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--- Adalbert Stifter - Der Waldgänger

ArnoAbendschoen - 27.11.2017 um 23:47 Uhr

„Der Waldgänger“, 1846 geschrieben, ist eine von Stifters längeren und bedeutenderen Erzählungen. Sie behandelt relativ zeitlose Themen: Kinder und ihre Erziehung, was Ehe ausmachen kann, am Rande auch die Stellung der Frau. Die zentralen Inhalte sind allerdings Kinderlosigkeit und Alterseinsamkeit. Literaturgeschichtlich bemerkenswert ist, wie hier ein katholischer österreichischer Autor der Biedermeierzeit seine beiden Hauptfiguren einem norddeutsch-protestantischen Milieu entnimmt und sie im Verlauf ihres Schicksals ins südliche Deutschland verpflanzt. Dort verwurzeln Georg und Corona nicht wirklich, sie bleiben losgelöst Vagabundierende. Ihr Schicksal soll illustrieren, dass eheliche Harmonie noch über der Erfüllung des Kinderwunschs steht. Stifters Ehe selbst blieb kinderlos, er hat diese Thematik hier mitverarbeitet.

Der Gehalt des Textes mutet nicht spektakulär an. Warum also in Zeiten moderner Reproduktionsmedizin noch zu dieser Erzählung greifen? Zunächst vor allem aufgrund formaler Kriterien. Der Aufbau der Handlung hat sein Kühnes. In mehrfach verschachtelten Rückblicken führt der Autor die Geschichte des Waldgängers wie in einem Spiegelkabinett dem Leser vor Augen. Als Einstieg wählt er autobiographisch seinen eigenen Aufbruch aus dem heimatlichen Böhmerwald nach Wien. Der Leser wandert mit ihm von der Gebirgshöhe (der „Scheidelinie“) in die zur Donau sich neigenden Gegenden hinab. Hier wird die Landschaft nicht nur symbolisch überhöht eingesetzt, sie wird in der Beschreibung selbst gleichwertiger Akteur. Insgeheim synchronisiert sich der Erzähler bereits mit dem Waldgänger, von dem noch gar nicht die Rede ist. Er zieht für sich schon nach wenigen Seiten ein Fazit, das später erst recht dasjenige der Titelfigur sein kann. Das ist eine der schönsten Stellen bei Stifter überhaupt, ein Satz wie eine Sinfonie, mit Eingangsthemen, Durchführung und Schlussakkord:

„Jedes Ungeheure und Außerordentliche, welches sich in der Zukunft des Wanderers vorgespiegelt hatte, war nicht eingetreten, jedes Gewöhnliche, was er von seiner Seele und seinem Leben fernhalten wollte, war gekommen … (hier weggelassen eine lange und für Stifter typische Parenthese) – was er sonst anstrebte, erreichte er nicht, oder er erreichte es anders, als er gewollt hatte, oder er wollte es nicht mehr erreichen; denn die Dinge kehrten sich um, und was sich als groß gezeigt hatte, stand als Kleines am Wege, und das Unbeachtete schwoll an und entdeckte sich als Schwerpunkt der Dinge, um den sie sich bewegen.“

Ähnlich ergeht es dem Waldgänger Georg, von dem wir anschließend lesen. Er tritt zuerst als alter Mann im Böhmerwald auf, sammelt Objekte aus der Natur, unterrichtet einen Knaben einfacher Herkunft. Als der Junge groß genug ist, um allein in die Welt zu ziehen, verschwindet auch der Waldgänger aus der Gegend. Aufgerollt wird nun als Hauptteil der Erzählung seine Vorgeschichte, die Geschichte einer an sich glücklichen, doch kinderlosen Ehe, die daher nach Überzeugung der Frau geschieden werden soll. (Und davor erfahren wir noch die Herkünfte der beiden, also zwei Familiengeschichten einschließlich der Berufs- und Vermögensverhältnisse.) Die vereinbarte Scheidung bezweckt neue Partnerschaften mit Nachkommen, doch nur Georg hat dann Kinder, zwei Söhne, die sich ihm später entfremden werden. Mit ihnen wieder einmal auf der Suche nach einem neuen Wohnort umherziehend begegnet er zufällig und doch nach innerer Gesetzmäßigkeit der gealterten Corona, die ihn, den sehr geliebten Mann, nicht wirklich ersetzen konnte oder wollte. Sie wechseln nur wenige Sätze und trennen sich dann für immer. Stifter lässt am Ende die zwei Gestalten als sehr alte Vereinsamte entschwinden und sagt dem Leser abschließend, was sie falsch gemacht haben.

Reden wir noch über den Stil. Ja, die Parenthesen und die sonstigen Verschachtelungen der Sätze bei Stifter … Ein gutes Beispiel hier handelt von einer alten Gräfin, die bauen lassen will:

„Dies veranlasste die alte Frau, welche längst schon einen Umbau der sommerlichen Gebäude, die von dem Schlosse einige Flintenschüsse entfernt in dem Garten lagen, eigentlich ein Gartenhaus vorstellten, aber durch die verschiedenen Zubauten der vielen vorhergehenden Geschlechter eine Sammlung von Gartenhäusern geworden waren und daher unzusammengehörig und ungestaltet dastanden, im Plane gehabt hatte, die Sache nun wirklich ins Werk zu stellen und den jungen Mann dazu zu gewinnen.“

Mark Twain hat sich über solche Satzkonstruktionen in seinem Text „Die schreckliche deutsche Sprache“ zu Recht lustig gemacht. Wenn es auch kein guter Stil ist – man kann solche Sätze als Seltsamkeiten betrachten oder als Denksportaufgaben. Viel gelungener sind dagegen Stifters Doppelpunktsätze, so nenne ich sie, da in ihnen nach langer Reihung von Beobachtungen jeweils hinter einem Doppelpunkt die Quantität in eine neue Qualität umschlägt. Das hat etwas vom Fluten einer Schleusenkammer: Steht das Wasser hoch genug, nimmt das Schiff der Erzählung seine Fahrt wieder auf. Ein schönes Beispiel dafür aus „Der Waldgänger“:

„Wie die Lerchen auf den Feldern sangen, der Finke in den Wäldern, die Schwalben pfeilrecht schossen und an den Häuschen Nester bauten, wie an den rieselnden Gräben der dichtgelbe Saum der Butterblume wuchs, und draußen auf den Feldern der blaugrüne immer höher sprossende Samt der Getreide wehte: gingen sie freudig nach allen Richtungen herum, und jeder Tag brachte blaueren Himmel, weißere Wolken und größere über die Waldwände hereingehende Hitze.“

Stifters Stil kennt außer überlangen Perioden auch kurze, prägnante Sätze, deren wenige Wörter komprimiert eine komplexe Psychologie enthalten. So heißt es z.B. von Georg und Corona, bevor sie heiraten: „Die verödete Größe, die in ihrem Wesen lag, lockte ihn an.“

Insgesamt weist „Der Waldgänger“ sowohl biedermeierliche wie zeitlose Bezüge auf. Er handelt von Entsagung und Hinnahme in einer betont bürgerlichen Welt. Zugleich kann man in ihm eine Vorstudie zu Stifters großem Roman, seinem Hauptwerk, sehen. An die Stelle von Georg und Corona treten später Risach und Mathilde, und ihnen ist ein „Nachsommer“ vergönnt. Aus dem Erzähler vom Anfang des „Waldgängers“, von dem sehr reserviert nur in der dritten Person Singular gesprochen wurde, wird nun die Hauptperson, der junge Heinrich. Er wird Naturforscher wie Georg und er wird mit Nathalie erreichen, was Georg versagt blieb: eine harmonische, auf Dauer angelegte Familie. Je prekärer Stifters persönliche Lage wurde, umso idealer seine Gestalten und ihre Verhältnisse, umso beruhigter auch die Sprache, ein Leben und Werk umfassender, sich lang hinziehender Prozess - dem erst der Schnitt mit dem Rasiermesser in die Halsschlagader ein Ende setzte.




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