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-- Aesthetik
--- André Téchiné und die Kunst des Selbstzitats

ArnoAbendschoen - 28.10.2017 um 18:02 Uhr

2018 wird der Filmemacher André Téchiné fünfundsiebzig. Sein vorerst letzter in einer langen Reihe von Spielfilmen ist „Mit siebzehn“ („Quand on a 17 ans“), 2016 entstanden. Er nimmt Themen und Motive aus seinem 1994 herausgekommenen Streifen „Wilde Herzen“ („Les roseaux sauvages“) wieder auf. Beide erzählen Coming-of-age-Geschichten vor einem zeitgeschichtlichen Hintergrund, auf beide reagierte die Kritik enthusiastisch. Reizvoll dürfte es sein, die zwei Filme zu vergleichen, Gemeinsamkeiten wie Unterschiede festzustellen.

Der ältere Film spielt in der altertümlichen Kleinstadt Villeneuve-sur-Lot, halbwegs zwischen Bordeaux und Toulouse gelegen. Aus diesem weiten Landschaftsraum hat sich das spätere Werk in ein enges Pyrenäental zurückgezogen. Bagnères-de-Luchon ist ein altes Heilbad kurz vor der spanischen Grenze. Gelegentlich verlagert sich die Handlung auf die umgebenden Höhen und einen Bergbauernhof. Der Name des Badeortes fällt im Film nicht, er kann nur aus dem Abspanntext entnommen werden. Dagegen zeigt die Kamera den Namen Villeneuve-sur-Lot auf einem damaligen Plakat der Kommunistischen Partei.

1994 wird ein Stoff aus dem Jahr 1962 präsentiert. Hintergrund sind die Endphase des Algerienkrieges und seine Auswirkungen auf den Alltag im Mutterland. Die historisch-politischen Ereignisse sind eng mit der laufenden Handlung verbunden. Dagegen spielt „Mit siebzehn“ in der Gegenwart. Es gibt nur einen aktuellen, dafür tief in die Handlung eingreifenden Bezug: die Aktivität des französischen Militärs in einem afrikanischen Staat, vermutlich Mali. Die gegenwärtige Krise Frankreichs – ökonomisch, politisch, sozial – wird total ausgeblendet - kein Wort über Terror, den Front National oder Jugendarbeitslosigkeit. Nur die Strukturveränderungen in der Landwirtschaft werden am Rande kurz gestreift.

Obwohl „Wilde Herzen“ mit 109 Minuten etwas kürzer ist als „Mit siebzehn“ (116 Minuten), werden 1962 mehr Schicksale erzählt. Es gibt vier nach Orientierung suchende Hauptpersonen – die kurz vor dem Abitur stehenden Schüler François, Serge und Henri sowie die eine Parallelklasse besuchende Schülerin Maïté – und zwei Hauptnebenfiguren, eine Lehrerin und einen Lehrer. 2016 konzentriert sich die Handlung fast vollständig auf zwei Siebzehnjährige, die sich häufig prügeln und dem Anschein nach einander hassen: Thomas, Adoptivsohn halbafrikanischer Herkunft auf dem Bergbauernhof, und Damien, Sohn einer Ärztin, die ihrerseits alle Nebenfiguren weit überragt.

Der jüngere Film knüpft vielfach an Situationen an, die schon im älteren markant waren. Dabei kommt es zu aufschlussreichen Bedeutungsverschiebungen. So hören wir 1962 wie 2016 ein Lehrerlob vor der Klasse. Serge wird grundlos für einen Aufsatz gelobt und sein Betrug sogleich von der Lehrerin entdeckt. Dagegen lobt später der Lehrer zu Recht Thomas - und zu allgemeiner Freude. Hier deutet sich bereits die Tendenz des Spätwerks an, hin zum konstruktiv Aufbauenden anstelle eines Panoramas verwirrter Gefühle. Beide Filme schließen mit einem Gang durch die freie Natur, wie ein Hymnus an die Jugend. Doch der Abgang des Trios François, Maïté und Serge über eine Brücke enthält keine gemeinsame Zukunft. Was zwischen ihnen sein kann, ist schon zu Ende entwickelt. Thomas dagegen rennt über die Berge einem Treffen mit Damien entgegen, den er erst jetzt vorbehaltlos lieben wird. Identisch sind dagegen die Reaktionen von Maïté und der Ärztin, als François bzw. Damien ihre gleichgeschlechtliche Präferenz offenbaren. Beide Frauen äußern überrascht fast wortgleich, dazu könnten sie nichts sagen. In beiden Filmen fällt je ein Mann in einem irregulären Krieg: Serges Bruder in Algerien, Damiens Vater in Mali. Daraufhin erkrankt jeweils eine weibliche Figur an reaktiver Depression. Allerdings kommt Damiens Mutter besser über diese Krise hinweg als die Lehrerin des toten Bruders, wiederum ein Indiz dafür, dass Vitalität eher im Spätwerk gefeiert wird. Das militärische Zeremoniell für einen gefallenen Soldaten findet sich in beiden Filmen und ist im jüngeren noch plastischer geraten. Unter den weiteren Selbstzitaten gibt es jeweils die Vorliebe Serges wie Thomas’ für Baden unter freiem Himmel bei niedriger Wassertemperatur. Die entsprechende Szene ist 2016 viel freizügiger als die 1994 gedrehte. Dasselbe gilt für den jeweils einzigen sexuellen Akt im Film: 1962 unter der Bettdecke, 2016 unverhüllt natürlich. Damien und vor ihm François suchen den Geliebten im väterlichen Bauernhaus auf, wo es nur zu frustranem Kaffeetrinken en famille kommt. Für François folgt unmittelbar danach die Illusion einer weiteren Annäherung, Damien kehrt enttäuscht ins Tal zurück, bezogen auf die Handlung ein Fall von retardierendem Moment vor späterer Erfüllung.

Diese Zitate wie die analogen Themen und Motive erzeugen einen größeren Werkzusammenhang. Es sind in beiden Fällen lange Filmerzählungen mit einer Vielzahl kurzer Sequenzen, in denen die Figuren lebensecht allmählich entwickelt werden. Darüber sollte nicht übersehen werden, was die zwei Filme unterscheidet und was für einen künstlerischen Reifeprozess, für die ästhetische Überlegenheit des Spätwerks spricht. Allein schon die Rolle der Landschaft hat sich stark gewandelt. War sie 1994 nur Beiwerk, vor allem am Schluss vorkommend, so ist sie 2016 zusammen mit dem Wetter durchgehend eingebaut, schafft Atmosphäre, bietet eine Bühne. Auffallend ist ferner, wie die frühere Bedeutung der Lehrer für die Entwicklung der jungen Menschen sich minimiert hat. Gesellschaftliche Prägung wie Konflikte haben im Zentrum des Films Platz gemacht für juvenile Individualität. Das personifizierte Böse fehlt im jüngeren Film vollständig, im älteren war es zumindest in Henri z.T. noch verkörpert, etwa wenn er als Reaktion auf die Verurteilung Salans Brände legen will. Überspitzt formuliert: Politik scheint 2016 ersetzt durch Fatum. Und wie ironische Relativierung wirkt es wiederum, dass die aktuellen Vokabeln Auswanderung und Exil doch im Schulunterricht fallen, nicht auf Französisch - im Spanischunterricht.

„Mit siebzehn“ ist eine vorzügliche filmische Studie über unwillkürliche Abläufe, in denen jugendlicher Hass sich als maskiertes Begehren herausstellt. Kritiken und Kommentare haben schon bei „Wilde Herzen“ einen möglichen autobiographischen Hintergrund erörtert. 1962 war Téchiné neunzehn und er kommt aus der größeren Region, in der beide Filme angesiedelt sind. Trifft diese Zuschreibung zu, dann stellt der spätere Film vielleicht eine Utopie in der Vergangenheit dar, ästhetisch perfekt realisiert.




ArnoAbendschoen - 08.11.2017 um 22:00 Uhr

Kleine Selbstkorrektur: "Mit siebzehn" ist inzwischen schon der vorerst VORletzte Streifen des Meisters geworden. Téchiné hat auf dem diesjährigen Festival von Cannes seinen neuesten Film "Nos années folles" präsentiert.



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