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Auf der Hut
Autor: Alexander Boehm · Rubrik:
Erzählungen

„Come on, Baby, light my fire,
try to set the night on fire.
Girl, we couldn´t get much higher,
Try to set the night on fire.”
The Doors

Manchmal kann ich nachts nicht schlafen.
Ich liege stundenlang wach in meinem riesigen Bett und höre meinen Gedanken zu.
Dann denke ich alles Mögliche.
An Parkbänke zum Beispiel. Ich denke sehr oft an Bänke.
Es ist ein Gefühl, als würde man einen Raum betreten, in dem gerade etwas geschweißt worden war.
Ich bekomme dann immer diesen beißenden, metallischen Geschmack auf der Zunge und mein Atem beginnt zu pfeifen, so als hätte ich wieder angefangen zu rauchen, aber das habe ich nicht. Meine letzte Zigarette habe ich an dem Tag geraucht, an dem es passiert ist. Das ist jetzt ziemlich genau vier Jahre her.
Ich kann nicht genau sagen warum, aber in diesen Momenten, in denen ich daliege und nachdenke, bringe ich das Bild einer Parkbank unweigerlich in Verbindung mit einer Schar von Männern in weißen Mänteln.
...Hansom Church Hospital...
Nein, es sind Kinder, frisch von der Uni. Greenhorns im Krisengebiet, mit erschöpften, entsetzten Gesichtern. „Die brennende Giraffe“ hängt verborgen in der Dunkelheit gegenüber an der Wand, aber ich kann das Bild trotzdem sehen. Wenn das Leichentuch im Wind flattert und ich für einen kurzen Moment erblicken kann, was es bedeckt, erkenne ich das Tier mit dem langen Hals im düsteren Schattenspiel der Nacht, wie es mit flammender Mähne in der Tundra einer verlassenen Einöde steht. Der Hintergrund ist düster. Blau, schwarz, violett. Die Flammen lodern und fressen sich beharrlich den Rücken des Tieres hoch, vertilgen es im letzten Licht des Vollmondes, doch es blickt einfach in die Ferne, aus dem Bild heraus und in das Gesicht des Betrachters.
Hier sieht es nur mich. Mich und das Feuer meines Schmerzes.
Irgendwann wird es dann hell und ich hoffe, dass der neue Tag besser wird, Tag für Tag. Seit sie weg ist, ist alles anders. Farbloser.
Wie die Kopie einer Kopie vergehen nichtssagende, bald vergessene Momente, die denen die folgen, gleichen wie eineiige Zwillinge. Die Zeit scheint bedeutungslos geworden zu sein, aber ich komme immer pünktlich zur Arbeit und erledige meine Pflichten im Haus. Ich will mir ja nichts nachsagen lassen.
Vor ein paar Nächten kam dieser Film im Kino in der Spätvorstellung, FIGHT PUB, oder so. Brad Pitt und Edward Norton waren ziemlich cool gewesen.
In dem Film war von menschlichen Abgründen die Rede gewesen und davon, dass man seine innere Höhle finden muss, um die Schrauben in der Birne wieder fest zu drehen.
Na ja. Wenn das wahr ist, dann suche ich noch ein Weilchen in den Katakomben in mir, aber wer sollte das nicht hin und wieder tun?
In der Pflegestation, in der ich arbeite läuft es ganz gut. Ich mache nicht mehr, als ich muss, eher weniger. Es ist mir mittlerweile egal, ob Mrs. Busters Hintern sauber und trocken ist, ob genug Babypuder in der Plastikhose ist, um Pilzen vorzubeugen und ob sie sich wohl fühlt, wenn ich sie wasche und sie können mir glauben, dass das kein Vergnügen ist, no Sir, denn die Dame hat die Jahrhunderte nach ihren besten Jahren schon lange hinter sich.
Wie Mr. Bush, mit dem ich nach der Visite immer erst diskutieren muss, bevor er mich das Bett frisch beziehen lässt.
Ein Dinosaurier von Opa, über achtzig und geprägt von der disziplinierenden Erziehung eines römisch katholischen Jungeninternats.
Der alte Sack ist des Pflegeheimes, in dem er vor sich hinvegetiert, überdrüssig und reagiert daher auf alles, was man tun will, ablehnend.
Natürlich nur, wenn er seine guten Momente hat.
Ansonsten sitzt er in seinem Rollstuhl, sabbert sich voll und furzt. Den kann ich leiden wie eine Blasenentzündung in fortgeschrittenem Stadium.
Aber ich komm schon klar. Muss nur bei Kräften bleiben.
Immer auf der Hut sein.
„Es kann immer alles passieren.“
Dieser Gedanke pulsiert klar und heiß in meinem Kopf, wie die Endlosschleife einer Sonnenfinsternis. Greifbar deutlich und allgegenwärtig.
Melissa.
Es ist heiß hier in meinem Zimmer.
Die Fenster sind weit geöffnet und mit Fliegengittern gesichert.
Augusthitze. Keine Brise bringt Erleichterung.
Das Thermometer, das in der Küche neben dem Fenster im Schatten hängt, hatte zweiunddreißig Grad angezeigt, das heißt, dass in der Waschküche mittlerweile Temperaturen um die neununddreißig Grad herrschen mussten.
Ich glaube, der Hausmeister hat da seine Finger im Spiel.
Bestimmt hat er an der Heizung für das Kellergeschoss gedreht, vielleicht verbunden mit einer Lichtschranke an der Tür zur Waschküche?
Er hat sich doch vor einem halben Jahr diesen Coke & Pepsi – Automaten gekauft und im Vorraum der Waschküche aufgestellt, da wo die Tische stehen, an denen man die Wäsche zusammenlegen und sortieren kann.
Hat wohl gedacht, das wäre eine saumäßig gute Idee und er hätte seine Investition RUCKZUCK wieder drin. Irrtum. Keiner wollte was haben. Ist sowieso komisch.
Coke und Pepsi in ein und demselben Automaten. Irgendwie pervers.
Na ja, auf jeden Fall will Russel, der Hausmeister, Umsatz machen, weil er dauerpleite ist. Außerdem war das Scheiß-Ding teuer genug gewesen und der fette Kerl vom Getränke-Lieferservice machte sich schon über ihn lustig, weil der Automat noch nie neu bestückt werden musste.
Und so hatte wohl eins zum anderen geführt: Pleite-Automat-Heizung.
Russel dachte wohl sein Plan wäre sozusagen „bombensicher“.
Aber ohne mich. Ich bin immer auf der Hut.
Allzeit bereit, ha, ha.
Ich hab mir einen Mordstrümmer von Ventilator gekauft und auf der hinteren Waschmaschine platziert. Wenn man dazu noch die Tür öffnet, kann man das Klima zwar nicht angenehm, aber dafür erträglicher machen.
Das geht jedoch nur wenn ich alleine wasche, denn die anderen Mieter haben die Befürchtung sich durch den Ventilator einen Zug zu holen. Schwachsinn. Platzt einem vielleicht gleich die Hose, wenn einem einer abgeht? Nein. Aber diese Mittelschicht-Yuppies sind alle gleich. Haben einfach keinen Mumm in den Knochen. Wie dieser Kerl aus der 15, der mit den Katzen.
Verteilt überall im Haus die Haare seiner geliebten Katzenviecher, die allesamt Allergien und Würmer mit sich bringen und dazu auch noch stinken wie die Pest und besitzt auch noch die Unverschämtheit sich bei der Mieterversammlung über mich zu beschweren.
„Der Ventilator hat weder Garantie, noch irgendein Zeichen von wegen geprüfter Sicherheit. Dieses Ding ist ein Sicherheitsrisiko für die Bewohner dieses Hauses und deshalb fordere ich sie auf, es zu entfernen, ansonsten tue ich es selbst.“
Doch er tat es nie. Genauso wenig wie Russel.
Sie würden es nicht wagen.
Ich glaube sie haben irgendwie Mitleid wegen meiner Tragödie, ha.
Vielleicht fürchten sie mich ein bisschen.
Wer weiß. Sie wissen bestimmt, dass ich von der Sache mit dem Koffer weiß.
Wenn ich ihnen offenbaren würde, dass ich weiß, dass sie wissen, dass ich es weiß, würden sie natürlich nie zugeben, dass sie es gewusst haben, aber das macht nichts. Ich weiß es.
Einer von den Beiden hat ihn gestohlen. Okay, ich war dumm genug gewesen, ihn im Flur stehen zu lassen, als ich die Einkaufstüten reingetragen habe. Das war ein Fehler gewesen.
Jetzt hatte Russel wahrscheinlich den Produktkatalog seiner Getränkehändler oder seine Sally McWeiher Pornohefte wasserdicht, schlaggeschützt und mit einer sechsstelligen Zahlenkombination sicher verwahrt in einem Lederimitat von Samsonite. Aber über diesen Fall würde ich mir später noch Gedanken machen.
Die Gedanken sind frei, niemand kann sie erraten.
Seit dem Tag, an dem es passiert ist, hatte ich eine Unmenge von Gedanken.
Manche von ihnen schleichen sich in meinen Kopf, wie Einbrecher und dann fühlt er sich so an wie vollbesetzter Bus, der sich durch eisigen Schneematsch kämpft. Manche von diesen Gedanken scheinen nicht meine eigenen zu sein, denn sie haben Erinnerungen im Schlepptau, die für mich keinen Sinn ergeben und die wie blinde Unterwassermonster im Netz zappeln, gierig und mit unzähligen Tentakeln um sich schlagend.
Sie tun mir in der Seele weh, aber ich muss stark sein, für... wofür eigentlich?
Das alles ergibt keinen Sinn für mich.
...aber, das ist nicht richtig, nicht wahr? Es ergibt alles einen Sinn.
Die Antworten, auf die Fragen, die Du Dir stellst, zerpeitschen Deinen Verstand.
Manchmal ist es fast so, als würde ich durch die Augen eines Anderen in die Vergangenheit sehen. Oder in die Zukunft oder in andere Dimensionen oder was es da noch so gibt. Sieht eigentlich immer ziemlich verqualmt aus da und viele bunte Lichter blinken. Kein Laut ist zu hören.
Ich sehe ein Stopschild, mit dem irgend etwas nicht zu stimmen scheint. Der Anblick des Schildes erinnert mich auf irgendeine Art und Weise an einen kahlen Igel, nackt und rot.
Außerdem ist da ein verbrannter, siechender Geruch, der über allem schwebt, alles durchdringt und daraus hervorquillt, den ich aber irgendwie als angenehm und befreiend empfinde.
Wie gesagt, eine Unmenge von Gedanken.
Genug um den Verstand zu verlieren. Aber keine Angst, ich halte durch. Alles was ich brauche jetzt, ist meine Integrität und das ist auch alles, was ich noch habe.
Der Rest ist mit meiner Frau Melissa verschwunden.
Auf der Landkarte meines Lebens ist sie jetzt der weiße Fleck, der die Karte vollends bedeckt. Der winzige Punkt im Zentrum, der geblieben ist und der ich bin, ist kaum zu sehen und meine Schreie verhallen in dem aufbrandenden Knistern, das durch die Luft schwirrt wie ein Bienenschwarm.
Jeder Orientierungsversuch scheitert wegen der fehlenden Gestirne.
Sie hat alles mit sich in den Abgrund gerissen, in den sie gestürzt ist und ich hatte nicht die geringste Chance, etwas dagegen zu tun. Ich war hilflos und
wenn ich daran denke, spüre ich rein gar nichts.
Vielleicht wollte ich es nicht verhindern, aber es ist mir eigentlich auch egal.
Ich wünschte, ich würde anders empfinden, aber es ist nun mal, wie es ist.
Ich habe es mir nicht ausgesucht und Melissa ebenso wenig.
...aber, hatte sie es nicht verdient?
Niemand verdiente so etwas. Nicht einmal, wenn das, was Mollie Gardner zu Mrs. Fitcher gesagt hat, wahr sein sollte.
Es gab mit Sicherheit eine vernünftige Erklärung, dafür, dass dieser Mann bei Melissa auf der Bank gesessen hatte. Dieser Mann mit den Gucci-Schuhen, dessen Füße auf seinem abgerissenen Arm gelegen hatten, als hätte er es sich für immer bequem gemacht, sie hochgelegt und die Augen geschlossen.
Ich wollte sie später bei Tiffanys treffen, war es so?
Viertel nach zwei im Cafe vor dem Madison Square Garden.
Ich glaube, wir waren um zwei Uhr verabredet.
Um diese Zeit war sie bereits dreieinhalb Stunden tot.
Man rief mich an.
Ich fuhr mit einem Taxi zum Central Park und noch bevor wir angekommen waren, wusste ich, was es gewesen war. Der Gedanke drängte sich mir in Näherkommen auf (Das Bild eines Batman-Comics. Der Bösewicht hatte dem dunklen Beschützer von Gotham-City eine Falle gestellt. Der Held sprang in den Abgrund. Der Platz, wo er gestanden hatte, wurde von einem alarmierend auflodernden Wort belagert: BOooOM!!!) und wieder hatte ich diesen metallischen Geschmack auf der Zunge.
Krankenwagen fuhren schwankend und hektisch umher. Verzweifelte und überforderte Gesichter blickten im Chaos herum und herab auf die Trümmer der Bombe.
In einem Umkreis von zweihundert Metern konnte man Nägel in Autos, Bäumen und Straßenschildern erkennen. Leblose Körper lagen in Lachen aus geronnenem Blut hier und da herum, wie billige Statisten, die die Rolle ihres Lebens spielten.
Ich stand mittendrin, und war gleichzeitig unendlich weit weg.
Irgendwann bemerkte mich ein Feuerwehrmann, hielt mich am Arm fest und erweckte mich aus meinem Dämmerzustand des Staunens und Entsetzens.
In der rechten Hand hielt der, dick mit Protektoren und Helm geschützte, Hüne eine riesige Spitzaxt in verkohlten, behandschuhten Fingern und im ersten Moment dachte ich, er würde sie schwingen und meinen Schädel spalten. Ich dachte, er hätte mir direkt in die Seele geblickt.
„Geht es ihnen gut? Sind sie verletzt?... Sir?“
„Ich suche meine Frau“, hab ich wohl gestammelt oder irgendwas ähnliches.
Ich wollte diesem Kerl ein Foto von meiner Melissa zeigen, doch er schüttelte nur den Kopf und brüllte inmitten der Sirenen und den Löschgeräuschen etwas wie „...nichts zu erkennen...
...identifizieren...MobileMainOffice!“
Bei den letzten Worten wies er mit der freien Pranke auf den östlichen Teil des Parks, der weitgehend verbrannt war. Dort standen Zelte vom Hansom Church Hospital und ein Wust von weißgekittelten Naseweisen wirbelte hektisch von Bett zu Bett, während dutzende Stimmen auf klapprigen Notfallbetten jammerten, wehklagten und erstarben. Dunkle Rauchschwaden hingen überall in der Luft, wie verirrte Gewitterwolken. Es roch nach Tod, süß und überreif, in der Hitze gegoren.
Blut, das in der Sonne gerann.
Melissa, meine süße Melissa.
Mein Atem ging keuchend und rasselnd, wie bei einem Kettenraucher.
Gerüche vermischten sich zu vollkommen neuen Kreationen. Kunststoff und Haut. Polyester und Fleisch. Geschmolzenes Glas. Benzin. Kot. HALLELUJAH!
Schwester Agatha, vom Orden der heiligen Elisabeth-Kirche, war der Pinguin in meiner inneren Höhle, nur dass sie nicht „Gleite!“ zu mir sagte, sondern:
“Es tut mir sehr leid, Mr. Cole, aber...unvorhersehbar...wahrscheinlich Terroristen...nein, sie war sofort tot...das Feuer.....ihr Gesicht...ich bitte sie, Mr. Cole, sie sollten nicht...sterblichen Überreste...ich bitte sie, Mr. Cole...“
Ich erfuhr, dass Melissa auf der Bank gesessen haben muss, die der Bombe am Nähesten gewesen war. Jemand hatte einen Koffer abgestellt und war gegangen.
Der Pinguin versuchte mich zu beschwatzen, ich solle davon ablassen, es wäre davon abzuraten, doch ich konnte nicht anders. Ich musste ihre Leiche sehen. Damals wollte ich, glaube ich, Gewissheit haben, dass es wirklich meine süße, kleine Melissa war, die unter dem weißen, rotgefleckten Tuch auf der Bahre lag. Vielleicht dachte ich auch, auf diese Weise Abschied nehmen zu müssen. Was weiß ich, keine Ahnung. Ich habe es bitter bereut, darauf bestanden zu haben, sie zu sehen. Wenn ich heute an sie denke, lächelt sie nicht. Sie hat nicht einmal mehr einen Mund.
Es hatte sie buchstäblich zerfetzt und durch die Luft geschleudert und was die Detonation und die Druckwelle, in deren Epizentrum Melissa gesessen hatte, von ihr übrig gelassen hatte, war zehn Meter weiter in den Armen dieses anderen Mannes verbrannt.
Das heißt, in dem einen Arm. Den anderen hatte es ihm ja abgerissen, ha, ha.
Wahrscheinlich hatte sie nicht einmal etwas gespürt und seltsamerweise ist dieser Gedanke nicht tröstlich für mich. Einige wenige der insgesamt vierundsiebzig Opfer des Anschlags, unter denen sich auch viele Kinder befanden, hatte man bis zu eine Stunde lang am Leben erhalten können, bevor sie schließlich ihren Verbrennungen und Verletzungen erlegen waren.
Eine Stunde kann sehr lang sein. Besonders wenn man zerschmettert und gebrochen auf seinem Sterbebett mit dem letzten Fünkchen Leben ringt, aber ich denke dabei jetzt auf einmal auch an die vielen „Überstunden“, die Melissa im Büro hatte verbringen müssen, über „wichtigen Papieren“ oder „eiligen Angelegenheiten“ („Sorry, Darling, aber Du weißt doch...Business as usual!“), dass mir dabei schwindlig werden könnte. Ich denke dann nämlich automatisch an Mollie.
Mollie Gardner, diese giftspuckende Schlampe, hatte behauptet, Melissa würde sich seit über einem Jahr mit einem Kerl namens Geoffrey treffen, wenn ich Nachtschicht hatte oder auf Seminar war. Angeblich ein feiner Kerl, mit Markenschuhen und Anzug und so. Ein Wall-Street-Yuppi aus gutem Haus.
Irgendwann würde sie mich wegen ihm verlassen, hatte Mollie gesagt, als sie Mrs. Fitcher gewaschen hatte und sie hatte keine Ahnung gehabt, dass ich alles mitanhören konnte.
Ich hatte in der Duschkabine gegenüber eine ungenehmigte Raucherpause gemacht und mich dann still verhalten. Auf der Hut.
Sie hatte weiterhin gesagt, ich sei ein Versager und es würde mir recht geschehen, wenn Melissa mit dem feinen Kerl in teure Motels fuhr, um sich vögeln zu lassen.
Ich hab mich beherrschen müssen, ansonsten hätte ich ihr die Zunge herausgerissen.
Der Kerl mit den Gucci-Schuhen und dem abgerissenen Arm hieß Geoffrey Timmons III, und glauben sie mir, ich wollte kotzen, als der Pinguin mir das erzählte.
Scheiße!!!!!!
Als Melissa heute Vormittag die Wohnung verlassen hatte, hatte sie nichts davon gesagt, dass sie in den Park gehen wollte.
Ich hatte sie gefragt, ob sie Lust auf Kino hätte, aber sie hatte geantwortet, sie wolle ein bisschen allein sein, ein Eis essen, spazieren gehen oder so was.
Natürlich. Sie hatte mich nicht dabeihaben wollen.
Es ergibt alles einen Sinn.
Ich glaube, es wäre mir lieber gewesen, ich hätte sie begleiten können und wäre ebenfalls gestorben, als zu erfahren, dass sie sich mit einem anderen Mann getroffen hat.
Aber das war gar nicht möglich, nicht wahr, Ben?
Keine Ahnung. Lass mich in Ruhe. Und überhaupt. Nur Schwuchteln tragen Schuhe von GUCCI. Es ist zum Wahnsinnigwerden.
Bilder tauchen vor meinem inneren Auge auf.
Eine metallene Box. Eine nackte Digitaluhr, die in der Zeit zurückzureisen scheint. Drähte schließen Stromkreise und besiegeln Schicksale.
Sinnlos. Während ich hier sitze und in meinem Schweiß gebraten werde wie ein saftiges Hähnchen, kann ich nicht aufhören an sie zu denken. An ihr Gesicht, wenn sie gelacht hat. An ihr Haar, das in der Sonne leuchtete. An ihre braunen Augen. Das Gesicht der Person auf der Bahre im Central Park hatte keine Ähnlichkeit mehr mit ihr gehabt. Wie fühlt es sich wohl an, wenn man verbrennt? Wenn die Haut Blasen wirft und aufreißt, sich verzehrt bis auf die Knochen? Wie lange kann man klar denken? Hatte Melissa wirklich nichts gespürt? Solche und andere Dinge schießen mir durch den Kopf, während ich im Zimmer auf und ab marschiere und schwitze wie ein Schwein in der Wüste.
Die Hitze nimmt stetig zu, verdammt. Ich kann mich kaum bewegen.
Irgendwer im Haus ruft etwas, aber ich verstehe nichts, weil da dieses Knistern in der Luft liegt, wie das Knistern in der Telefonleitung, wenn ein Sturm aufkommt.
Jetzt klopft jemand an meine Tür. Ich habe die Klingel abgestellt, damit man mich in Ruhe lässt. Die Schläge werden stärker, aber ich brauche mir keine Sorgen zu machen, dass die Tür nachgeben könnte. Ich habe den schweren Eichenschrank davor geschoben. Ich will niemanden sehen. Sie ist tot und sie hat mich betrogen.
Ich habe es überwunden und dazugelernt, aber man kann Gedanken nicht abstreifen wie Kleidungsstücke.
Sie hat es verdient zu sterben.
Sie kleben an einem wie alter Kaugummi.
Sie verdient es noch immer.
Ich habe es nicht gewollt, aber wie gesagt: es kann immer alles passieren.
Sie hatte mich mit dem falschen Bart nicht erkannt. Nicht einmal als mich ich auf die Bank neben sie gesetzt und meine letzte Zigarette geraucht hatte.
Die Giraffe blickt zu mir herüber und scheint den Hals zu recken.
Sie brennt immer noch.

Epilog:
Die Feuerwehr barg die Leiche von Ben Cole, der sich in seiner Wohnung verbarrikadiert hatte und bei dem Feuer, dem das gesamte Gebäude zum Opfer fiel, als einziger ums Leben gekommen war. Er war bei lebendigem Leib verbrannt. Die Ursache des Brandes war ein defekter Ventilator in der Waschküche gewesen. In Coles Wohnung stellte die Polizei auch noch Spuren von Sprengstoff, eine ausgeschlachtete Digitaluhr und jede Menge Nägel sicher,
die Cole in einem kleinen Safe hinter einem, merkwürdigerweise völlig unversehrten, Dali-Kunstdruck versteckt hatte.
Zwei Tage später fand man Mollie Gardners Leiche in ihrer Wohnung auf der Upper East Side. Man hatte ihr prämortem die Zunge herausgeschnitten.



Einstell-Datum: 2004-09-17

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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