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-- Lektüregespräche
--- März 2017

Kenon - 12.03.2017 um 23:43 Uhr

Joseph Roth - Hiob. Roman eines einfachen Mannes

Zitat:

Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. Er übte den schlichten Beruf eines Lehrers aus. In seinem Haus, das nur aus einer geräumigen Küche bestand, vermittelte er Kindern die Kenntnis der Bibel. Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne aufsehnerregenden Erfolg. Hunderttausende vor ihm hatten wie er gelebt und unterrichtet.




Itzikuo_Peng - 14.03.2017 um 12:47 Uhr

Auf die Originalfrage zu den Lektüregesprächen rekurrierend (Was wie warum lesen Sie diesen Monat? [...eine geradezu geniale Herausforderung/Antwortrauskitzelung]):

Ich lese neben besagter Prosa siehe Februar und Frühlingsendorphinlyrik à la Im-Angehör-der-Drossel-könnt-mir-doch-grad-mein-Heinrich-s cheibchenweise-in-die-Wiese-fallen-zwischen-die-Krokusse gerade Bastian Sick - Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod - Folge 6.

Ich selbst plädiere für den Fortbestand des Genitivs (nicht etwa: für den Fortbestand von dem Genitiv, und schon gar nicht des Genitiv´s - lol), ja, interessiert nur niemand und Sprache geht die Richtung, die sie geht jenseits der Akademien und des Willens vieler - oder sollte ich sagen: dem Willen? Interessant, wie sich medial tatsächlich genau dies einschleicht. Habe mal drauf geachtet. Immer mehr von dem Minister statt des Ministers, von der Mutter statt der Mutter usw.

Natürlich kann man ugs. unterwegs sein mit Das Auto von dem Hans seiner Mutter tut immer tuten ... Vermutlich ist es schlichtweg Wehmut, sentimentale Old School, die einen bewegt, ein Anhänger des Genitivs zu sein, ähnlich wie bei der Thematik Schreibschrift, die ja allen Ernstes in Schulen zum Vorteil des Schnell-Tippen-Lernens abgeschafft werden soll. Tintenduft ... Schreibschrift ... Genitiv ... Schnee von dem Gestern ...

Ei, Digga, nun tu doch nicht gleich heulen nach den Schlägen von der Sprache auf dein Empfinden. Die Sonne von unserm Universum tut auch morgen für dich scheinen, und Bruder (Schwester), wenn du nachher Zeit hast, dann kommstu an mein Tisch und wir trinken einen und gedenken von den Erinnerungen. Oder so.

Danke jedenfalls Bastian Sick für die Genitiv-Bücher. Schade nur, dass die Hexalogie, ich würde in Klammern setzen Sexologie @ Sprache, somit abgeschlossen ist.

Ach so, ja, und das wie aus dem Eingangssatz: Ich lese langsam im Sitzen am Schreibtisch in einem Papierbuch. Ich lese nicht schnell auf einem Tablet in der Badewanne liegend.




Itzikuo_Peng - 14.03.2017 um 12:48 Uhr

Der Space in scheibchenweise ist systembedingt ... das war ich nicht ...



mathfan - 16.03.2017 um 22:37 Uhr

Ich lese zurzeit "Das Parfum" von Patrick Süskind, schulisch bedingt. Obwohl die Handlung des Buches teilweise sehr speziell ist, finde ich das Einbinden einer/mehrerer Botschaft(en) doch sehr gelungen.

Nun bin ich mir jedoch nicht mit vielen anderen einig, was die Interpretation des Endes des Buches angeht. Bei der Hinrichtung hat der Protagonist einige Erkenntnisse, die ihm vor Augen führen, wie unzufrieden er doch ist.

Dies soll keinesfalls eine aus Faulheit gestellte Frage aufgrund meines Nichtverstehens des Romans sein. Jedoch lässt mir die Unstimmigkeit zwischen den verschiedenen Interpretationen keine Ruhe und ich hoffe, hier auf diskussionsfreudige Literaturfreunde zu treffen :D

Also: Wir haben darüber geredet, was den Protagonisten dazu bewegt, unzufrieden zu sein, als er das perfekte Parfum schließlich getestet hat. Nun waren sich viele einig, er merke, dass die Menschen ihn nicht um seiner Person willen, sondern wegen des Parfums lieben - auch die Lehrerin war begeistert von dieser Aussage. Ich bin jedoch der Meinung, dass ihm die ganze Zeit über klar ist, dass er nur wegen des Parfums geliebt werden wird, sobald er es besitzt. Das Einzige, was ihn stört, als er das Parfum vollendet hat, ist, dass er selbst sich nicht von dem Duft täuschen lässt. Er weiß, dass er noch immer keinen Eigengeruch hat. Deshalb kann er sich selbst nicht lieben, er kennt sich nicht. Die Menschen mochte er noch nie (Plomb du Cantal), er hasst die anderen Menschen nach wie vor. Dadurch merkt der Protagonist, dass er auch mit dem Duft keinen Sinn im Leben sieht, da ihm dieser nichts bringt. Er ist zwar geliebt (egal, aus welchem Grund), er ist mächtig, doch er hasst die Menschen und hat sich selbst noch immer nicht recht gefunden - ohne Geruch. Er will dann nur noch den Menschen mitteilen, wie sehr er sie schon immer gehasst hat, aber auch das geht nicht - durch den Duft.
ihn stört also nicht, dass die Menschen ihn nicht um seiner Person willen lieben, sondern er merkt in diesem Moment lediglich, dass er nicht geliebt werden will, da er selbst es nie können wird. Er merkt, dass das Parfum ihn nicht zu einem (besseren) Menschen gemacht hat, er merkt, dass er selbst sich genauso hasst, wie die anderen Menschen. Es hat für den Protagonisten keinen Sinn mehr, von Menschen geliebt zu werden, die er nicht lieben kann.

Zusammengefasst:
Der Protagonist hat nie das Ziel, als Person geliebt zu werden (er sieht sich selbst als "durch und durch böse"). Ihm ist klar, dass er nur durch ein Parfum geliebt werden kann. Doch was ihm am Tag seiner Hinrichtung auffällt, ist, dass er nicht - ob als Person, oder wegen eines Dufts- geliebt werden möchte, da er es nicht können wird. Klar, im Prinzip ist mit diesem von mir implizierten stetigen Wunsch nach der Veränderung seines eigenen Wesens auch eine Veränderung der Wirkung auf andere Menschen verbunden, jedoch scheint mir die Aussage, der Protagonist wolle um seiner Person willen geliebt werden, nicht sinnvoll. Denn ihm ist wie gesagt während der gesamten Handlung klar, dass er "böse" ist und die Menschen hasst. Während der Hinrichtung merkt er schlichtweg, dass ihn dieses Geliebtwerden nicht glücklich machen kann, da er das Schlechte in sich und den Menschen sieht und da er mit sich selbst nie ins Reine kommen wird. Andere Meinungen? :3




Kenon - 22.03.2017 um 00:10 Uhr

Ievgeniia Gubkina - Slavutych. Architectural Guide.

Slavutych - die letzte Planstadt der Sowjetunion. Ein Sozgorod, ein Atomograd. 120km von der ukrainischen Hauptstadt Kyiv und 50km von Chornobyl entfernt, nach der Reaktorkatastrophe als Ersatz für Prypyat gebaut. In zwei Monaten geplant, in zwei Jahren fertiggestellt. Ein scheussliches Artefakt einer scheusslichen Zeit, ein bewohntes Museum - Vergangenheit, mit der man leben muss, knapp 30 Jahre jung.




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