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Alter Mann, fröhlicher Mann
Autor: Christian Ertl · Rubrik:
Kurzgeschichten

Der Geruch von Fäkal- und Uringestank zog durch den Tunnel, hielt sich in der Nase fest und ließ nicht mehr los. Gerald hatte den Eindruck, als er stehen blieb und sich aus dem schwarzen, schweren Mantel ein Taschentuch hervorkramte, um sich vor der aufkommenden Übelkeit zu schützen, den Geruch erst wieder am Abend los werden zu können, wenn er unter der Dusche versuchte, einen weiteren dieser Tage vom Leib zu waschen. Mit dem Tuch vor dem Mund und gesenktem Kopf lief er stur und ohne Rücksicht zu nehmen durch die Menschenmassen, die sich in der U-Bahn drängelten. Durch Schweiß, Lärm, Gelächter, klingelnden Handys, unverständlichen Bahndurchsagen, durch eine Meute endlos stupider gleichgeschalteter Horden einfältiger Arbeitnehmer stieß sich Gerald wie ein Perlentaucher in die Höhen über die Treppen aus dem Schacht, rannte weg von ihnen, wechselte die Straßenseiten, riss sich das Taschentuch vom Mund und holte Luft, so tief Luft, das es einem Wal gerecht worden wäre. Er hielt inne, ordnete seine Gedanken, versuchte sich zu beruhigen. Jeden Morgen durchlief er diesen Parkcour aus Irrsinn gleich einer Taube, die erst nach Hunderten von Versuchen erschöpft feststellte, das der Weg zu ihrem Schlag verschlossen sei. Aber diese Taube würde es weiter und weiter versuchen und eingehen wie Gerald. Nur bei ihm würde es länger dauern und der bedeutendste Unterschied zur Taube war, das er wusste, das er eines Tages daran zugrunde gehen würde. Ihn hat dieses Leben umwoben, eingesponnen, verraten und zerkaut. Nur ausgespuckt noch nicht. Er war zäh und er wusste, was ihn daran hinderte, durchzudrehen und sich dem Wahnsinn zu ergeben. Es waren diese schönen Gefühle von Wut, Verdruss, Gleichgültigkeit, Kaltschnäuzigkeit und Brutalität gegenüber allem, was schwach und zerbrechlich war. Diese Gefühle hielten ihn am Leben und ließen ihm auf seine Art den Odem des Teufels am Leib spüren. Er kicherte, aber nur innerlich. Ja, ihr Menschlein, ihr erbärmlichen Kreaturen. Ich, Gerald Mensony, werde euch das Leben zur Hölle machen, wo ich nur kann.
Das beschränkte sich in seinem Fall allerdings auf die Tatsache, das er als Sachbearbeiter in einem Großunternehmen Kundenkontakte zu pflegen hatte und es ihm eine schiere Freude bereitete, diese Kreaturen mit Zynismus, Hohn und Spott abzufertigen. Das Büro lag im vierten Stock eines grauen Betonbunker mit grauem Vorplatz aus Kopfsteinpflaster, grauen Betonsitzbänken, grauem Wasser in einem grauen Teich mit grauen Blättern aus dem einen grauen Baum, verschmutzt von Menschenhand, tief trauernde Äste über das Wasser gebreitet. Die Fenster versuchten mit Mühe und Not, das Sonnenlicht in die Zimmer zu schaufeln, aber versagten durch den Qualm und Mief rauchender Maschinenmenschen. Gerald kümmerte sich schon seit langer, vergessener Zeit nicht mehr um seine Kollegen. Er schlich sich durch einen Seiteneingang, steckte in monotoner, jahrelang eingeübter Bewegung die Lochkarte in die Stechuhr, schenkte keinem Menschen einen Blick oder einem Gruß, warf seine Tasche, erleichtert nach dem Kampf von Zuhause in dieses Gefängnis, in die Ecke und quetschte seinen schweren Körper in den Bürostuhl, der sich singend in die das Ächzen Geralds mit einstimmte.
Geräusche von brabbelnden, unsinnig lachenden Sekretärinnen, die sich in den Schritt fassend daran aufgeilten, wie Gerald ihnen vermeintlich einen verstohlenen Blick zuwarf, hörte er aus den umliegenden Zimmern. Irgendwo lief ein Kopierer eine Marathonstrecke und im Büro über ihm dudelte ein Radio mit scheißfröhlichen Menschen drin. Er hielt sich am Kopf, stützte sich mit den Ellbogen auf den Schreibtisch, der Inhalt seines Lebens am Tag war und versuchte, diese Laute um ihn und in ihm zu verbannen. Es dauerte zwei Minuten, bis er sich soweit gefasst hatte, um trüben Blickes den Tag beginnen zu können, der sein letzter sein sollte.
Gegen neun Uhr kam ohne anzuklopfen der „Mann von oben“ in sein Büro und forderte ihn auf, sich um zehn beim Abteilungsleiter sehen zu lassen. Gerald machte sich keine Hoffnungen, es könnte sich um eine Gehaltserhöhung oder Beförderung handeln. Nein, nicht mehr in seinem Alter. Er war 39 und in der Blüte seines Lebens, wenngleich diese Blüte einem Trauermarsch in Schwarz gleichkam. Diese jungen, aufstrebenden Möchtegern-„Ich weiß alles - leg eine x-beliebige flach - und trinke dann mit meinen Kumpels auf den Stich“ -Besserwisser, die er jeden Tag im Nacken spürte, die wurden befördert und gelobt, feierten mit ihren Chefs am Wochenende in deren Häusern „Ich kriech dir in den Arsch“ -Partys (und wenn es meiner Karriere förderlich ist, dann blas ich dir auch noch einen) und wichsten beim Gedanken, Gerald in den Arsch treten zu dürfen. Oh ja, das war die Realität, grimmte sich Gerald in das Büro des Abteilungsleiters.
Martin Schenk von der Abteilung „Kundenmanagement“ sah einen schwarzen, großen Schatten in das Zimmer kommen, der grau und formlos schnaufend in den Sessel ihm gegenüber tropfte. Der Sachbearbeiter Mensony war ihm ein besonderes Dorn im Auge, da sich durch sein Verhalten die Beschwerdestelle des öfteren darum bemühte, um noch einen Mitarbeiter aufgestockt zu werden.
Er warf einen abschätzenden Blick auf die Gestalt, durchblätterte den Personalordner Mensonys, richtete seinen Körper vorteilhaft mit geraden Schultern auf, so wie es die Managementschule gelehrt hatte und atmete tief durch.
„Mr. Mensony, sie wissen, warum ich sie her bestellt habe?“
„Nein.“
Unglaublich, dachte sich Schenk, das ist der Gipfel. Ja nicht die Fassung verlieren. „Nein“ entkam es ihm allerdings doch. „Ok, dann werde ich es ihnen sagen. Wir haben schon des Öfteren darüber diskutiert, wie Sie sich gegenüber unseren Kunden zu verhalten haben.“
„Ja.“
Keine Bewegung im Gesicht, kein erstaunter Blick, völlig ruhig. Schenk sah in Mensony all das, was Gleichgültigkeit zu bedeuten hatte.
„Ja“, er stand auf und ging ans Fenster. Das beruhigte ihn, denn er war kurz davor, Mensony persönlich aus dem vierten Stock zu werfen. „Und sie können sich immer noch nicht denken, warum sie wieder mal hier bei mir sind?“
„Nein.“
Ok, egal, das reicht. Schenk fuhr herum, ging hinter seinem Schreibtisch und stützte sich drohend mit den Händen darauf, beugte sich weit vor. „Nein,“ er erhob die Stimme in dem Maße, wie als Reaktion darauf die Stimmen in den Räumen um ihn herum verstummten. „Nein! Jetzt hören Sie mal, Mensony, ich werde Ihnen das so einfach wie möglich mitteilen. Wir hier sind ein Unternehmen, Ach was, das wissen sie ja.“ Er holte tief Luft. „Weil ich es Ihnen schon tausendmal gesagt habe. Wir haben uns um jeden Kunden so zu kümmern, als wäre es der Letzte auf der Welt.“ Er riss den Ordner mit den Beschwerden hoch. „Aber sie sind nicht fähig, einen Kunden vernünftig zu bedienen. Es ist mittlerweile,“ er fuhr mit den Fingern durch die Blätter, „Ach, ich weiß nicht, ungefähr die fünfzigste Beschwerde gegen sie. Und überall das Gleiche.“ Schenk schlug die Blätter nacheinander auf den Schreibtisch, während er vorlas, seine Stimme überschlug sich fast, rotes Licht hätte seinen Kopf für die Umgebung unsichtbar gemacht. „Herablassend. Ungenau. Unfreundlich. Unfreundlich. Unfreundlich. Herablassend. Fühlte mich verarscht.“ Er warf den Rest hin. „Sagen Sie mal, wissen Sie eigentlich, das ich Sie schon vor langer Zeit hätte hinauswerfen sollen. Was ist los mit Ihnen? Seit Jahren schon,“ er nahm einen Blick in den Ordner mit Mensonys Personalien, „seit fast 12 Jahren sind sie hier beschäftigt. Aber noch niemand hat in der Zeit, egal ob hier oder sonst wo, so viele Beschwerden bekommen, ohne gefeuert worden zu sein. Und ums kurz zu machen.“ Schenk musste Luft holen, Gerald zeigte keine Regung. „Ich gebe ihnen hiermit die aller-, allerletzte Chance. Noch eine Beschwerde und sie fliegen raus. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.“ Er setzte ein Grinsen auf. „Oh ja, ich persönlich sorge dafür, das sie rausfliegen.“
„War das alles?“
Schenk konnte es kaum fassen, wie gleichgültig man mit seinem Schicksal hadern konnte. Er ließ sich in seinen Stuhl fallen, war erschöpft, gab nach.
„Ja, vorerst. Ich werde sie nicht mehr aus den Augen lassen. Es wäre echt besser, wenn sie kündigen würden.“
„Kann ich jetzt an meine Arbeit zurück?“
Ohne ein weiteres Wort verließ Gerald das Büro, er wanderte wie vom Tod gezeichnet über die Flure und tauchte in das Zimmer mit seinem Geruch, der sich über Jahre dort festgesetzt hatte, wieder ein. Er schloss die Tür ab, setzte sich auf seinen Stuhl, zog das Telefonkabel aus der Wandhalterung und starrte aus dem Fenster.
Um den Teich hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Ausländer. Japaner mit lächelndem Gesicht hinter kleinen, feuerzeuggroßen Digicams brabbelten stumm und hantierten und bugsierten, bis auch jeder einzelne mindestens dreimal auf jedem Chip gebannt war. Freude, dachte sich Gerald, was wäre wohl, wenn ich mich über irgendetwas freuen würde. Ist es nicht so, dass diese Welt die Freude mit Vorliebe aus den Menschen saugt und solchen schenkt, die eh schon zuviel davon haben. Wenn ich so grinsen würde, wie die da unten, müsste ich mich permanent übergeben. Die Gruppe beachtete ihn nicht.
Über den Platz schob eine junge Mutter einen Kinderwagen mit der einen Hand vor sich her, während sie versuchte, mit der anderen ein etwa fünfjähriges Mädchen bei Schritt zu halten. Sie hielt kurz an, kniete sich zu dem Kind hinab und sagte in stummen Worten Dinge, die Gerald nie mehr berühren würden. Leben, dachte er sich, was wäre, wenn ich Leben geben würde. Ist es nicht besser, wenn sich diese Welt, langsam, aber sicher auf die Apokalypse zusteuernd, ohne ihn oder seine Brut weiterdrehen würde. Wenn ich Leben schenken würde, hätte diese Welt einen weiteren unheilbaren Schaden erlitten. Eigentlich, es huschte ein Hauch
von Zucken über seine Mundwinkel, könnte ich mir schon Gedanken darüber machen. Dann würden sie sehen, was sie davon hätten. Aber die Realität hatte ihm schon vor Jahren den Gedanken an eine Partnerschaft geraubt. Für ihn nicht mehr, da war er sich sicher. Die Mutter und ihre Kinder beachteten ihn nicht.
Es tollten auch ein paar Jugendliche mit Skateboards über die Seitenbegrenzung des Platzes. Gerald ertappte sich dabei, wie er dem vermeintlich beliebten Jungen, eingekeilt von drei Teenies, wünschte, er würde auf das Kopfsteinpflaster fahren und sich die Beine brechen. Aber der Fluch reichte nur aus, um zu bewirken, das sie anhielten und lachten, lachten, lachten. Gerald war sich nicht sicher, ob sie über ihn lachten. Verändern, dachte sich Gerald. Was wäre, wenn ich mich verändern würde. Die alten, schwarzen Sachen ablegen und junge, frische überstreifen. Würde eine Veränderung auch seine Person ändern? Er war erstaunt, überhaupt darüber nachzudenken. Kurz war er tatsächlich jemand anders. Frau, Familie, Freunde, zufriedenstellende Arbeit (vielleicht als Schriftsteller?), ein Betthäschen, ein paar Statussymbole und einmal im Jahr Urlaub auf Mallorca. Ihm drehte sich erneut der Magen um bei dem Gedanken an so ein Leben. Wie sagen die Franzosen? Ich verfluche dich mit dem, was du dir am meisten wünschst? Das war es. Er war sich sicher, das sich so ein Leben erst recht als direktes Ticket in die Hölle erweisen würde. Nein, welcome to reality, so wollte er nicht enden. Dann lieber diese Welt so hinnehmen, wie sie ist. Die Jugendlichen beachteten ihn nicht.
Weiter hinten, ungefähr 200 Meter Luftlinie, sah er einen alten Mann auf einer Parkbank sitzen. Er saß einfach nur da, beachtete den Verkehr, den die Hauptstraße direkt vor ihm veranstaltete, nicht, beachtete nicht die Tauben, die gurrend und plusternd vor seinen Füßen nach dem suchten, was solche Leute gefälligst ihnen zuzuwerfen hatten, beachtete nicht die hübsche Frau in dem gelben Sommerkleid, das an ihm in lieblichem Duft vorbeizog, beachtete lächelnd nichts. Alter, dachte sich Gerald, was wäre, wenn ich alt werden würde. Er hatte schon so oft mit dem Gedanken gespielt, seinen schweren Körper durch die Scheibe vor ihm zu wuchten. Das würde Aufsehen erregen. Alle, vor allen Dingen Schenk, würden sich fragen, warum? Sie würden dastehen, weinend, mit grämendem Blick, sich die Haare raufend zum Himmel schreiend, würden sie sich fragen, immer und immer wieder würden sie fragen, warum? Warum haben wir ihm nicht mehr Beachtung geschenkt, warum haben wir ihn aus unserer Gesellschaft ausgestoßen, warum hatten wir ihn nicht lieb? Er hämmerte mit der Faust auf den Tisch. Alter Mann, schickte er seine Gedanken direkt in die Fresse des Greises, alter Mann, warum grinst du so? Freust du dich über mein Leid. Erfreut es dich, das ich niemals so werde wie du? So zufrieden und eins mit sich selbst, ha? Gerald erstarrte. Der alte Mann beachtete IHN!
Er erwachte aus seinen Gedanken, schüttelte den Frust erst mal beiseite, versuchte seinen Blick zu schärfen, rieb sich die Augen und da sah er tatsächlich, wie der Alte genau auf ihn schaute. Lächelnd, zufrieden, liebend, gütig. Alles sah er in dem Blick, aber das war nicht wichtig. Warum schaute er zu ihm? Schaute er wirklich zu ihm? Es waren ja mindestens 200 Meter? Das kann nicht sein. Bestimmt hat der Alte etwas anderes, etwas reizvolleres, hier irgendwo, zu betrachten, als gerade Gerald. Er stand auf und öffnete das Fenster, steckte den Kopf hinaus und versuchte, zu erkennen, was den alten Mann so faszinierte. Aber ob über oder unter oder seitlich von ihm, nichts war zu erkennen. Kein weiteres Fenster war geöffnet und so nebenbei fiel ihm auf, das die Scheiben ja spiegeln mussten. Also, wirklich, jetzt war es ihm direkt peinlich, gedacht zu haben, das der alte Mann ihn beobachten würde. Er sah noch mal hinüber und wäre nicht verwundert gewesen, wenn der alte Mann inzwischen schon verschwunden gewesen wäre. Aber er saß immer noch da. Und er starrte immer noch auf ihn. Jetzt war sich Gerald beinahe sicher, das der alte Mann ihn beobachtete. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er musste Gewissheit haben, streckte zögerlich seine rechte Hand in die Höhe und deutete ein Winken an.
„Alles klar, jetzt bist du wirklich kurz vor dem Durchdrehen. Winkst einem Greis zu, obwohl du weißt, das er dich womöglich gar nicht sehen kann“, sagte er zu sich selbst. Der alte Mann reagierte nicht. „Natürlich tut er das nicht.“ Es war ein seltener Moment, aber Gerald musste tatsächlich schmunzeln. Lächeln über seine eigene Dummheit. Er senkte den Arm, ging vom Fenster zurück. Er betrachtete sein Büro, seine Tasche, das Telefon, sein Leben. „Alles klar, du musst dich beherrschen,“ fuhr er das Selbstgespräch fort, „entweder du arbeitest jetzt oder du springst.“ Gerald seufzte, steckte das Telefonkabel wieder in die Buchse, wollte das Fenster schließen. Da durchfuhr es ihn wie ein Blitz. Der alte Mann hatte ebenfalls die Hand gehoben.
Gerald Mensony fühlte die Hitze hochkommen. Sie deutete von Angst, Paranoia, Panik und Wut. Was soll das? Völlig verwirrt legte er sein Jackett ab, ließ den alten Mann nicht mehr aus den Augen. Er knöpfte sich die Ärmel seines Hemds auf und rollte sie hoch, strich sich durch das fettige, dünne Haar, atmete schnell ein und aus. Zu schnell. Er versuchte sich zu ordnen, aber der Moment war zu verwirrend. Was sollte er jetzt tun? Was wollte der Alte von ihm? Er wurde sich seiner Angst bewusst, verschluckte das Gefühl, ließ die Wut durch. Wut war ein gutes Mittel für ihn, Dinge zu regeln. Wut und Gelassenheit, na ja, gelassen auf seine Art. Er schlug sich ins Gesicht, zweimal, dreimal.
„Alles klar!“ Er deutete mit ausgestrecktem Finger auf den Greis und schrie „alles klar, du Wichser. Ich komme jetzt runter zu dir. Ich werde dir dein Grinsen aus deiner verknorpelten Fresse schlagen. Du nicht,“ er bekräftige die Worte mit einem Stossen des Fingers in Richtung des Alten, „du nicht, du Scheißkerl. Na warte.“
Gerald riss die Tür auf, polterte wie eine unhaltbare Lawine durch die Gänge des Gebäudes, schubste unachtsame Menschen aus dem Weg, doch die meisten wichen von selbst vor dem Koloss zurück. Er wuchtete sich durch die Menge im Foyer, wobei er die Flüche und Verwünschungen, die er auf seiner Fahrt erntete, ignorierte. Ihr werdet schon sehen, dachte er sich, ich werde am Ende der Held sein. Ich werde der König des Tages sein, weil ich euren Arsch vor diesem alten Wichser gerettet habe. Oh ja, hallte es laut wie von einem Megaphon durch seinen Kopf, oh ja, ihr werdet mir noch dankbar sein.
Die große Eingangspforte riss fast aus den Angeln, als Mensony sie aufstieß. Begleitet von einem Schwall aus wütenden Worten tauchte er aus dem Dunkel auf und verschreckte die Gruppe Japaner. Die sprangen zur Seite und ließen dem Behemot eine Lücke. Die Jugendlichen stießen sich gegenseitig in die Rippen und deuteten auf das Schlachtschiff in weißem Hemd und schwarzen, fleckigen Hosen. Die Mutter zog ihr Kind zur Seite, und es fing bei Geralds Anblick an, zu schlucken und zu schluchzen. „Psst,“ machte die Mutter, „das ist kein böser Mann, Judy.“ Gerald nahm in seiner Sammlung böser Blicke einen weiteren auf, aber das störte ihn nicht. Was ihn störte, war dieser Mensch vor ihm auf der Parkbank. Der hatte mittlerweile den Arm wieder gesenkt, starrte aber unvermindert lächelnd auf Gerald Mensonys Marsch.
Als Gerald sich in Hörweite wähnte, er hoffte es zumindest, da er noch die Hauptstraße zwischen sich und dem anderen hatte, fing er an, zu schreien. „Hey.“ Der Alte zeigte keine Regung. „Hey, du, ja genau, du.“ Das hätte er sich sparen können, da er eh schon die Aufmerksamkeit des Greisen hatte. „Was ist dein Problem. Sieh zu, das du Land gewinnst, oder du wirst nirgends wo mehr hingehen.“ Gerald stampfte mit großen Schritten näher, aber je deutlicher er das Gesicht des alten Mannes sehen konnte, desto schwerer und wärmer wurden ihm die Beine. Was war los? Was stimmte hier nicht? Das war nicht nur irgendein alter Mann, oder? Wirre Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Hier war einiges nicht in Ordnung, doch bevor er sich wieder sammeln konnte, dröhnte ein LKW langsam vorbei und raubte ihm für ein paar Sekunden die Sicht. Gleich darauf folgten zwei Linienbusse, aber zwischen den Lücken konnte er genügsam feststellen, das der alte Mann keine Anstalten machte, zu fliehen.
Alles klar, du hast es so gewollt. Gerald blieb direkt vor der Straße stehen und wartete den zweiten Bus ab. Als der vorüber war, warf er einen Blick nach rechts. Gut, kein Verkehr. Er ging auf die Straße und fixierte den lächelnden Greis. Gerald war noch keine drei Schritte in die Straße gegangen, da hielt er schockiert an. Er wäre beinahe gestolpert, als er realisierte, wer da auf der Parkbank saß.
„Nein,“ flüsterte er, „das kann nicht sein.“ Der Greis zog die Augenbrauen hoch und öffnete den Mund, um ihm ein strahlendes, zufriedenes Lächeln zu schicken. Geralds Füße waren wie festgefroren, die Welt um ihn herum wurde dunkler. Der Fokus lag auf das Gesicht des Greisen. „Nein“ rief er. Er versuchte, die Arme hochzureißen, um den Blick zu verbergen, aber sie hingen ihm wie Blei vom Leib. „Das ist nicht wahr.“ Er schrie und blickte in sein eigenes Antlitz. Auf der Bank saß er selbst, in hohem Alter. „Das ist nicht wahr. Was willst du von mir?“
Der alte Mann lächelte nur und sagte nichts zu Gerald, der verzweifelt in seinem Kopf nach einer logischen Erklärung fahndete, aber nichts vorfand. „Was willst du? Sag es?“ Seine Stimmbänder würden angesichts der Belastung bald kapitulieren. Die Worte kamen in verschiedenen disharmonischen Tonhöhen aus seinem Mund. Der alte Mann sagte nichts. Lächeln, dachte sich Gerald, er lächelt.
Er hob noch mal seine Stimme an. „Willst du, das ich lächle? Willst du das? Soll ich lachen, ha? Sag es mir. Ich sage dir,
es gibt nichts zu lachen, es wird niemals in meinem Leben etwas geben, das mich noch glücklich machen könnte. Was soll das? Du..Ich..Du sitzt hier und lachst? Kannst du mir verraten, was denn so komisch an diesem Scheißleben sein soll? Ein Lachen, meinst du? Ich soll endlich Lachen? Niemals. Nie und nimmer wird über diese Lippen ein Lachen kommen, hörst du?“ Jetzt setzte die Stimme fast endgültig aus. Ein letztes Aufbäumen legte ein Kreischen über die Straße. „Hörst du, alter Mann? Niemals!“
Das waren die letzten Worte Gerald Mensonys, bevor er von einem 40-Tonner mit fast 60 Sachen überrollt und bis zur Unkenntlichkeit von dessen rechten Vorderreifen inklusive Aufhängung verstümmelt wurde. Die Leiche hing unter dem Laster und malte eine meterlange blutdurchtränkte Spur auf die Fahrbahn. Als die Polizei später den Fahrer vernahm, sagte der, wohl noch unter Schock stehend, aus, das er einen alten Mann gesehen hätte, der zu der Leiche ging, ihr die Augen schloss, sie küsste und dann zum Himmel schwebte. Mit einem gütigen, glücklichem Lächeln entschwebte der alte Mann, wurde durchsichtig und verschwand. Der Fahrer berichtete, als er das Lachen auf den Lippen des Mannes sah, das er eine Stimme in seinem Kopf hörte. Es war die Stimme des alten Mannes, der sagte „es hätte ein schönes Leben sein können“. Und er hatte ein warmes Gefühl im Herzen. Dieses Gefühl war bestimmt Liebe. Ach, er wünschte sich, noch einmal den alten Mann sehen zu können.


Einstell-Datum: 2005-03-07

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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