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--- Eça de Queiroz lesen

ArnoAbendschoen - 25.06.2017 um 12:55 Uhr

Liegt’s am Namen, den richtig auszusprechen man erst lernen muss? Oder daran, dass Portugal ein kleines Land am Rand Europas ist? Eça de Queiroz (1845 – 1900), einer der produktivsten Romanciers von Rang des späten 19. Jahrhunderts, ist im deutschen Sprachraum eine kaum bekannte Größe. „Die Maias“, sein Hauptwerk, erschienen 1888, kam erst 1983 in deutscher Übersetzung heraus und blieb ein Geheimtipp. Der gut 800 Seiten dicke Roman trägt den Untertitel: „Episoden aus dem romantischen Leben“. Damit sind Eça de Queiroz’ Hauptvorbilder und die Spannung zwischen diesen Polen angedeutet: Balzac – Flaubert - Zola. Die Handlung ist im Aufbau phantastisch verwickelt wie bei Balzac, der Stil dagegen beherrscht und ausgefeilt wie bei Flaubert. Dazu tritt ausgeprägtes Interesse fürs Soziologische wie bei Zola.

Diese „Maias“ sind eine alte Adelsfamilie und analog zu Thomas Manns „Buddenbrooks“ könnte der Untertitel gleichfalls lauten: Verfall einer Familie. Die Modernität des gut eine Generation älteren Portugiesen erweist sich daran, dass der Hauptstrang der Erzählung eine Inzestgeschichte ist – Thomas Mann dagegen hat das Thema nur in der Novelle „Wälsungenblut“ behandelt und lange mit der Veröffentlichung gezögert. Carlos und seine Schwester Maria Eduarda sind die letzten Maias. Getrennt aufgewachsen erkennen sie sich nicht als Geschwister und gehen eine leidenschaftliche Beziehung ein. Sie wird abgebrochen, als die Verwandtschaft offenbar wird. Carlos, der Held des überwiegend im personalen Erzählstil dargebotenen Stoffes, zieht am Romanende im Gespräch mit seinem langjährigen Freund Ega eine resignative Lebensbilanz, ganz ähnlich wie Frédéric Moreau und Deslauriers in Flauberts „L’Éducation sentimentale“. Ohne Zweifel sind „Die Maias“ vor allem ein Desillusionsroman.

Eingebettet ist dieses Drama in ein breit angelegtes, leicht satirisches Zeitpanorama mit einer Fülle von Personen, Umständen und Abläufen. Der Leser von heute muss sich erst an dieses Oberschicht-Portugal von 1875 gewöhnen. Adel und Großbürgertum von damals, ihre Lebensumstände und Interessen, all das ist längst untergegangen. Man kann es wahrnehmen wie die auf Papier aufbewahrten Relikte einer entschwundenen Zeit, aus einem Land, das damals schon äußerste Peripherie war und dominiert in Politik, Wirtschaft und Kultur von den Entwicklungen und Entscheidungen in England und Frankreich. Zeitweise mag der Leser den Eindruck gewinnen, es ginge den zahlreichen Müßiggängern und –gängerinnen fast nur ums Ausspannen und Fremdgehen. Die politischen Zustände sind heillos korrupt. Das allgemeine Klima ist zugleich von Langeweile wie von Gier nach Lebensgenuss geprägt. Literatur und literarisches Schaffen, Sammeln von Kunst erscheinen wie Ersatzbefriedigungen. Wer sich beim Lesen hin und wieder gelangweilt oder abgestoßen fühlen sollte, dem sei geraten, die allgemein-menschlichen Züge der Figuren jenseits des Zeitbedingten zu studieren. Dieser Roman weist sie ebenso klar auf wie die Stücke Shakespeares oder ein antikes griechisches Drama. Wie verhält sich Carlos, als er die wahre Herkunft seiner Geliebten erfährt? Wann verschweigt Maria Eduarda wesentliche Fakten? Auf welche Weise bricht Carlos’ Großvater zusammen, als er von den Irrwegen seiner einzigen Enkel erfährt?

Und dann mag man sich über die künstlerischen Mittel klar werden, die Eça de Queiroz geschickt verwendet, den Wechsel der Erzähltempi, das Herausarbeiten von Höhepunkten, die Bedeutung von Gesprächen, Diskussionen Handlungsorten. So kann man sich auch dem letzten, posthum 1900 veröffentlichten Roman „Das berühmte Haus Ramires“ nähern. Darin wird das Schreiben selbst thematisiert, die damit verbundenen Sehnsüchte, Befriedigungen und Enttäuschungen, die Wechselwirkungen mit dem laufenden realen Leben eines Autors. Eça de Queiroz dürfte dem schreibend dilettierenden kleinen Landadligen, der sich später in die große Welt aufmacht und mit seiner kleinen bricht, Züge von sich selbst gegeben haben, wie auch schon dem Ega in den „Maias“, und zwar jeweils im Sinne eines Sehnsuchtsbildes wie auch zugleich Abwehrzaubers. Er, der der bedeutendste Romancier Portugals im 19. Jahrhundert werden sollte, war von Anfang „in“ und „out“. Als nichtehelicher Adelsspross konnte er nicht in der väterlichen Familie aufwachsen, lernte dennoch die Verhältnisse der Schicht, der er entstammte, sozusagen aus naher Distanz kennen. Den Hauptteil seines Erwachsenenlebens verbrachte er dann im diplomatischen Dienst im Ausland, in Kuba, England und in Paris. Seine zahlreichen Romane und Erzählungen sind fast immer in Portugal angesiedelt. Aus all dem resultiert eine unaufgelöste Spannung, die sich dem Leser bis heute mitteilen kann.




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