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Kenon - 11.01.2018 um 21:31 Uhr

Diese Nachricht wurde von Kenon um 18:37:46 am 12.01.2018 editiert

Fangen wir mit einer Banalität an: Es gibt immer verschiedene Sichtweisen, mit denen man etwas betrachten kann, z.B. den Lindenhof, “Berlins schönste Kinderklinik”, wie sie der Berliner Kurier einmal nannte, garniert mit einem Bild mit dem unglaublichen Untertitel: “Lindenhof-Bilder aus DDR-Zeiten: Das glückliche Kinderlächeln zeigt, wie wohl sich die Knirpse dort fühlten”. So schön ein Krankenhaus auch sein mag: Welches Kind fühlt sich darin wohl - und dann noch in der DDR? Ich fand Krankenhäuser als Kind immer schrecklich (vielleicht war der Lindenhof etwas schöner als andere Krankenhäuser, ich weiß es nicht, weil ich nie dort war).
Vor bald zwei Jahren entdeckte ich den Lindenhof auf einem Spaziergang und war erstaunt, unerwartet auf ein solches historisches Relikt gestoßen zu sein. Diese Art Eingangshäuschen hatte ich schon so oft gesehen. Ich erkannte auch, dass ihm nicht mehr viel Zeit bliebe. Die Baustelle, die es bedrohte, war bereits gut zu erkennen. Ich entschloss mich, das Häuschen mit meiner neuen alten Analogkamera, einer Minolta XD-7, zu fotografieren, die ich zum Probieren mit mir führte. Beim Scharfstellen bemerkte ich einen alten Rentner, der das typische gemeine und verbitterte Gesicht eines DDR-Rentners trug. Sicherlich hatte er dem alten Staat gedient. Man sieht es diesen Leuten immer gleich an. Missbilligend schätzte er mich ab; ich drückte den Auslöser. Kurz darauf setzte ein fürchterlicher Regen ein, ich musste den Spaziergang abbrechen.
Letztes Wochenende kam ich wieder am Lindenhof vorbei: Die Bauarbeiten waren weit fortgeschritten, man rechnet mit den ersten Bezügen im Herbst 2018. Ich erinnerte mich an das Eingangshäuschen. Es war verschwunden. Ich hatte es ja damals fotografiert - allerdings stellte sich heraus, dass der Spiegel der Kamera falsch justiert war. Alle Aufnahmen des Films, die ich nicht bewusst auf “unendlich” machte, waren verschwommen, auch das Häuschen. Das ist wieder banal wie der Anfang: Schon beim Drücken des Auslösers war das Gebäude gar nicht mehr ganz da, auch mit einer funktionierenden Kamera hätte ich es nicht mehr wirklich fotografieren können. Es war im Begriff zu verschwinden.
Das ist nicht tragisch. Sowieso nicht, auch weil es andere Fotos von diesem Häuschen gibt.




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