, schreiben unbequemen Politikern
fiktive Reden zu, starten provokatorische Verhöre,
verbreiten schmutzige Anekdoten usw.… Politische Ereignisse
und gesellschaftliche Tatsachen werden gerade so
interpretiert, wie es der Bourgeoisie von Vorteil ist. Vom
kritischen oder sozialistischen Realismus in der Kunst, von
der Wahrhaftigkeit der politischen Propaganda können wir
jetzt nur träumen. Rundfunk und Fernsehen überfluten in
breiten Strömen die Welt mit Lüge, Irreführung und
Verleumdung. Da werden Tatsachen unterstellt, Begriffe
verzerrt, falsche Videos produziert. Die Demagogie wurde zu
einem Hauptinstrument der Bearbeitung des Bewußtseins der
Massen. Nur mit Mühe kann man im Internet ein Programm mit
objektiven Interpretationen über die Ereignisse in der Welt
finden.“
Der Zeitenzug! Er rast wohin? Eines steht fest: Die
Oberflächlichkeit, die menschliche Kälte, die Diktatoren des
Geldes – sie fahren in den vordersten Waggons. Die
Nachdenklichkeit, das Bewußtsein vom schlimmen Zustand
unserer Welt, sie werden auf den letzten Waggon verbannt. Da
sollte man doch schnellstens die Lokomotivführer wechseln
und ihnen die Weichen stellen zur Fahrt in eine
humanistischere Welt. Nicht die Ausgestoßenen, die auf dem
Bahnsteig zurückbleibenden, sind die Ärmsten, nicht sie…
Vielmehr hochgradig jene, die mit politischer Blindheit
Geschlagenen, die Finanzkraken dieser Welt, die
personifizierte Gier – noch sitzen sie bequem in der ersten
Klasse, verteufeln jegliche Alternativen und träumen vom
„Kohlemachen“, vom nächsten Extraprofit, die Welt in den
Abgrund schleudernd… Und ahnen nicht einmal, wie gefährlich,
wie verbrecherisch und überflüssig sie in einer nur
finanzbeherrschten globalisierten Welt geworden sind…
"Die Unwissenheit läßt die Völker nicht nur in
Schlaffheit versinken, sondern erstickt in ihnen selbst das
Gefühl der Menschlichkeit."
(Helvétius)
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