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Kenon - 20.12.2015 um 16:16 Uhr

Irina Scherbakowa, Karl Schlögel - Der Russland-Reflex: Einsichten in eine Beziehungskrise (2015)

Mit der Annexion der Krim und der gewaltsamen Besetzung der östlichen Ostukraine durch russische Truppen ist auch im freien Europa die hoffnungsvolle post-sowjetische Epoche zu Ende gegangen. Grenzen werden verschoben, es wird wieder gemordet, russisch-nationalistische Hasspropaganda verblendet Menschen in und außerhalb von Russland, die Dämonen der Vergangenheit sind zurück. Plötzlich scheint selbst ein finaler Weltkrieg nah, weil die Spirale der Aggression uns mit immer neuen unschönen Ereignissen überwältigt. Da werden auch Historiker wie Irina Scherbakowa und Karl Schlögel, die sich in dem kurzen Buch "Der Russland-Reflex: Einsichten in eine Beziehungskrise" in einem Gespräch über die deutsch-russischen Beziehungen austauschen, aus ihrem Alltagsgeschäft gerissen, müssen ihren Blick auf die Gegenwart werfen und nicht wie gewohnt auf die Vergangenheit. Dabei kommt viel erhellendes zu Tage. Diese beiden bewahren sich die Klarheit ihrer Perspektive im Angesicht der mensch-gemachten Tragödie, die sich vor unseren Augen abspielt.

Im folgenden eine Auswahl an Zitaten, es lohnt durchaus, das ganze Buch zu lesen.

Die Ukrainekrise als Russlandkrise:

Zitat:

Ich hingegen bin überzeugt, dass hinter dieser sogenannten Ukrainekrise eher eine russische Krise steckt und dass wir das ganze Reden über die Ukraine verlagern und anfangen müssen, über Russland zu reden. Für mich ist das deutsch-russische Verhältnis, wie wir es bisher kennen, in gewisser Weise zu Ende. Wir müssen im Prinzip ganz neu anfangen.

Über den Schaden, den der Machtmensch Schröder angerichtet hat:

Zitat:

Vielen Menschen [in Russland] ist der Zynismus bewusst, mit dem Schröder die lupenreine Demokratie in Russland unter Putin pries. Das hat das Gefühl hinterlassen oder gar bestätigt: Auch Europa ist käuflich.

Der Anti-Amerikaner als Putin-Fanboy:

Zitat:

Der Putin-Diskurs in Deutschland sagt vor allem etwas aus über unser Verhältnis zu Amerika, über einen tief verwurzelten Antiamerikanismus. Auch darüber, wie wir es mit Europa halten. Es gibt hier ja die tollsten Allianzen – von ganz rechts bis ganz links, Vertreter der Linken, die sich im Donbass mit Terroristen fotografieren lassen, und Abgeordnete der Rechtsradikalen und des französischen Front National, die gemeinsam mit der Linken Putin applaudieren.

Über die schrecklich wenig Informierten, welche die Ukraine nicht einmal aus eigener Anschauung kennen, aber den Diskurs mitbestimmen wollen:

Zitat:

Ich halte es für notwendig, dass Leute, denen daran gelegen ist, verstehen, was vor sich geht, wenigstens einmal in die Ukraine fahren und sich umsehen. Ich finde es skandalös, dass Leute über die Ukraine reden, ohne je oder auch in letzter Zeit dort gewesen zu sein. Wer würde sich als Frankreich-Experte befragen lassen, ohne dass er die Sprache des Landes versteht oder ohne dort gewesen zu sein?

Über das sich erst formende Ukraine-Bild der Deutschen:

Zitat:

In Deutschland gab es bis vor Kurzem kein Bewusstsein davon, dass die Ukraine überhaupt existiert. Wenn es ein bleibendes Ergebnis der Ereignisse des Jahres 2014 gibt, dann ist es das Wissen, das Fuß gefasst hat, dass es einen Staat, eine Nation namens Ukraine gibt, die nicht eine Provinz Russlands ist.

Über das Versagen Europas:

Zitat:

Und nun, in der Krise um die Krim, im Donbass, auch da hat Europa versagt. Ich weiß keinen Rat, wie man jenseits von Minsk II, das ganz offensichtlich nicht funktioniert, nicht funktionieren kann, agieren soll. Ich weiß nur, dass derjenige verloren ist, der die Augen davor verschließt, dass es einen Akteur gibt, der nicht daran denkt, die Abmachungen einzuhalten, und der ein Interesse an der Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Ukraine hat.




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